Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1935-04-16 · Heft 456 (16.4.1935) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 456 (16.4.1935)
Date
1935-04-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2712049-2712080--5014-2718574
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Sehe 2 DBB NEUE WELT „Die große bitterliche Abrechnung mit Deutschland" Die antisemitische Presse Polens, zum großen Teil der hitlerdeutschen tfazipresse nachgebildet, hat in der letzten Zeit ihre Judenhetze noch verstärkt. An der Spitze dieser Hetze steht, das Organ der Nationaldemokratischen Partei „Gazcta Wars z a w s k a", die seit kurzem eine politische Wochenausgabe herausgibt. Die erste Nummer dieser Ausgabe ist fast vollständig an ti jüdischer Propaganda gewidmet. Im Leitartikel wird ausgeführt, daß Polen zunächst zwei Dinge loswerden müsse: die Juden und die Wirtschaftskrise. Wobei gleichartig gesagt wird, daß die Juden an der Wirtschaftskrise schuld ßeien wie überhaupt an allem Unglück, das die Polen im Laufe ihrer Geschichte getroffen habe. Man hört also Streichers .,Stürmer"-Töne. Aber ea kommt noch grotesker, ebenfalls der/» Muster Streichers nachgebildet. ,,Alle Nöte Polens", sagt die ,,Gazeta Warszawska", „sind die Folge der jahrhundertelangen Invasion Polens durch die Juden. Die jüngsten Forschungen haben erwiesen, daß es niemals ohne Juden und ihre Geheimorganisationen zur Teilung Polens gekommen wäre und daß das polnische Reich viel größer gewesen wäre als es heute ist," Diese jüngsten Forschungen (!) sind zweifellos Eigenbau des Blattes und bedürfen daher keiner weiteren Widerlegung. Es ist bekannt, daß ein ungewolltes Schicksal die Juden aus dem Westen (Spanien, Frankreich, Deutschland) nach dem Osten trieb und hier zum Bleiben zwang. Das ist eine geschichtliche Tatsache. Im übrigen müssen sich die polnischen Antisemiten nicht sehr bemühen, die Juden loszuwerden. Diese versuchen schon selbst, das Land zu verlassen und sich ein neues, jüdisches Leben zu schaffen. Der soeben veröffentlichte Bericht des polnischen Auswanderungsamtes stellt fest, daß im ersten Vierteljahr 1935 rund 7000 Familien aus Polen ausgewandert sind, davon 90 Prozent Juden, von denen wiederum fast 80 Prozent nach Palästina. RUNDSCHAM MordvLolferie Aus Warschau wird gemeldet: Vor mehreren Monaten hat der junge Nationaldemokrat Stanislaw C z e c h den Bialystoker jüdischen Getreidehändler Jankel Silberstein auf ein freies Feld gelockt, Ihn niedergestochen und einer Barschaft von etwa 50 Zloty beraubt. Hernach hat er den noch lebenden Silberstein lebendig begraben. Er wurde vom Bialystoker Kreisgericht wegen Mordes zu acht Jahren Kerker verurteilt. Die Verteidigung setzte eine Revision des Prozesses mit der Begründung durch, daß Czech den Mord im Auftrage der Nationaldemokraten vollführt hat. Vor dem Revisionsgericht konnte die Verteidigung tatsächlich nachweisen, daß Czech von den Bialystoker nationaldemokratischen Führern antisemitsch verhetzt wurde, daß mehrere Nationaldemokraten untereinander losten, wer einen Juden umbringen soll und daß das Los auf Czech gefallen war. Das Revisionsgericht hat unter Berücksichtigung dieses Grundes die Strafe für Czech von acht Jahren auf vier Jahre herabgesetzt. Wie aus R a d o m s k berichtet wird, haben am 10. April drei junge Nationaldemokraten drei jüdische Passanten überfallen. Einer der Angreifer, Jeszi M i k s a, stach mit einem Messer auf den Juden Abraham Brauner ein, der an den Folgen der Verletzungen starb. Die drei Huligans wurden verhaftet. Der Arierparagraph i'm österreichischen Min Obwohl Oesterreich eine eigene wertvolle Filmproduktion besitzt, die im Begriff ist, .