Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 449 (22.3.1935)
- Date
- 1935-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 449 DIE NEUE WEIA Seite 3 Zwei Reden Weizmann fordert ein jüdisches „Staatsvolk" — Brodetzky gegen „jüdische Minderheit" in Palästina Im Hinblick auf den kommenden Zionistenkongreß haben die Repräsentanten der heute im Zionismus herrschenden Richtung Programmreden gehalten. Professor Weizmann in Tel-Aviv auf einer Tagung der Vereinigung deutscher allgemeiner Zionisten „Kidmah", welche die Wiederwahl Weizmanns zum Präsidenten propagiert. Der politische Referent der Zionistischen Exekutive, Dr. Brodetzky, auf einer Sitzung der Vereinigten Schekelkommission in London, Aus der Rede Weizmanns „Das jüdische Volk kommt nach Palästina mit allen seinen guten und seinen schlechten, mit seinen schöpferischen und seinen zerstörenden Kräften. Diese gegensätzlichen Kräfte ringen im Jischuw miteinander. Unser aller Aufgabe ist es, Wege zu suchen, um die schöpferischen Kräfte zu stärken und die zerstörenden zu hemmen. Ich weiß nicht, ob unter uns ein Mensch vorhanden ist, der diese Aufgabe meistern könnte." „Das einzige Land, in dessen Wirtschaftsleben A narchie herrscht, ist Palästina. Alles in den Straßen von Tel-Aviv, Jerusalem und Haifa ist „h el'ke r" (fessellos). Die „hefker"-Menschen untergraben selbst das Leben, das sie schaffen helfen wollen. Wir besitzen keine staatliche Macht, um die zerstörenden Kräfte zu hemmen; wir verfügen über eine kleine Macht: unsere nationale Arbeit. An dieser Arbeitsfront haben die jüdischen Arbeiter den größten Anteil; einen weiteren Anteil haben die Kolonisten und alle schöpferischen Kräfte in der Landwirtschaft. Man spricht von der großen Aufnahmefähigkeit der Industrie. Eine Industrie ist aber nur dann stetig aufnahmsfähig, wenn sie für die Zukunft und nicht zur Befriedigung zeitweiliger Bedürfnisse gebaut ist." „Wir stehen heute vor einem Niedergang in der Landwirtschaft, und wenn die Leitung Aufgaben hat, so hat sie sie vor allem mit Bezug auf die Landwirtschaft, wohin schließlich die tausenden Menschen, die nach Palästina kommen, gehen werden. Falls sich Tel-Aviv bis Petach-Tikwah ausdehnt, wird es notwendig sein, Plantagen niederzureißen; dies wäre vielleicht nicht zu beklagen, wo aber wird man neuen Boden finden, falls die Spekulanten sich der Sache bemächtigen? Aufgabe der neuen Leitung wird es sein, die Kräfte des Keren Hajessod, des Keren Kajcmeth und unserer Banken zu konzentrieren. Mit unseren Banken «steht es so, daß sie beim nationalen Kapital Hilfe suchen, wenn es ihnen schlecht geht, wenn es ihnen aber gut geht, sagen sie: ,Seht, was wir vollbringen können, wenn wir vom Druck der nationalen Gründungen frei sind." Heute gründet täglich ein Jude eine Bank mit 20 Pfund. Das ist 0 h a o s. Es kommt noch der Tag, an dem wir vor den Früchten unseres Irrtums stehen werden. Möge dieser Tag so spät als möglich kommen, wer weiß aber, ob wir nicht auch für die Verspätung Verzugszinsen zahlen werden." „Unser Land bietet das Bild eines Goldgrubengebietes. Gold gibt es aber nicht, sondern nur „G o 1 dr a u s c h". Wir sind aber nicht hier, um das Leben in Warschau, Pinsk, London usw. zu kopieren. Zionismus bedeutet Umwertung aller Werte. Wir haben versprochen, in Palästina, frei vom Druck fremder Kulturen, neue Werte zu schaffen. Haben wir sie geschaffen? Wir haben bloß die Gallith palästinensisch übersetzt (Targum schel galuth). Pflicht der