Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 458 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4PS DIE NEUE WELL Seite T,^^ J^Ws^fejI^^lJ ^$$C^^^fV$0^ Bynsk uad Sindrik Sindrik ist eine Stadt. Eine Stadt? Nein, ein Städtchen, allerdings ein solches, das in Tolrn bekannter und populärer ist als irgend welche, große Stadt. Sein Name wurde zuerst durch die. Naehbarstadt Bynsk weithin bekannt? Warum? Ihr müßt nämlich wissen, daß zwischen Bynsk, Chelm und Schiida kein so großer Unterschied sei. Nein, gar kein Vergleich, denn viele, meinen -- gar schlechte Menschen —, daß Bynsk noch Chelm Ubertreffe. Aber auf Kowed gibt Bynsk viel. Da kein Kaufmann sich mit den Bynskcr Juden in Geschäfte einlassen wollte, weil die Bynsker eine verflucht große Schwäche hatten, kein Geld für Ware zu bezahlen — was ja eigentlich nicht so schlimm ist, denn wer zahlt gern? - und da kein Schadehen von einer Heiratspartie mit einem oder einer aus Bynsk etwas wissen wollte. - was ja sehr schlimm ist, denn welcher Bürger will nicht heiraten?—, ergriffen die. Bynsker ein Hilfsmittel. Wenn einer aus Bynsk gefragte wurde, woher er sei, sso gab er nie eine richtige Antwort, da er sich seiner Stadt schämte. „Ich wohne bei Sindrik." „Meine Tante stammt aus Sindrik." „Mein gottseliger Großvater — er ruhe in Frieden liegt in Sindrik begraben." „Meine Schwiegermutter hat eine Cousine, in Sindrik . . J«, ja, die waren pfiffiger, gescheiter noch als die Chelmer, denn sie. gaben viel auf Heiratspartien, auf Kowed. So verbreitete sich in Polen durch die Bynsker der Name Sindrik. Doch Sindrik ist selbständig und benötigt keiner Unterstützung. Die Sindriker waren selber fähig, den Ruf ihrer Stadt zu verbreiten. II. Jäkel, der Polizeimaiin Sindrik war ehemals ein ausgesprochen jüdisches Städtchen. So hätte es einen jüdischen Bürgermeister, Notar, Stadtarst, Briefträger, Polizeimann, Nachtwächter - - alle waren jüdische Kinder. Die größte Persönlichkeit war Jäkel, „der Polizeimann mit dem Holzsäbcl", so genannt, weil er stets, mit Ausnahme von Samstagen und Feiertagen, einen Stock als-'-Amtssymbol bei sich trug. Er hatte einen langen schwätzen Bart, kleine Pejes, scharfblickende Augen, und besonders seine Polizeiuniform mit dem Holzsäbel trug viel zur Erhöhung seiner Würde bei. Schließlich war er eine ,.A'mf.3person". Hatte er einen wichtigen Auftrag des Gem.ein,derates in der Stadt bekanntzugeben, so nahm er die Trommel und schlug so fest darauf, daß alt und jung zusammenlief, um die Bekanntmachung zu hören. Doch einst hatte er, während die ganze Gemeinde seiner Rede, harrte, den bekanntzumachenden Auftrag vergessen. Was macht aber ein kluger Sindriker? Er sagt der versammelten Menge, er habe ein schwaches Gedächtnis, was ja'jedermann beschwören konnte, und habe daher den Auftrag vergessen. Weiter ersucht er, daß man hier warten solle, bis er nochmals die Bekanntmachung im Magistrat einstudiert habe. Und alle Leute, kleine Kinder und erwachsene Männer und Frauen, warteten stundenlang bei kaltem, frostigem Winterwetter auf ihn, und wenn einlebt gekommen wäre, so hätten sie noch weiter seiner geharrt. Wenn du, lieber Leser, nach Sindrik kommst und die Gemeinde auf dem Ringplatz versammelt siehst, dann sollst du wissen, daß man auf Jäkel, den Polizeimann, wartet. rn. Warum