«ich weite Märkte zu erobern, nimmt die Zahl der importierten reich sdeutsehen Filme bei uns nicht ab. Der allbekannte Ufa- Schund, zum Teil mit fast unmerklicher Nazi-Verbrämung, dominiert noch immer in den österreichischen Kinos. Schuld daran trägt ein Vertrag, den die österreichischen Filmhändler mit den deutschen Stellen, das ist: mit der staatlichen Berliner Filmkammer des Herren Goebbels, geschlossen haben. Der Laie wundert sich, daß so etwas möglich war; daß die amtlichen Stellen das „Geschäft" der Händler ohne Widerspruch duldeten. Das Blatt „Der christliche Ständestaat" schreibt Uber diesen Zustand: „Wir haben ein neues Filmabkommen mit Deutschland geschlossen, da« uns das zweifelhafte Glück vieler reich&dcutacher Filme beschert. Ob das nötig war, entzieht sich unserer Kenntnis, wir wissen aber, daß das Reich die Einführung österreichischer Filme von einer Reihe von Bedingungen abhängig macht, die mit Politik nichts zu tun haben." Das christlich-deutsche Blatt wundert sich mit Recht über diesen Zustand, aber es irrt, wenn es glaubt, daß die Bedingungen nichts mit Politik zu tun haben. Sie Polen könnte also sehr leicht „seine Juden los werden", wenn es in ausreichendem Maße Einwandcrungsländer gäbe. Der Artikel der antisemitischen „Gaaeta Warszawska" ist aber hauptsächlich durch seinen Schlußpassus interessant. „Wir müssen diese beiden Aufgaben, die Juden und die Wirtschaftskrise loszuwerden, ohne Verzug lösen; denn der Tag ist nicht fern, an dem wir uns für unseren nächsten Kampf vorbereiten müssen: für die große historische Abrechnung mit Deutschland!" Diese Aufgabe, dieser Kampf steht garnicht im Einklang mit dem Freundschaftspakt, der zwischen Polen und Deutschland geschlossen wurde. Mit einem Land abrechnen wollen, für das man freundschaftliche Gefühle zu hegen vertraglich verpflichtet ist, zeugt nicht gerade für den Wert der deutsch-polnischen staatspolitischen Akte. Aber wie dem auch sei: die antisemitischen Kreise Polens, vornehmlich die einflußreiche Nationaldemokratische Partei, haben ihr Programm deklariert: Sie sind gegen die Juden ebenso wie gegen ihren Freundschaftspartner Nazideutschland. Billiges Ostergeschirr per Kilogramm hob w Achtung! Adresse: Michael Sprechmann, II,Taborslr. 51 Und damit diese Stimmung durch eine aktuelle Tatsache bestätigt werde, sei zum Schluß folgende Nachricht aus Warschau vom 11. April 1935 hierhergesetzt: „Die große deutschfeindliche Kundg e b u n g, die die polnische Bevölkerung von Siemianowice in Polnisch-Oberschlesien als Protest gegen die Nichtzuerkennung des Oeffentlichkeitsrechtes an eine polnische höhere Schule in Beuthen veranstaltete, hat gleichzeitig auch judenfeindlichen Charakter getragen. Die Demonstranten wurden von der Polizei zerstreut." haben mit nichts anderem als mit Politik zu tun, nämlich mit dem geglückten Unterfangen, bei der österreichischen Filmindustrie den Arierparagraphen einzuführen. Wir haben diese schandvolle Situation in einer Reihe von Aufsätzen beleuchtet. Uns hätte man vielleicht „rassische Animosität" gegen das Dritte Reich vorwerfen können. Anders liegt die Sache beim „Christlichen Ständestaat". Die Anhänger des christlichen Ständestaats Oesterreich, also die führenden Elemente in diesem Staat, sind in diesem Punkt nicht verdächtig. Wenn diese ihrem Unmut Ausdruck geben, dann muß ein anderer Maßstab angelegt werden. Was sagen die amtlichen Stellen zu der Kritik eines „christlich-deutschen" Organs an dem österreichisch-reichsdeutschen Filmabkommen? KREUZ-KINO '> Wollzeilc 