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Die neue Welt · 1935-05-03 · Heft 460 (3.5.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 460 (3.5.1935)
Date
1935-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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ME NEUE WELT Sdte*<'< Schweizer Stimmen zum Berner Prozeß Die schweizerische Bundeshauptstadt Bern steht wiederum im Zeichen des am 29. Oktober 1934 abgebrochenen und heute, den 29. April 1935, wieder aufgenommenen Prozesses, den der Schweizerische Israelitische Gemeinde b und und die jüdische Kultusgemeinde Bern gegen die Führer der „Nationalen Front" wegen Verbreitung der im Leipziger Hammer- Verlag erschienenen „Protokolle der Weisen von Zion" auf Schweizer Boden angestrengt haben. Etwa fünfzig ausländische Journalisten, unter ihnen Vertreter der Weltagenturen und der großen englischen und amerikanischen Zeitungskonzerne, wohnen den Verhandlungen bei. Die schweizerische Presse widmet dem Prozeß und im Zusammenhang damit dem Verhältnis der Schweiz zum nationalsozialistischen Deutschland eingehende Betrachtungen. Die Schweizer Tageszeitung „Le Democr&te" schreibt u. a.: „Der Prozeß der sogenannten .Protokolle der Weisen von Zion4 scheint bei unseren nördlichen Nachbarn eine gewisse Nervosität hervorzurufen . . . Der die Schweiz beleidigende Artikel im Nürnberger .Stürmer* — ein Organ des intimen Freundes Hitlers, Julius Streicher — beweist, daß das Dritte Reich nicht ohne eine gewisse Unruhe dem Urteil in diesem Prozeß entgegensieht, was verständlich ist, wenn man bedenkt, daß die 'besagten .Protokolle1 als größtes Schlachtroß des deutschen Antisemitismus vorgeführt werden. Es ist überaus grotesk, von einem jüdischen Einfluß auf die öffentlichen Behörden in der Schweiz zu sprechen. Im ganzen Schweizer Bundesparlament gab es niemals mehr als einen jüdischen Abgeordneten. Wir haben niemals von der Anwesenheit auch nur eines einzigen Juden in der Bundesregierung oder in der Beamtenschaft der Bundesverwaltung gehört; wir glauben, daß dem auch so ist in den Regierungen und .Verwaltungen aller Schweizer Kantone. Im übrigen besteht in der Schweiz eine vollkommene Scheidung zwischen den einzelnen Staatsgewalten, die jeden Einfluß der regierenden oder der gesetzgebenden Mächte auf die Gerichtsbarkeit ausschließt. Die ganze Schweiz hat volles Vertrauen zu der Unparteilichkeit des Berner Richters, welches auch immer das von ihm gefällte Urteil sein wird. Unser Volk ist noch fähig, in jeder Sache kaltblütig das Für und Wider zu wägen und das Bestehen eines über die menschlichen Leidenschaften hinausgehenden Rechtes anzuerkennen. Der vom .Stürmer' zur Schau gebrachte Zorn läßt uns natürlich nichts Günstiges vorausahnen, was die persönliche Stimmung Herrn Hitlers für unser Land anbetrifft. Aber es ist erlaubt, diese Zeichen der Nervosität, die sich gelegentlich des Prozesses der .Protokolle' jenseits des Rheines bemerkbar machen, als Symptome der Schwäche anzusehen. Sie können uns jedenfalls nicht einschüchtern — im Gegenteil." Der Berner „B u n d" charakterisiert die Person des im Berner Protokollprozeß als „Experte" auftretenden Herausgeibers des antisemitischen ^WeltiDienstes", I Fleischhauer. Er vermerkt, daß Fleischhauer Verfasser einer Reihe von antisemitischen Hetzschriften und eines antisemitischen Lexikons, betitelt „Sigjlla Veri" („Siegel der Wahrheit4') ist. Aus diesem Lexikon zitiert der „Bund" einige besonders die Schweiz interessierende