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Die neue Welt · 1935-05-03 · Heft 460 (3.5.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 460 (3.5.1935)
Date
1935-05-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIB NEUE WELT Nr. 460 äußert sich: „Ich bedaure all die gestellten Fräser.. E.s darf keine Rede mehr von einem besonderen jüdischen Oedanken sein, wie auch von keinem griechischen, lateinischen, französischen, italienischen, deutschen, russischen. Das sind die gefährlichsten Narreteien unserer Zeit. Es ist ein Nationalismus, der nur Wasser auf die Mühle der hitlerischen Antisemiten ist." Welches Mißverständnis seitens des französischen Schriftstellers! Der Professor der Sorbonne Paul Fanconne hat eine andere Antwort gegeben. Auch er bestreitet die Existenz eines spezifisch jüdischen Gedankens im engen Sinn des Wortes, aber er behauptet, daß es I d e e n j ü [ ischer.Herkunft gibt und geistige Tendenzen und Traditionen spezifisch jüdischer Art. Man kann seiner Meinung nach zweifellos von einem jüdischen Gedanken in dem Sinn reden, wie mau von cinum französischen oder amerikanischen oder christlichen Gedanken spricht. Aber das sind Dinge, die sich schwer definieren lassen. Ob der jüdische Gedanke bei der Lösung der Weltkrlsis mitzuhelfen vermag, darüber sagt Professor Fauconne: ..Der Gedanke, allgemein gesprochen, hilft Krisen lösen. Jüdische Denker sind in großer Zahl vorhanden und besitzen grol'.es Ansehen. Ihre Rolle ist daher eine, sehr wichtige, aber als Denker und nicht als Juden. Was ein jüdisches geistiges Zentrum anlangt, kann es nur in einem jüdischen Staat seih und sonst nirgends." Der Oberrabbiner Maurice L i b e r, Leiter der Rabbinerschule in Paris, erklärt selbstverständlich, daß es einen authentischen jüdischen Gedanken gibt, der in der Bibel, in der traditionellen Literatur und bei den jüdischen Theologen zum Ausdruck kommt. Aber die Juden haben zu-wenig Eigenbewußtsein und das Judentum nimmt einen zu kleinen Platz ein, als daß es an der Lösung der Weltkrisis mitwirken könnte. Was das geistige Zentrum anlangt, würde es seiner Meinung nach zu wenig Autoritätbesitzen, wenn es nicht auf der Tradition basieren sollte, und allzu viele Juden würden jetzt diese Basis nieht akzeptieren. -Eine andere Antwort gab der Rabbiner der Liberalen Gemeinde von Paris, Germain L e v i. Auch er anerkannte die Existenz eines spezifischen jüdischen Gedankens, gab aber über die Bibel hinaus eine Definition: die reine Geistigkeit; die höchste Moral; die Politik, die auf Grund dieser Moral gemacht wird; die leidenschaftliche Liebe zur Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit; die menschliche soziale Würde — das sind die Kennzeichen des authentischen jüdischen Gedankens. Was das geistige Zentrum betrifft, sind viele solche Zentren notwendig. Man,, muß Katheder für jüdische Kultur an den Hauptuniversitäten der Welt schaffen und qualifizierte Gelehrte heranziehen, die das Judentum in seiner wirklichen Gestalt darstellen. Auch die angeführte Rundfrage leidet unter der Tatsache, daß man' das "Judentum nicht versteht. Man. muß dies auf Grund der" verschiedenen Antworten feststellen. „Was sind wir Juden?" Diese Frage bleibt für die große Welt immer noch offen. Am Gründen //polifi§dher Vernunft" ♦ ♦ ♦ Aus Anlaß eines Vortrages über die Judenfrage in Oesterreich vor katholischen Studenten kam es zu Auseinandersetzungen in der Presse, Die „Wahrheit", das Blatt der „Union österreichischer Juden" machte dem jüdischen Referenten heftige Vorwürfe. Er hatte nämlich festgestellt, daß die große Mehrzahl der jüdischen Wähler in den vergangenen Jahren sozialdemokratisch gewählt und daß diese, seiner Ansicht nach falsche Orientierung