Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1935-04-17 · Heft 457 (17.4.1935) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 457 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712049-2712081--5026-2718587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 457 DIE NEUE WELT Seite 9 Vom Fest der Befreiung SederbPtrachtung Von Dr. Israel Zwi Kanner (Wien) Fast bei allen Festen kann man entweder die religiöse oder die nationale Priorität feststellen. So War die erste Tat der Makkabäer eine religiöse (Reinigung des Tempels), die zweite eine nationale (Vertreibung der Fremdstämmigen). Die Bibel gibt unzweifelhafte Andeutungen dafür, daß das Pessachfest zuerst nationalen Charakter trug; erst später feierte man an ihm auch religiöse Begebnisse (Wiederherstellung des Bundes mit Gott zur Zeit des Königs Josia und Einweihung des Tempels zur Zeit des Darius). Wie das ganze jüdische Volk, wie dessen nationaler und religiöser Gedanke, so tritt auch das Pessachfest nicht vorlaut auf. In die Stille der Nacht, in die Enge des Hauses, in die Innigkeit der geschlossenen Gesellschaft verlegt das jüdische Freiheitsfest seine Hauptfeier. Keine, lärmenden Umzüge, keine öffentlichen Kundgebungen, keine aufreizenden Schaustellungen lenken die Aufmerksamkeit auf das jüdische Freiheitsfest. Es findet seinen reizenden, hinreißenden, Seele und Gemüt bannenden Ausdruck im Sederabend. Der Jude, der ein Bedürfnis nach einem heiligen Abend hat, braucht ihn nicht aus der Fremde holen, von anderen borgen, er kann ihn mit Geist und Verständnis beim Seder finden. Am Sederabend betrachtet sich jeder Jude wie als „König" und seine Frau als ,,Königin"; es ist dies das stolze Bewußtsein der Freiheit am Feste der Befreiung aus ägyptischer Sklaverei: Die Freude, darüber ist so groß, daß man noch vor der eigentlichen Mahlzeit das Hallel anstimmt und daß die lauten Gesänge die Wände erzittern machen, obwohl man erst das Korban Pessach in der Größe einer Olive (durch ein Ei symbolisiert) verzehrt hat. (Talmud Jeruschalmi, Pessachim, fol. 7). Mit psychologischer Schärfe unterscheidet die Pessach-Haggadah vier Gruppen der jüdischen Jugend: Dje Vernünftigen, die Boshaften, .die. Naiven, die Unaufgeklärten. Die Vernünftigen fragen nach dem Untenschied des Freiheitstages von den übrigen Tagen und verlangen eine logische Erklärung (erste Frage: Ma nischtaneh ™ Warum ist anders?). Die Boshaften aber fragen nicht nach dem Guten, sondern beklagen sich über das Bittere, das jeder guten Sache beigemengt ist (zweite Frage: Kulo Maror — Warum ist alles bitter?). Die Naiven geben sich überhaupt keine Rechenschaft über innere Vorgänge, sie konstatieren nur äußere unwesentliche Erscheinungen (dritte Frage: MatbiUn — Warum tauchen wir ein?). Am unglücklichsten sind aber die Unaufgeklärten, die eine Frage nicht einmal stellen können. Erst wenn man ihren Körper beugt und sie an der eigenen Person gerüttellt werden, dann erst vermögen sie die Veränderung wahrzunehmen, wenn es bereits zu spät ist (vierte Frage: Kuhann meßuhim:: Warum müssen wir uns anlehnen?). Aufgabe des Vaters, beziehungsweise des Führers ist es, den Fragenden und eine Lösung Heischenden eine befriedigende Antwort zu geben. * In Goschen schmachteten die Juden Jahrhunderte als eine grotesk-schauerliche Masse von Golems, die fast eins geworden waren mit dem Lehm, der seit Jahrhunderten ihr Element sein mußte. Eine alte Agadah — und an jeder Agadah haftet Wahrheit — erzählt, daß nicht alle Juden aus Aegypten gezogen sind, sondern nur ein Fünftel. Dieses Fünftel, das auszog, urn sich einen Judenstaat zu bauen, bekam seinen Judenstaat. Die übrigen Zurückgebliebenen, vier Fünftel,' gingen in ihrer Assimilation in Aegypten unter. Auch zur Zeit Esras — und das ist keine Sage mehr, sondern Geschichte — kehrte nur ein Fünftel der Juden aus Babylonien zurück und es zeigten sich dieselben Dinge. Immer wieder trat •beim Aufbau des Judenstaates in seinen Anfängen die Qualität und nicht die Quantität in Erscheinung. Allerdings war diese Qualität immer noch größer als die nichtjüdische Bevölkerung Palästinas: Sie hatte die Majorität! Bon MJortediai Spefttxrr In diesen Tagen