Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 454 (9.4.1935)
- Date
- 1935-04-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2712049-2712078--5000-2718558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite S DIE NEUE WELT Nr. 454 Präger Parlament ohne judsscfie Vertretung sittetes Völkericben glauben, worin die Diktat ur der rohen Gewalt nicht vorherrschen darf, setzen ihre Hoffnungen auf den Führer des italienischen Volkes. .Es interessiert hiebei niemanden, welches diplomatische Verfahren angewendet wird, um den Frieden zu erhalten. Das hängt zunächst vom Störer Hitler- Deutschland und vom Beschwichtigter England ab —- von den gegenseitigen Kräfteverhältnissen in dem Prozeß, der jetzt, einer Entscheidung entgegenreift. Ist Deutschland bereit, an einer Politik des Einvernehmens und des kulturellen Nebcneinand^rlebens teilzunehmen und bis zu welchem Grade? Wieweit wird sich England in einem europäischen Sicherheitssystem binden? Das sind die zwei Fragen, die den Ausgangspunkt der Konferenz in Stresa bilden werden. Deutschland muß vor eine positive Beantwortung gestellt werden, England muß seine schwankende Haltung aufgeben. Dann wird Italien gemeinsam mit seinem französischen Nachbar das entscheidende Wort sprechen. Stresa wird bestimmt keine Tat setzen. Es wird die Tat vorbereiten. Oder es wird die Einleitung weiterer Konferenzen bilden. Wenn Simon und Laval keinen Modus zu einer befriedigenden Lösung finden sollten, dann werden sie unter dem Druck der öffentlichen Meinung gehen müssen und weitsichtigeren Staatsmännern Platz machen. Die Entscheidung hierüber dürfte aber erst in einigen Monaten fallen. In der Zwischenzeit muß sich die nervöse Ungewißheit in ein Wettlüsten flüchten, das das Herannahen einer Katastrophe nur fördern kann. o. r. Die Tagung 4?§ z^mstfsdhen Ä- C. Jerusalem, 5. April. Im weiteren Verlauf der Tagung brachte Rabbi Meir Berlin (Misrachi) zwei Interpellationen ein. Die erste betraf die Liquidation des J e w i s h Colonial Trusts, welche bekanntlich erfolgen mußte, weil dieses Institut unter der Weltwirtschaftskrise schwer gelitten und in den Galuthländcrn keine Aufgabe mehr zu erfüllen hatte. Diese Frage wurde der Bank-Kommission zur Beratung zugewiesen. Die zweite Interpellation befaßte sich mit der mangelhaften Beobachtung des Sabbaths in Palästina, insbesondere in den Arbeitersiedlungen. Die politische Kommission erörterte die Einführung eines E i n b ü r g e r u n g s s y s t e in s, wonach den Einwanderern sofort nach ihrem Eintreffen provisorische Papiere eingehändigt und das volle Bürgerrecht nach Ablauf der Einbürgerungsfrist zuerkannt werden soll. Auch wurde die Regelung des Status der „illegalen Einwanderung" besprochen. Die Finanz Kommission arbeitete eine Resolution aus, In der die Erhöhung der Regierungsbeihilfen für das jüdische Erziehungswesen gefordert wird. Zu scharfen Auseinandersetzungen kam es nach einem Bericht Frumkins über die Lage der jüdischen Arbeiter in den Siedlungen. Der Referent forderte nämlich Privilegien für die .jüdischen Arbeiter in der Landwirtschaft und die Entfernung jener Unternehmer, welche jüdische Arbeit boykottieren, aus allen öffentlichen Stellungen. An der Debatte beteiligten sich die Mitglieder der Exekutive und alle Parteien. Der rechte Flügel wandte sicli gegen die Anwendung scharfer Maßnahmen und protestierte gegen die Zusammenfassung jüdischer und arabischer Arbeiter in einer gem e i n s a m e n Organisation. Die Entscheidung über die Durchführung der vorgeschlagenen Maßnahmen wurde der Einwanderungskommission überlassen. Man nimmt an, daß die Beratungen Ende der Woche abgeschlossen sein werden. UngSüdksfall bei der MaUhabiah Aus Tel-Aviv wird unter dem 7. d. gemeldet: Bei der Makkabiah hat sich ein tragischer Unglücksfall ereignet. Teilnehmer der französischen