Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 456 (16.4.1935)
- Date
- 1935-04-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen fahrganc* 9 Dienstag/ den 16« Apr«9 *85 " Nr, 45«* V« b. b* Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par 1'editeur" REVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljahrig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig I#ir« 1M~4 Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion «, Verwaltung: IX, Universitätsstr» 8, Tel, A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Kein jüdifdier Sportler bei der Berliner Olympaadel935 In der nach Abschluß der Makkabiade in Tel- Aviv abgehaltenen Sitzung der Leitung des Makkabi- Weltverbandes wurde folgender Beschluß gefaßt: „Der Makkabi-Weltverband untersagt allen in den Makkabi-Verbänden organisierten Sportlern die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen und an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin." Dieser Beschluß ist zu begrüßen. Es war um so notwendiger, ihn herauszugeben, als sich leider in einzelnen Fällen, die auch in unserem Blatte besprochen waren, jüdisch organisierte Sportler dazu verleiten ließen, bei internationalen Wettbewerben in Hitler-Deutschland anzutreten. Durch den Beschluß werden die Sportbehörden in den Ländern zu klarer Entscheidung genötigt sein. So vor allem in den Vereinigten Staaten, in England, Italien und Frankreich. Eigentlich dürften diese Länder, welche die Gleichberechtigung aller Sportler als heiligstes Prinzip hochhalten, nicht ein Sportfest in Deutschland beschicken, wo ihre jüdischen Bürger wegen ihres Blutes diffamiert werden. Es wurden auch hier und dort, vor allem in Amerika, von jüdischer Seite Versuche unternommen, auch die nichtjüdischen Sportgenossen vom Besuche Berlins abzuhalten. Diese Versuche sollten aber lieber unterbleiben. Amerikaner, Engländer usw. sollten grundsätzlich den Veranstaltungen in einem Lande fernbleiben, das Sportler bestimmter Abstammung wegen ihrer Abstammung schmählich beleidigt. Das gebietet wahre Sporte h re., Aber diese Entschließung muß aus freien Stücken erfolgen. Von jüdischer Seite darum zu bitten, ist unwürdig! Vor kurzem wurde bei der „Vaterländischen Fron t" — der Organisation,., welche alle österreichischen Bürger umfassen soll und als einzige Trägerin politischer Willensbildung anerkannt wird — ein ärztlicher Fachbeirat gebildet. Es ist klar, daß diese Körperschaft bei der Regelung der Verhältnisse im ärztlichen Stande maßgebenden Einfluß ausüben wird. Die Zahl der Juden in der österreichischen Aerzteschaft ist sehr groß. Aber in den ärztlichen Fachbeirat wurde kein Jude aufgenommen. •>:• Eine andere Körperschaft ist der Frontring österreichischer Rechtsanwälte. Auch sie ist judenrein. Die Bedeutung dieser Körperschaft für die Verhältnisse im Stande der Rechtsanwälte geht daraus hervor, daß Bundeskanzler Dr. Schuschnigg ihr Ehrenpräsident ist. Der Frontring hat in der Vorwoche eine Tagung abgehalten, auf welcher die Erörterung des Problems „Bodenständigkeit und Rechtsanwaltsstand" einen Hauptgegenstand bildete. Jedermann weiß, daß in diesen Kreisen wie überhaupt in allen öffentlichen Diskussionen in Oesterreich das Wort „bodenständig" nur eine Umschreibung für „judenrein" und „heimatfremd" eine für „jüdisch" ist. Der Vizepräsident des Ringes, Dr. Seidler, erstattete das Hauptrefeirat und erklärte einleitend: „Das Vertrauen in das Recht wird durch nichts so sehr erschüttert als durch einen Bruch der geradlinigen organischen Fortentwicklung durch das Eindringen heimatfremder