Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 454 (9.4.1935)
- Date
- 1935-04-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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PreiS $0 GrOSClten Jahrgang 9 Dienstag, den April 1935 Nr« 454 V« b* b« Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie pur l'&litcur" K^mm a m m| BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S IS.—; Polen monatlich Zloty 1.50, ^■■V B| V ■ ■ V" vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel- ■h ■ H jührig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig ^P"* U ■ ■ BSP Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; ^■HF Bm Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. ^BRW Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Nazideutsches Ritualmordin Amerika In unserer Ausgabe vom 29. März veröffentlichten wir einen New Yorker Bericht, worin mitgeteilt wird, daß das Verteidigungskommitee für Bruno Richard Hauptmann, den des Mordes am Lindbergh-Kind beschuldigten und zum Tode verurteilten Reichsdeutschen, eine unerhörte antijüdische Kampagne begonnen habe. In dem genannten Bericht wurde insbesondere darauf hingewiesen, daß die deutsch-amerikanischen Nationalsozialisten aus der Affäre des Lindbergh-Mordes ein Ritual mord-Märchen konstruieren und so das Oberste Gericht, bei dem der Rekurs des verurteilten Hauptmann anhängig ist, zu irritieren versuchen. Für Richard Hauptmann, der sich der besonderen Sympathien der amerikanischen Nazideutschen erfreut, wurde jetzt eine große Werbe- und Sammel- ' aktion eingeleitet und nunmehr, vor Pessach, nochmals das Märchen von „Schächten für rituelle Zweck«" in Wort und Schrift aufgetischt. Die Führer der amerikanischen Judenschaft wendeten sich nun an das zuständige Gericht um Abhilfe gegen diese Bluthetze. Wie soeben aus New York gemeldet wird. Wurde von Staats wegen gegen die schuldigen Hakenkreuzlcr ein Verfahren wegen Verleumdung des Judentums und der jüdischen Religion eingeieiiftl. Die Hetze der Nationalsozialisten macht vor den Grenzen Deutschlands nicht halt. In den letzten Tagen .stand die Wahlagitation des deutschen Hakenkreuzes in Danzig im Vordergrund. Wie kürzlich in der Saar, traten auch in Danzig reichsdeutsche nationalsozialistische Agitatoren auf, die eine baldige Rückkehr Danzigs ins „Reich" und die entsprechende Behandlung der das Hakenkreuz perhorreszierenden Bewohner ankündigten. Die Schweiz wird schon seit längerer Zeit von importierten Naziagitatoren und schließlich auch von einheimischen Nationalsozialisten bearbeitet. In den letzten Monaten hat es die reichsdeutsche Mark verstanden, gewisse Zeitungen für einen großzügigen antijüdischen Feldzug zu gewinnen. Daß aber die freie Eidgenossenschaft Schweiz bestrebt ist, der Hetze Einhalt zu gebieten und auf ihrem Boden jede Verunglimpfung von Schweizer Bürgern ohne Rücksicht auf deren Stammeszugehörigkeit oder Religion zu unterbinden, bezeugt folgende Nachricht aus Genf: Die Regierung des Kantons Genf hat eine Verordnung gegen Presseerzeugnisse erlassen, die diffamierende und beleidigende Ausdrücke gegenüber der jüdischen Rasse und der jüdischen Religion enthalten.