Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 453 (5.4.1935)
- Date
- 1935-04-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 458 DIE NEUE WELT Seite 5 1 wirkt heute noch der Gegensatz zwischen Tschechen, Slowaken, Deutschen, Ungarn, Polen und Russlnen innerhalb der Republik auf die Juden. Aber alle diese Völker vereinigt der Haß oder zumindest ein Unlustgefühl dem Juden gegenüber. Wohl steht heute an der Spitze des Staates der große Philosoph. Staatsmann und Mensch T. G. Masaryk. Aber Masaryk ist alt und neue Ideale, die nichts mit Nächstenliebe gemeinsam haben, neue Männer, die die Humanität aus ihrem geistigen Wörterbuch gestrichen haben, tauchen auf. Hinter diesen Männern »teht der größte Teil der tschechischen Jugend und diese „F ührc r" sind durchwegs den Juden nicht freundlich gesinnt. Während der westliche Jude den gutburgerllchen Mittelstand (natürlich auch durch die Krise schwer betroffen) verkörpert, leben die Juden in der Slowakei und P. K. R. unter verzweifelten, buchstäblich zum Himmel schreienden Verhältnissen. Diese Juden hundern. Hungern im wahrsten Sinne des Wortes. In den strengen Karpathenwintern sind sie schutzlos dem Frost ausgesetzt. Proletariat? Viel ärger, mit Verhältnissen im Westen nicht vergleichbar. Hungersnot in Permanenz! Ins tiefste und dunkelste Mittelalter fühlen wir uns versetzt, wenn wir die Folgen dieser qualvollen Zustände betrachten. Dunkelster Aberglaube, tierische Anbetung der egoistischen Wunderrabbiner, die mit ihrem willenlos ergebenen Anhang die schmutzigsten politischen Geschäfte betreiben. Religiöser Fanatismus, systematische Erziehung zum Schnorren, rücksichtsloser Kampf ums Dasein, mit allen Mitteln. In einem Staat, wo mehrere nationale Minderheiten leben, ist das demokratische System der gegebene Rahmen für gedeihliches Zusammenarbeiten mit der Staatsnation. Die führenden Köpfe der nationalen Judenheit erkannten dies und schon vor dem Umsturz arbeitete der jüdische Nationalrat, eine Schöpfung des leider so früh verstorbenen Dr. Singer, mit den tschechischen Politikern zusammen. Während der Friedensverhandlungen in St-Germain trug diese Arbeit Früchte und die tschechoslowakische Regierung versprach den Juden politische Anerkennung und tatkräftige Unterstützung des jüdischen Schulwesens. Um im großen Konzert der politischen Parteien ein Instrument spielen zu können, wurde die „Jüdische Partei" im Jahre 1919 gegründet. Wohl brachten ihr die ersten Wahlen keinen Erfolg, aber die Partei war noch jung und, obwohl sie die bedeutendsten Köpfe vereinigte, durch die Autorität Dr. Ludwig Singers zusammengehalten. Und trotz Geldnot und ungünstiger Wahlmathematik konnte die „Partei" im Jahre 1928 mit zwei Abgeordneten (Dr. Singer, Reiß) ins Parlament einziehen. Zwei Abgeordnete; gewiß nicht viel, aber dennoch ein Sprachrohr der jüdischen Minderheit. Ein guter Anfang. Es vergehen zwei Jahre, dann stirbt Dr. Singer. Dies ist der Wendepunkt. Der Kampf um das verwaiste Mandat wird mit den unfairsten Mitteln geführt. Sieger in diesem Kampf ist der Prager Advokat Dr. Angelo Goldstein. Jetzt beginnt ein mörderischer Kleinkrieg innerhalb der Partei. Eine Persönlichkeit nach der anderen verschwindet in der politischen Versenkung. Die bedeutendsten Persönlichkeiten werden durch kaltblütige Intrigen „abgekr agelt". Dieser Guerillakrieg hat aber demoralisierende Folgen im Innern. Die organisatorische Arbeit kommt zum Stillstand. Unter 350.000 Juden hat die Partei heute 400 organisierte Mitglieder. Die Probleme des Ostens werden vollkommen vernachlässigt. Um ein Beispiel der Mißwirtschaft aufzuzeigen, sei hier folgendes erwähnt: Die zwei jüdischen Abgeordneten hospitieren bei den tschechischen Sozialdemokraten. Diese versprachen der Partei schriftlich die Unterstützung der jüdischen Schulforderungen. Drei Jahre lang hatten die Sozialdemokraten das Schulministerium inne. Nichts geschah. Und der Vertrag? Ja, der Vertrag, der ist nämlich „verlegt" worden. Niemand weiß, wohin . . . Intrige, ein hartes Wort, ein böses Wort. So etwas muß man beweisen. Man