Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 457 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 457 hvoMtfy pikte muU \. £. dem Heute ist Jehuda Leib Perez nicht mehr die exotische Figur, nicht mehr der Schildcrer eines uns fremden Volks- und Brauchtums. Er ist ein Stück Leben in und um uns, ein selbstverständliches Gut _ für die Literatur und für die menschliche Seele. Es gibt keine Konjunktur für Jiddisch mehr, wie da« vor dem Weltkrieg, also knapp vor Perez' Tod, der Fall war. Das, was in jiddischer Sprache an Wertvollem geschaffen wurde, gehört der jüdischen Literatur, dem jüdischen Volke an. Perez beflügelte den Durchbruch. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, das Stoffgebiet Perez' sei so eng begrenzt, daß es den außerhalb des chassidischen Bereiches lebendem Juden fremd anmuten müsse. Perez brach zum Europäertum durch. Seine Erzählungen und Bühnenwerke drängen hinaus ins Freie. Perez ist in diesem Sinn ein revolutionärer Dichter. Zwanzig Jahre nach seinem Tod ist Perez, der jüdische Dichter, lebendiger denn je. Man liest ihn, übersetzt ihn. Man hat ihm unter die jüdischen Klassiker eingereiht. Seine Unsterblichkeit ist gesichert. Die jla&ewrtutlee \Joh?, ü. Va&z Ich kann euch, liebe Leser, den Namen der Frau nicht nennen, die ihr schwerkrankes Söhnchen der Magd überließ, sich selbst aber die kostbarsten Kleider anlegte, um zu einem Tanzfest zu gehen. Denn wozu soll sie Spott und Schande über ihre unschuldigen Familienmitglieder bringen, die vielleicht nocham Leben sind! Die Tat der Frau war jedenfalls schlecht und brachte böse Folgen. Die Magd hatte nämlich einen Freund, und kaum schloß ihre gewissenlose Frau die Tür hinter sich, als sich auch schon die Magd entfernte. Inzwischen überwältigte die Krankheit das schwache, abgemagerte Kind — es litt an Diphtheritis — und es erstickte vor Durst und Hitze. Seine Seele kam in den Himmel. Dort beklagie sie sich über den frühzeitigen Tod des brauen Kindleins und über die gewissenlosen Pfleger. Da ließen die Richter im Himmel die Mutter und die Dienstmagd zum Verhör rufen. Im taghell erleuchteten Tanzsaal schweb te indessen die tanzende Frau und gewissenlose Mutter wie auf Flügeln inmitten der aufgeputzten Lebewelt.. Ihre Augen blickten freudestrahlend im prunkvollen Saale umher und ihr schöner und zarter Körper zitterte oor ImsI und Glückseligkeit. Plötzlich erblickte sie einen Engel oor sich. Es schwindelte ihr vor den Augen, ihre Füße oersagten den Dienst und sie fiel tot zu Boden. Genau so erging es der Magd dort, wo sie sich aufhieM. Sie fiel vor den Augen ihres Freundes, wie uom Schlage gerührt, leblos auf das Straßenpflaster. Da kamen ihre Seelen oor die Richter. Die Magd sagte: „Hochgeehrte Richter! Habt Erbarmen mit eurer Magd. Ich rour ja nur für Geld gedungen; kein Band knüpfte mich an das Kind. Muß ich denn mehr Verantwortungsgefühl haben als die Mutter selbst?'' Die Mutter aber fand kein einziges Wort der Rechtfertigung. Da urteilten die Richter: „Du, Magd, hast untreu gegen deine Herrschaft gehandelt und deshalb sollen deine Freunde auch an dir untreu handeln." Und zur Mutter gewendet, sprachen sie: ,,Du sollst zur Strafe so lange auf der Erde umherirren, bis du einem kranken Kind, das von seiner Mutter schmählich oerlassen wurde, Rettung und Labsal bringst." Da warf sich die treulose Mutler oor die Richter hin und flehte: „Erbarmet euch, o Richter, einer sündigen Frau. Wie kann ich auf der Erde umherirren, wenn meine Füße nur ans Tanzen und nicht ans Gehen geioöhnt sind? Und wie lange müßte es dauern, bis ich mit meinen schwachen Füßen die auferlegte Pflicht erfüllt hätte, da ich mein Lebenlang nur im Wagen fuhr?" Da erbarmten sich die Richter der leichtsinnigen Frau und gaben ihr Flügel zum Fliegen. Sie gaben ihr aber schwarze Flügel, denn der eine sagte zum andern: „Die Frau ist sehr schön. Wenn wir ihr jetzt noch weiße Flügel gaben, sähe sie in der Tat ivie ein Engel aus.'' Die Seele der Magd kehrte jedoch in ihren leiblichen Körper zurück und siehe, ihr Freund hatte sie oerlassen. Seit jener Zeit fliegt nun der schwarze Vogel in Nacht, Nebel und Wind ruhelos umher und sucht seine Erlösung. Er nähert sich jedem Häuschen, blickt verstohlen durch die Ritzen