Momente in Recht und Gesetzgebung. Hier aufzubauen ist Zweck und Ziel des Ringes." Anschließend berichtete der in Vertretung des Bundeskanzlers erschienene Dr. Wangermann über den grundlegenden Versuch, den Bodenständigkeitsbegriff rechtlich zu definieren und dessen Einbau in das öffentliche Recht zu ermöglichen. Es werde eben ein weiterer Zeitraum bewußten Bekennens zum Oesterreichertum verstreichen müssen, um den zuständig Gewordenen zum Oesterreicher zu machen. (Was man unter „Zuständiggewordenen" versteht, ist auch klar. Es ist eine buchstabenverschwendende Umschreibung für „Jud".) Auf der Tagung waren das Justizministerium und das Generalsekretariat der Vaterländischen Front vertreten. Es wäre daher unklug, ihre Bedeutung für die Zukunft der jüdischen Rechtsanwaltschaft zu unterschätzen. In der Praxis hat die Ausschaltung des jüdischen Elements schon große Fortschritte gemacht. Verdrängung und Ausschaltung der jüdischen Aerzte und Bankbeamten, Nichtanstellung von Juden in öffentlichen Diensten, Schaffung eines Schulghettos, all das sind Dinge, die hinlänglich bekannt sind. Die vorher geschilderten Vorgänge zeigen, daß man sich nicht mehr mit rein praktischen Maßnahmen begnügen will. Man will auf dem Wege über die obersten Fachvertretungen, über die Spitzenverbände den Grundsatz der „Bodenständigkeit", d. h. der Judenreinheit in. das Gesetz einbauen und sie so zum aligemein gültigen Grundsatz erheben. Steht die österreichische Judenschaft gegenüber dieser verhängnisvollen Entwicklung irgendwie gerüstet da? Nein! Die Diskussion über das Schicksal der Juden geht vor sich, ohne daß von jüdischer Seite in sie eingegriffen wird. Wohl sitzt in den obersten Körperschäften der staatlichen und städtischen Leitung je ein jüdischer Vertreter. Aber es fehlt, abgesehen von der numerischen Schwäche der Vertretung, die große jüdische Organisation, welche der Tätigkeit dieser Männer Gewicht verleihen könnte. Es fehlt der organisierte jüdische Volkswille, dem sie Ausdruck verleihen könnten. Sie sind und bleiben Einzelpersonen, die bei schwerster Anstrengung und redlichster Mühe nicht über unwirksame Proteste und wenig wirksame Interventionen in einzelnen personalen Fällen hinauskommen können. Sie erfüllen ihre Pflicht und es ist nicht ihre Schuld, daß die judengegnerische Entwicklung fortschreitet. Es ist töricht, von ihnen Wunder zu erwarten, und ebenso töricht ist es, wesentliche Erfolge von Protesten und Interventionen offizieller jüdischer Stellen mit beschränktem Wirkungskreis, wie etv/a der Kultusgemeinden, zu erhoffen. Hinter den Personen und Körperschaften, welche heute an der Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben arbeiten, stehen Organisationen mit einem Programm, mit einem die Judenfrage betreffenden ausgeprägten Willen. Hinter den ernannten jüdischen Funktionären und den jüdischen Zweckverbänden steht kein Programm, hinter ihnen stehen nur Juden, denen nichts gemeinsam ist als die Angst vor der Zukunft. r. st. Ah vmm £me! Wegen der Pessach - Feiertage erscheint unsere nächste Ausgabe Mittwoch, den 17. April, als ßessacU-Hmmet in verstärktem Umfang. Erzählungen / Illustrationen / Humor Preis 20 Groschen! Die neuen PalästmasZertifikate Aus Jerusalem wird unter dem 14. d. gemeldet: Die Schedule für das kommende Halbjahr April- Oktober ist seitens des Oberkommissärs mit 8000 Zertifikaten und außerdem 500 als Zugabe zum vergangenen Halbjahr bestimmt worden. (Palcor.) Weltpolitik der Woche Dio Konferenz in Stresa sollte den Zweck haben, Mittel zu linden, um den Frieden Europas zu siebern. Die