Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 458 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712049-2712082--5032-2718594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE NEUE WELT tfr. 45S immerhin noch so etwas wie Gefühl für Verantwortung. Anders Herr Berl Locker. Dieses Exekutivemitglied, in dessen Händen das Organisationsdepartement, ruht, hatte sich scheinbar in die Idee verbissen,der Forderung einer restlosen Disziplin durch ein sichtbares Zeichen Nachdruck zu verleihen. Man wird sich erinnern, daß zur Ueberraschung der zionistischen Welt, der Schekel für das Jahr 1935, bzw. für den kommenden 19. Kongreß, mit einer aufgedruckten Disziplin-Klausel erschien. Jeder ehrliche und vernünftige, jeder von Herzls Geist erfaßte Zionist empfindet die Einhaltung der Disziplin als etwas Selbstverständliches und hat für „zionistisch-politische" Extratouren nichts übrig. Hier aber, im aktuellen Fall, stand nicht das theoretische Prinzip der Disziplin-Haltung in Frage, sondern es handelte sich um eine Demonstration der linken Exekutive: um deren Absicht, d£n Mitgliedern der Zionistischen Organisation die Hegemonie der Linken innerhalb des Zionismus zu demonstrieren. Berl Locker ging es bei der A.-C.-Tagung nicht um eine positive Arbeit, nicht um Ausgleichung etwaiger Gegensätze, sondern ausschließlich um ein ostentatives Betonen seiner Macht, der Macht einer zufälligen Mehrheit. Bei der eingangs erwähnten Pressekonferenz sagte er: Das wichtigste Ergebnis der A.-C.-Tagung ist die Annahme der Disziplin-Klausel auf dem Schekel. Niemand wird, wie gesagt, die Wichtigkeit der zionistischen Disziplin unterschätzen. Aber es wird auch niemand die Disziplin-Klausel als zum Um und Auf des zionistischen Lebens deklarieren. Zionistische Disziplin kann niemals eine mechanische Formel sein, die Unterwerfung der Minderheit unter das Diktat der Mehrheit. Disziplin ist etwas Organisches, Vitales, aus dem Pflichtbewußtsein Geborenes. Nie aber wird das zionistische Gemüt als Dogma eine Disziplin-Formel anerkennen, die sich ausschließlich auf den Machtapparat einer zufälligen Majorität stützt. Das oberste Gesetz für den judenstaatlerischen Zionisteri sind nicht ad hoc geschaffene Paragraphen, sondern der innere Sinn des Zionismus. Und gerade diesen inneren Sinn des Zionismus versuchen die Hörren Berl Locker und Genossen zu verfälschen. Jeder Zionist wird ganz spontan alle Disziplingesetze anerkennen, die aus dem zionistischen Ideal fließen. Im Fall der von Berl Locker konstruierten Formel wird er nur aus zionistischem Pflichtbewußtsein in den sauren Apfel beißen. Die Herren Linken eignen sich am wenigsten zu Aposteln zionistischer Disziplin. Ihre Weltanschauung ist durchaus keine Gewähr für absolut zionistische Arbeit. Im Gegenteil. Wenn sieselbstin die Lage kommen, sich für eine Disziplin-Klausel entscheiden zu müssen, dann werden sie zunächst in Verlegenheit geraten, um sich später für die Unterwerfung unter das marxistische Gesetz zu entscheiden. Für die Herren der Poale Zion/ bzw. der palästinensischen Histadruth, gilt die Disziplin-Klausel nur solange, als sie nicht gegen die „heiligen Klassenkampfgesetze" verstößt. Darum ist die -Frage an Herrn Berl Locker berechtigt, wen eigentlich er organisieren will — die , zionistische Nationale oder die nichtzionistische Internationale! Zionistische Fahnen entfernt Am Sonntag, den 21. April, wurden in Tiberias, wo sich das traditionelle Grab des Rambain (Rabenu Mosche ben Maimon) befindet, die Feiern anläßlich des 800. Geburtstages des Maimonides durch eine eindrucksvoll verlaufene Zeremonie eröffnet. Die Vertreter der jüdischen Genieinden Palästinas, die Bich zu den Feierlichkeiten in Tiberias einfanden, wurden vom Festkomitee mit Musik empfangen. Auf polizeiliche Verordnung hin wurden die an den jüdischen Häusern von Tiberias anläßlich der Maimonides-Feiern gehißten zionistischen Fahnen entfernt. (Ein sonderbarer Akt im jüdischen Palästina! Anm. d. Red.) Palästina zu beiden Seiten des lordan