Expedition gingen in Tel- Av i v im Meer baden. Sie wurden dabei von der Flut überrascht. Vier Personen gerieten in Ertrinkungsgefahr. Mitglieder der Schwimmsektion der Wiener Hak o ah eilten unter eigener Lebensgefahr zur Hilfe. Es gelang ihnen, zwei mit den Wellen Kämpfende aus dem Wasser zu holen, zwei andere aber konnten nicht mehr gerottet werden und ertranken. Judenstaaisparfei Oes$€E»regdh$ Dienstag, den 9. April: l'rauriiurganisulion e Ii or a h". Re/.ltatlonsabentl Fr. Amiy Gold, 1 0 l'hr abends, II., Kleine ZufahrtstraKc ISfi. — Srktioii XIV/XV, Sc nun/.strafte :J.'i, Versammlung: „W a s bedeutet f ii r im s ü e r S c Ii c k c 1 Redner: Dr. Kachel Offner, Kd.Tiiin«l Sfekel. — .1 u d e. n stau t sju?end: Sektion I'rate.r, II., Kleine Znt'alirtstnine Mi«, './■) Vhr abends, Seminar für jüdische (icKc)i'cb*e; lieferen!: Viktor Ii o s e n f e I d. Sektion f.eopoIdKtuiit, II., TnborKtraQe 21 », <m9 Uhr abends, Seminar für /.ionistihclie (jeerhichto.; Heferent: •lonef Frankel. Gruppe Hrigittenau, XX., lleiuzelmanngaKse 20, Uhr abends, Gruppenprobl'une; Keierent: .Mendel Hager. Mittwoch, den 10. April: Zentrallieim, f., Werdertor- KTastiO 14, H-9 Uhr abend«, Vortrat; Uuerbuurat Itoberl Stricke r: Die Tagung des A. C. — lU'.no Barak, Gruppe VI/VII, 8 L'hr abends, Sitzung im Cafe Patria, VI., -Uarinhllierstralie 127, unter Leitung von Dr. I. 'L. K a n n e r. Donnerstag, den 11. April: 'I* rat er, II., Kleine ZufahMslraße Hiß, 1 .» Liir abend«, Vortrag Dr. Obkar T tiller: Jüdische Dichtkunst in deutscher Sp.~p.che. Sektion l.eouoldstadt, II., Taboratraße 21 a, 'j9 Uhr abends, Vortrag Kabbiner Dr. I. Z. K a n n e r. — Stndcntenklub, I., Werdertorgasse II, 1 :!) l'hr abenflct, Fortset/ung der DislitiSMion: Was will die .Juden^tautspartei? — Gruppe Vl/Vll. 1!) l'lir abends, Cafe .Mariahilf, VI., .Mariuhllferstraße 8!) a, Mitgliederversammlung; lieferen!.: Vik'or K p s e n f e l d. Anläßlic?. iier 1* e s s a c Ii - F e i e r t a g e verunstaltet die Judenstaalsp&rtei am Donnerstag, den 18. d. M. (/weiter Sederabend), unter Leitung des Itubbiners Dr. I. Z. K a n n e r und in Anwesenheit AI e i r G r «> (i m a n n s einen tterienihcnü. Ort wird noch bekanntgegeben. I'm-.Ih S 5.— pro Gv.dwrk. Anmeldungen Montag und Mittwoch zv.ifiehen!';8 und ''.10 Uhr abend» bei Herrn Mose« Goldhirsch im Sekretariat, I., Werdortorgasse 14. Voranzeige! Anläßlich de« 1">. GehurUtages 'i' h e od o r II e r z 1 s verunstaltet die .IiideiiKtaatNpartei am DonnerHtag, den 2. Mai, im *lotel L'ontinenyal eine große II e r z 1 - G e d e n k- («lei. Aus Prag (J. T. A.): Das Abgeordnetenhaus nahm das neue Wahlgesetz, an, wonach nur die Stimmen solcher Parteien berücksichtigt werden, die. wenigstens in einem Wahlkreis die M in (lestznhl von 20.000 Stimmen und <m ganzen Staate mindestens 120.000 gültige Stimmen erzielt haben. Der ursprüngliche Kegierangsentwnrf, In dem für die kleinen Minderheiten ein Quorum von Z50.000 Stimmen vorgesehen war, wurde fallen gelassen, no daß die Jüdische Partei nicht mehr gesondert kandidieren kann, da sie 120.000 Stimmen im ganzen Staatsgebiet nicht wird aufbringen. Der jüdische Abgeordnete Dr. G o 1 d s t e 1 n (Zionist), welcher bi-ber d'c besten Beziehungen zur Regierung unterhVlt und! hervorhob, d'.ß er /< um erst e n- I mal gegen dir l'egierung spreche, bemühte sich in einer j laugen l'edo vergeblich, den Anschlag gegen die Juden zu verhindern.?'r warf der Regierung vor, daß sie sich dem Diktat der tschechischen Hakcnkreuzler füge. Eine selbständige orthodoxe Landeskanzlei Dagegen bat die Regierung einen Sehritt unternommen, welcher eine Bevorzugung der Trennung»« Orthodoxie gegenüber der liberalen und nationalen Judcnschaft bedeutet. Die „x-> idnve N o v i u y" berichten: Die Zionistenzentrale in M.