der Fensterläden hinein und sucht nach einem verlassenen Kind, dem er Heilung bringen könnte. Aber seine Mühe ist vergebens. Die Müller, die ihre kranken Kinder leichtsinnig verlassen, sind so überaus selten, daß er seine Pflicht bis heule noch nicht erfüllen konnte. Müde, hungrig, oor Kälte fast erstarrt und traurig läßt er sich auf den Schornstein eines Hauses nieder und ächzt, daß es einen Stein erweichen könnte. Kranke Kinder — so spricht er zu sich selbst — findet man schon überall, aber an jedem Bettchen sitzt eine treusorgende Mutler und läßt keinen Wunsch ihres kranken Lieblings unerfüllt. „Wenn doch irgendeine Mutter", denkt der schwarze Vogel, „nach so vielen schlaflosen Nächten wenigstens für kurze Zeit auf dem Stuhl am Krankenbettchen einnickte^ so könnte ich einem Kind, doch einen Löffel Medizin reichen." Aber auch dieser Wunsch kann nicht in Erfüllung gehen. Denn durch die Ritzen der Fensterläden betrachtet die Mutter mißtrauisch den seltsamen Vogel, der von einem Fenster zum andern schleicht, dessen Gesichtszüge einer schönen Frau ähneln und dessen Flügel kohlschwarz sind. Erschreckt, von diesem grauenhaften, schwarzen Vogel, der ihr krankes Kind mit seinen feurigen und gierigen Augen ansieht, wird die gute Mutter diese Nadil das Kind wie ihren Augapfel hüten. Und der unglückliche Vogel, die sündige Frauenseele, wird noch lange zwecklos umherirren müssen. Könnt ihr euch nun denken, wie der Name dieses schwarzen Vogels heißt? Nicht? Dann will ich es euch sagen. Es ist der Rabe. Jetzt werdet ihr auch verstehen, warum man eine schlechte Mutter Rabenmutter nennt . . . Ost- und westfidistke QestluddeH Der ldein c Richter Ein Jude hatte ein Oel- und Fettwarengeschäft. Er verkaufte Oel, Petroleum, Seife usw. Nebenan betrieb ein Nichtjude eine Blumenhandlung. Die beiden Läden waren nur durch eine dünne Wand getrennt. Am Abend vor Geschäftsschluß zählte der Jude stets seine Losung; das tat er immer mit lauter Stimme: „Fünf Rubel in Zehnkopekenstücken, zwanzig Rubel in Silber, vierzig Rubel Gold" usw. Dann legte er das Geld in die Lade, schloß das Geschäft und ging heim. Eines Abends hörte der nachbarliche Blumenhändler den Juden wieder laut seine Losung zählen. Er schrieb die Summen und Geldsorten genau auf, ging zur Polizei und erzählte, der Jude hätte ihm seine ganze Losung gestohlen und in seinem Laden versteckt; dabei nannte er genau die Summen und Geldsorten, die er, als er den Juden zählen hörte, aufgeschrieben hatte. Die Polizei durchsuchte den Laden des Juden und fand wirklich in der Lade die Summe Geldes und die Geldsorten, die der Anzeiger angegeben hatte. Der Jude beteuerte, das Geld sei sein, aber da die Angaben des anderen so genau stimmten, schenkte die Polizei dem Juden keinen Glauben und brachte ihn samt dem Geld vor Gericht. Der Richter, dem die beiden widersprechenden Angaben vorlagen, kam trotz langen Nachdenkens zu keiner Klarheit und verschob die Urteilsfällung um zwei Wochen. Der Jude wurde in Haft behalten. An einem der nächsten Tage ging der Richter spazieren und sah kleine Judenkinder auf der Gasse spielen. Sie spielten „Richter". Das interessierte den wirklichen Richter und er blieb stehen. Die Kinder hatten zu Hause von der Geschichte des Oelhändlers gehört und verwendeten seinen Fall für ihr Spiel. Ein kleiner Junge schrie: „Das Geld gehört dem Blumenhändler", der andere: „Das Geld gehört dem Oelhändler". Der Knabe, der im Spiel der Richter war, runzelte die Stirn und dachte lange nach; dann befahl er einen Eimer Wasser zu bringen. Der Richter, welcher zusah, war neugierig zu erfahren, wozu eigentlich der Kleine das Wasser brauche. Er ging auf ihn zu und fragte ihn: „Sag', Kleiner, wozu brauchst du Wasser?" Der Knabe antwortete: „Ich werde die Münzen ins Wasser legen. Gehört das Geld dem Oelhändler, so müssen die Münzen fett sein, — denn ein Oelhändler hat immer fette Finger und auf dem Wasser müssen Fettringe schwimmen." Der Einfall des Knaben gefiel dem Richter. Er ging ins Amt und machte mit dem strittigen Geld, das sich dort befand, die gleiche Probe; es war fett. Der Oelhändler wurde freigelassen und erhielt sein Geld zurück. Der Knabe, der den Richter belehrt hatte, soll, so wird erzählt, der spätere Rabbi Elia, der berühmte Gaon von Wilna, gewesen sein. Die drei Bauern Drei Bauern kamen in ein fremdes Dorf. Dort fanden sie auf der Straße eine Tasche mit viel Geld. Im Dorf wollten sie ins Bad gehen, hatten aber Angst, das Geld mitzunehmen: denn es könnte ihnen gestohlen werden. So gingen sie denn zu einem Mann, der in der Nähe des Bades wohnte, und gaben ihm das Geld zur Aufbewahrung. Der beim Purimabend des Innsbrucker B. J. F. mit großem Beifall aufgenommene HEBRÄISCHE TANGO „ZABAR" von Artur Baue r. Jerusalem, ist in einer Ausgabe für Klavier und Gesang bei Regina Alt, Innsbruck, Müllerstraßc 9, erhältlich. Preis S 2.