Aus New York (23. April): Der amerikanische M i s r a c h i bat anläßlich der bevorstehenden Wahlen zum XIX. Zionistenkongreß ein Programm veröffentlicht, das sich aus 23 Punkten zusammensetzt und in welchem unter anderem ein religiös gerichtetes Palästina, Schutz judischer Arbeit, eine ausschließlich von der Jewish Agency kontrollierte Einwanderung und ein Palästina zu beiden Seiten des Jordan gefordert werden. Die deutsche Flüchtlingsfrage vor dem Unterhaus Aus London (21. April): In der letzten Unterhausdebatte fragte Mr. Dingle Fo o t, ob der Völkerbund Schritte erwägt, um für politische Flüchtlinge aus Deutschland Paßerleichterungen zu schaffen. Mr. Baldwin erwiderte, daß die Frage der Paß. erjeichterung für politische Deutschlandflüchtlinge bereits vom Oberkommissariat für Flüchtlinge aus Deutschland (jüdische und n i c h t j ü d i s c h e) sorgfältig geprüft worden ist. Seines Wissens liege kein Anlaß für den Völkerbund vor, in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen. Eine gute Antwort Aus Oslo (21. April): Eine jüdische Familie in Stavanger hatte elf Frauen von dem verunglückten deutschen Dampier „Dresden" aufgenommen, verpflegt und mit Kleidung versorgt. Der deutsche Botschafter in Oslo gab in einem Schreiben seiner Dankbarkeit Ausdruck. Er erhielt die Antwort: „Wir sind Juden und Menschenliebe ist höchste Pflicht des Judentums!" (J. T. A.) Erste Landeskonferenz der Judenstaatspartei Polens Imposante zionistische Kundgebung Im Einstein-Saal des jüdischen Akademikerhauses zu Marschau fand vom 20. bis 23. April eine kontinentale Beratung der Judenstaatspartei statt. Diese Beratung sollte nicht nur ein Bild der judenstaatlerischen Kräfte Kongreßpolens geben, sondern gleichzeitig die Wahlplattform der Judenstaatspartei zum kommenden XIX. Zionistenkongreß bestimmen. Beide Aufgaben wurden in ■würdiger und repräsentativer Weise erfüllt. Zu den Beratungen waren über 290 Delegierte aus 150 Städten sowie der Vorsitzende der Judenstaatspartei Meir Großmann und das Mitglied der Parteiexekutive Ing. Robert Stricker erschienen. Delegierte aus Polen, Litauen, Lettland. Rumänien, Oesterreich, Tschechoslowakei, Paliistina u. a. berichteten über die Fortschritte der Judcni I staatspartei in ihren Ländern und über ihre Stellung zu den aktuellen zionistischen Fragen. Hunderte Gäste, insbesondere aus West- und Ostgalizien, konnten keinen Einlaß finden. Umsim if&skm - Srnmemp An die' kontinentale Beratung der Judenstaatspartei schloß sich die erste Konferenz, der Judenstaatspartei Kongreßpol ens. Dieser wohnten außer den rund 800 polnischen Delegierten Meir Großmann und Robert Stricker als Leiter der Parteizentrale bei. Mit besonderer Wärme wurde als unbeugsamer Judenstaatler der zionistische Veteran und Freund Herzls Dr. Abraham Salz aus Tarnow (Ostgalizien) begrüßt. Der Großteil der Delegierten bestand aus jungen Menschen. Auf der Tribüne flatterten die zionistischen Flaggen. Ueberaus imposant war das Erscheinen der der Judenstaatspartei angehörigen Organisationen D e b o r a h (Frauenorganisation), Barak, Hcchaluz, Menorah, Haschmonajim (religiöse Judenstaatler), J ch u d a und der Verband der jüdischen Transportarbeiter, welcher vor kurzem der Judenstaatspartei beigetreten ist. Die Konferenz wurde durch das Mitglied Dr. Feldschuh eröffnet, hierauf folgten die Referate von Robert Stricker und Meir Qroßmann, welche unter ungeheuren Ovationen von den Delegierten und Gästen als Führer und Gründer der Juden staatspartei begrüßt wurden. Im Verlaufe der Tagung wurde Robert Stricker zum Eh ren Vorsitzen den gewählt. Mit besonderer Genugtuung konnte konstatiert werden, daß die jüdische und polnische Presse der Judenstaatsparteikonferenz täglich große Berichte und Artikel widmete, wie denn überhaupt die Konferenz ein Ereignis in Warschau war. Rlffl'PtWlü:'=^»R«i UlUüI 11 n"korperstärkf N.PPUJF. DP.HABERMAMN Nur in Apotheken von S 3.40 an. Aufldkri'nde Schriften und Geschmackinuster kostenfrei Bioeitin - Vertrieb. III. Radetzkystraßo 