zur Verstärkung der antisemitischen Strömung nicht unwesentlich beigetragen habe. Die ,»Wahrheit" erklärte, der jüdischnationale Vortragende habe wissentlich verschwiegen, daß die Juden sich in einer Zwangslage befanden. Er hätte sagen müssen, daß die Juden nur die Wahl zwischen ausgesprochen antisemitischen Listen und der einzigen nichtantisemitischen, nämlich sozialdemokratischen Liste hatten. Unser Blatt bemerkte hiezu, daß die Herren von der. „Union" im Unrecht seien. Um dem Wunsche der „Wahrheit" zu entsprechen, hätte der Referent eine Unwahrheit sagen müssen. Denn bei allen Wahlen Ln Oesterreich gab es neben der antisemitischen und der sozialdemokratischen Liste immer eine „J ü d ische Liste". Von einer Zwangslage der jüdischen Wähler konnte also keine Rede sein. Auf diesen unseren Vorhalt kommt nun die „Wahrheit" zurück. Sie ist gezwungen, die Existenz der von ihr, sagen wir „verschwiegenen" jüdischen Liste zuzugeben. Um aber aus dieser nicht angenehmen Situatiou herauszukommen, begründet sie in famoser Weise, warum sie doch gezwungen war, für die sozialdemokratische-Liste einzutreten. Sie schreibt: „Die auf dem Boden der E e I lg i o n und ihres Vaterlandes Oesterreich stehenden, dem deutschen Kulturkreis angehörigen und ergebenen Juden Oesterreichs konnten aus Gründen der politischen Vernunft die „Jüdische Liste" des Herrn Stricker unmöglich wählen." Wirklich genial! Weil die Herren um die „Wahrheit" auf dem „Boden der Religion" stehen, mußten sie die durch ihre religionsfeindliche Haltung bekannten österreichischen Sozialdemokraten wählen; jene Sozialdemokraten, welche für die Erlangung , gewisser Stellen den Austritt aus der Kirche, j bzw. jüdischen Gemeinde zur Bedingung machten. Weil die Herren von der „Wahrheit" auf dem Boden der jüdischen Religion im besonderen stehen, mußten sie die sozialdemokratische Liste wählen, auf welcher getaufte und ausgetretene jüdische Kandidaten glänzten. Beileibe nicht die jüdische Liste! Weil sie auf dem Boden „ihres Vaterlandes Oesterreich" standen, durften sie nicht jüdisch, sondern mußten sozialdemokratisch wählen. Weil nämlich die Sozialdemokraten, als unentwegte Anhänger des Anschlusses an Deutschland, bei jeder Gelegenheit betonten, daß sie für Oesterreich, diesen „Wasserkopf", nichts übrig haben, daß das „Vaterland" Oesterreich nicht die geringste Existenzberechtigung besitzt. (Es ist gut, bei dieser Gelegenheit zu erinnern, daß der Führer der nach unionistischen Begriffen „nicht-vaterländischen" jüdischen Liste, Robert Stricker, im österreichischen Parlamente als e i n z i g e r unter 150 Abgeordneten gegen den sozialdemokratischen Antrag auf Anschluß an Deutschland und für die Selbständigkeit Oesterreichs gesprochen und gestimmt hatte.-) Darum „mußten" die Herren aus „patriotischen" Gründen sozialdemokratisch und durften nicht die ..unpatriotische" Liste Stricker wählen. Und das alles nennen die Herren um die „Wahrheit" . . . „Gründe politischer Vernunft"! KREUZ-KINO Wollzeile 17 - Tel. R-24-2-16 Shanghai-Mimi sä Politische Vernunft? Seit wann nennt man ein unseliges Gemisch von Mangel an eigenem Programm und unbändiger Lust, immer mit dem momentan Stärkeren zu gehen, politische Vernunft? Die Männer um die „Jüdische Liste" haben wissentlich Durchfall auf Durchfall über sich ergehen lassen, und das Gespött über die „Aussichtslosigkeit" ihrer Bemühungen. Man nannte ihr Gebaren sinnlos. Und jetzt sieht das blödeste Auge, daß sie die einzigen waren, die nach Gründen politischer Vernunft handelten. Die Männer um die damals verhöhnte „Jüdische Liste" sind die einzigen, die nichts in ihrer politischen Vergangenheit zu vertuschen, zu beschönigen haben, die sich zu ihrer Politik von gestern äjjstolz