zionistischen Leitung ist es, an die Stelle der Uebersetzung ein originales, schöpferisches Leben zu setzen. Die Aufgabe ist nicht leicht. Geschlechter werden vergehen, bis aus dem «Kibutzgaliuth* (Diaspora-Gemisch) ein Staatsvolk sich kristallisieren wird." Aus der Rede Brodetzkys „Jedermann muß sich über das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Palästina freuen. Eine jüdische Bevölkerung wie die heutige in Palästina ist etwas Großes, aber etwas sehr Kleines, gemessen am Ziel des Zionismus. Noch immer stehen wir am Anfang der wirklich großen Arbeit." „Es genügt nicht, verstärkte Einwanderung zu fordern. Es muß auch in Palästina all das geleistet werden, wodurch eine Einwanderung großen Stils u ne r 1 ä ß 1 i c h wird. Die große Tatsache ist, daß das jüdische Volk diese große Einwanderung brauch t. Die Loslösung der jüdischen Palästina-Einwanderung aus ihrem Zusammenhang mit der Juden frage darf nicht zugelassen werden. Letzten Endes hängt die Aufnahmefähigkeit nicht bloß von konstanten Faktoren, wie der Größe Palästinas und dem Ausmaß des zur Verfügung stehenden Bodens ab, sondern auch von den veränderlichen Problemen, der Entwicklung des Landes und des hineingesteckten Kapitals. Wird man die jüdische Einwanderung einstellen, dann wird auch die Entwicklung des Landes stocken." „Ein sehr wichtiges Problem ist dasjenige, wie Gewähr dafür geschaffen werden kann, daß die durch jüdische Aufbauarbeit geschaffene Aufnahmefähigkeit Palästinas Juden zugute kommt. Es ist für uns ein sehr ernstes Problem, daß eine durch jüdische Arbeit und jüdische Zuversicht geschaffene Aufnahmefähigkeit, die Juden zugute kommen sollte, von anderen ausgenützt wird. SchUcßlich und endlich sind wir in Palästina, um ein jüdisches Land aufzubauen." „Die Bodenspekulation anzuschuldigen, ist ein Gemeinplatz geworden. Nicht alle Wirtschaftler sind überzeugt, daß Spekulation an sich sehlecht ist. Ohne Rücksicht' aber auf Recht oder Unrecht ist alles, was die Bodenpreise für jüdische Siedler in Palästina in die Höhe treibt, ein Verbrechen. Wenn ein jüdischer Siedler, der mit geringen Geldmitteln nach Palästinn kommt, das Land für sich verschlossen findet, weil seine jüdischen Brüder damit spekuliert haben, dann sind diese des Hochverrates schuldig. Aehnlich verhält es sich mit der Frage der jüdischen Arbeit. Die Frage billiger Arbeit könno von zwei Se'ten gesehen «erden. Jeder aber, der Arbeitskräfte benutzt, durch die jüdische Arbeitskräfte ferngehalten werden, mache sich eines V e r b r e c hens an dem Jüdischen Nationalheim schuldig." „Unserer gesamten Politik muß die Auffassung zugrunde Hegen, daß alles, was wir tun, der Vorstellung eines politischen Status der Juden in Palästina entspricht, der in Wahrheit ein nationales jüdisches Leben bedeutet. Ich bin kein Gegner jüdischer Ansiedlung in Biro-Bidschan oder irgendwo sonst. Ich bin nicht dagegen, daß mau Juden überall da ansiedelt, wo sie Existenzmöglichkeiten finden. In Palästina aber muß noch anderes hinzukommen. In Palästina muß es einen politischen Status der Juden geben, der n i em a Is zu dem Status einer M i n d e r h e i t. herabgedrückt werden darf, die ihre Rechte aus den Händen einer Mehrheit empfängt, und der niemals zu dem Status einzelner Juden, die. in ein Land einwandern, verkleinert werden darf. In Palästina bedeutet Einwanderung: Rückkehr d e s j ü d i s c h e n Volkes zum Aufbau eines nationalen jüdischen Lebens. Darum wehreu wir uns dagegen, daß Juden