-Ostrau erhielt die Verständigung, daß daa Schulministeriiiiti die Bewilligung erteilt habe, noch vor den P a r 1 a m e n t s w a h 1 e n eine sogenannte orthodoxe Kau y. I e i der jüdischen Gemeinden in KnrpathnruBland zu errichten. Diese Kanzlei soll dielt n e i n g e s c h r iL u k t <>. AI a c h t über die Verwaltung aller in den Händen der Anhänger des Rabbi Spira aus Mukacevo befindliehen Judengemchulen erhalten. Es scheint, daß Oiv Agrar-Partei «fiesen Beschluß durchgesetzt hat, da .«?:« S'Cli von der Hilfe der Spira-Anhänger in Karpathorußland einen W a h 1 e r f o I g verspricht. freit Ein katholischer Priester zur Judenfrage In der Zeitschrift ,,N e u e O r d n u n g" (Herausgeber Professor Dr. Karl Lugmayer, Volksbildungsreferent der Stadt Wien) hl der Wortlaut eines Vortrages erschienen, welchen der bekannte katholische politische Schriftsteller Pater ZyriU Fischer am 10. Dezember 1934 im „Ring zionistischer Alter Herren" gehalten hat. Schon der Umstand, daß der Vortrag abgehalten werden sollte, hat Anlaß zu einer nicht ganz leidenschaftslosen Auseinandersetzung gegeben. Persönlichkeiten aus den Kreisen der Allgemeinen Zicnisten und der Kultusgemeinde versuchten unter Hinweis auf die „Gefährlichkeit" die Abhaltung des Vortrages zu verhindern. Nach dem nichtöffentlichen Vortrage, über den einer Verabredung gemäß kein Bericht herausgegeben wurde, setzte neuerlich eine Diskussion ein. Eine jüdische Korrespondenz gab unter dem sensationellen Titel: „Die Taufbewegung in Oesterreic h" einen irreführenden Bericht über den Vortrag und der! Wiener Oberrabbiner, Herr Dr. F e u c h t w a n g, nahm im Wege ebsn dieser Konferenz Gelegenheit zu ablehnenden Aeußerungen über die Rede Pater Fischers, der er nicht beigewohnt hatte. In unserem Blatte ist dann Dr. Jakob W e i n e r, der unter den Zuhörern war, der entstellenden Berichterstattung und den Aeußerungen des Herrn Oberrabbiners entgegengetreten, die er als beleidigende Herabsetzung der zionistischen Alten Herren und eine Behinderung der so notwendigen Verständigung zwischen gutgewillten Nichtjuden und Juden charakterisierte. Nun hat Pater Fischer den Inhalt seines Vortrages veröffentlicht und damit resolut und in geeigneter Form mißwollender Mythenbildung ein Ende gesetzt. Jedermann kann sieh nun ein eigenes Urteil über Pater Fischer und den Zionistischen Alt-Herren-Verband bilden. Einleitend schreibt Pater Fischer: „Ich will hier nur nochmals wahrheitsgemäß ausdrücklich feststellen, daß e3 pure Angsteinbildnug ist, wenn die Aussendung von ,,T a u fpropaganda" spricht. Glatte Erfindung ist es weiter, daß ich, beziehungsweise der „Ring" von der „Katholischen Mission in Oesterreich" zum Vortrag „veranlaßt" wurden. Märchen ist es auch, daß ich meinen Vortrag sozusagen „parallel" zu den „Bekchrungsversuchen" gehalten hätte. Ich habe nur, wie es gewünscht war, den katholischen Standpunkt gezeigt, habe mich jeglicher „Werbetätigkeit" von vorneherein und grundsätzlich enthalten. Wer das bloße Zeigen und Umreißen der Stellung eines anderen schon als „Propaganda" oder „Missionstätigkeit" hinstellt, um dessen innere Sicherheit muß es herzlich schlecht bestellt sein. Wieso Doktor Feuchtwang mich wegen des beiden Teilen bekannten „Endzieles der Kirche" — ich stellte dies ja ausdrücklich fest und glaube niemandem damit eine Neuigkeit gesagt zu haben, wenn ich rein sachlich referierend dieses Endziel zur Vollständigkeit des Themas nannte —, wieso der Herr Oberrabbiner mich deswegen angreift, ist mir ebenso unerfindlich wie seine — so kommt mir wenigstens vor — bei den Haaren herbeigezogenen Ausführungen über „Verständigungsbereitschaft", „Konzedieren", „Angriffslust" usw. Ich finde, daß dies gerade jene Methode ist, die uns zeigt, wie wir es nicht machen sollen. So entmutigend solche „Aussendungen" sind, so erfreulich war es, daß „Die Neue Welt" Herrn Dr. Jakcb W e i n e r die Spalten für den Artikel „Sollen wir uns mit den Katholiken verständigen?" zur Verfügung stellte. Dr. Weiner hat hier ein sehr offenes Wort gesagt und den Tatsachen/verhalt hinsichtlich der „J. T.