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Die neue Welt · 1935-04-26 · Heft 458 (26.4.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 458 (26.4.1935)
Date
1935-04-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 45b DIE NEUE WEE/T K Sdte-30 RUNDSCHAU Judenreine „judisdie" Filme Als wir mehrere Monate hindurch die Lage der österreichischen Filmindustrie einer sachlichen Kritik unterzogen, fanden wir ein natürliches Echo beim Publikum. Es verstand sehr gut, was das Abkommen zwischen Wien und Berlin bedeutet: die Eliminierung der Juden aus der österreichischen Filmproduktion. Die Diktatur der deutschen Rcichsfilmprüfstcllc hatte sich bereits auf Oesterreich ausgedehnt. Der hitlerische Arierparagraph hielt seinen Einzug in die Wiener Filmateliers. Wir vergaßen auch nicht, zu erwä.hnen, daß auch jüdische Filmproduzenten die erbärmliche Schwäche besitzen, sich den antisemitischen Parolen Berlins zu fügen; daß auch jüdische Produzenten Im eigenen Haus dem Arierpaxagraphen huldigen. Zahllose Zuschriften liefen bei uns ein. Empörung, Entrüstung — und vor allem das Verlangen, die jüdischen Arierparagraphenreitcr anzuprangern. Aber die österreichische Presse schwieg. Inzwischen hat die Verstimmung der Österreichischen Filmbesucher einen derart hohen Grad erreicht, daß nun auch einzelne Wiener Blätter den Zustand als unerträglich bezeichnen. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß ein großer Teil des deutschsprechenden Auslandes die in Wien erzeugten, aber dem Arierparagraphen huldigenden Filme refüsiert. Mit einem Wort: Das Geschäft ist in Gefahr . . . Allerdings wird die moralische Entrüstung wirkungslos bleiben, solange die amtlichen österreichischen SÜellen dulden, daß die hiesige Filmproduktion sich vor dem Hakenkreuz beugt. Hifier und die Nachläufer Heuer wird auch in Palästina Hitlers Geburtstag gefeiert werden. Offiziell, unter der Aegide des deutschen Konsuls in Jerusalem. Dieser hat nämlich die englischen Behörden und die auswärtigen Konsuln zur Teilnahme an der Hitler-Geburtstagsfeier eingeladen. Auf der EinladungsHste stehen allerdings auch arabische Notabein und Vertreter der arabischen Presse, also Nichtarier, verseuchte Wüstensöhne ... Allerdings Menschen, die sehr gerne für deutsche Reichsmark Hitler-Propaganda im Vordem Orient machen. Eine Farce Die Konimission für die U c b e rfuhrung der sterblichen Ueberreste Herzls nach Palästina beschloß einstimmig, die Beisetzung in Jerusalem zu empfehlen. Das Plenum des Aktionskomitees verschob jedoch die Abstimmung betreffend die Ueberführung auf seine nächste, noch vor dem Kongreß abzuhaltende Tagung. So lautet ein Bericht aus Jerusalem. Nicht etwa vorn Jahre 1925, sondern vom Jahre 1985. Ein Jahrzehnt hindurch beschließt das zionistische Aktionskomitee oder der Zionistenkongreß, Herzls Gebeine nach Erez Israel zu überführen, gemäß Herzls letztem Wunsch. Seit dem Prager Kongreß von 1932 setzte geradezu eine Hausse in Sachen Herzl-Ucberführung ein. In Haifa konstituierte sich ein Komitee, das ein Grundstück für ein Hcrzl-Mausoleum zur Verfügung stellte; in Jerusalem bildete sich eine Gesellschaft zur Ueberführung der Gebeine, in Polen machte Senator Dr. Ringel diesbezügliche Vorschläge, in Wien realisierte ein Frauenkomitee den Gedanken eines Bartuchs für Herzls Sarg... Viel guter Wille, viel Ehrfurcht vor Herzls sterblichen Resten. Aber mit den ewigen Beschlüssen kommt man nicht vorwärts. Ohne Rücksicht auf