Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 462 (10.5.1935)
- Date
- 1935-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit© 2 DIE NEUE WELT Nr. 462 Naci. AMERIKA und KANADA *N —mlf den v ^-v/ populären Expreß-Dampfern ,MajestlC 56.598 Tonnen ,B«rengarla' 52.100 Tonnen .Aqultanla* 45.647 Tonnen Koschere Kttche CUNARD WHITE STAR REPRÄSENTANZ: WIEN, I. BEZIRK, KKRNTNERRING 4 Telephon: U-46-2-48, U-42-0-43 sei der Schluß, daß die russische Geheimpolizei an der Fälschung entscheidend mitgewirkt hat. Es sei absurd, zu behaupten — wie dies Fleischhauer tut —, daß sich Jolys Schrift nicht mit Napoleon III, befasse, sondern auf eine jüdische Weltverschwörung Bezug habe. Achad Haam war ein hervorragender Denker und edler Mann; nie könne er etwas mit den gefälschten Protokollen zu tun gehabt haben. Baumgarten schloß: Dem Judentum ist der Vorwurf gemacht worden, es betrachte sich als das auserwählte Volk. Gewiß habe das jüdische Volk einen stark religiös fundierten nationalen Stolz. Aber gäbe es nicht anderswo ähnliche Erscheinungen, zum Beispiel in Deutschland? Dort stellt man heute den nordischen Menschen allen anderen voran. Vielfach wird behauptet, daß der nichtnordische Mensch auf einer Mittelstufe zwischen Mensch und Tier stehfc. Prof, Baumgarten fragt Fleischhauer: „Sind dae etwa Greuelmärchen?" Fleischhauer sagt 1$jU: „Ja!" (Allgemeine Heiterkeit.) Wie Fleischhauer Antisemit wurde Montag, den 6. Mai, kam wiederum der Gutachter der Beklagten, Ulrich Fleischhauer, zu Wort, um auf die Ausführungen des Universitätsprofessors Doktor Baum garten vom Samstag zu erwidern. Fleischhauer gesteht Baumgarten zu, daß er sein Gutachten nach bestem Wissen und Gewissen gemacht hat, doch verstehe er, Fleischhauer, die Dinge besser. Mit erhobener Stimme ruft Fleischhauer Prof. Baumgarten und dem Auditorium zu: „Herr Prof. Baumgarten, legen Sie die Brille ab! Wir haben eine Weltrevolution!" Die Rassenlehre, fährt Fleischhauer fort, sei kein deutsches Gewächs, was Namen wie Gobineau und Houston Stewart Chamberlain beweisen. Doch lehnen die Deutschen jede Rassenüberheblichkeit ab. Eine Rassenüberheblichkeit besteht nur bei den Juden, sie ist ihnen göttliches Gebot. Die Juden wollen den anderen Menschen die Menschenrechte absprechen. Baumgartens Gesichtskreis sei eng, sein, Fleischhauers, Gesichtskreis aber sei weit, hinter ihm stehe eine Weltorganisation. Ich, sagte Fleischhauer, habe alle Geistesheroen hier sprechen lassen. -rr Hotel Beilevue "HW Pörtsdiadi am Worfhersee Vornehmes Haus unter streng ritueller Leitung. Herrl. Lage, direkt am See. Schöne, sonnige Zimmer mit Fließwasser. Vorzügliche internationale Küche. Volle Pension Vor-und Kachsaison . . Hauptsaison . . . $ 9. S 12. Seebad und Garage frei. Geöffnjt von Mai bis Oktober. Verlangen Sie Prospekte! Unter Heiterkeit des Auditoriums berichtet Fleischhauer, wie er Antisemit geworden ist. Er habe ein sein Schicksal bestimmendes Erlebnis gehabt. Er habe sich an einer Rednerschule der Sozialdemokraten beteiligen wollen, sei aber bald aus der Schule energisch verwiesen worden, weil man ihn für einen Spitzel hielt. Die Lehrer seien Juden gewesen. Als er einen dieser Lehrer in einen kostbaren Pelzmantel gehüllt antraf, da kam ihm die Erleuchtung. So sind die Leute, die die anderen dumm machen, sagte er sich, und so wurde er Antisemit. (!) Der Gerichtspräsident verliest einen Brief des Borner Bevollmächtigten der Ernsten Bibelforscher. Die Bibelforscher protestieren auf das energischeste gegen die Art und Weise, wie Fleischhauer Zitate aus Werken ihrer Gesinnungsgenossen im Gerichtssaale vorgetragen habe. Die Bibelforscher nennen Fleischhauer einen „bewußten Irreführe r". Fleischhauer kam dann zu einer Art „Resum6" und erklärte, er könne das Hauptargument Baumgartens, die „Protokolle." seien gefälscht, weil sie von Joly's Schrift „Dialogues aux Enfers" abgeschrieben seien, gar nicht verstehen. Allordings sei abgeschrieben word*», jjjftr, die kopierte Schrift sei dann von dem jüdischen Freimaurerorden Bnoi Brith zum Beschluß erhoben worden. Der Hauptexperte Loosli Arn Dienstag kam der vom Gericht bestellte Hauptgutachter, der Schriftsteller Loosli, in Bern zu Worte. Er unterzog die vicltägigen Ausführungen des Experten Fleischhauer einer gründlichen Prüfung und kam zu dem Schlüsse, es sei Fleischhauer nicht gelungen, den erbrachten Beweis, daß es sich bei den „Protokollen" um eine antisemitische Fälschung handle, a uch nur Im geringsten zu erschüttern. Die zionistische Bewegung, erklärte Loosli, erstrebe bloß eine rechtlich gesicherte Heimstätte der «luden in Palästina. Die Verhandlungen des ersten Baseler Zionistenkongresses fanden in breiter Öffentlichkeit statt. Die Behauptung, der jüdische Orden Bnei Brith hätte gleichzeitig getagt und die „Protokolle" beschlossen, stellte J^ooäü al* freie *ta§, Wie man Herzl sieht Nach vierzig Jahren zionistischen Wirkens Vierzig Jahre sind seit Begründung des Herzischen politischen Zionismus, dreißig Jahre seit dem Tode Herzls vergangen. Die vergangene Zelt ist mit großen Dingen für die Judenhelt ausgefüllt. Die zionistische Bewegung ist in alle jüdischen Massen gedrungen. Für uns stand es fest, daß unsere Idee von allen zivilisierten Menschen verstanden und als etwas Großes und Erstrebenswertes von allen einsichtigen Menschen anerkannt werde. Scheinbar ist dem nicht so. Das „Neue Wiener T a g b 1 a 11", das angesehene und zweifellos Neutralität als höchstes Zeitungsgebot anerkennende Organ eines Liberalismus, der sich kraft seines unaufdringlichen Formats in unsere Zeit hinübergerettet hat, widmet in seiner Ausgabe vom 5. Mai Theodor Herzl eine Würdigung. Der Autor dieser den Titel „Theodor Herzl und sein Vermächtnis" tragenden Auslassung gehört zu der jüngeren Garde der österreichischen Publizistik und Literatur, könnte also auf Grund der Zeitlage Zeuge des zionistischen Tatgedankens sein. Erwin R i e g e r aber, der Autor, ein in kulturellen Betrachtungen gewiß geschulter Mann, hat sich ein eigenes Bild von „Herzl und seinem Vermächtnis" gemacht, ein Zerrbild, für dessen Konstruktion es kein entschuldbares Motiv gibt. f Rieger folgt zunächst den Daten einer Herzl-Biographie, erzählt den Roman Herzl. Er tut es in einer Art, um sich das Wohlwollen seiner Leser für die Schlußpointe zu sichern. Und auf diese S c,h 1 u ß p o i n t e kommt es an, obwohl jeden politisch geschulten Leser schon der Einleitungssatz stutzig machen sollte, der lautet: „Wie immer man sich zu seinen Gedanken, zu seinen Bestrebungen, zu dem, was aus diesen Bestrebungen hervorgegangen ist, einstellen mag . . ." Pension tt&stm - Smmeükf Denn es kommt eben nur darauf an, wie man sich zu einer weltpolitischen Bewegung einstellt, und von dieser Einstellung hängt alles andere ab. Herr Rieger hat auch eine Einstellung: eine negative oder — deutlicher gesagt — absurde. Herr Rieger ist nämlich mit dem vom Herzl geschaffenen Zionismus unzufrieden. Er macht ihn für vieles Böse verantwortlich. Mit einer Selbstsicherheit, als hätte die Welt auf nichts anderes als auf sein Urteil gewartet, erklärt er, daß die Früchte, der Herzlscheh Tätigkeit eher bitter als süß sind. Denn -, „es hat gerade, die zionistische Ideologie, die zutiefst auf dem Rassegedanken beruht, jenem extremen Nationalismus innerhalb der „Wirtsvölker" zweifellos beträchtlich Vorschub geleistet, ,der nun in Deutschland zu einer neuen jüdischen Katastrophe von noch ungeahnter Tragweite geführt hat". Der Zionismus also hat nach Ansicht des Herrn Rieger dem Hakenkreuz Vorschub geleistet. Aber es kommt noch ärger: „Kein Zweifel, es