17 - Tel. R-24-2-16 In den Kanülen von Paris Sä Die Schönheitskönigin" war begeistert««* Unter den Töchtern der englischen Eisenbahnarbeiter wird jährlich eine „K ö n i g i n" gewählt, die jedesmal ein anderes Land besucht, in dem ein neues Glied an die von ihr getragene goldene Freundschaftskette angefügt wird. Die diesjährige „Eisenbahnkönigin", Miß Ruby Dovery, wurde nach Palästina entsandt. In Haifa wurde der „Königin" von den palästinensischen Eisenbahnarbeitera der Freundschaftsring für ihre Kette überreicht. Sie versprach, den Friedensgruß der Palästina- Arbeiter als Antwort auf die Grüße hunderttausender englischer Eisenbahnarbeiter diesen zu überbringen. Die Eisenbahnerdelegation sah sich in Palästina um, in Dorf und Stadt. Aber den tiefsten Eindruck machte ihr die Makkabiah in Tel-Aviv, wo die Engländer mitsamt ihrer Schönheitskönigin Gäste waren. Auf eine Begrüßungsansprache des Vizebürgermeisters von Tel- Aviv, J. Kokach, erwiderte der Sekretär der englischen Eisenbahnergewerkschaft, Nelson: „Ich habe auf der Makkabiah ein stolzes jungjudentum gesehen, wie es sonst in der Welt nicht zu finden ist. Die junge „Königin" wird in Versammlungen von der Größe dieses Eindrucks sprechen und ihre einfachen Worte werden die beste Propaganda für dos heutige Judentum sein." Nelson war begeistert, die Schönheitskönigin war begeistert. Die Makkabiah hat es diesen sonst nüchternen Engländern angetan. Sie scheinen allerdings nicht gewußt zu haben, daß ihre Genossen von der II. Internationale, die linken jüdischen Arbeitersportler, am Fest der nationalen jüdischen Jugend nicht teilgenommen haben. Das „stolze Jungjudentum" Ist für diese Herrschaften, die heute die Zionistische Organisation regleren, eine schmähliche Gesellschaft von „Bourgeois", an der man kein Teil nehmen darf. Nr, 436 ITT" I--1----- . ------ —'------------------- ---------■--- Staafsländerei'en für Araber Aus Jerusalem (J. T. A.): Einer Meldung der Tageszeitung „D o a r Hajo m" zufolge hat der Distriktakommiseär von Nablus 30.000 Dunam Staats« lündorcien im Gebiet von Ghur ei Barea an Beduinen auf 8 0 Jahre zu einem PachtschllHng von 180 Piaster unter der Bedingung verpachtet, daß slo vor Ablauf der Pachtfrist keinen Boden verkaufen. * Falls sich die Nachricht bewahrheiten sollte, hat man es wieder mit einem Vorstoß der Palästina-Regierung gegen die jüdische Kolonisation zu tun. Auf alle Forderungen nach Zuteilung von Staatsländereien an Juden hat dio Regierung immer geantwortet, ea sei kein Staatsboden verfügbar. Die Araber haben schon Staats« boden in Hülle und Fülle erhalten, so viel, daß sie ntaMbi mit ihm anzufangen wissen. So hat im Bcis an¬ Gobi e t jede arabische Familie 150 Dunam und mehr erhalten und der größte Teil des Bodens liegt heute, zwölf Jahre nach der Zuteilung, völlig brach. Die Juden aber finden keinen Platz und jedes für sie noch erhältliche Stückchen Boden wird mit schwindelhaft hohen Preisen bezahlt. Während auf der einen Seite die Palästina-Regierung, dem moralischen Druck der ungeheuren Judennot weichend, die Zahl der jüdischen Einwanderungs-Zertifikate etwas erhöht, tut sie auf der anderen Seite alles, um die weitere Entwicklung der jüdischen Kolonisation zugunkten der arabischen zu erschweren, ja, unmöglich zu machen. Werden die Revisionisten zum Kongreß gehen! Jerusalem, 14. April. Das revisionistische Orgaa. „H a j a r d e n" meldet, daß die endgültige Entscheidung über die Frage, ob die Revisionisten sich am Zionlstenkongreß beteiligen werden, erst nach der Rückkehr Jabotinskys aus Amerika bei einer am 17. April stattfindenden Sitzimg der revisionistischen Exekutive in Paris fallen wird. Bis dahin, so schreibt der „Hajarden", müssen die Revisionisten auf jede Eventualität gefaßt sein. Hiezu bemerkt die der zionistischen Exekutive unterstehende Nachrichtenagentur „Palcor": Die Mitteilung des „Hajarden" bestätigt die Vermutung, daß dio revisionistische Erklärung bei der A. C.