Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1935-04-30 · Heft 459 (30.4.1935) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 459 (30.4.1935)
Date
1935-04-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2712049-2712083--5041-2718604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 2 DDE NETTE WELT Nr. 459 « Bindungen liebt, sondern auf jeweils sich ergebende aktuelle Entscheidungen eingestellt ist. Allerdings kann Mussolinis grausames Wort ,.H c u c r g i b t's keinen Kric g" nicht zur Basis der weiteren Betrachtung des europäischen Situationsbildes gemacht werden. „Heuer kein Krieg" ist eine pessimistische Prognose, insbesondere für Länder, die der subjektiven und objektiven Sachlage nach kriegsgegnerisch sind. Man wird versuchen, durch den Donaupakt, an dem auch Polen sich beteiligt, Mitteleuropa zu pazifizieren. Rom bedeutet hier eine neue Etappe. Japan sucht gegenüber Rußland einen Ausgleich der Gegensätze. Die allcrschwärzestcn Stellen am Horizont lichten sich. Aber absolute Friedenshoffnung scheint verfrüht. Für Oesterreich ergeben sich zur Zeit günstige Entwicklungsbedingungen. Oesterreich wird in gewissem Umfang aufrüsten und es wird durch sein Arbeitsbeschaffungsprogramm tausenden Familien Brot bringen. Das sind positive Dinge. Dinge, die dem östereichischen Unabhängigkeitsdogma weitere Ki'äfte zuführen. o. r. B Die Veröffentlichung der an uns gelangten Zuschrift „X euorientierung des Allgemeinen Zionismus in Oesterreich" in unserer Ausgabe vom 25. April, hat weitgehenden Widerhall gefunden. Eine Jfefhc gleichgerichteter Zuschriften ist an unsere RedalcBSm gelangt. Zweifellos muß die Tatsache, daß gerade ein den Herzischen Geist und Willen negierender Schriftsteller (wie in unserem Fall Dr. Josef Kastein) die Her zl-Gedenk rede im Kähmen ciliar zionistischen Organisation hält, starkes Befremden erregen. Die ,.Stimme", das Organ der Allgemeinen Zionisten Oesterreichs, veröffentlicht als Leitartikel auf der ersten Seite eine Betrachtung Kasteins „Der Geist der jüdischen Wirklichkeit", worin es heißt, daß wir nicht den jüdischen Staat, nicht die nationale. Politik brauchen, sondern bloß eine — Gemeinschaft; also etwas, was ja auch in Bekämpfung Theodor Herzls und seiner Judenstaats-Idee die Assirailanten und Brith-Schalomisten behaupten. Die „Stimme" kündigt auf derselben Seite der gleichen Nummer diesen, den »Tudenstaat energisch ablehnenden Dr. Kastcin als Festredner bei der Herzl-Feier des Zionistischen Landesverbandes an. Wahrlich — viel Mut und wenig Respekt gegenüber einer zionistischen Leser- und Hörerschaft in der Herzl-Stadt Wien. KREUZ-KiNO J> Wollzeile 17 . Tel. R-24-2-16 Die wilde Fracht Charlie Chan Vorstellungen 4,3M. Vi 8. 'A10 um Professor Weizmann Aus Prag (J. T. A.): Dem Tschechoslowakischen Pressebüro wird aus Jerusalem berichtet, daß sich der frühere. Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Dr. Chuira W eizman n, mit der Absicht tragen solle, sich aus der Politik zurückzuziehen und der Leitung eines großen Chemiekonzerns zu widmen. Aus Jerusalem (J. T. A.): Emanuel Newm a n, das frühere Mitglied der Zionistischen Exekutive, und Nahum Monn aus Polen registrierten bei der Behörde eine neue Gesellschaft für chemische Industrie in Palästina mit einem Kapital von 100.000 Pfund. Dr. Chaim Weizmann erklärte sich auf Einladung der Gründer der neuen Gesellschaft bereit, den Vorsitz zu übernehmen. Unäer Jeruaalemcr Mitarbeiter berichtet: Die hiesige Oeffentlichkeit beschäftigt sich viel mit der Person Professor Weizmanns. Auf einer Versammlung der „Kidmah", der nach Spaltung der Allgemeinen Zionisten von deutschen Emigranten gegründeten linksstehenden Organisation, wurde vor einigen Wochen in Gegenwart Professor Weizmanns deBsen Wiederwahl zum Präsidenten der Zionistischen Organisation stürmisch gefordert. Da Professor Weizmann nicht ablehnte, galt er von nun ab als .sicherer Kandidat auf dem kommenden Kongreß. Aber der Verlauf der