Aufzeichnungen, so zum Beispiel, daß Pestalozzi (der berühmte Schweizer Pädagoge) ein Judenstämm- 1 ing sei, daß Mittelholzer (der bekannte Schweizer Rekordflieger) kurzerhand als „Judengenoss e" gekennzeichnet wird, daß das Eisenbahnunglück von Bellinzona, in welchem der frühere deutsche Reichsminister Dr. Heifferich ums Leben gekommen ist, ein Werk der Schweizer Freimaurer war und der Prozeß von der Schweizer Regierung „in verhüllter Weise niedergeschlagen wurde" u. dgl. mehr. „Wie muß es im Gehirn von Menschen aussehen", fragt der „Bund", „die solches schreiben und doch wohl selber glaubend « .» » Herr iFjeiscbkaMej? fc$t «*.on :um die Jahreswende für nötig gefunden, der schweizerischen Presse eine Erklärung zugehen zu lassen, in der es u. a. hieß: ,Als Gutachter betrachte ich mich, auch wenn ich nicht vereidigt werde, nur als unter Gewissenseid stehender Gehilfe des Herrn Richters, dem ich bei der Urteilsfällung dadurch zu helfen habe, daß ich das von ihm geforderte Material liefere.' Seither hat Herr F. dies anscheinend ein wenig vergessen, denn sein ,Welt-Dienst' sammelt öffentlich — für die eine Prozeßpartei, die Angeklagten . . . Wenn Informationen deutscher Zeitungen richtig sind, so dürfte das Gutachten Fleischhauers dahin lauten: .Gelungen ist der Beweis, daß die Protokolle auf dem ersten Zionistenkongreß nicht beschlossen wurden, sondern auf einem gleichzeitig stattgefundenen Freimaurerkongreß, und zwar des jüdischen Bnai-Brith- Ordens.' Diese Entdeckung Ein Freund unseres Blattes schreibt uns aus Rumänien: „ ... Die Juden von Bukarest haben jetzt unter dem Terror studentischer Banden zu leiden, welche am hellichten Tage Streifungen durch die Stadt veranstalten, jüdische Passanten überfallen, Kaffeehäuser und Geschäfte devastieren. Der angerichtete Schaden und die auszustehenden Leiden sind genug groß. Aber viel aufregender ist das Verhalten der Behörden, der „liberalen" Regierung, welche gar nicht oder nur lässig eingreift, um dem Treiben der nicht zahlreichen, aber um so frecheren Banden ein Ende zu bereiten. Ueberzeugender als die Anklagen der betroffenen Juden ist da wohl die Stellungnahme christlicher, nichts weniger als judenfreundlicher Kreise gegen die Haltung der Regierung. Trotz scharfer Zensur ist nachstehendes Schreiben, welches die größte Organisation an der Bukarester Universität, der „Verband christlicher Studenten", an den Minister des Innern gerichtet hat, zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelangt. Es lautet: „Der Verband der Bukarester Studenten bringt Ihnen, Herr Minister, höflichst zur Kenntnis, daß sich RI fl f IT! N NERVENSTÄRKE DI Ulli I I N~K'0RPEk5!£^ : N.PROF DC HABfkMANN. Nur in Apotheken von S 3.40 an. Aufklärende Schriften und Geschmackmuster kostenfrei BfocKln-Vertrieb, Hl, Ratfetzkystrane 23 Zum Austritt der Revisionisten Von Meir Großmann (z. Z. .Warschau) Von den zahlreichen Betrachtungen über den Austritt der Revisionisten aus der Zionistischen Organisation veröffentlichen wir nachstehend die des Präsidenten der Judenstaatspartei, Meir Großmann, der sich im Warschauer „Hajnt" u. a. wie folgt äußert: Die Wahrheit gesagt, hat niemand ernstlich daran, geglaubt, daß die Revisionisten nicht zum Kongreß gehen werden. An den Gedanken ihres Austritts aus der Organisation und der Schaffung einer „Unabhängigen Zionistischen Organisation" hat man überhaupt keinen Augenblick verschwendet. Die ganze Angelegenheit, insbesondere bei der jetzigen inneren und äußeren Konstellation, hat