in Palästina die Bürgerschaft aberkannt wird. Jedermann erkennt an, daß Gesetze befolgt und Gesetzesverletzungen bestraft werden müssen. Aber ein Jude, der nach Palästina gegangen ist und sein Heim dort aufgesehlagen hat, darf, gleichgültig, was er getan haben mag, seiner Bürgerschaft nicht in der Art beraubt werden, wie eine Naturalisierung in irgend einem anderen Lande widerrufen werden kann. Palästina ist seine Heimat. Die vollständige Identifizierung der Palästina-Bürgerschaft mit der Tatsache, daß jemand Jude ist, ist noch nicht erreicht worden; doch darf nichts geschehen, was diesem Grundsatz widerspricht." An diesen beiden Reden ist vor allem bemerkenswert, daß sie in gewissem Sinne als Wendung zum Judenstaatszionismus angesehen werden können. Weizmann, welcher den Begriff Judenstaat bisher brüsk abgelehnt hat, kommt in seiner Rede dazu, die Bildung des Staatsgedankens bei den Juden als einziges Mittel gegen wirtschaftliches und geistiges Chaos anzusehen. Brodetzky unterstreicht die Notwendigkeit der Bildung einer jüdischen Majorität in Palästina, der Gleichsetzung des Begriffes Jude mit palästinensischem Staatsbürger. In ihrer bisherigen Politik haben beide diesen Grundsätzen nicht Rechnung getragen und sind deshalb an den von ihnen hart und gerecht getadelten Zuständen in Palästina wohl mitschuldig. Hoffentlich bedeuten diese Reden tatsächlich Abkehr von der bisherigen Politik des „kleinen" Zionismus und Wendung zum Judenstaatszionismus. ipillllllllllllllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIW II.TaborstraBe 12 Tel. R-46-5-57 Hestautatd Hotd Stefanie WZ AuTi9eSc%1J|eT-Me,rUsi5:S | Vorzügliche Zubereitung — Schwechater Biere — Naturweine | f!IIIIHIllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll'IIN^ Vor dem Plebiszit der Hi§tadruth Die Abstimmung der „Mapai." Aus Jerusalem wird unter dem 19. März gemeldet: Zur Zeit tagt in der Arbeiterkolonie Chedera die Delegiertenkonferenz der „Mapai" (Politische Organisation der palästinensischen Arbeiterpartei), die sich mit dem zwischen Ben Gurion und Jabotinsky getroffenen Londoner Befriedungsabkommen zu beschäftigen hat. Alle Führer der Mapai, unter ihnen Ben Gurion und Schertok, begaben sich nach Chedera und bemühten sich, die Stimmung der aus einer Wahl hervorgegangenen Delegierten zugunsten der Sanktionierung des Londoner Abkommens zu beeinflussen. (Die Mapai besitzt über 10.000, die Histadruth, unter dessen Mitgliedern das Plebiszit am Sonntag, den 24. März, stattfindet, 70.000 Mitglieder. Nach eingehender Debatte ergab sich, daß 89 Delegierte gegen und 79 für die Sanktionierung des Abkommens waren. Auf Grund dieser Sachlage hängt die Entscheidung bezüglich der Billigung oder der Zurückweisung des Abkommens von der 22 Mitglieder zählenden Mapai-Exekutive ab. Man nimmt an, daß alle Mapai- Exekutivmitglieder f ü r das Abkommen stimmen werden. Das Stimmenverhältnis inerhalb der Mapai wird als Baro-!sBct ($tt'äUm\Qäitantf)e\tcn Witten ZoqüU labletten rcifri) unb [iefier. Xogal löfr btc fdjäblidjen 33ejtanbteile im üölut; es wirft tu fioheiu ifliafoe als inneres Sfutifeptiftmt. 1 uis 2 ZahictUn, redjiaeitig genommen, tonnen (grfältungsfraittrjciten ucrfiüten. Hefter 6000 Sferfttc, batunter uielc hebeutenbc s$ro; fefforcu, Bestätigen' bic ficroorraaenbe SBtrhmg bes Xogal. 3u alten \!lpotfjefen bes 3n* "Hb 3luslanbes erhältlich. $rciö S 2.40. E JUDENSTAATSPARTEI OS IERREICHS / Sektion t Leopoldstadt, Taborsfraße 21 a Samstag, den 30. März 1.)