darauffolgenden Sitzung des A. C. brachte eine Wandlung. Die Arbeiterpartei, welche ja Professor Weizmann ihren Aufstieg zur Regierung im Zionismus verdankt, bereitete ihrem Förderer einen sehr kühlen Empfang. Eine Rede Weizmanns über die Landflucht der Arbeiter fühlte sie als gegen sich gerichtet. Anläßlich des Konflikts zwischen Weizmann und Ruth^nberg ergriff sie für Ruthenberg Partei. Kurz, es war sehr deutlich zu verspüren, daß die Arbeiterpartei von einer Wiederkehr Weizmanns nicht begeistert ist. Aus den Aeußerungcn einzelner Führer war zu entnehmen, daß sie nicht gewillt «ind, die politische Führung an Welzmann abzugeben, der sich ja gewiß nicht mit einer Scheinpräsidentschaft begnügen würde, wie der jetzige Präsident Sokolow. Jetzt wird behauptet, daß Professor Weizmann durch diese Haltung der von ihm großgezogenen Arbeiterpartei tief verstimmt U»t. Jedenfalls läßt aelne Umgebung die Meldung, daß er sich definitiv vom politi» sehen Leben zurückziehen wolle, unerwidert, Bedrohliche anti§emiti§die Strömungen in Amerika Von unserem New-Y New York, Ende April. Die amerikanische Oeffentlichkeit steht 2ur Zeit unter dem Druck aggressiver politischer Losungen. Auf der einen Seite verdichtet sich die Propaganda für den Boykott deutscher Waren, bzw. für den antideutschen Boykott im allgemeinen. In Massenmeetings wird darauf hingewiesen, daß Hitler- Deutschland der Friedensstörer und Träger der finstersten Reaktion sei und durch seinen Rassenwahnsinn Völker und Gruppen zu diffamieren versuche. Zahlreiche Resolutionen verlangen die vollständige Absperrung Amerikas von Deutschland, 25 Millionen Amerikaner nehmen aktiven Anteil an der Boykottbewegung. Auf der anderen Seite beginnen die von den Nazi-Agitatoren in die Menge geworfenen a n t. i j ü d i s c h e n Parolen ihre Wirkung zu üben — abgesehen von anderen Faktoren, die mit der sozialen Lage in U. S. A. zusammenhängen. Wie dem auch sei — die Tatsache, daß starke antisemitische Strömungen in den Vereinigten Staaten sich bemerkbar machen, ist unbestreitbar. Erst kürzlich konnte die Frauengruppe des American Jewish Congress, d. i. der Vereinigung der nationalbewußten Judenschaft Amerikas, eine Liste von Hotels und Gaststätten zusammenstellen, die dem sogenannten „Arierparagraphen" huldigen. An erster Stelle steht das als Winterkurort beliebte P i n h u r s t (Nord-Carolonia), wo die Hotels mit der Aufschrift ,,Prefer Gentiles only" versehen sind. Dieses „Prefer Gentiles only" bedeutet so viel wie: „Hier sind nur Reinrassige genehm". Ja, es gibt bereits in den Inseraten gewisser New- Yorker Blätter ausdrückliche Hinweise auf rein „arische" Hotels, Restaurants, Kurorte usw., wo man auf eine telephonische Anfrage die Gegenfrage „Are you Gentilc?" erhält. Ziemliches Aufsehen erregt die Haltung des bekannten amerikanischen Schriftstellers Theodore Dreiser, des bisherigen Lieblings gewisser liberaler intellektueller Kreise, eines Mannes, der seinen Ruhm vornehmlich jüdischen Kritikern und Zeitungsherausgebern zu verdanken hat. Theodore Dreiser besuchte Sowjetrußland. Er kam als „Stalinist", als feuriger Anhänger des Bolschewismus und des — Antisemitismus zurück. In der beliebten amerikanischen Zeitschrift „Nation", dem Organ der amerikanischen Intelligenz, kam es zu einer Auseinandersetzung mit Dreiser, der in der Zeitschrift „A m e r ican Spectator" seine Ansichten über die Juden niedergelegt hatte. Die Hauptthese Dreisers lautet: Die Juden sind im Begriff, ganz Amerika zu verschlingen. Nach bekanntem Muster übertreibt Dreiser in unerhörter Weise. Er stellt eine Statistik auf, nach der es in Amerika 37 Millionen Juden gibt (in Wirklichkeit knappe 4 Millionen), und erklärt, daß die Juden weder Farmer, noch Handwerker, noch Arbeiter sein wollen, sondern ausschließlich Aerzte, Advokaten, Bankiers, Financiers und Rentner. Dreiser schließt bewußt seine Augen vor der Tatsache, daß es in den Vereinigten Staaten Tausende jüdischer Landwirte gibt und