inaktuell und phantastisch ausgesehen. FrOhlinssfohrten nach Polen Am D., 11. und 25. Mai gehen billige Sonderzüge nach Polen ab. Rückkehr 30. Mai. Andere Aufenthaltsarrangements möglich. Anmeldung und Auskunft: Poln. Verkehrsbüro „Francopel", Wien III, Rennweg 1 (Gebäude d. Poln. Konsulats). Telephon U-16-4-90 Erstens war man schon an das Schreckensbild ä la „Wir werden nicht zum Kongreß gehen", oder „Wir werden austreten** gewöhnt; zweitens hat der Vorwand selbst — der neue Schekel — zu kleinlich-banal ausgesehen; drittens war der gegenwärtige Augenblick vom Standpunkt der Parteistrategie ungünstig. Man verläßt nicht eine Organisation, gerade wenn sie in Geld schwimmt und sich unter den Strahlen der Prosperity sonnt. Darum hat niemand im Aktionskomitee die Fassung verloren, als die revisionistische Fraktion knapp vor Torschluß die Deklaration abgab (die sie bereits seit drei Tagen in der Tasche getragen hat), sie das A. C. verlasse und daß die revisionistische Union sich am nächsten Kongreß nicht beteiligen werde ... Man hat einfach nicht geglaubt, daß Menschen, die ununterbrochen Herzl, Judenstaat, nationale Ehre usw. im Munde führen, die ersten sein werden, die Organisation Herzls zu unterminieren... Und doch ist die Angelegenheit „Austritt" und „Unabhängige Zionistische Organisation" sehr ernst. Die Konsequenzen zu unterschätzen, wäre Leichtfertigkeit. Es wird eine Situation geschaffen, die schwere Störungen auf unserem steinigen Weg hervorrufen kann, Schwierigkeiten politischer, organisatorischer, moralischer Art. Zum erstenmal entsteht eine „Konkurrenz", zum erstenmal kommt ein Teil Zionisten und bezweifelt das Recht der zionistischen Organisation auf gesamtnationale Vertretung vor dem Völkerbund und der Mandatarmacht.. Ein innerer zionistischer Krieg, ein Kampf von Ideen und Anschauungen wird hinausgetragen. Bewußt oder unbewußt wird man die Front brechen und zum Landesherrn laufen, e r möge entscheiden, wer die wahren Zionisten sind. Man wird nach den Sympathien der Mandatsmacht streben, um Konzessionen ^ergattern, Die politische Offensive unddte ftktfe» sei dem in Polen lebenden pensionierten Staatsanwalt Noskowicz zu verdanken, der Herrn Fleischhauer von den Aeußerungen eines Rabbinerstellvertreters R. Fleischmann in Skoki aus dem Jahre 1900 Mitteilung gemacht habe. Fleischmann sei von seinem Oberrabbiner Doktor Veilchenfeld, der Fteischmaaas Bramt miß braucht habe, schwer beleidigt worden und habe deshalb dem Staatsanwalt Noskowicz das Geheimnis preisgegeben, daß alle Zionistenkongresse doppelt geführt werden und daß die Protokolle ein echtes jüdisches Programm seien." „Also eine ganz neue Version", bemerkt abschließend der „Bund", „bei der man sich nur wundern muß, daß der Herr Staatsanwalt aus Polen ein ganzes Menschenalter gebraucht hat, um sich dieses Geheimnis von der Seele zu ringen. Mit den bisherigen Feststellungen inj Prozeß ist diese Lesart freilich kaum vereinbar." , -i-ni-l- «t*.. unter Teilen der Studentenschaft eine verdächtige Bewegung geltend macht. Sie äußert sich darin, daß studentische Randen einzelne „Jidani" (Verächtlicher Ausdruck für „Juden". Die Red.) auf der Straße überfallen und Auslagenscheiben jüdischer Geschäfte zertrümmern.4* „Unsere Nachforschungen haben ergeben, daß die Anstifter und Provokateure Mitglieder der Jugendorganisation der „Nationalliberalen Partei" (Die derzeitige Begierung ist nationalliberal. Die Red.) sind. Wir konnten ferner feststellen, daß sich unter den