unseren Standpunkt, daß die Ueberführung Herzls nach Palästina zur Zeit nicht zweck- mäßig sei, fühlen wir, daß die allseitige Geschäftigkeit rings um die Gebeine unseres nationalen Führers sich zu einer Farce auswächst... Glückliches Tel>Aviv Eine Gruppe in Tel-Aviv wohnhafter Warschauer Juden, von denen mehrere in früheren Jahren Pessach-Unterstützung von der Warschauer Gemeinde zu bekommen pflegten, sammelte unter sich 300 Pfund „Maoth chitim" (Gelder zum Ankauf von Mazzoth BBnHWBWBMnBBWHBMMBBBBMMWWMMBMM fflesusa-ttteuze Auf den Spuren jüdischen Lebens in Portugal Von S. Kulbak (Lissabon) Zum ersten Male habe ich die Mesusa-Kreuze in dem Städtchen Castello-Branco gesehen. Der Doktor des Städtchens, ein Marane, führte mich in die Judengasse. Eine Gasse wie alle anderen, die sich durch nichts von anderen Gassen unterscheidet. Man weiß jedoch, daß hier einmal Juden gewohnt haben. Einst nannte man die Gasse „Judario" (Judenviertel), jetzt heißt sie Rua Nova (Neue Gasse), genau so wie der Name vieler Gassen anderer Städte. Wir lustwandeln langsam. Ich suche mit meinen Augen intensiv etwas spezifisch Jüdisches. Plötzlich zeigt mir. mein Begleiter einen Holzpflock an der Tür. Ich blicke hin — ein Kreuz. Herausgehauen, an den Kanten zügeschliffen, mitten in dem steinernen Türbogen. Einheimische Arbeit, von keines Meisters Hand geschaffen, ein primitives Stück Plastik, und unterhalb des Kreuzes am Ende des vertikalens Leistens ein Kreis. „Sie werden das fast bei jeder Tür finden." Mein Begleiter sagte das in zufriedenem Ton, als wollte er mir endlich irgend etwas Interessantes zeigen, ein echtes Dokument ehemaligen jüdischen Schicksals in Portugal. Ganz unwillkürlich nehme ich ein rascheres Tempo an, eine zweite Tür, eine dritte erscheint vor mir. Wirklich: Kreuze, rechts und links, manchmal auf teiden Seiten des Türrahmens, mit Kreisen und andere Joit Dreiecken. Ich fiebere vor Neugierde, , h für arme Juden). In ganz Tel-Aviv fand sich jedoch kein einiger Anwärter auf Pessach-Unterstützung, so daß die Gruppe beschloß, das gesammelte Geld an den Verein ,,Bcth lechem" in Warschau zur Verteilung an arme Juden anläßlich der Pessach-Fciertage zu senden. So lautet die knappe Meldung aus Tel-Aviv. Eine Meldung, die für die Ohren der in der Galuth lebenden Juden unwahrscheinlich klingt. In allen jüdischen Massenzentren der Welt gibt es unzählige Arme, Unterstützungsbedürftige, auf das gute Herz ihrer jüdischen Brüder Angewiesene. In Wien z. B. genießen von 170.000 Juden fast 50.000 die Unterstützung der Kultusgemeinde. Wenn sich in Tel-Aviv kein einziger Anwärter auf Pessach-Unterstützung findet, so ist dies nicht allein auf die „prosperity", sondern vor allem auf die gesündere soziale Schichtung zurückzuführen. Ilie scharf-scharfc die den wil in eim Warnung Herr Dr. Esriel Carlebach, der seinerzeitige Schriftleiter des ,Jsr. Familienblattes" in Hamburg und gegenwärtige Berichterstatter zionistischer Blätter, wie „Hajnt" (Warschau) und „Selbstwehr" (Prag), macht es einem schwer, an den Wahrheitsgehalt seiner Berichte und Betrachtungen zu glauben. So lasen wir beispielsweise unter anderem in seinem im „Hajnt" veröffentlichten Interview mit dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Schuschnigg mit Schrecken und mit Erstaunen, daß Herr Carlebach den Lesern zumutete, seine Phantasien für wahr zu halten. Wir charakterisierten auch in einer Glosse („Im Londoner Nebel" vom 12. April) Carlebachs Bestreben, um jeden Preis, vor allem um den der Wahrheit, seine anarchistische Einstellung zu den Dingen des jüdischen und zionistischen Lebens zur Geltung zu bringen. Krankenfahrstühle größte Auswahl, für Zimmer und Straße, von S 80.