- Die Verordnung richtet sich gegen zwei in Genf erscheinende Blätter, von denen das eine insbesondere auch durch bildliche Darstellungen zum Haß gegen Juden und Judtentum aufzureizen versuchte. Genf ist schon seit längerer Zeit ein günstiger Nährboden für antijüdische Agitation und Hetze. Insbesondere hat eine gewisse französisch geschriebene Presse dem Nazidruck nachgegeben und sich in den Dienst einer Kampagne gestellt, die dem Charakter des Schweizers durchaus nicht entspricht. Die Verordnung der Regierung des Kantons Genf wird hoffentlich die Aggressivität der unverantwortlichen antisemitischen Elemente eindämmen, bzw. eine weitere Agitation in diesem Sinne unmöglich machen. Jiidenslaalspartei Oesterreichs_ Mittwoch, den 10. April 1935, halb 0 Uhr abends, im Zentralheim, Wien I, Werdertorgasse 14 »Vor T h e m a: „Mach der Tagung des A. C." - Entscheidungen in Palästina." Referent: Oberbaurat Robert Stricker Gäste willkommen g a n", „Organ des Kampfes gegen das Judentum" oder jedes ähnlichen Kopf titeis, jeder Juden beleidigeno., sehmähende oder verunchrende Ausdruck — sei es im Wort oder im Bild —, der insbesondere jüdische Kasse oder Religion zum Gegenstand hätte, verboten. Art. 3. Für den Fall der Nichtbel'olgung dieser Verordnimg worden die Exemplare der Zeitungen oder Veröffentlichungen sofort konfisziert werden. Die Schuldigen werden andererseits bestraft werden. Die zwei genannten Hetzblätter sind nach dem Muster des reichsdeutschen „Stürmer" hergestellt und ihr Vertrieb wird nachweislich von Hitler-Deutschland finanziert. — Es besitzen nunmehr drei Schweizer Kantons, und zwar Basel, Solothurn und Genf, Verordnungen gegen Verleumdung des Judentums durch die Presse. Uebcr die Zahl der österreichischen Juden sind bisnun die widersprechendsten Angaben gemacht worden. Die Antisemiten sprechen von 500.000 bis 600.000, was nicht verwunderlich ist, da es ja zur antisemitischen Praxis gehört, jeden jüdischen Kopf mit mindestens drei zu multiplizieren. Aber auch in jüdischen Kreisen hörte man ganz hohe Ziffern. So schrieb noch in der Vorwoche eine Wiener jüdische Zeitung von den „3 0 0.0 0 0 in Oesterreich lebenden Jude n". Jetzt ist dem Raten ein Ende gemacht und die Ziffer, welche sehr klein ist, ist genau fixiert. Das österreichische Bundesamt, für Statistik gibt als Ergebnis der Volkszählung 1 9 3 4 folgende Zahlen (in Klammern steht der perzentuelle Anteil an der Gesamtbevölkerung) bekannt: In Oesterreich wurden am 22. März 1934 6,112.058 Personen (90,5 Prozent) römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses, 3242 (0,1 Prozent) griechischkatholischen, 350 (0,0 Prozent) armenisch-katholischen, 280.333 (4,2 Prozent) evangelischen Glaubensbekenntnisses A. B., 15.119 (0,2 Prozent) evangelischen Glaubensbekenntnisses 11. B., 36.776 (0,5 Prozent) altkatholischen, 191.18 1 (2,8 Prozent) israelitischen, 7105 (0,1 Prozent) Angehörige anderer Glaubensbekenntnisse, 106.030 (1,6 Prozent) konfessionslose Personen gezählt. Von den Israelit e u und von den lv o n f e ssionsloson entfiel die Hauptmasse auf W i e n. Erstere zählten in Wien 176.034 oder 91,9 Prozent aller Israeliten und 9,4 Prozent der Wiener Bevölkerung, letztere 75.900 oder 71,6 Prozent aller Konfessionslosen und 1,1 Prozent der Wiener Bevölkerung. Im Jahre 1923 w urden in Wien 2 0 1.5 1 3 Israeliten oder 10,8 Prozent der Wiener Bevölkerung, im Jahre 1.910 175.318 oder 8,6 Prozent der Wiener Bevölkerung gezählt. Oesterreich zählt also insgesamt 191.481 Juden, Wien nicht mehr als 176.034. Der Rückgan g ist ganz enorm. Er betrug in den letzten elf Jahren durchschnittlich 2400 pro Jahr. Nachdem aber inszwischen der Geburtenrückgang stärker geworden (auf eine Geburt entfallen zirka 3 Todes- und Austrittsfälle) und die U c b e r a 11 c r u n g der jüdischen Bevölkerung fortgeschritten ist, nachdem ferner ab 1934 eine große Palästina-Abwanderung' eingesetzt hat, ist mit einem weiteren enormen Rückgang zu rechnen. Er dürfte in den nächsten zehn Jahren einen Jahresdurchschnitt von 4000 bis 5000 erreichen. gegen antiseitHfi§dhe Pffe$$e:>Exzes§e Aus Genf wird gemeldet: Die von der Regierung des Kantons Genf gegen Verunglimpfung der jüdischen 11 a s s e und Religion erlassene Verordnung