Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 461 (7.5.1935)
- Date
- 1935-05-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 461 DIE NEUE WELT Seite 3! zweifelhaftem sittlichem Wert, nenn nicht gar als BernfsfäIsoher oder Verbrecher. Der Sachverständige kommt zu dorn Schluß, daß die „I^otokollc" in literarischer Hinsicht unter den Begriff der Schundliteratur fallen, und zwar unter die schlimmste Sorte der Schundliteratur, die darin besteht, in verleumderischen, unterschiebenden Druckerzeugnissen bewußt und gewollt darauf auszugehen, Ihre Leser zu verrohen, die Sittlichkeit und Rechtssicherheit zu erschüttern, gröbliches Aergernis zu erregen und das Schiirngefiihl wie das Gewissen ihrer Leserschaft dermaßen irrezuführen und zu betäuben, daß sie sieh zur Begehung von ausgesprochen rechtswidrigen Handlungen bereitfinden läßt. Nachtrag zu Fleischhauers CWachten Fleischhauer will „dem .sittlich hochstehenden, für sein Volk arbeitenden Herz 1" die Achtungkeinesfalls versagen. Er befaßt sich mit dem bekannten Zukunftsroman Theodor Herzls ,,A lt-Nculan d". In einer tragenden Persönlichkeit dieses Romans will nun der Gutachter zum allgemeinen Erstaunen der Anwesenden keinen anderen als Maurice J o 1 y entdeckt haben. Der Gutachter erklärt diese „Entdeckung" folgendermaßen: Joe Levy spielt eine entscheidende Rolle in „Alt-Neuland". Man lasse im Vornamen Joe das „c", im Hauptnamen das ,c v" aus und man hat aus Joe Levy den Verfasser der „Dialogues": Joly. Erhebliche Heiterkeit entsteht, al3 Fleischhauer allen Ernstes die Frage auf wirft: „Wo ist das geheime Staatsarchiv der Juden?" Und als er weiter fragt: „Wollen die Juden alle Dokumente sofort herausgeben?" „Wer ist heute der oberste offizielle Weise?" „Wer ist heute der Kanzler des Judentums?" Kopfschüttelnd setzt er hinzu: „Das Judentum wird diese Fragen hier nicht beantworten." (Anhaltende Heiterkeit.) Sodann geht Fleischhauer ausführlich auf den jüdischen humanen Orden „B'n c i B'r i t h" und dessen angebliche Verfasserschaft der „Protokolle" ein. Der B'nci- B'rith-Orden habe unbedingt während des Zionistenkongresses 1897 in Basel eine Besprechung abgehalten. Der Orden B'nei B'rith sei der jüdische Freimaurerorden. Da die führenden Zionisten Mitglieder des Ordens B'nei B'rith seien, sei die Gleichung: „B'n c i B'r i t h ■-- Freimaurerei - Zionisten - zionistische Protokolle erfüllt. Es fanden ein öffentlicher und ein geheimer Zionistenkongreß 1897 statt. So alt das Judentum sei, so alt sei der Antisemitismus. Schon im alten Aegypten hätten die bösen Reibungen mit dem Judentum begonnen. Die Abneigung gegen die Juden sei in der Notwehr der nicht-jüdischen Völker begründet. Die antijüdischen Verfolgungen ecien stets nur die Folgewirkungen des jüdischen Verhaltens. Der Charakter der Juden ändere sich nie, Lügenhaftigkeit scheine typisch für das jüdische Volk zu sein. Ueber Julius Cäsar, den Propheten Mohamed, das Mittelalter, über Heinrieh Heine, der dem deutschen Volk „aufgedrängt" sei, kommt Fleischhauer zur Liga für Menschenrechte. „Menschenrechte" bedeute hier „Judenrechte". Wo ein jüdischer Verbrecher verurteilt werden soll, trete die Liga für Menschenrechte dagegen auf. Eines der wichtigsten Mittel zur Erringung der Weltherrschaft der Juden sei die Förderung von revolutionären Bewegungen. Es folgen stundenlange Zitate, wobei der Gutachter Fichte, Giordano Bruno, Goethe, Napoleon, sogar Herder und Mommsen als krasse Judenfeinde hinstellt. Die Echtheit der „Protokolle" sei innerlich durch die Urteile der Geistesheroen aller -Seiten und Völker Uber das Judentum bestätigt. Mit erhobener Stimme ruft Fleischhauer: „Wie können