— r.ufwärts, auch leihweise. Tragsessel, Selbstfahrer, EfandnQen-rtlTholqsdi Taborstraße 2 2 — R-41-0-60 Nun klopft ihm auch die „Ostjüdische Zeitung" (Czernowitz) auf die eilfertig schreibenden Finger. Sie zitiert Sätze aus seinem „Czernowitzer Bilderbogen", der im „Isr. Familienblatt" (Hamburg) erschienen ist, und zeiht ihn der Gewissenlosigkeit, der böswilligen Uebertreibung... Sie betitelt ihre Kritik: „Oeffentliche Warnung vor Carlebachs Reiseberichten." Die Stellen, die sie zitiert, sind wahrlich schaudererregend. Herr Carlebach, der — früher neutral-objektiver, ehrlich Bei Darmträgheit, Magen- und Darmkatarrh, Geschwülsten der Dickdarmwand, Erkrankungen des Enddarmes beseitigt das natürliche „Franz-Josef'-Bitterwasser Stauungen in den Unterleibsorganen sicher, rasch und schmerzfrei. Aerztlich bestens empfohlen. zionistischer Beobachter — zu den Linken abgeschwenkt Ist, scheint nunmehr jedes Gefühl für journalistische Verantwortung eingebüßt zu haben. Die Skepsis, mit der wir schon seit langem die Produkte seiner „berichtenden" Feder betrachten, hat nach seinem „Czernowitzer Bilderbogen" an Intensität zugenommen. „Was bedeutet das? Was erzählt uns das?" „Man weiß es nicht genau. Es gibt bloß Vermutungen. Möglich, daß Christen diese Zeichen geformt haben. Als man die Juden vertrieb und die Christen deren Häuser besetzten, pflegten die Christen die erwähnten Kreuze zu verfertigen, um damit anzuzeigen, daß nunmehr diese Wohnungen von Juden gereinigt seien." Ich stelle eine Zeitlang stille Betrachtungen an, wir setzen unseren Spaziergang fort und dann: „Vielleicht haben es Juden gemacht, Marannen, um zu verhindern, daß der Pöbel oder die Häscher der Inquisition zu ihnen eindringen, weil sie sie für Juden halten, oder vielleicht war dies sogar das Embleme der Marannen. Ein Erkennungszeichen für die Fremden oder für die eigenen Leute und deswegen die kleine Veränderung am Kreuz durch den Kreis und das Dreieck?! . . ." ,„Ja, möglich, jedenfalls eine interessante und merkwürdige Sache." „Und wie nennt man sie, diese Kreuze?" Mein Begleiter weiß es nicht, er meint jedenfalls gewöhnlich Cruce (Kreuz). Ich denke eine Weile nach und rufe plötzlich aus: „M esusa-Kreuze!" Er blickt mich an: „Wie?" Ich erkläre ihm, was eine Mesusa ist und was ihr Sinn bedeutet. Auf seinem Gesicht erscheinen Freude und Helligkeit. Er sieht in mir ein plötzlich hervorgebrochenes Stück lebenden jüdischen Schicksals, von dem er in der letzten Zeit soviel durch eingewanderte Händler, Agenten und Hausierer erfahren hat« Die Nazi wegen des Berner //Protokolle* Prozesses" in Verlegenheit Aus Bern meldet die J. T. A. unter dem 23. April: Die Schweizer Telegraphen-Agentur verbreitet die folgende, zweifellos von nationalsozialistischer Seite ihr zugegangene Mitteilung aus Bern: „Der Verteidiger des im Prozeß um die .Protokolle der Weisen von Zion' Angeklagten, Sylvio Schnell, hat gegen zehn Zeugen, die während der ersten Hauptverhandlung im Oktober 1934 einvernommen worden waren, beim Untersuchungsgerictitsrat Bern eine umfangreiche Strafanzeige wegen falscher Aussage vor Gericht eingereicht. Ob unter diesen Umständen der auf den 29. April 1. J. festgesetzte zweite Prozeßtermin verschoben werden wird, ist