-A."-Behauptungen (ohne mein Wissen oder Zutun) richtiggestellt. Ich möchte ihm dafür öffentlich danken. Solche Auslassungen zeigen, daß man doch nicht „alle Hoffnung fahren lassen" braucht." „ ... Es mag vielleicht irgendwie nach Sensation riechen, wenn in diesem Kreise und vor diesem Publikum ausgerechnet ein katholischer Mönch zum Wort geböten wird. Empfindet es die Welt schon im allgemeinen ein bißchen sensationell und prickelnd, wenn ein Mönch über die Schwelle tritt, wenn eine Kutte, die vielen die typische Verkörperung des „finsteren Mittelalters" ist, in den Räumlichkeiten des modernen Menschen auftaucht, so läßt es sich begreifen, daß für den einen oder anderen der hier Anwesenden der heutige Abend etwas ».Sensationelles" und „Unerhörtes" bedeutet. Ich will solchen Erwartungen oder — wenn Sie lieber wollen — Befürchtungen von allem Anfang entgegentreten und — der Wahrheit die Ehre gebend — gleich einleitend ankündigen: Es wird gar keine Sensation geben." Für mich persönlich war die Zusage zu diesem Vortrag nichts Nervenaufregendes und auch meine höchste Stelle, die ich vorsichtshalber — aber nur zur allfälligen Deckung gegen Giftpfeile kleiner Geister aus dem Hinterhalt — befragte, fand absolut nichts Beanstandenswertes an der Tatsache dieses Vor-> träges. Vielleicht ist es auch Ihrerseits so glatt und leicht zum Beschluß gekommen, mich um diesen Vortrag zu ersuchen. Und wenn etwa nicht, so werden Sie wohl schon aus diesen Einleitungssätzen und —■ wie ich hoffe — wohl auch aus meinen folgenden Darlegungen die Ueberzeugung gewinnen, daß wir damit kein mittelalterliches Religionsgespräch in Szene gesetzt haben, das mit Zwangsbekehrung, Torquemada und Scheiterhaufen endet. Nein, wir werden bemüht sein, die übervielen Schlagwort-Sanddünen zu umgehen, weil wir von keiner dieser »Aussichtswarten' eine wirkliche Aussicht zu sachlicher Erörterung gewinnen. Wir werden gleich auf die Hochwarte katholischer Schau steigen, um von hier aus, also über der Region demagogischer Schlagwort- Sandstürme stehend, den rechten Ueberblick zu gewinnen. Dabei werden wir uns beiderseits nicht einbilden, daß man ein jahrtausendealtes Problem in einem Vortrag erschöpft oder gar löst, oder daß man tiefe, trennende Abgründe mit schönen Worten und konzilianten Gesten überbrücken kann. Aber wir wollen anderseits auch nicht wie besessen und verhext nur in diese Klüfte hineinstarren, sondern uns immer bewußt bleiben, daß auch diese Abgründe und Schluchten an ihrer tiefsten Stelle noch von jenem Erdreich zusammengehalten und verbunden werden, das irgendwie auch Standpunkt beider Teile ist." Aus dem Vortrage selbst: „Wir wollen hier von allem Anfang an ganz nüchtern feststellen: Es gibt auch unter den Katholiken Leute, ja zeitweise sogar breitere. Schichten, die dem Demagogentum hörig sind und den antisemitischen Schlagwortekrampf zeitlebens nicht losbekommen. Ein ganz typisches Beispiel dafür habe ich selbst vor anderthalb Jahren erlebt, als ich eines Sonntagsmorgens von einer' Aushilfe durch den Stadtpark nach Hause ging. Ein kleiner Schneidermeister mit einem unaussprechlichen tschechischen Namen sprach mich an und kam über den Umweg der schönen Blumen in den Anlagen im Eiltempo auf die .nationalen Belange* zu reden und zwangsläufig auf die Judenfrage, die ihn offensichtlich sehr beeindruckt hatte. Als er mit wüstetem Antisemitismus auspackte, meinte ich während einer seiner kurzen Atempausen, es müsse doch auch bei der Judenfrage Gerechtigkeit herrschen. Wütend schrie er mir zu: .Nein, den Juden gegenüber darf es keine Gerechtigkeit geben!* Und weil ich das nicht zugeben tonnte,