jährt sich zum aehntenmal der Todestag Mordechaj Spektors. Dieser jiddische und hebräische Schriftsteller verstand es, das Leben des jüdischen Menschen und seine Umwelt in realistischer .farbiger Manier darzustellen. Er starb, nachdem er eine Reihe bedeutender Erzählungen und Romane gesehrieben hatte, nach langen Irrfahrten in New York. Die literarische Welt wird seiner in ehrenvoller Weise gedenken. Mi .it Fedjka wuchs ich in derselben Gasse auf und spielte mit ihm auf demselben Platz. Von den „guten Sachen", welche mir die Mutter zusteckte, gab ich ihm ebensoviel wie meinen jüdischen Kameraden, mit denen ich spielte, und doch empfand ich, daß er Feindschaft gegen mich im Herzen trage und in seinem innersten Innern mich hasse. Oft fragte ich mich: Welchen Grund hat Fedjka, mich zu hassen? Von den „guten Sachen", welche Fedjka von seiner Mutter bekam, nahm ich nichts, obwohl er mir sie manchmal anbot, oder mir vorschlug, sie gegen meine „guten Sachen" einzutauschen. Ich aber gab ihm bloß, ich nahm nichts von ihm. Was hätte ich auch — eigentlich - von ihm nehmen sollen? Nach seinem Stück Schwarzbrot, das er stets in der Tasche trug, oder mit dem Munde benagte, gelüstete es mich nicht; unser Brot war lichter, appetitlicher und schmackhafter. Der weiße, fette Speck, den er dann und wann mitbrachte, nach dem gelüstete es mich erst recht nicht, es ekelte mich, wenn ich darauf sah; überdies durfte ich ihn ja nicht essen, da er trefe ist. Wenn ich gar ein Stück Wurst bei Fedjka sah, wurde mir übel. Andere „gute Sachen", wie ich sie liebte, hatte Fedjka selten. Darum gab ich ihm bloß und nahm nichts von ihm. Dennoch haßte mich Fedjka im tiefsten Herzen, und wo er konnte, gab er mir mit Vergnügen heimlich einen Puff, warf tückisch einen Stein nach mir und nahm sich nie meiner an, wenn seine Kameraden gegen mich und meine Kameraden losgingen. Freundlich war Fedjka gegen mich gewöhnlich nur am Freitag; denn da bekam ich ein warmes „Plätzel" aus dem Ofen, jenen flachen Teigfladen, der so köstlich duftete, hatte weiße „Challe" und köstlichen Bohnensalat oder Kompott. An dem Tag stand gewöhnlich Fedjka plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor mir. war sehr freundlich und bekam seinen Anteil an den guten Sachen. . Wenn er sie aufgegessen hatte und merkte, daß ich nichts, mehr hatte, veränderte sich sein Wesen rasch; sein Gesicht bekam wieder den „gojischen" Ausdruck und sein Auge blickte wieder auf mich mit Haß, Feindschaft und Neid. Fedjka war mir sehr neidisch; er hielt mich für glücklich, da ich ein Judenjunge war, und beneidete mich darum, daß ich in den Cheder ging. Warum er mich als den Glücklichen und sich als den Unglücklichen ansah, das begriff ich nicht; stets hörte ich, wie meine Mutter unter Tränen aus dem Andachtsbuch vorlas: „Warum sind wir Juden bei den Christen im Golus und warum sind wir aus unserem Lande vertrieben?" Der Vater und mein Rebbe seufzten oft, daß der Golus der Juden bei den anderen so lange währe und beteten zu Gott, die Juden mögen erlöst werden, „weil des jüdischen Leids kein Maß mehr ist, es zu tragen". Warum mich also Fedjka beneidete, verstand ich nicht; begriff nicht, daß er mich für glücklich hielt, weil ich ein Judenjunge war. Fedjka beklagte manchmal so sehr das Unglück, der Sohn eines Christen zu sein, daß ich mit ihm tiefes Mitleid fühlte ... Eines Sabbats am Nachmittag, als wir im Hof unseres Hauses, auf einem Holzpflock sitzend, aus einein Teller mein Kompott und meine Challe aßen, schüttete Fedjka mir sein gequältes Herz aus: „Weißt du, wenn mein Vater es erlaubte, ich ginge sofort mit dir in den Cheder zu deinem Rebben." „Wie das?", warf ich ein, „dein Vater ist doch Christ?" „Ich wollte, mein Vater wäre Jude; da würde meine Mutter Freitag auch Kuchen backen und am Sabbat würde der Vater in die .Schul' beten gehen. Da würde ich dir auch ein Stück von meinem Kuchen und meinem Kompott geben." „Du bist dumm", antwortete ich, „wenn man einmal als Christ geboren ist, da ist nichts mehr zu machen." „Du hast gut reden, du bist als Jude geboren, möchtest du, daß deine Eltern und du Christen wären?" „Nein", erwiderte ich bestimmt, „das dai'f