-Tagung bezüglich; des Verlassens der zionistischen Organisation nichts anderes ist als ein einfaches Manöver zum Zweck, für die weitere Entwicklung der Lage im Zionismus Zeit zu gewinnen. Au§ aller Weif Jüdischer Frontsoldatenführer in Frankfurt verhaltet. Dr. Kaufmann in Frankfurt, Führer des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, wurde verhaftet, weil er ein Telegramm an General Goe r ing geschickt hat, in dem er erklärte, die jüdischen Frontkämpfer werden weiterhin die deutsche Fahne, unter der sie im Kriege kämpften, hissen, bis ein klares Gesetz ihnen die3 verbietet. Rundfunksender gratuliert nur Ariern. Der Rdehssender München gibt bekannt, daß er Hörern, die einen Geburtstag über 90 Jahre oder die diamantene Hochzeit feiern oder in deren Ehe ein zehntes Kind geboren wird, nur gratulieren wird, wenn sie arischer Abstammung sind. 1500 hinausgeworfen. Der Prager „Neuer Vorwärts" teilt folgende Geheiminstruktion des Reichspropagandaministeriums in Berlin an die deutsche Presse mit: „Die von der Reichsschrifttumskammer eingeleiteten Maßnahmen zur Entfernung aller nichtarischen Mitglieder aus dem Reichsverband deutscher Schriftsteller werden zunächst etwa 1500 Nichtarier betreffen. Die Auskämmung soll planmäßig fortgesetzt werden. Es ist jedoch nicht erwünscht, diese Maßnahmen allzu sehr in den Vordergrund zu rücken." Verstärkung des Antinazlboykotts. Im Hotel Commodore zu New York fand eine von mehr als 400 Vertretern jüdischer Landsmannschaften und Organisationen besuchte Konferenz statt, in der beschlossen wurde, die jüdischen Massen zur Verstärkung des Boykotts Nazideutschlands aufzufordern. Hauptredner waren Doktor Stephen Wise, Dr. A. Koralnik, Dr. Margoshes, Abgeordneter Goldberg u. v. a. Deutsche Nationalsozialisten hetzen in Bukarest. Am 9. April wiederholten sich die antijüdischen Ausschreitungen von Studenten der Bukarester Universität. Es zogen Studenten durch die Straßen und stießen antijüdische Rufe aus. Einige Demonstranten wurden verhaftet, unter ihnen zwei Nationalsozialisten, die man für die Aufwiegler hält. Die Polizei hat eine Aktion eingeleitet, um festzustellen, welche politische Tätigkeit die in Rumänien lebenden Ausländer ausüben. Weltkongreß der Hcbraisten am 20. Mal. Die Eröffnung des Weltkongresses der Hebraisten, der von der Brith Iwrith Olamith (Hebräischer Weltverband) einberufen wurde, wird am 20. Mai (nicht, wie anfänglich festgesetzt, am 6. Mai) in Palästina stattfinden. Goethe» „Faust" In Jiddisch. Der bekannte jiddische Dichter E. Pininberg hat soeben eine Ucbersetzung von Goethes „Faust" ins Jiddische vollendet, die vom Moskauer Verlag „Emeß" herausgegeben werden wird. Es ist dies die erste jiddische Ucbersetzung des „Faust". Verständigung zwischen Agudah und Misrachl gescheitert. Wie die Palästina-Presse mitteilt, hat der Versuch, eine Verständigung zwischen Agudah und Misrachi herbeizuführen, zu keinem Resultat geführt. Auch das geplante Abkommen zwischen Hapoel Hamisrachi und Poale Agudas Jisroel kam nicht zustande. Dr. Heinrich Schöukor gratuliert seinem Freund Dr. Zwi Schächter zur Rabbinerpromotion. B Mate« Kellmann und Frau gratuliere» Herr* Dr. Zwi Schächte? zur Rahbincrpromotio«, M

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.