ein Rabbi viel ißt Die. Sindriker sind aber auch sehr gastfreundliche Leute. Welcher Jude ist es denn nicht? Die Sindriker sind gar besonderl nett und gastfreundlich. Einst hätten sie beinahe den Ehrentitel der Gastfrcundlichkeit eingebüßt, und dies geschah folgendermaßen: Der reiche Dunrid machte seiner einzigen Tochter eine derart prunkvolle Hochzeit, wie man sie selten noch in Sindrik gesehen hatte. Er, der reiche Dunrid, war nicht geizig und hatte seine schöne, schwarzäugige Tochter mit den langen, prachtvollen Zöpfen sehr lieb. Seine Freude sollte auch die Freude Sindriks sein. Wissen muß man, daß Sindrik zwei Rabbiner hat. Und dies ist keine Kleinigkeit, sondern eine große Anj5tle.genh.et, nämlich für Sindrik. Beide essen gerne, sogar sehr gerne und viel. Vom Trinken schon gar nicht zu reden. Welcher Rabbiner ißt und trinkt nicht viel, erst recht bei Hochzeits-, Beschneidungs- oder Bar-Mizwah- Festen, und läßt sich nicht noch ein „Päckchen" mitgeben? Und der Sindriker Rabbiner ist ein Goliath-Esser und Lot-Trinker, d. h. er ißt und trinkt wie zwei oder drei andere Rabbiner zusammen. Doch niemand konnte sich dies erklären, ein jeder staunte und bewunderte seine Aufnahmsfähigkeit, seinen athletischen Magen, bis . . . Unser Schmil, der Rabbiner, freute sich selbstredend auf die Hochzeit. Lange bereitete er sich auf diese Hochzeit vor, doch nicht — Gott behüte —, um eine Hochzeitsrede zu halten oder ein wunderbares Geschenk zu kaufen, nein; er übte sich im Fasten. Vielleicht machen es so auch andere Rabbiner, ich weiß es nicht, der Sindriker aber hat es ganz bestimmt getan. Der Tag der Hochzeit. Mittag. Nachmittag. Die Sonne geht unter, es ist schon Abend und der Rabbiner Schmil ist noch immer nicht zur Hochzeit, eingeladen. Lachet, nicht! Zwei Tage hat er gefastet, hatte keinen Bissen in den Mund genommen, und man ladet ihn nicht ein. Mein Gott, wie ihn der Hunger plagt.! Er, der Ghandi- Rabbiner. wird blaß und blässer, es wird spät und später und niemand erscheint, um ihn einzuladen. Der Magen knurrt schon ganz unverschämt und gar zu laut, er erbebt seine Stimme und schreit nach Brot. Endlich entschließt sich der Rabbiner und sagt zu seiner zweiten Hälfte, sie möge ihm zu essen geben. Seine Worte klangen traurig und schaurig. Und er ißt. Und wie! Nicht für zwei Tage, nein, für eine ganze Woche. Das Herz tut ihr weh, der Rebbezin, sie seufzt und krächzt. So sich zu plagen! Wer kann ein Prophet sein und auch nur ahnen, daß der reiche Dunrid ihn zur Hochzeit nicht auffordern wird? Schon hat er nach der anstrengenden Arbeit des Essens das Dankgebet gesagt, als Jäkel, der Polizeimann mit dem Holzsäbel und mit dem schwachen Gedächtnis, hastig und schweißbedeckt hereinstürzt und den Rabbiner zur Hochzeit bittet. Er hatte, nebbich, vergessen, den Auftrag des reichen Dunrid auszuführen. Der Rabbiner starrt ihn an. Es war ein fürchterlicher Anblick. Der aufgeregte, zitternde Rabbiner und der schwitzende, keuchende Polizeimann! Ja, was soll er, der Rabbiner, bei der Hochzeit machen, wenn er nicht essen kann? Vielleicht zuschauen, wie andere essen? Wie der zweite Rabbiner ißt? Nein, da kann einen der Schlag treffen oder zumindest kann man einen Herzfehler bekommen! Seine Frau flüsterte ihm was zu. Ja, richtig! Raach