., in den Feste sälendes Hotel Continental, Il,Taborstr.4 Metiernadits* Akademie Mitwirkende: Sevilla Pastor (|iidtsche KLinstlerspiele) Max Lichtegg (Scala> Victor Claudius <Simp1> Josef Feuer (Jüdische Lieder) Julius Schwarz (Jüdische Künstlerspiele) Victor Claudius, Conference QeseMsckfißtitdmdhätT^ B e g i n n 2030 U h r Entree S 2.— ( a n d e r Erstklassige Jazz Abendkassa erhöht) I Üawdwd %ckm£M^dbi uwl>üM* entfernt Büfineraugen samt Wurzel Burgit- Hühneraugenpflastep Burgit- Hühneraugenpflaster* ist einlach im Gebrauch, klebt fest und verschiebt sich nicht wirkt sicher und gefahrlos. Kartell in allen Sektionen und bei Frau Paula Stricker, Telephon A-48-1-89 mfter für das Plebiszit der Histadruth-Mitglicdcr bezüglich des Londoner Abkommens angesehen. Die J. T.-A. meldet hiezu noch folgendes: Auf der Konferenz hielten der aus Prag :iach Palästina gekommene Führer der russischen Soziaüstcn- Revolutionärc und Präsident der Ersten russischen Konstituante nach der Revolution Viktor Tschernow und der aus Oesterreich nach Palästina ausgewanderte sozialdemokratische Führer Julius Braunthal, bisher als extremer sozialistischer Assimilant bekannt, Ansprachen. Braunthal erklärte, der westliche Sozialismus sei betreffend die jüdische Renaissancebewegung vollkommen unwissend; ebensowenig wisse dieser Sozialismus von der Bildung eines neuen sozialen Organismus, hart an der arabischen Wüste, eines Organismus, der später ein" sozialistische Gesellschaft sein werde. Die griechischen Juden und die Revolte Aus Saloniki: Die Aufstandsbewegung in Thrazien und Ostmazedonien trug auch antisemitischen Charakter. Den Freiwilligen, die für die revolutionäre Armee geworben wurden, stellte man in Aussicht, daß man ihnen nach Eroberung Salonikis die Häuser und Geschäfte der dortigen Juden zur Plünderung überlassen werde. In Kavalla entnahmen die Aufständischen von den jüdischen Geschäften Waren, ohne sie zu bezahlen. Als sich die jüdische Gemeinde bei Gc- Re§hon le Zion nur dieser Name bürgt für Echtheit und Güte beim Einkauf von Palästina-Wein , , f»t*v. ' s"£«RHElH0Ctf SSSSH^»*«*,.!.«.^ „.„lOjW»*'. l VEREINIGTE GROSSKELLEREIEN RISHON LE ZION neral Kamenos beschwerte, erklärte dieser, man müsse sich an die von den Republikanern gehaßten Juden Salonikis halten. Die jüdischen Einwohner von Serres, Drama und Kavalla haben während der Revolte schreckensvolle Tage durchlebt. Der Sieg der Regierung und der Einzug der regulären Truppen wurde von ihnen mit stürmischem Jubel begrüßt. Die jüdischen Freiwilligen und über 2000 jüdische Reservisten, die sich zur Abwehr der Rebellen zur Verfügung gestellt hatten, sind bereits demobilisiert. Neben anderen oppositionellen Zeitungen sind in Saloniki auch die extrem-antisemitischen Blätter ..Makedonia" und „Eleutheros Typos" verboten worden. Die Herausgeber wurden verhaftet oder verbannt, unter ihnen der Hauptschriftleitcr der „Makedonia" und venizelistisehe Abgeordnete Peter Lc vandis, der erbittertste Judengegner Salonikis. Verhaftet wurde auch der ehemalige Chefredakteur der „Makedonia" und Mitherausgeber des „Eleutheros Typos", Nico F a r d i s», bekannt aus dem Prozeß nach dem Pogrom im Salonikier Campbell -Viertel. Fardis, der geistige Urheber des Pogroms und der Niederbrennung des Viertels, wurde damals freigesprochen. Verlangen Sie im Restaurant wie auch im Kaffeehaus ausdrücklich „Preblauer Sauerbrun n", da* gesundheitsfördernde, erfrischende österreichische Minerai» wasser. M ■