ist von einer höheren, nämlich der europäischen Warte aus, tief zu beklagen, daß das neunzehnte Jahrhundert, großmütig genug, die Emanzipation zu gewähren, doch wieder nicht groß, vor allem aber nicht geduldig genug war, sie sich voll auswirken zu lassen, und so den Prozeß der Assimilation, die auf gutem Wege war, einerseits durch den Antisemitismus, anderseits durch den Zionismus aufzuhalten und sehr empfindlich zu stören. Aber so leicht man politische Programme zu kritisieren vermag, so unfruchtbar ist es, mit den Leidenschaften der Massen zu rechten." Herr Rieger beklagt die Störung der Assimilation. Er hätte die Juden lieber so geartet gehabt, daß jeder von ihnen reif wäre, in der Redaktion eines liberalen Blattes zu sitzen und von hier aus — der Menschheit gute Dienste zu leisten! Als ob die Menschheit die bisherigen Leistungen der Juden gar so dankbar aufgenommen hätte! Und zum Schluß eine Gegenüberstellung, die einen an der Vernunft des Autors zweifeln lassen könnte: „Und so steht denn heute dem großen Zionlstenführer Theodor Herzl der Typus des tragischen Juden gegenüber, der sich assimilieren möchte, dem man es aber von beiden extremen Lagern aus verwehren will. Dieser Typus ist gewiß im rein menschlichen und daher vornehmsten Sinne der schlechteste nicht, und ein heute sehr zu Unrecht verkannter großer deutscher Jude, Walter Rathenau, legt dafür gUItig Zeugnis ab, wenn er gelegentlich sagt: „Ich bin ein Deutscher judischen Stammes, mein Volk Ist das deutsche Volk, meine Heimat ist das deutsehe Land, mein Glaube der deutsche Glaube, der über den Bekenntwelchen Fachea immer, leisten schwere Arbeit. Diese führt zu größerer Ermüdung einzelner Körperpartien, aber auch zur Schwächung der weniger beanspruchten Glieder. Den richtigen Ausgleich schaffen Sport und Natur, aber auch der Gebrauch von DIANA-Franzbranntwein mit Menthol. Tägliche Massage mit Diana erfrischt, regt den Blutkreislauf an, erhöht die Spannkraft. Ebenso wertvoll zur Mund- und Zahnpflege. Verlangen Sie ausdrücklich DIANA. Weisen Sie minderwertige Nachahmungen zurück. nissen steht . . . Für mich entscheidet über die Zu* gehörigkeit zu Volk und Nation nichts anderes als Herz, Geist, Gesinnung und Seele." Weiß Herr Rieger, weiß sein Kreis, In dem er wirkt und für den er . schreibt, denn nicht, daß gerade diese Haltung, gerade das Aufgehenwollen des jüdischen Menschen im deutschen Volkstum Anlaß war und ist zu den ungeheuren moralischen und wirtschaftlichen und sozialen Exzessen des deutschen Nationalsozialismus gegen die deutschen Juden? Hat Herr Rieger und sein Kreis die letzten Jahre verschlafen? Nichts von der Auseinandersetzung des Zionismus mit der jüdischen und nichtjüdischen Umwelt erfahren? Es wirkt geradezu grotesk, wenn Herr Rieger Theodor Herzl den „zu Unrecht (von den Juden!) verkannten großen deutschen Juden Walter Rathenau" gegenüberstellt, als einen Mann, der eben berufen gewesen wäre, den Ausgleich, die Emanzipation, die Assimilation zu vollenden; den Walter Rathenau, der von den Deutschen unter dem Ruf „Schlagt ihn tot, den Rathenau, dio gottverfluchte Judensau!" ermordet wurde. Herr Rieger ist auf falscher Fährte. Er will es Herzl nicht verzeihen, daß er, Herzl, den welthistorischen Irrtum, die Assimilation könnte gelingen, erkannte und das Wort „Man wird uns nicht in Ruhe lassen" zur Zeit der lieblichsten liberalsten Ruhe prägte. Aber Herrn Rieger und seinen Mangel an Intuition trifft nicht die ganze Schuld an diesem schmählichen — Mißverständnis. Die Leiter der Zionistischen Organisation sind hier nicht freizusprechen. Sie haben in ihrem Krämergeist den ideologischen Kampf gegen die Assimilation aufgegeben. Sie haben es für überflüssig gehalten, mit den zionistischen Aspirationen vor das Forum der Welt zu treten. Unter der