entschlossen schluckt er einige Pillen herunter, steckt einen Kochlöffel in eine Mundhöhle, drückt, preßt — Jäkel und die Rebbezin helfen tüchtig mit — mit aller Gewalt und Kraft gegen den Magen. Schon kollern die Schweißtropfen von den Gesichtern herab, schon will der heilige Rabbi auf die Hochzeit verzichten, als es endlich zu krachen beginnt. Und er geht zur Hochzeit . . , Versteht ihr schon, warum ein Sindriker Rabbiner 30 viel bei Hochzeiten, Beschneidungsfesten und Bar- Mizwah-Feierlichkeiten ißt? Erzählt von Josef Frankel. Tribüne Jüdische Kunstlerspiele Sevilla Pastor — Erna Siegler In den Jüdischen Künstlerspielen (IL, Praterstraße 34) gelangt Freitag, den 26. d. M., die mit großem Erfolg gespielte Operette „Der Pinczewer J o j r e a c h" zur Aufführung. Samstag, den 27. d. M., „Die Schicke r t e", Sonntag, den 28. d. M., ^4 Uhr nachm. (bei ermäßigten Preisen); „D i e Schickerte", Sonntag, den 28. d. M^, abends „Ohne Zertifikat .nach P alä st in a",'Montag, den'- 29: d. M., '"Festvorstellung zum vierzigjährigen ■ 'Schauspielerjubiläum de« Herrn Direktors M. Siegier: „Hochzeit im• AsylM und Bilder aus der Revue' „Skozel kimmt", Dienstag, den 30. d. M., Sondervorstellung des Schauspielers Markus Herschko wiez: „Kreutzer-Sonäte", Mittwoch, den 1. Mai, K4 Uhr nachmittags (bei ermäßigten Preisen), „Ohne Zertifikat nach Palästin a", Mittwocn, den 1. Mai, abends: „M asltow", Donnerstag, den 2. Mai: „Der Pinczewer Jojresch." In allen Vorstellungen Auftreten Sevilla Pastor. Jüdische Kulturstellc, II., AspernbrUckengasae 2 (R-48-2-91). Zweigstellen: VI.. Loquaiplab; 11 (B-20-0-81); IX., Währingerstraße 48 (A-14-400). Den Mitgliedern stehen ermäßigte Karten in alle Theater Wiens zur Verfügung. Besonders aufmerksam -wird auf die Revue-Operette „Servus! Servus!" in der Scala gemacht. — Konzert: Hubermaj (Bach-Händel-Feier), 10. Mai. — Der Autoausflug nach Eisenstadt am 28. April (st vollkommen ausverkauft. Eine eventuelle Wiederholung wird rechtzeitig bekanntgegeben. Literarische Sondervorstellung. Der bekannte Schauspieler Markus Herschkovl'cz, der heuer bereits einige erfolgreiche Abende absolvierte, veranstaltet Dienstag, den 30. April, in den Jüdischen Kün stierspielen. II., Prater- ■•traße 34, eine Aufführung vou J. Gordins ..Kreutzer-Sonate". Mitwirkend das Ensemble M. Siegler. Im Soloteil Sevilla Pastor, Dolly Nachbar und Mundi Hausknecht. Dr. Alfred Loewy, Facharzt für Frauenleiden und Geburtshilfe, ist von seiner dritten Palästina-Reise zurückgekehrt und ordiniert wie früher im IX. Bezirk, Alserstraße 32, von 14 bis 16 Uhr. Hitachduth Oleh Austria, Snif Haifa Jeden Montag um % 9 Uhr abends Zusammenkunft der in Haifa lebenden jüdischen Oesterreicher im Cafe Austria, Rechow Pevsner am Hadar Hakarmel. Alle nach Erez kommenden Olim und Tajarim aus Oesterreich sind herzlichst eingeladen, an diesen Abenden teilzunehmen. Neuankömmlingen werden kostenlos Auskünfte und zweckdienliche Ratschläge erteilt und zuweilen wertvolle Verbindungen geboten. „Neuorientierung des Allgemeinen Zionismus in Oesterreich" Unter obigem Titel erhalten wir folgende Zuschrift: Seit, einiger Zeit, le.se ich in Wiener jüdischen Zeitungen den Namen des Schriftstellers Dr. Josef Kästeln als Vortragenden für zionistische. Kreise. Wie mir scheint, ist es