es da die luden wagen, zu versuchen, die „Protokolle" als Schundliteratur anzusprechen!" * Antisemitische Propaganda im Zusammenhang mit dem Berner Prozeß Im Zusammenhang mit dem Prozeß gegen die Verbreiter der „Protokolle der Weisen von Zion" in der Schweiz wird in Bern und in der übrigen Schweiz auf geheimen Wegen eine aus Deutschland hereingebrachte, vom „Institut zum Studium der Judenfrage" herausgegebene Broschüre „W e 11 f r o n t" in Massen verbreitet. Sie enthält judenhetzeriachc Beiträge vom Chef des außenpolitischen Amtes der N. S. D. A. P., Reichsleiter Alfred Rosenberg, vom ungarischen Politiker Tibor v. Eckhardt vom Reichsinnenminister Dr. F r i c k, von Sir Oswald M o a 1 e y, einen Hirtenbrief des Konzils der Erzbischöfe der Russischen Rechtgläubigen Kirche im Ausland, die bekannte Antwort des Erzbischofs von Polen, Kardinal Kakowsky, an die Abordnung der polnischen Rabbiner am 7. Juni 193-1, ferner Beiträge von führenden deutschen und internationalen Antisemiten. Uebertii'ifte zur lüde nstaatfsparfei Der bisherige Präsident des Parteirates der Union der Zionisten-Revisionisten der Tschechoslowakei, Herr Dr Martin Lichtner (Trautenau), hat nai.h Jem Ausscheiden der Revisionisten aus der Zionistischen Weltorganisation seinen Austritt aus der revisionistischen Union angemeldet und hat sich der Judenstaatspartei angeschlossen. Mit ihm ist die überwiegende Majorität der revisionistischen Ortsgruppe in T r a utenau und U p i c c der Judenstaatspartei beigetreten. Der Brith Trumpeldor (Gruppe B) in Tarnopol (Polen) ist aus der revisionistischen Union ausgetreten und hat sich dem Brith Hakanaim, der Jugendgruppe der Judenstaatspartei, angeschlossen. JiidenstoiaitepeBfffei Cßestorreifhs Dienstag, den 7. Mai: Judenstaatsjugend. Mitglicdervollversammlung um halb 9 Uhr abends im Zentralheim, I., Werdertorgasse 14. Referent: Fritz Fl i c h t e r. — Sektion XIV/XV, SchunzstraGo 32, um halb 9 Uhr abends Vortrag Joaef, j? r ä n k e 1: „Der XIX. Zionistenkongreß und die Forderungen der Judenstaatspartei." Mittwoch, den 8. Miü: Mitgliederversammlung im Heim, I., Werdertorgasse 14, um halb 9 Uhr abends. Referenten: Obei'baurnt Robert Stricker, Fritz Richte r. Donnerstag, den 9. Mai: Sektion Prater, IL, Kleine Zufahrtsstraße 16G, halb 9 Uhr abends Vortrag Dr. Oskar Rosenfeld: „Wie man HerzI sieht." — Sektion Leopoldstadt, II., Taborstraße 21 a, halb 9 Uhr abends, Vortragsabend. Weltpolitik der Woche Die Konferenzen, in denen die Richtlinien für die große europäische Politik gezogen wurden, haben nur äußerlich ihr Ende erreicht. Die Gespräche der Kabinette zur Erhaltung des Friedens gehen weiter. Sie werden durch das Maß der Rüstungen bestimmt, die jede der einzelnen europäischen Großmächte erreicht hat. Hingegen sind die zentralen Fragen der europäischen Sicherheitspolitik noch weit von ihrer Lösung entfernt. Die diesbezüglichen Bemühungen sind von Mussolini ausgegangen, der am 25. Juli des Vorjahres, unmittelbar nach dem Naziputsch in Oesterreich, seine Soldaten an die deutsch-italienische Grenze schickte und damit zeigte, wie aggressiven Tendenzen am besten begegnet v/erden kann. Italien fragte im Juli 1934 nicht viel nach Auffassungen und Doktrinen: es handelte. Die Fortsetzung dieses Weges bedeutet das Dreiergespräch in Venedig. Die Außenminister von Italien, Oesterreich und Ungarn beraten — vor der Donaukonferenz in Rom — über den Begriff der Nichteinmischung und der gegenseitigen Hilfeleistung, um später gemeinsam mit der Kleinen Entente auch alle wirtschaftlichen Probleme des Donauraumes zu besprechen. Vorläufig steht die Unabhängigkeit Oesterreichs im Vordergrund. Ihre Sicherung