und frei bekennen dürfen. Daß sie nur wenige^tausend waren, ist nicht ihre Schuld. Wäre man ihren Weg gegangen, die österreichische Judenschaft stünde heute nesser da. Es ist nötig, das festzuhalten. Nicht um den Herren von der Union und den vielen Tausenden, die mit ihnen den falschen Weg gegangen sind, eines am Zeug zu flicken. Um zu verhüten, daß die Juden nochmals ein Opfer solcher „politischer Vernünfte" werden. Uensim ttfoteiu - Smmetik^ Gibt es in Palästina audi Juden? Die Frage ist nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick erscheint. So hat z. B. ein reichsdeutscher Hakenkreuzler in seinem Reisebericht über Palästina erzählt, daß er auf seinen wochenlangen Streifzügen durch Palästina nur durch Zufall einigen Juden begegnet sei, die gerade den Acker pflügten, sonst aber überall nur Araber erblickt habe. Und solcher Beobachter gibt es zweifellos viele. Unter anderem einen Wiener*; den Schriftsteller Siegfried Trebitsch, den bekannten Uebersetzer der Shaw-Dramen ... Auch Herr Trebitsch war in Palästina. Vor seiner Abreise erzählte er, daß ihn Herz und Sinne ins Heilige Land treiben und daß er bereit sei, alles, alles mit intensiver Teilnahme in sich aufzusaugen. Herr Trebitsch erzählt nun in der Wiener „Neuen Freien Presse" vom Land seiner Sehnsucht: von den heiligen Städten, von Tiberias, vom Karmel, um schließlich ins Aktuelle überzugehen (,/N. Fr. Pr." vom 26. April): „Es hieße aber undankbar von einem Lande scheiden", schreibt Trebitsch und man erwartet nun endlich Lob und Anerkennung für das heutige, jüdische, von Juden geschaffene Werk, „das einem mit der Schnelligkeit von Visionen so viel Ueberwältlgendes und Merkürdiges bot, wenn man unerwähnt lassen wollte, In Beruf und Sport sich frisch und ausdauernd zu erhalten, gibt es nichts Besseres als ständige Körperpflege. Ein ideales Mittel dazu finden Sie in dem seit Jahrzehnten bewährten, in tausenden Familien beliebten DIANA- Franzbranntwein mit Menthol Erhält durch tägliche Massagen (Einreibungen) die Spannkraft, kräftigt Muske'n und Nerven, verleiht Ausdauer. Ebenso wertvoll zur Mund- und Haarpflege und zu mannigfachen anderen Zwecken. Das anerkannte Hausmittel. In Jedem besseren Geschäfte erhältlich. Aber verlangen Sie ausdrücklich .DIANA" and nehmen Sie nur „DI A N A". Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen. Juden§taafler! Kauft den Sdtekel! Das in größte, seelische und materielle Not geratene jüdische Volk drängt nach Paliistina, der einzigen Zuflucht. Aber nur wenige dürfen ins Land und die Palästina-Regierung tut alles, um die Entwicklung des jüdischen Aufbauwerkes zu hemmen. Noch sind wir Juden G c <l u 1 d e t c, nicht Herren im eigenen Laude. Man hindert uns an seiuem Aufbau und was wir unter schweren Mühen und Opfern errichtet haben, kann eine uns fremde Regierung morgen mit einem Federstrich zunichte machen. Nur der J udpnstaat bedeutet Lösung der Judenfrage, bedeutet Rettung des Volkes und des einzelnen Juden von hoffnungsloser Verzweiflung, vor Untergang: Der Judenstaat, wie ihn Theodor H c r / I gefordert hat. Aber die Parteien im Zionismus haben den Weg Theodor Herzls verlassen, seine Fahne, die Judenstaatslahne, kleinmütig gesenkt. Wer ist jetzt der Träger der allciurettenden Herzl-Idec in der Zionistischen Weltorganisation, auf dem Zionistenkongreß? Die Z i o n i\s t e n- Revisionisten, welche sich zum Judenstaat bekennen, haben den Mampf für die Judenstaatsidee in der Weltorganisation mutlos aufgegeben, haben den Gegnern das Feld geräumt, die Herzlschc Organisation und den von Herzl geschaffenen Zionistenkongreß verlassen, sein Ansehen herabgesetzt. So ist denn die Judcnstaatspartci alleiniger Träger des unverfälschten Herzl- Zionismus, alleiniger