Tausende städtischer Händler einen Umsehichtungsprozeß zur Landwirtschaft vollziehen, den die amerikanische Regierung subventioniert; er verschweigt auch die Tatsache, daß in New York fast die ganze Konfektionsschneiderei in jüdischen Händen liegt, d. h. daß es in New York allein Hunderttausende schwer arbeitender Schneider gibt, ferner jüdische Chauffeure, Mechaniker, Techniker, Drogisten u. a. In solcher Weise steht Theodore Dreiser, der berühmte Schriftsteller, in einer Reibe mit den Verbreitern des niedrigsten Antisemitismus, mit den von Hitler-Deutschland organisierten amerikanischen Hakenkreuezlern. Die Frage der angesehenen Zeitschrift „Nation": „Ist Dreiser Antisemit?" wird nun von den Lesern dieser Zeitschrift eindeutig positiv beantwortet. Auch das Radio kann hier zu antisemitischer Propaganda mißbraucht werden. Seit einiger Zeit spricht ein christlicher Priester, Pater Oharies E. C o u g h I i n, im Radio über die Juden in Amerika, mit der Absicht, sie durch Vorbringen falscher Tatsachen und bloßer Andeutungen zu diskriminieren, Das, was Pater Coughlin erzählt, ist für europäische Ohren nicht neu. Er erzählt das Märchen vom dominierenden jüdischen Einfluß in Finanz und Industrie, der sich für das nationale Amerika ungünstig auswirke, und führt sechs Bankhäuser an, von denen die fünf jüdischen das amerikanische Wirtschaftsleben angeblich kontrollieren. Aber Amerika, das immer noch ein gewisses Maß „fair play" besitzt, gibt die Möglichkeit, derlei absurde Behauptungen zu widerlegen. Der bekannte Führer des American Jewish Congress und Prediger Rabbi Dr. Stephen S. W i s e richtete in einem offenen Brief und von öffentlicher Kanzel an den Pater Coughlin die Anfrage, ob er sich dessen bewußt sei, daß er durch seine teils falsche, teils gefärbte orker Korrespondenten Darstellung den jüdischen Bürgern der Vereinigten; Staaten bewußt unrecht tue, und ob es am Platz sei* daß ein Priester durch dergleichen Propaganda deil Frieden des Landes beeinträchtige und eine gefährliche Situation schaffe. Die angeblich dominierenden fünf jüdischen! Bankhäuser sind nach der Darstellung CoughinS Rothschild, Kuhn-Loeb, Warburg, Lazare Freres, Bernard Baruch und das Haus Morgan. Wer nur ein wenig über Finanz und Wirtschaft informiert ist, weiß, daß von den genannten Bankhäusern bloß Kuhn- Loeb amerikanisch, das Haus Morgan gar nicht jüdisch ist; Hingegen ist bekannt, daß neben Morgan die drei rein „arischen" Bankhäuser National City Bank, Chase Bank und Guaranty Trust Company das Wirtschaftsleben Amerikas beherrschen. Stephen Wise hat in seiner Anklage gegen die Böswilligkeiten des antisemitischen Radiopriesters Coughlin die besten und würdigsten Argumente verwendet und diesen gezwungen, einen Rückzug anzutreten. Patfer Coughlin behauptet nun, er habe „bei Feststellung der Tatsachen" gar nicht die Absicht gehabt, die jüdischen Bürger Amerikas zu diffamieren. Bisher hat Stephen Wise den Feldzug gegen den Radiopriester gewonnen. Die öffentliche Meinung ist aufgewühlt, aber noch nicht zu einer feindseligen Haltung gegen die amerikanische Judenheit entschlossen. Nichtsdestoweniger muß die Tätigkeit des Pater Coughlin mit viel Besorgnis verfolgt werden. Ein Ereignis von bedeutendem Einfluß auf die politische Entwicklung von U. S. A. hat sich dadurch vollzogen, daß der populäre demokratische Senator Long sich offen für das sozialradikale Programm Cough lins ausgesprochen hat. Dieses Programm hat eine fatale Aehnlichkeit mit dem des deutschen Nationalsozialismus und kann als Plattform für eine neue, dritte Partei angeschen werden, die für die Präsidentenwahl 1936 errichtet werden soll. Neben den Demokraten und Republikanern wird vorausischtlich die sozialradikalo Gruppe Coughlins kandidieren. Die offiziellen Kreise in Washington sind überrascht und im Begriff, sich, gegen den Ansturm der getarnten „Radikalsozialisten" des Radiopriesters Coughlin zu wehren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.