—, einschließlich Porto, gegen Nachnahme oder Vorauszahlung. Doch sie trugen ihm auf, das Geld, das ihnen gemeinsam gehörte, nur auszufolgen, wenn sie alle drei zusammen es holen. Wie sie ins Bad kamen, bemerkten sie, daß sie keine Seife mit hatten. Was tun? Da sagte einer: „Der, Mann, dem wir das Geld zur Aufbewahrung übergeben, haben, wohnt in der nächsten Nähe, ich werde zu ihm gehen und ein Stückchen Seife leihen." Gesagt, getan, Der Bauer kommt zu dem Mann, der das Geld in Ver* Währung hat, und sagt zu ihm: „Meine Freunde schickea mich das Geld holen. Gib es her." „Ihr habt mir doch aufgetragen, das Geld nur, dann auszufolgen, wenn ihr alle drei kommt. Wie kann ich es dir allein geben?" Der Bauer antwortet: „Dort stehen meine zwei Freunde vor dem Bad. Geh' auf den Hof und frag sie, ob du mir geben sollst, wa3 ich verlange oder nicht!" Der Mann geht hinüber: „Soll ich eurem Freund geben, was er verlangt?" „Ja", antworten die zwei Bauern vom Bade her. Der Mann gibt dem Bauer das Geld und der ver« schwindet. Die beiden andern Bauern warten — der dritte kommt nicht. Sie gehen zu dem Mann hinüber, dem sie das Geld übergeben haben, und fragen, wo ihr Freund mit der Seife geblieben sei. „Was für eine Seife?" „Die Seife, die er bei dir geliehen hat; du hast uns, doch selbst gefragt, ob du ihm Seife geben sollst?" Der Mann sagt lachend: „Seife hin, Seife her. Er hat verlangt, daß ich ihm das Geld gebe, ich habe euch gefragt und es ihm gegeben." Die zwei Bauern wurden wütend und schrien: „Daa Geld mußt du uns zurückgeben, du hast es dem Dritten nicht geben dürfen!" Dem Mann wurde angst und bange. Was sollte et tun? Soviel Geld, um den Bauern die Summe zu ersetzen, hatte er nicht. Er klagte und jammerte. Das hörte seine Tochter, kam herein und fragte den Vater, warum e< weine. Er erzählte ihr, was geschehen war. „Weine nicht, Vater", sagte die Tochter und wandte; sich an die zwei Bauern: „Ihr habt den Auftrag gegeben, das Geld nur euch Dreien zusammen auszufolgen — seid also so gut und bringt euren dritten Mann, denn euch allein ohne ihn dürfen wir das Geld nicht geben." Die Bauern sahen, daß sie nichts ausrichten würden: und gingen, Der Zionist Zum Rebben eines kleinen Städtchens kommt eis alter Jude und beklagt sich bei ihm in bitteren Worten, daß sein Sohn jeden Abend in der zionistischen Verein!« gung zubringe. Er könne beim besten .Willen nicht begreifen, wozu das gut sei. Der Rebbe überlegte einen Augenblick und ant* wortete auf die Fragen des Juden mit einem Beispiel: „Nach Wien kommt eines Tages ein Fremder. Auj seinem Weg geht er auch an der Staatsbank vorbei und sieht dort eine Schildwache stehen. Er erkundigt sich bei einem Vorübergehenden, was der da bewache, und bekommt zur Antwort: „Ja, wissen Sie, in der Bank liegen; viele Millionen in Gold und Silber." Da fragt er ver« wundert: „Einem einfachen Soldaten wird soviel Geld anvertraut? Hat man gar keine Angst, daß er es stehlen wird?" Die Antwort lautet: „Er kann doch nichts stehlen. Das Geld liegt hinter dicken Mauern von Stein und schweren Riegeln und Schlössern von Stahl, Da kann; kein Mensch heran!" Neue Verwunderung seitens des Fremden: „Wozu steht denn der Soldat da?," Die Antwort lautet: „Solange er da steht, kann er wo anders nicht stehlen!" „Verstehst du?" schließt der Rebbe, „solange dein Sohn bei den Zionisten weilt wird er nicht wo anders sündigen!" Pension Koch, Haifa III Hadar-Hakarmel II III Hermon Street 20 Telephon 1139 II Haus ersten Ranges / Herrlich© ruhige Lage / Kühle Räume / Modern eingerichtete Zimmer mit fließendem Wasser / Gepflegte koschere Küche / Mäßige Preise.