bewegt sich im Sinne Mussolinis und nicht im Sinne Englands, das sich scheut, Bindungen in bezug auf das Problem Mitteleuropa einzugehen. England gibt sich scheinbar — heute noch — der trügerischen Hoffnung hin, daß es durch Fernstehen in Sachen aktiver Teilnahme am Schicksal des Donauraumes sich sehr viel Opfer ersparen und weiterhin den wohlwollenden Zuschauer spielen könnte. Das Fernstehen einer so großen und moralisch eindrucksvollen Macht wie England kann sehr leicht Hitler-Deutschland zu Abenteuern ermutigen. Die Herren des Dritten Reiches bedürfen nur der Chance, daß England sich von einer mitteleuropäischen Konflagration fernhält, um sofort gegen die Donau, d. i. gegen Oesterreich loszuschlagen. Im Augenblick der Gefahr, wenn Komplikationen gegen Ost und West drohen, wird England dennoch gezwungen sein, einzugreifen. Lord Churchill hat die Lage besser charakterisiert als der Führer der Liberalen, Herbert Samuel, der schon als erster Oberkommissär in Palästina versagt hat. Will England den Frieden in Mitteleuropa, dann muß es deutlich zu verstehen geben, daß es ohne Zögern gegen den Angreifer Stellung nehmen wird. o. r. AUS PALÄSTINA 7000 jüdische PaIästina#Einwanderer im Maitz Aus Jerusalem: Wie das Einwanderungsamt der Palästina-Regierung mitteilt, sind im Monat März 1985 6800 Juden in Palästina eingewandert; außerdem wurde im März die Einwanderung von 2 7 7 Touristen, die sich nachträglich entschlossen, dauernd im Lande zu verbleiben, legalisiert. Somit beträgt die offizielle Einwanderungszifier für März 7077 P - - onen. Dies sei die höchste bisher errechnete monatliche Eimvanderungsziffer. Im ersten Jahresviertel 1935 — so wird weiter mitgeteilt — sind 1 6.8 $ 6 J u d e n In Palästina eingewandert. Keane Zertifikate für Touristen! Aus Jerusalem: Die Eimvanderungsabteilung der Zionistischen Exekutive veröffentlicht folgende Mitteilung: Die Abteilung hat bisher stets eine kleine Zahl von Zertifikaten der Arbeiter-Schedule zurückbehalten, um B e- Suchern des Landes, die später eiuo Erwerbsmöglicbkeit gefunden hatten und ihren dauernden Wohnsitz in Palästina aufschlagen wollten, das Verbleiben als Siedler zu ermöglichen. Die Abteilung hat in solchen Fällen nur sehr selten und nach sorgfältiger Prüfung der wirtschaftlichen Verhältnisse des Einwanderungskandidaten und seiner Familienverpflichtungen Zertifikate ausgegeben. Im vergangenen Monat wurde der Abteilung von der K e g i e r u n g mitgeteilt, daß diese in Zukunft die Zuteilung von Zertifikaten an Touristen dieser Kategorie nicht mehr bewilligen wer d e. Die Regierung ist der Ansieht, daß dieser Vorgang unfair ist gegenüber den im Ausland geduldig auf Zertifikate w a r t © nd e n Bewerbern. Die mit der Regierung geführten Verhandlungen haben zu einer Aenderung ihrer Haltung nicht geführt. Die Frage der Legalisierung des dauernden Aufenthaltes von Touristen, die schon lange im Lande sind, wird welter vqij der Exekutive geprüft und bildet den Gegenstand gesonderter Verhandlungen zwischen ihr und der Regierung. Die interessierten Personen sollten sich jedoch bewußt sein, daß die Exekutive nicht in der Lage ist, Ihnen durch Zuteilung von Zertifikaten zu helfen. Arabisch-jüdische Zusammenstöße Aus Jerusalem (J. T. A.): Jüdische Arbeiter in Ain Vered in der Nähe von Tel Mond wurden von Arabern angegriffen, wobei vier Juden verletzt wurden. Zwei vpn ihnen, Rindman und Britantschik, mußten ins Hadassah-Hospital transportiert werden. — In Kfar Hakowesch, in der Nähe von Nahalal, wurde ein jüdischer Wächter durch einen Beduinenhirten, der widerrechtlich jüdischen Boden betreten hatte, schwer verletzt. Der mim* Klassenlose vom Bankhause Scheffiammer OScfidtieni _ Mfonl. Stephanspl. Ziehimg am 2i.u23.Mdi d«J. Beduine wurde verhaftet. — In Haifa wurde die Jüdin Helena Vitos, als sie mit einer Bekannten spazieren ging, von einem arabischen Jungen, der sich in Begleitung zweier erwachsener Ar-ber befand, angeschossen und verletzt. Der Junge und seine beiden Begleiter wurden verhaftet. — Der 18jährige J. N. F.