23 Robert Strickers Referat "Robert Stricker hielt ein eingehendes Referat über „Die Lage der Juden in der Wcl t", in dem er darauf verwies, daß schon Herzl mit Nachdruck dargetan hat, daß es unmöglich sei, den Zionismus unabhängig von der Lage der Juden in den Galuthländern zu leiten; er, Stricker, folge dem Gebote Herzls und der Tradition der ersten Zionistenkongresse, wenn er hier über die allgemeine Judenlage spricht. Auf die Lage in Deutschland hinweisend, erklärte Stricker, Hitler begnüge sich nicht mit der Ausmerzung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sondern er habe einen Krieg gegen die Juden in der Welt eröffnet. Nach einer Schilderung der spezifischen Judenlage in den verschiedenen Ländern, wo überall der Antisemitismus im Anwachsen ist, umriß Stricker den antijüdischen Ausrottungsp r z e ß' und schloß mit einem Appell an alle Zionisten, die Gegenwartsarbeit nicht zu vernachlässigen und die in den Galuthländern gehaltenen Positionen nicht zu verlassen. Stricker ging dann zu einer Kritik der H i s t nd r u t h über, der er vorwarf, daß sie nach dem Muster der zusammengebrochenen österreichischen sozialdemokratischen Partei einen „Wasserkopf" auf schwachen Beinen aufzubauen bestrebt sei. Zum Schluß wandte sich Stricker scharf gegen diejenigen, die glauben, daß aus einem heute ausbrechenden, vielleicht auch den Vorderen Orient erfassenden Krieg unserer politischen Position in Palästina Vorteile erwachsen könnten. Alt werden und jung bleiben möchte jeder. So schwierig es scheint, es ist dennoch leicht erreichbar durch ständige, sorgsame Körperpflege. Ein hervorragendes Mittel dazu ist DIANA- Franzbranntwein mit Menthol Massagen (Einreibungen) mit Diana-Franzbranntwein erfüllen mit verjüngender Kraft. Ebenso werfvoll zur Mund« und Haarpflege. Und dabei sehr billig. Nehmen Sie nur Diana und weisen Sie wertlose Nachahmungen energisch zurück. Ueberau e r ha 1111 c hl Großmann über die palästinensische Lage Meir Großmann referierte über die Lage in Palästina, schilderte mit Begeisterung das schöpfcrische jüdische Werk, die blühenden jüdischen Felder und Plantagen, die strebsame jüdische Industrie und erklärte, die 50.000 Einwanderer des letzten Jahres haben die zynischen Spötter über den Zionismus zum Schweigen gebracht. Leider aber sei der politische Einfluß des Jlschuw nicht in der gleichen Weise wie sein materieller Aufbau gewachsen. Die politischen Ergebnisse stünden in keinem Verhältnis zum zionistischen Endziel, nicht einmal zu der Größe der heutigen Einwanderung. In Palästina ersteht ein neues Ghetto. Die Juden, erklarte Großmann, konzentrieren sich in gewissen Wirtschaftsiweigcn, dio Bodenspekulation nimmt schreckliche Formen an. Entgegen dem zufriedenstellenden Bericht der Exekutive auf der letzten A.-C- Sltzung muß festgestellt werden, daß die gute Konj unktur n i c h t ausgenutzt wird. Der Exekutive gelang es nicht, eine Bodenreserve zu schaffen und so die Bodenspekulation wirksam zu bekämpfen. Die Beschäftigung von Arabern in jüdischen Betrieben steigt. Niemand sorgt für eine Vergrößerung de« Exports, die Idee von T o z e r e t h - H a a r e z (Oeffnung von Märkten für die Palästina-Produkte) wird vernachlässigt. Bei Bestimmung der Höhe der Schedulc ist die Exekutive von der Gnade des Immigrationsdepartements der Regierung abhängig. Durch das Ttansf crabk om m c n werden jährlich für zwei Millionen Pfund deutsche Waren ins Land gebracht. Die, Exekutive identifiziere die Interessen des Zionismus mit den Interessen der Arbeiterpartei, der größte Teil des Siedlungsbudgets wird für die Histadruth-Siodlungen verwendet, Mitglieder der nationalen jüdischen Gewerkschaft bekommen keine Arbeit. Zum Schluß erklärte Großmann, er selbst habe in der A.-O.