noch nicht entschieden." Hiezu sei bemerkt, daß noch im Dezember v. J. eine Gruppe Schweizer Nationalsozialisten („Volksbund") eine Strafanzeige gegen die Zeugen im Berner Prozeß wegen falscher Aussage (die Anzeiger bezichtigten die Zeugen „Chaim Weizmann und Genossen", im Strafprozeß, betreffend die „Zionistischen Protokolle", wissentlich falsches Zeugnis abgelegt zu haben) hinterlegt hat. Der Untersuchungsrichter in Bern hat den Anzeigern den Empfang dieser Anzeige bestätigt und ihnen gleichzeitig mitgeteilt, daß die Anzeige zu allgemein gefaßt sei, um als Grundlage für eine Strafverfolgung dienen zu können. Der Untersuchungsrichter setzte den Anzeigern deshalb eine Frist bis zum 5. Jänner 1935 zur näheren Substanzierung der Strafanzeige fest. Diese Fristansetzung blieb von den Anzeigern unbeachtet. Durch übereinstimmenden Beschluß des Bezirksprokurators von Bern und des zuständigen Untersuchungsrichters vom 7. Jänner 1935 wurde hierauf verfügt, daß „der Strafanzeige gegen Chaim Weizmann und Konsorten wegen wissentlich falscher Zeugenaussage teils mangels genügender Anhaltspunkte, teils mangels Tatbestandes keine weitere Folge zu geben seL" Dieser Entscheid ist in Rechtskraft getreten. Die obige Nachricht der Schweizer Telegraphen- Agentur würde darauf hinweisen, daß die Angeklagten im Berner Prozeß in letzter Stunde ein ähnliches Manöver, wie das vorerwähnte, in Szene zu setzen versuchen, um dadurch eine neue Vertagung des Prozesses zu erwirken. Es ist jedoch nicht anzunehmen, daß dieses Manöver irgendwie auf den bereits festgesetzten Termin der zweiten Phase des Prozesses, 29. April, einen Einfluß haben werde. Wer seine Kräfte abnehmen fühlt, die Spannkraft der Nerven sinken, Lebenskraft und Lebensfreude schwinden sieht, nimmt mit Erfolg Biocitin nach Professor Dr. Habermann, nur in Apotheken. „Ja, mein Herr, Sie haben recht, es ist so." Und! er läßt sinnweise das Wort fallen: „Mesusa-Kreuze!" * Auf meiner weiten Reise durch die Städte und Städtchen von Portugal habe ich solche Mesusa-Kreuze in reicher Zahl gefunden. Irgendwo angekommen, wendete ich mich nicht mehr an irgend einen Menschen, damit er mich durch die Gassen führe. Ich ging allein meiner Wege, passierte eine Gasse nach der anderen und fand rasch die Judengasse heraus — nach den Mesusa-Kreuzen. Wie immer auch die Deutung sein mag, besteht keinesfalls ein Zweifel darob, daß in diesen Gassen die Juden der damaligen Zeit gewohnt haben. Immer mehr wurde ich in meinem Glauben bestärkt, daß die Mesusa-Kreuze einst das Marannen-Zeichen gewesen sind. In solch eine jüdische Gasse gekommen, war ich nicht lange allein. Die alten Marannengeschlechter gingen mit mir mit, verfolgten mich auf Schritt und Tritt und blieben wie von ungefähr bei jeder Tür stehen. Anfangs pflegte ich bei diesen Türen länger zu verweilen und mit erregten Sinnen die Mesusa-Kreuze zu betrachten. In der Stadt Novarra, hart an der spanischen Grenze, habe ich sie ebenfalls gefunden. Die ganze Stadt liegt im Schatten einer steinernen, alten, hochaufragenden Kirche. Ich durchschritt die Kirche, ging durch die neben ihr liegende „Gasse der Kleriker", die so schmal ist wie ein gewöhnliches Trottoir, damit die Geistlichen nicht mit dem Volk in Berührung kommen und fern von Menschenhaß und Menschenbegierde ihre Predigten halten können. Neben diesem schmalen Gäßchen, einer zweiten, ein wenig breiteren Gasse bemerkte... ich

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