drei westlichen Kulturstaaten Frankreich, Italien und England erkannten, daß der Friede Europas bedroht sei, und zeigten sieh entschlossen, der Gefahr zu begegnen. Es ging nur darum, mit welchen Mitteln diese Gefahr beseitigt werden sollte. Italien und Frankreich stellten das Prinzip gegenseitiger militärischer Hilfeleistung auf, während England aktive Verpflichtungen auf dem Festland nicht eingehen wollte. Es glaubte, daß durch Schaffung gemeinsamer Takte jeder Waffengang vermieden oder zumindest für den Angreifer, den Verletzer der Verträge, unrentabel werden müßte. Die Konferenz von Stresa, ist vorüber. Die europäische Press« spricht von einer Wendung; vom Beginn einer neuen politischen Konstellation, bzw. Stimmung. Sie, tut es, obwohl Deutschland —- bis auf das plötzliche Anbot, dem Ostpakt beizutreten -- weiterhin das Gespenst während der Verhandlungen geblieben ist, die Taktik, aber nicht die Sinne ändernd. Das Fazit der Konferenz von Stresa besteht zunächst darin, „daß die Verhandlungen für die erwünschte Fortsetzung der Sicherheit im Osten fortgesetzt werden müssen". Das besagt so viel wie das Eingeständnis, nach wie vor die definitive Regelung der Ostfragen nicht erreicht zu haben. Weiters wurde das Selbstverständlichste von der Welt, die innere und äußere Unabhängigkeit Oesterreichs, nochmals ausgesprochen, mit der Weiterung, daß Oesterreich aufrüsten dürfe; dazu noch der Plan, Ungarn und Bulgarien eine gewisse Bewaffnung zuzugestehen. Und zum Schluß die im Text zwar etwas bombastische, aber in ihrem Kern höchst problematische Erklärung, daß dio drei konferierenden Mächte ihren einmütigen Willen feststellen, „sich durch alle geeigneten Maßnahmen jeder einseitigen Aberkennung vertraglicher Verpflichtungen, die geeignet sind, den Frieden Europas zu gefährden, zu widersetzen und zu diesem Zweck in enger und herzlicher Zusammenarbeit vorzugehen". Ueber die geeigneten Maßnahmen gehen die Ansichten der drei Mächte auseinander. Mussolini vor allem wünscht automatisch eintretende militärische Hilfeleistung gegen den Friedensstörer. England will bei einem Konflikt zunächst beraten, den Völkerbund anrufen usw. Alle aber haben die Frage der A b r ü s t u n g fallengelassen. Es wird m?Hirgerästet. Stresa hat d i e sb e z ü g 1 i c h nichts geleistet. Da nun aber Deutschland allein es ist, das seine Aufrüstung zum Zweck eines Angriffs forciert, da Deutschland allein eine territoriale Revision der Verträge (abgesehen vom kleinen Ungarn) durch Waffengewalt anstrebt, ergibt sich die groteske Tatsache, daß gerade in dem einen Punkt, der Gefahr des Friedensbruchs durch Deutsehlands kriegerische Potenz, die Konferenz von Stresa vollständig versagt hat. Die Mächte werden sich, heißt es im Stresaer Kommunique, jeder einseitigen Aberkennung vertraglicher Verpflichtungen widersetzen. In welcher Weise? Durch diplomatische Proteste oder durch Waffen? Es gab in Stresa nur die zwei Möglichkeiten zu besprechen: Soll man das beutegierige Deutschland entwaffnen oder an Ketten legen? Und gerade diesem Dilemma sind die drei Mächte ausgewichen. Sie werden in enger und herzlicher Zusammenarbeit vorgehen, heißt es weiter im Stresaer Kommunique. Aber dieses Vorgehen läßt keine klaren Umrisse erkennen. „Stresa wird die Einleitung weiterer Konferenzen bilden", schrieben wir in unserer vorwöchigen Betrachtung. Unsere Prognose trifft ein. Die. nächsten Etappen sind Genf und Rom. Also ein weiterer Aufschub. Die Erklärung gen von Stresa lesen sieh sehr schön, aber Europa l»t nicht beruhigt. Er wartet weiter in banger Erregung. Ü. f.