höre: Die Revisionisten wendten sich an die jüdische Partei um Intervention beim zuständigen Ministerium, da ihr Präsident Jabotinsky Einreiseschwierigkeiteu hatte. Die Partei versprach dies bereitwillig. Später finden recherchierende Männer in den Akten des Ministeriums ungefähr folgende Eintragung: „Am soundsovielten sprach Herr X. Y., Generalsekretär der jüdischen Partei, hier vor, und ersuchte, die Einreisebewilligung an Jabotinsky zu verweigern, da sein Wirken eine Gefahr für die öffentliche Ruhe und Ordnung bedeutet, und wies insbesondere auf die militärische Organisation des Betar als gefahrdrohend hin." Darauf wandten sich die Revisionisten an einen Prager zionistischen Anwalt, der infolge seiner Beziehung zu gewissen Stellen den Sachverhalt klarstellte. Also man verspricht einer Gruppe eine Intervention, versucht aber, auf die Behörden im gegenteiligen Sinne einzuwirken. Ist da Intrige ein zu hartes Wort?! Innere Kämpfe, nutzlose Vergeudung von Energie haben die Partei derart geschwächt und von den äußeren Ereignissen so abgelenkt, daß in einer Zeit, da die anderen Parteien eine fieberhafte Wahlpropaganda entfalten, niemand weiß, ob und wie die jüdische Partei kandidiert. Diese Verhältnisse spiegeln sich am besten in der Tatsache wider, daß bei den Gemeindewahlen in P. K. R. (180.000 Juden!) die Partei zwei Mandate erreichte, wo unter normalen Verhältnissen hunderte zu haben waren! Die Poale-Zionistcn, die sich den Anschein geben, das Monopol auf zionistische Disziplin zu haben (siehe Schekel!), wählen, wie immer, nicht jüdisch, sondern sozialdemokratisch. Die Orthodoxen, Anhänger des bekannten, durch den Kampf gegen das hebräische Gymnasium berüchtigten „Wunderrabbiner" Spira, wählen agrarisch. Die großen jüdischen Massen stehen der Partei kühl, wenn nicht ablehnend gegenüber. Aus dieser Situation heraus schreibt der Präsident der Partei, Dr. Emil M a r g u 1 i c s, an die Revisionisten einen offenen Brief, um die „Interventionsaffäre" zu liquidieren und die Parteileitung zu entschuldigen. Das paßte aber den Linken und Allgemeinen nicht. In einem vertraulichen Rundschreiben greift die A. G. S. Z. (Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Zionisten) Doktor Margulies in unerhörter Weise an und jetzt beginnt das Kesseltreiben gegen die letzte Persönlichkeit innerhalb der Partei, gegen Dr. Margulies. Traurig die Lage? Gewiß, aber nicht trostlos. Die Juden sind ein geduldiges Volk. Wenn in letzter Stunde persönliche Differenzen dem allgemeinen Interesse unterstellt würden, würde ein Appell an die Massen nicht ungehört verhallen. Wird es möglich sein, in letzter Stunde einen halbwegs erträglichen Modus zu finden, der uns aus niedrigem Kulissenspiel und Gezänk zu einer einheitlichen Partei führt, die eine würdige Vertretung der jüdischen Minderheit darstellt? Wir können nur glauben und hoffen. Hoffen, daß die Schwere der Zeit die Führenden zur Besinnung ruft. (Weitere Artikel folgen.) J ^J^j Kuneroi ist vollständig reines Fett aus Kokosnüssen« es ist nahrhaft, leicht verdaulich« unbegrenzt haltbar und kann von jedem Strengglaubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch* und Fleischspeisen für den Festtagsfisch verwendet werden. Das Verschlußsiegel der Packung gibt Ihnen die Gewißheit, daß Kuneroi unter Aufsicht Sr. Ehrwurden des Herrn ßezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt wird. rein mmm Das100% reine Kokosnußfett Nur echt in Originalpackung! Zehn Jahre Hebräische Universität Am 10. April 1935 (7. Nissan 5695) begeht die Universität Jerusalem den zehnten Jahrestag ihrer Einweihung, die seinerzeit, am 1. April 1925, von Lord B a 1 f o u r vorgenommen wurde. „Das Volk Israel hat seit der Zerstörung des Reiches trotz allen Unterdrückungen und Leiden den Glauben an die Macht der Idee nicht aufgegeben und jetzt — nach einem so langen Zeitraum —- wird sie imstande sein, den Geist des Westens und seine Methoden mit dem Geist des Ostens und seiner Sprache zu verbinden. Nunmehr kann der jüdische Genius wieder selbstschöpferisch wirken." So ungefähr lauten die Worte, die der inzwischen verstorbene große englische Staatsmann und Freund des jüdischen Volkes sprach, damit die Erbschaft des Franzosen J.