entspricht der Verordnung, die schon von der Regierung des Kantons Basel erlassen wurde, indem sie besagt: „Der Regierungsrat in der Erwägung, daß gewisse Zeitungen und Zeitschriften, insbesondere die in Genf erscheinenden Monatsschriften „L'h o m m e de droite" und „R e a c t i o n", durch gegen Juden gerichtete öffentliche Angriffe und Erklärungen nicht nur den religiösen Frieden, sondern auch die ö f f e n 11 i c h e O r d n u n g und die Eintracht zwischen den verschiedenen Teilen der Bevölkerung bedrohen, in Anbetracht dessen, daß sowohl die Bundesverfassung als auch die Genfer Kantonal- Verfassung die Wahrung des religiösen Friedens verlangen und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz gewährleisten, verfügt: Art. 1. Allen Zeitungen und Veröffentlichungen wird jeder g e m e i n e A n g r i f f, jeder beleidigende, schmähende oder verunehrende Ausdruck -— sei es im Wort oder im Bild —, insbesondere gegen die religiösen Gefühle eines Bevölkerungsteiles oder einer Gruppe von Personen, die einem Teil der Bevölkerung angehören, ihres Glaubens, ihrer Religion oder ihrer H e r k u n f t wegen, verboten. Art. 2. Insbesondere wird den Zeitschriften „L'h o m in e de droit e" und „R cactio n", außer dem Gebrauch von Titeln, wie „Antisemitisches O r- ^uiimiiiuiHiiiHimiiiiiiiiiiiiiiiiimmiiim Die Leser der Weltpresse hatten in der letzten Woche nicht viel Vergnügen. Vor ihren Augen flimmerte es: Ostpakt, Luftpakt, Sicherheitssystem, Nichtangriffspakt, Flottenparität . . . Wenn man diese Begriffe ihrer diplomatischen Funktion entkleidet, so erkennt man mit präziser Deutlichkeit den Versuch, die ungeklärte europäische Lage durch eine Zauberformel zu klären. Diese Zauberformel heißt: eine gemeinsame Grundlage des Friedens und der Zusammenarbeit, ohne daß die bisherigen internationalen Abkommen geändert werden müssen; oder kürzer gesagt: Ver^ ständig u ng zur Vermeidung des Krieges. Die ersten Etappen waren die Besprechungen der englischen Vertreter in Berlin, Moskau, Warschau und Prag. Den Abschluß soll die Konferenz der Weststaaten England, Frankreich, Italien in S t r e s a bilden. Die Unsicherheit der Lage bis zum heutigen Zeitpunkt kann zunächst auf die Haltung E n glands zurückgeführt werden. Man war überrascht zu sehen, daß Englands Außenminister Sir John Simon in Berlin und Sir- Antony Eden in den anderen Städten eine Politik des Schwankens zur Schau trugen, eine Politik, die einem Partner wie Hitler- Deutschland nur Gelegenheit gab, seine aggressive Haltung zu verstärken. Hier liegt die eine Wurzel des Uebels. Auch Frankreic h, in seiner Außenpolitik von Flandin und Laval geführt, ließ bisher nicht erkennen, daß es seinen Weg, Deutschlands Machtgelüste durch die Völkerbundverträge einzudämmen, konsequent weiterführen wolle. Vielmehr hatte es den Anschein, als würde Frankreich die Politik begrenzter Konzessionen an Deutschland einem klaren „Halt!" vorziehen. So ergibt sich für den Augenblick die Meinung, daß weder Simon noch Laval den ihnen anvertrauten Aufgaben gewachsen sind. Die große Stunde hat mittelmäßige Köpfe vorgefunden. Bleibt nur mehr, wenn mau von der Kleinen Entente und dem fernen Sowjetrußland absieht, das Italien Mussolinis. Diejenigen Kreise (in allen Ländern), die noch an ein Kulturgewissen und go s Brslli Hakanaun Oestevreidi§ eier 5 Sanistag, den 13. April 1935 E Festsaal des Hotel ContinenlaB verbunden mit _ FeslakatSomic E S Redner: Oberbaurat Ing. Robert Stricker und Rabb. Dr. |. Z. Kanner § Karten zu S 1.50 u. S 1.— in allen Bezirkssektionen der judenstaatspartei, Warenhaus Schiffmann, II, Taborstraße 48, „Neue Welt", 1X, Universitätsstraße 8 ftiiiiiiiiiiiiiiimimniiiiiiumuiHimnutiiimiim