man nicht." „Siehst du, du willst nicht, weil es besser ist, Jude zu sein", antwortete er mit einem schweren Seufzer, während sein Gesicht wieder den bösen Ausdruck annahm, der soviel Haß und Neid zeigte, daß es mir ängstlich zu Mute wurde und ich von dem Holzklotz aufstand. ..Warum laufst du davon?", fragte mich Fedjka böse, gab mir einen Stoß und lief fort. Warum haßt er mich, was hat. er gegen mich, weshalb ist er mir neidisch?, fragte ich mich unaufhörlich. Es war Erew Pessach. Die Mutter hatte mich i sorgsam gewaschen, mir neue Kleider, neue Schuhe und einen neuen Hut angezogen, sie füllte mir die Taschen mit Nüssen an und schickte mich, bis im Herd eingeheizt ist, in den Hof spielen. Unser Hof sah festtäglich aus; die Sonne schien warm und hell und der Boden war ganz trocken, bei den Pflöcken sonnten sich die Ziegen; eine von ihnen nickte mir mit ihrem bärtigen Kopf zu und machte mir Platz; ich setzte mich nieder, holte meine Nüsse hervor und knackte lustig drauf los. Es dauerte nicht lange, da stand Fedjka vor mir, wie aus dem Boden gewachsen; er sah mich ärgerlich an: „Na, da hat man dich ganz neu herausgeputzt, wie einen jungen Edelmann." „Wir haben heute Feiertag", antwortete ich, „da habe ich neue Kleider bekommen." Ich sah mir Fedjka an; sein Rock hatte zerrissene Aermel, seine Hose war alt und geflickt und seine Stiefel hatten Risse. Ich tröstete ihn damit, daß er, wenn bei ihm Feiertag sein werde, sicher auch neue Schuhe und Kleider bekommen würde. Doch der Trost wirkte nicht und Fedjka sah mich weiter böse an. Als er aber meine volle Tasche mit Nüssen erblickte, da verschwand sofort der gojische Ausdruck aus seinem Gesicht, setzte sich neben mich und streckte die Hand nach den Nüssen aus. Einträchtig saßen wir auf dem Holzpflock und aßen Nüsse. Die Mutter lief über den Hof und als sie mich sah, rief sie: „Spiel* nur weiter; bist wohl schon hungrig? Gleich schick" ich dir etwas zum Essen, es ist sofort fertig." Fedjka beleckte sich die Lippen, als er diese Worte hörte. Er wußte, daß ich am Erew Pessach gute Sachen bekam: gebackene Mazzes, Mazzesknödel und süße „Latkes". Fedjka wich keinen Augenblick von meiner Seite; er ließ mich nicht aus den Augen und hörte nicht auf, darüber zu reden, wie gut es sei, Jude zu sein. Während er sich so in Lobpreisungen erging, kam unser Dienstmädchen und brachte mir einen Teller fetter Mazzesknödel; sie fügte hinzu, ich möge Fedjka nicht alles geben. Fedjka wandte kein Auge von den golden glänzenden Knödeln, die vom Teller blinkten und deren Duft wohlig die Nase kitzelte. Ich schob ihm einen Knödel mit der Hand in den Mund, damit er den Teller nicht mit seinen „chomezigen" Händen berühre, und nahm auch mir einen. Plötzlich spürte ich einen Stoß im Nacken, der Knödel fiel mir aus dem Mund und es flimmerte mir vor den Augen. Auf mein Geschrei lief das Dienstmädchen herbei und wir beide setzten Fedjka nach; der war, den Teller mit den Knödeln in der Hand, über den Hofzaun gesprungen. Als wir ihn endlich erwischten, hatte er sich den Mund mit Knödeln vollgestopft und der Teller war leer ... Das Dienstmädchen prügelte ihn tüchtig, doch er ließ sich geduldig schlagen und würgte indes den vollen Mund Knödel herunter. Dann riß er sich los, lief davon und warf einen schweren Stein nach uns .. - Damals begann ich zu begreifen, warum mich Fedjka haßte, damals fing ich an zu verstehen, warum die Mutter so oft sagte, wir seien im Golus... Es gibt. so viele Fedjkas . . . und sie sind gar stark. An diesem Erew Pessach hatte meine Freundschaft mit Fedjka ihr Ende gefunden. de* fttenscU&i Rede Der Mensch soll viel schweigen. Er rede entweder ein Wort der Weisheit oder Dinge, die zum täglichen Leben nötig sind. Der Mensch -mache nicht einmal bei den Dingen, die das tägliche Leben erfordert, viel Worte. Auch bei Thora und Wissenschaft seien der Worte wenig, aber es sei viel des Inhalts. Maimonidep. UofH ceädcH fe&et Die größten unserer Weisen gaben vor jedem Gebet einem Armen eine Gabe; dann erst beteten sie, gemäß dem Schriftvers: Ich will in Gerechtigkeit (Wohltur) Dein Antlitz schauen. M \iraouideti.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.