-J. Rousseau antretend, der in seinem Werk „Emile" im Jahre 1762 das Kommen der Hebräischen Universität ankündigte. Rousseau schrieb nämlich dort davon, daß die Juden in der Zerstreuung nicht die Möglichkeit hätten, der Welt ihre eigene Wahrheit zu sagen. „Aber ich glaube, daß, wenn die Juden einmal ein freies Reich, ihre eigenen Schulen und ihre eigenen Universitäten haben werden, in denen sie ohne Gefahr werden sprechen können, wir dann erst werden wissen können, was das jüdische Volk zu sagen hat." Was große Nichtjuden geahnt haben, das haben einzelne Juden der letzten Epoche der jüdischen Geschichte gewußt und gewollt. Wie immer man das Wesen der jüdischen Universität beurteilen mag — sie ist ein integraler Teil der Wiedergeburt des jüdischen Volkes im jüdischen Land Palästina geworden. Selbst die kritischeste Einstellung zu vielem, was auf dem Skopusberg geschieht, und zu ebenso vielem, was unterlassen wird, vermag nicht die Bedeutung der Universität oder gar ihre Möglichkeiten zu schmälern. Am 24. Juli 1918, noch inmitten des Kanonendonners, wurde der Grundstein zur Hebräischen Universität auf dem Skopusberg in Jerusalem gelegt. Die neue Epoche der jüdischen Geschichte nach dem Krieg, die mit der Ankunft der Zionist Commission in Palästina einsetzte, kündigte sich mit einem edlen Symbol an: Im Zeichen der Universität begann die jüdische Arbeit im Lande. Der erste jüdische Gelehrte, der bereits drei Jahre vor der Eröffnung der Hebräischen Universität einen Vortrag auf dem Skopus hielt, war Albert Einstein. Zu Beginn gab es an der Universität nur drei Fächer: Talmud, Palästina-Forschung und Erforschung der Bibelübersetzungen. Als so mancher über den kleinen Anfang betrübt war, lief der jüdische Denker Achad-Haam den Begründern der Universität zu: „Laßt keine Zweifel und keine Verzweiflung aufkommen. In unserem Glauben werden wir leben und arbeiten, Geschlecht um Geschlecht, und der Sieg wird nicht ausbleiben." * Was hat die Universität in den zehn Jahren ihres Bestandes geleistet? Diese zehn Jahre waren mit furchtbaren Leiden für das jüdische Volk ausgefüllt. Derselbe 1. April, der sich als der Tag der Einweihung der Hebräischen Universität in unser Bewußtsein eingeprägt hat, war 1933 der Tag der Bücherverbrennung in Deutschland, der Beginn der Eliminierung der jüdischen Gelehrten und Studenten, von denen ein Teil seine Zuflucht an der Hebräischen Universität in Jerusalem fand. Was hat die Universität in den Jahren 1925 bis 1935 erreicht? Auf der Höhe des Oelberges erhebt sich das David- WoLffsohn-Haus das die jüdische Nationalbibliothek und Universitätsbibliothek birgt. Heute enthält die Bibliothek zirka 300.000 Bände und steht in bezug auf die jüdische Literatur in ihrer weitesten Bedeutung, die alte und die moderne, heute schon in einer Reihe mit allergrößten Bibliotheken der Welt. Sie ist ein Zentrum der bibliographischen Forschung auf dem Gebiete des jüdischen Schriftturas geworden, wovon die bisher erschienenen elf Bände der von der Bibliothek herausgegebenen Zeitschrift „K i r j a t h S e p h e r" Zeugnis ablegen. Die rapide Entwicklung der Bibliothek ist nur e i n Zeichen für die steigende Popularität der Universität. Als während der letzten zwei Jahre so viele jüdische Familien Deutschland verlassen mußten, boten sie der Universität ihre Bibliotheken an. Im Laufe des Jahres 1934 allein wurden zirka 15.000 Bände aus Deutschland nach Palästina geschickt. Bei der Eröffnung der Universität hatte, wie bereits gesagt, das Judaistische Institut nur drei Lehrkanzeln. Heute umfaßt es die folgenden Lehrstühle: Talmud, Neuhebräische Literatur, Jüdische Geschichte, Palästina-Forschung, Jüdische Philosophie, Hebräische Sprache, Talmudisches Recht, Gaonteche und rabbische Literatur, Spanisch-jüdische Poesie, Bibel und Bibel- Exegese, Jüdische Soziologie, Kabbala. In Verbindung mit dem Institut steht die Are Ii alogische Abtei«