die Vertretung des offiziellen Wiener Zionismus, der zionistische. Landesverband, der Herrn Dr. Kastein über zionistische Dinge sprechen läßt. Ich las die Referate über Kaseins Vorträge, von denen ich bereits wußte, daß er sich für eine — Neuorientierung des jüdischen Geistes und Volkes einsetzt, aber neu war mir in diesem Zusammenhang seine Forderung, auch dem Zionismus, d. i. dem Wiederaufbau Palästina«, einen „neuen Sinn" zu unterstellen. Herr Kastein operiert ohne Unterlaß mit dem Begriff „Raum"; diesen Begriff verwendet der Nazi-Theoretiker Alfred Rosenberg mit Vorliebe, und es scheint, daß Herr Kastein den „Mythos des XX. Jahrhundert«" auch auf uns angewendet sehen will. Herr Kastein hüllt nämlich seine vielfach flachen und banalen Thesen, die zwischen Moses Mendelssohn und Martin Buber aufgewachsen sind, in ein literarisches Gewand — so geschickt, daß man ihn leicht für einen Propheten halte« könnte. Aber es geht schließlich um etwas anderes. Herr Kastein bekannte sich in seinem Vortrag „Der Geist der jüdischen Wirklichkeit" zu folgendem: „Der Staat . . . wird von allem Anfang an nicht durch eine Machtvorstellung umschrieben und dient keineswegs zur Erfüllung von Machtfunktionen, sondern nur als Sammelbegriff für Menschen gleicher geistiger Richtung." Ferner erklärt Herr Kastein: „Was wir heute . . . brauchen, ist nicht der Staat, nicht die Politik und nicht der Führer, sondern das gelebte Beispiel von der Verwirklichung einer Gemeinschaft." Wir kennen bis zum Ueberdruß diese Phraseologia, hinter der eben nichts steckt als „Literatur". Das ist keine jüdische Wirklichkeit, das ist unzeitgemäßer Snobismus. Wenn Herr Kastein meint, daß wir heute keinen Staat, keine Politik usw. brauchen, so ist da» seine Sache. Anders aber verhält sich dies, wenn er vom Zionistischen Landesverband Oesterreichs, von den hiesigen „Allgemeinen Zioniste n", dazu ausersehen wurde, die Gedenkrede für Theodor Herzl am 2. Mai zu halten — für Theodor Herzl, der auf nichts so stolz war wie auf das Bekenntnis, Juden staatler zu sein. Wollen unsere Allgemeinen Zionisten vielleicht Herzls „Judenstaat" ad acta legen und Kasteins „Zionistische Schriften' 'zum Erziehungsstoff für die Jugend erklären? Wer gibt mir, einem alten Herzl-Zionisten, Antwort auf diese wichtige Frage? Mit Zionsgruß Ing. A. S—r, Wien IX. Eine Zsesdhrifl;Wir .erhalten vom . Präsidenten der Wiener Advokatenkammer, Herrn Dr. Siegfried Kantor, eine Zuschrift, welche auf sein in unserer Nummer vom 17. April wiedergegebenes Gespräch mit dem Wiener Vertreter der J. T. A. Bezug nimmt. Es hieß darin, daß Herr Dr. Siegfried Kantor in Hinsicht auf die Versammlung: des Frontringes der Rechtsanwälte von „Vereinsmeierei" gesprochen habe. Herr Dr. Kantor schreibt uns: „Ich lege Wert auf die Feststellung, daß ich nicht von Vereinsmeierei', sondern nur davon gesprochen habe, daß hier bloß Enunziationen eines Vereines und nicht einer offiziellen Stelle vorliegen." Die jüdische Grati»aubi>peiKang in der Brlgitteouu. Sowohl an beiden Sederabeuden wie an allen Pessachtagen wurden in der B r i g i t t e. n a u ::80 Männer und Frauen gratis ausgespeist. Für die musterhafte Ordnung und die ausgezeichneten Speisen sorgten die Fürsorgeräte Moritz Richter und Mortts LaOd• •» to « r t i» vovbildUclier Weise.