-Wächter Salomon Jacobson, der im November 1934 einen Araber, der aus dem von Jacobson bewachten Steinbruch Steine stahl, erschossen hat, wurde zu l'jg Jahren Gefängnis verurteilt. * Aus Jerusalem: In der Nacht von Freitag auf Samstag (3./4. Mai) haben Araber den 30jährigen Kaiman Schapira, während er zwei junge Mädchen nach Keren Abraham, dem reinjüdischen' Viertel von Jerusalem begleitete, ermordet. Die Polizei hat zwei Araber als Verdächtige verhaftet. Der englische Lut'tschiffahrtsmiiiister kommt nach Palästina Aus Jerusalem: Der arabischen Zeitung „A Diffaa" zufolge, wird demnächst der englische Luftschifffahrtsminister in Palästina eintreffen. Gleichzeitig wird auch der englische Oberkommissar in Aegypten, Sir Mills L a m p s o n, nach Palästina kommen, um mit dem Minister Besprechungen über Schaffung einer Basis für englische Luftstreitkräfte in Transjordanien abzuhalten. 22*639 Wahlberechtigte in Te!*Aviv Aus Jerusalem: Die soeben aufgelegten Wahllisten für Tel-Aviv enthalten 22.639 Namen von Wahlberechtigten (bei einer Einwohnerzahl von rund 140.000), Viele tausende neu Eingewanderte haben noch nicht da3 Wahlrecht. In Tel-Aviv wird jetzt viel darüber diskutiert, welche Minimalrechte, u. a. auch Wahlrechte, diesen Tausenden von Einwohnern Tel-Avivs zuzuerkennen seien. Hitzewelle in Palästina Jerusalem, 5. Mai. (J. T. A.) Ganz Palästina ist von einer starken Hitzewelle heimgesucht. Selbst im hoch gelegenen Jerusalem werden 41 Grad Celsius (105 Grad Fahrenheit) im Schatten gemessen. In Tel-Aviv und in der Sharon-Ebene ist die Hitze so stark, daß mehrere Personen, insbesondere Touristen, in den Straßen ohnmächtig wurden. Ein unbekantcr jüdischer Hirtenstamm Aus Jerusalem: Unweit der oft im Talmud erwähnten Stadt Neziwin, an der syrisch-türkischen Grenze, wurde — wie die hebräische Presse mitteilt — eine bisher unbekannte Siedlung von etwa fünfhundert jüdischen Familien entdeckt, deren Mitglieder hauptsächlich von Viehzucht leben. Das Dorf, in dem sie wohnen, heißt Kmischleh. Die Einwohner sind wie Bedtxinen gekleidet und sprechen türkisch und arabisch. Vom hebräischen Schrifttum sind ihnen lediglich einige Gebete überliefert. Auf Anregung eines französischen Juden, der sich in dieses Dorf verirrt hat, wandten sich die jüdischen Beduinen an den Leiter der Allianzschule in Beirut mit der Bitte, etwas für die Befriedigung ihrer religiösen und sozialen Bedürfnisse zu tun. Die Pariser Allianzleitung hat eine Geldsumme zur Errichtung einer S c'h u 1 e für die Kinder dieser jüdischen Hirten bewilligt. Ein sephardischer Jude übernahm bei ihnen die Funktion eines Rabbiners und Lehrers. Juden des Irak sandten ihnen eino Thora-Rolle. Petach Tikwah wird Stadtgemeinde Aus Jerusalem: Der High Commissioner Sir .Arthur Wauchope hat eine Kommission unter dem Vorsitz des stellvertretenden Distriktskommissärs Pollock mit der Feststellung der Grenzen von Petach Tikwah beauftragt. Diese Arbeiten stehen mit der beabsichtigten Umwandlung Petach Tikwahs in eine Stadtgemeinde im Zusammenhang. Judäa. Donnerstag, den 9. Mai, findet um halb 8 Uhr abends im Chajes-Saal der ,,Judäa", Wien, IX., Alserstraße Nr. 26, ein Vortrag des Herrn Dr. Moses Z i c k e r über „Maimonides' Leben und Werke" statt. Eintritt frei. Gäste willkommen.