Verfechter der einzigen wirklichen Lösung der Judenfragc, des Judenstaates geworden! Herzl-Zionisten! Judenstaatszionisten! Helfet dieser Partei, damit sie auf dem kommenden Zionistenkongreß die ihrem Programm entsprechende Zahl von Stimmen erlange I Sichert euch das Wahlrecht zum Kongreß! Kaufet den Schekel! Für die Judenstaatspartei Oesterreichs; Robert Stricker, Obmann. daß man dicht neben den Denkmälern versunkener Epochen den ungeheuren Kontrast des Emporblühens einer neuen Zeit mitansehen, ja fast miterleben kann. Denn unweit von Jerusalem, das die ganze Landschaft Palastinas und dieses seltsame alte Land wie ein unbeirrbarer Gipfel zu krönen scheint, wächst eine völlig traditionslose neue Welt aus dem alten Boden. Die Kolo- , nien jüngster Einwanderer sind staunenswert, und unbegreiflich bleibt das täglich zu beobachtende Wachstum der meerumspulten Hauptstadt des Emigrantenreiches Tcl-Aviv." Emigrantenreich Tcl-Aviv! Herr Trebitsch macht sich's leicht. Er spricht ganz einfach von Emigranten, nicht einmal von jüdischen Emigranten. Er will von dem Erneuerungsprozeß des Judentums und seinem sichtbaren Ausdruck, dem werdenden Judenstaat, nichts wissen. Hoffentlich wird der jetzt 60jährigo Trebitsch nicht in die Lage kommen, das Emigrantenreich durch, seine Anwesenheit zu vermehren. Es wäre peinlich für ihn und für uns , k * Der Berner jProiokoIle'dProzeB Prof. Baumgarten bezeichnet die „Protokolle" als böswillige Fälschung, die unter den Begriff „Schundliteratur" fällt Aus Bern wird gemeldet: In der ersten Sitzung des Prozesses gegen die Ver* breiter der „Protokolle der Weisen von Zion" in der Schweiz vor dem Berner Gericht waren von. den fünf Angeklagten nur drei erschienen. Diese machten den Vorsuch, eine neuerliche Vertagung des Prozesses zu erzwingen, indem sie die Vernehmung neuer; Zeugen forderten, und drohten der Verhandlung fernzubleiben, wenn Ihrem Antrag nicht stattgegeben wird. Das Gericht lohnte diese Forderung ab. Der Vorsitzende erklärte, daß der von dem Anwalt der Beklagten kürzlich gegen verschiedene Zeugen eingereichten Strafanzeige keine Folge gegeben werden soll. Dem Antrag des Verteidigers der Angeklagten, den Prozeß bis zur endgültigen Klärung der genannten Strafanzeige einzustellen, bzw. den Sachverständigen der Angeklagten genügend Zeit zum Studium der russischen Akten einzuräumen, wurde ebenfalls nicht entsprochen. Hierauf erstattete der von den Klägern geführte Sachverständige, Professor Baurag arten, Basel, sein Gutachten über das Kntsteheu der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion". Er erklärte diese Protokolle als eine b ö s w i 11 i g o Fälschung, als ein Werk der reaktionären Kreise de« zaristischen Kußland, dazu unternommen, mn den Zaren gegen die Juden zu beeinflussen und ujn die Erregung des Volkes über die öffentliche« Mißstände auf die Juden abzulenken. Baumgarten wies nach, daß die Hersteller der Protokolle die angeblichen „Dialoge" direkt aus dem Pamphlet des Franzosen Joly gegen Napoleon DJ. abschrieben und das jüdische Moment hineinfälschten. Die Protokolle seien ein Plagiat niedrigster Sorte. In der Nachmittagsverhandlung du« Montag entwickelte der Sachverständige Prof. Baumgarten die Gründe, weshalb es auch noch beute Leute gibt, dio an die Echtheit der Protokolle glauben. Kr kam zu dem Schlüsse, daß die eingeklagte Broschüre zweifellos *dne Fälschung darstelle, die geeignet sei, die JudenscHatt in den Augen der übrigen Volksgenossen herabzusetzen und Unfrieden in der Bevölkerung zu stiften. Man brauche deshalb keine Bedenken zu tragen, die Broschüre Fritschs unter den Begriff der Schundliteratur einzureihen. {3, T. A»)

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