Horden Agenten der staatlichen Sicherheitspolizei befinden. Es ist uns ferner gelungen, städtische Polizeiagenten und Polizeikommissäre dabei zu erwischen, wie sie sich unter die Manifestanten mengten, mit den Fingern auf Passanten hinwiesen und schrien: „Schlagt ihn nieder! Er ist ein Jidan!" „Wir sind weit entfernt davon, die Jidani gegen ihre Verprügler stützen zu wollen. Aber als Führer der Bukarester Studentenschaft fühlen wir uns verpflichtet, zwei Dinge festzustellen: 1. Auf diese Art wird das Judenproblem nicht gelöst. 2. Wir verabscheuen die feige Art, in welcher zwanzig gegen einen losgehen. Sie entspricht nicht unserem Kampfesstolz. Wir haben Verständnis dafür, wenn es einer mit zwanzig aufnimmt." „Herr Minister! Wenn Sie aus Gründen, die uns unbekannt sind, oder weil sich die Jidani Ihnen gegenüber vielleicht undankbar benommen haben, oder weil Sie ein innenpolitisches Manöver ausführen wollen, durchaus wünschen, daß man die Jidani verprügelt, dann, Herr Minister, haben wir eine respektvolle Bitte: Wenden Sie sich in dieser Sache gefälligst an unseren Verband und nicht an die verdächtigsten Elemente, welche sich an der Peripherie der Studentenschaft herumtreiben." Dieses Schreiben verdient als Zeitdokument festgehalten zu werden. stolze Haltung gegenüber der Mandatsmacht, worüber man so viel in die Welt posaunt hat, werden zur Seite treten. Ihre Stelle wird der Kampf mit der zionistischen Organisation einnehmen, ein Kampf gegen ihre Rechte, gegen ihre Machtvollkommenheiten. Wir werden sehen, wie man den „Herzl-Schekel" verkaufen wird, um Herzls schönstes und größtes Werk, die Zionistische Weltorganisation, zu zertrümmern. _ Störung einer JudenstaatsparteiaVersaminlung Aus Pinsk (Kongreßpolen) wird gemeldet: Samstag, den 27. April, besuchte der Vorstand der Judenstaatspartei, Meir G r o ß m a n n, die Stadt und hielt vor überfülltem Saal ein Referat über aktuelle Fragen des Zionis« mus. Großmann griff zunächst aufs schärfste die linken zionistischen Gruppen an, welche seine Kritik stummi über sich ergehen ließen. Die anwesenden Revisionisten setzten inmitten seines Referats mit starkem Lärm ein und versuchten, Großmann an der Fortsetzung seines Referats zu hindern. Es kam zu turbulenten Szenen, bis schließlich die Versammlung durch den Recyierungsvertreter aufgelöst wurde. Eine Richtigstellung In den Berichten über die A.-C.-Sitzung in Jerusalem wurde mitgeteilt, daß der Obmann der Judenstaatspartei M. Großmann für die „Disziplinklauser* auf dem Schekely welche den letzten Anstoß zum Austritt der Revisionisten gab, gestimmt hat. Die Mitteilung ist unrichtig. Großmann hat, ganz im Gegenteil, den Antrag auf Streichung dieser Klausel auf dem Schekel gestellt* Sein Antrag erhielt aber nur neun Stimmen (7 revisionistische, 1 misrachistische und seine eigene). Das altbewährte, beliebte österreichische Mineralwasser „Preblauer Sauertorunn" ist in allen Apotheken, Drogerien und Lebensmittelgeschäften erhältlich. Der Lebens- und Kraft-Erneuerer für Nervöse, Erschöpfte, Frühgealterte Biocitin nach Prof. Dr. Habermann. Nur in Apotheken. Wichtig! Wir bitten höflichst um pünktliche Ueberweisung der A b o n n es mentsgebiihr für die laufende Bea zugszeit, damit keine Unterbrechung in der Zusendung eintrete. Die wiederholte Uebersendung von Erlagscheinen verursacht Mühe und Kosten. Die Verwaltung „DIE NEUE WELT". Ein Zeitdokument Wünscht der Herr Minister verprügelte Juden?

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