Aegide des „Allgemeinen" und „linken" Zionismus ist aus einer Bewegung ein Mechanismus geworden. Mechanismus reißt nicht fort, enthusiasmiert nicht, ruft keine Aktion hervor. Die nichtjüdische Welt, die Völker rings um uns wissen nicht, was wir wollen. Sie bekommen Betrachtungen ä la Rieger vorgesetzt und erfahren, daß der Zionismus — die Kulturleistungen der Emanzipation umbringen will. o. r. Für drei Prozent — kein gleiches Recht Gewöhnlich machen die Antisemiten den Juden zum Vorwurfe, daß sie zu viele sind. Jetzt liegt der kuriose Fall vor, daß Juden von antisemitischer Seite vorgehalten wird, daß sie zu wenige sind. Letzterer Fall ist aus Anlaß der Kundgebung des „Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" (B. J. F.), Uber welche an anderer Stelle berichtet wird, eingetreten. Den Grund für den Vor- ' halt allzu geringer Zahl bildet der Umstand, daß im Verlaufe der Kundgebung die Forderung nach gleichen Rechten für die jüdischen Staatsbürger erhoben wurde. Das „Deutsche Volksblatt", welches den Antisemitismus hitleristischer Prägung pflegt, schreibt: „Wenn heute einige Juden aus ihrer Frontdicnstleistung besonderes Aufheben machen, so muß dem entgegengehalten werden, daß Hunderttausende von bodenständigen deutschen Oesterreichem ihre Kriegsdienstleistung als eine selbstverständliche Pflicht _ gegenüber Volk und Heimat empfinden, über die es sich erübrigt, auch nur ein Wort zu verlieren. Nichts kennzeichnet jüdische Gedankengänge zutreffender als der Umstand, daß die Juden alle Rechte, die aus der Staatszugehörigkeit zu dem alten Oesterreich erflossen sind, restlos für sich in Anspruch genommen haben, andererseits aber ein besonderes Verdienst daraus machen, selbstverständliche Pflichten gegenüber diesem Staat, der ihnen alles gegeben hat, zu erfüllen." „Wir betteln nicht um gleiches Recht, wir fordern!" Das war ungefähr der Höhepunkt der jüdischen Frontkämpfertagung. Es scheint notwendig zu sein, dem jüdischen Element, in diesem Staate einmal recht eindringlich vor Augen zu führen, daß in Oesterreich insgesamt 3 Prozent Juden 96 Prozent Christen gegenüberstehen . . ." Das der österreichischen Regierung sehr nahe christlichsoziale „Wiener Montagsblatt" steht zwar dem Nationalsozialismus feindlich gegenüber, aber in Hinsicht auf die Judenfrage handelt es in völliger, fast wortgleicher Uebcreinstimmung mit seiner hitleristisch gefärbten Kollegin. Auch diese Zeitung nimmt an der vom Führer des B. J. F. Hauptmann von Friedmann erhobenen Forderung nach staatsbürgerlicher Gleichberechtigung für Juden Anstoß und schreibt: „Nach dem veröffentlichten offiziellen Material der Zählung vom 22. März 1934 kann man für den gegenwärtigen Zeitpunkt die konfessionelle Zugehörigkeit der Bevölkerung mit 96 Prozent Christen, 3 Prozent Juden, 1 Prozent Konfessionslosen annehmen, was aber Herrn Friedmann nicht hindert, in vorbildlicher Bescheidenheit unter „stürmischer Zustimmung" die volle Gleichberechtigung zu fordern . . ." Diese antisemitische Logik ist köstlich! Sonst hört man immer, daß man die Rechte der Juden einschränken müsse, weil sie wegen ihrer großen Zahl eine Gefahr für die Nichtjuden bilden. Jetzt wird gleich von zwei antisemitischen Seiten her erklärt, man müsse die Rechte der Juden kürzen, well ihre Zahl zu gering ist. Also, wobei bleibt es? Es ist gut angebracht, die Herren vom „Deutschen Volksblatt" daran zu erinnern, wie oft sie für die Minderheit »rechte der Deutschen in manchen Ländern eintreten, und die Herren vom „Wiener Montagsblatt", wie sie zu jammern verstehen, wenn irgendwo katholischen Minderheiten die Gleichberechtigung vorenthalten wird. Der jüdischen Minderheit aber soll die staatsbürgerliche Gleichberechtigung vorenthalten werden, weil sie eine Minderheit ifl* Antisemitische Folgerichtigkeit*!