-Sitzung für die Disziplinklausel gestimmt, damit nicht auch die Linken einmal eine Handhabe bekommen, sich von der Bewegung zu separieren. Großmann machte von der Gründung einer neuen Arbeiterpartei „Irgun owdim medinati m" Mitteilung und erklärte zum Schluß, daß die Judenstaatspartei selbständig, ohne Bindung mit anderen Gruppen, in die kommenden Kongreßwahlen treten werde. Alle Resolutionen und die Wahlen in die Leitung wurden einstimmig angenommen. An Großmanns Schlußrede schloßsen sieh minutenlange Ovationen für die Gründer der Judenstaatspartei, Großmann Und Stricker. Dienstag, den 23. April, halb 8 Uhr früh, endete die Tagung. Meir Großmann über zionistische Fragen Der Vorsitzende der Judenstaatspartei' und .Mitglied des zionistischen A. C, Meir Großmann, der sich einige Tage in Wien aufhielt, führte in einem Gespräch mit dem J. T. A.-Vertreter u. a. aus: Mit meiner Agitationstournee durch Oesterreich, Polen und Rumänien eröffnen wir die Wahlkampagne zii dem 19. Zionistenkongreß,, der im August dieses Jahres zusammentritt, Im Zusammenhang mit dieser Reise finden L a n 'd e s k o n f e r e n z en d c r J u d e n s t a a t spartei statt. Der Ausgang der A.-C.-Sitzung, insbesondere die unentschlossene Haltung der innerlich zerrissenen „Allgemeinen" und die Erklärung der Revisionisten, daß sie an dem nächsten Kongreß nicht teilnehmen werden, legen der Judenstaatspartei die Aufgabe auf. die Opposition zu organisieren und sie zum nächsten Kongreß als schlagkräftige Gruppe zu bringen. Wir bedauern den Rückzug der Revisionisten aus dem Schlachtfelde. Sie haben damit weder dem Zionismus noch der eigenen Partei gedient. Die Judenstaatspartei betrachtet sich nach wie vor als integralen Teil der Zionistischen Organisation und ist entschlossen, den Kampf für die Rekonstruktion der zionistisch-politischen Kampfmethoden und den wirtschaftlichen Aufbau Palästina fortzusetzen. Im Laüfo der letzten zwei Jahre sind die Judenstaatspartei und besonders ihre Zweigorganisationen, der Brith Hakanaim und der Hechalutz Hamdinati enorm gewachsen. Auf der soeben abgeschlossenen Sitzung des A. C. in Jerusalem konnte die linke Mehrheit ohne besonderen Kampf fast alles durchsetzen, was sie wünschte. Obwohl der Vorschlag der Revisionisten, eine Round-Tablc- Konferenz einzuberufen, aus prinzipiellen und organisatorischen Gründen abgelehnt wurde — und ich glaube, mit Recht abgelehnt wurde — fand tatsächlich eine derartige Konferenz in der Form einer gewöhnlichen Kommission des A. C. statt. Die Verhandlungen in dieser Kommission bezüglich einer Verständigung und Schaffung einer großen Koalition scheiterten aber an der Disziplinfrage. Nun werden über diese Frage die Kongreßwähler zu entscheiden haben. Zum Schluß erklärte Meir Großmann, das A. C. habe niemals die Anerkennung der Judenstaatspartei als Sonder verband abgelehnt; diese Angelegenheit wurde überhaupt nicht behandelt, sondern nlit seinem, Großmanns, Einverständnis bis zum Kongreß verschoben, nachdem die Judenstaatspartei das Recht, eine eigene Wahlliste aufzustellen, erhalten hat. Die Juden sollen zur Auswanderung gedrängt werden In einem Berliner Bericht der „W o 11 b ü b n e" heißt es: „Selbst in Berün merkt man jetzt den neuen Feldzug gegen die Juden stärker. Man erwartet allgemein, neue Gesetze. So ist zum Beispiel den jüdischen Zeltungen verboten worden, Propaganda dafür zu machen, daß die Juden in Deutschland bleiben. Man beginnt auch mit persönlichen Diffamierungen. Au den Litfaßsäulen kleben plötzlich Plakate: „Der jüdische Arzt X hat das und das getan." Die Dienstmädchen haben Angst, zu jüdischen Familien zu gehen, oder bei ihnen in Stellung zu bleiben, weil man ihnen sagt, sie würden später, wenn man erst alle Juden rausgeachinissen hätte, zur Strafe für ihr Verhalten keine Stellung mehr bekommen« Arbeitslosen jüdischen Angestellten werden die Unterstützungen gestrichen und von den rund tausend von der Reichskulturkammer hinausgeschmissenen Nichtariern stehen Hunderte buchstäblich vor dem Nichts. Die Ursachen dieser neuen Maßnahmen sind natürlich, wie jeder zugibt, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Erstens werden Stellen frei, zweitens hat man ein Ablenkungsmanöver. Wahrscheinlich steht eine neue Auswan* derungswelle bevor." Ol. T,A.)