Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 447 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 147 DIB KEtnB WELT Seit« T fc^^^«»^^^^-^^^^»^^^^»^*»^^»^ PURIM 5695 Die pMcu»t#tle> De. 1. Z. HoHHec Nicht aus Liebe zu Mordechaj, sondern aus Haß gegen Haman ... So ist es in der Megülah 16. zu lesen. Dem Juden zulieb wird das Werk nicht ge.an. Er muß dafür bezahlen: für jedes Privileg, für jeden Tag irr Ruhe. Ueberall in der Geschichte können wir diese Tatsache aufspüren. Hungerjahre drohen Mizraim. Der König ist verzweifelt. Böse Träume stören seinen Schlaf. Sein Ilim ist von wilden Gedanken zerwühlt. Und da verfällt er auf einen herrliehen Plan: er setzt einen Juden als Verwalter des Reiches ein. Der Jude soll die Verantwortung für das Kommende tragen, der Jude Josef. Nicht aus Liebe zu Josef tat er solches, sondern aus Angst vor der Empörung des Volkes, das den Schuldigen suchen wird. Josef waltet seines Amtes, füllt des Königs Kassen. Und Josefs Nachfolger werden von der nächsten Generation ins Ghetto gesperrt. Dieser macht es nichts aus, daß Josef das Reich rettete. Das Entscheidende: er war Jude. Und wenn die Juden später «aus dem ägyptischen Sklavenghetto freigelassen wurden und sich in Pithon und Rarases niederließen, so möchte man eilends diese Güte dem ägyptischen König hoch anrechnen. Aber es war nicht Lieb", es war Angst davor, die Juden könnten einen Staat im Staate bilden. Und schließlich kamen sie wieder in die Fesseln der Fronarbeit. Vbsehnitt der jüdischen Ge- Ein anderer schichte ... Ein König bemerkt zu seinem Schreck, daß er »einen Günstling zu hoch bat aufsteigen lassen. Er könnte von diesem vielleicht gar gestürzt werden. Hat er sich, der Günstling H a m a n, vom König sogar schon den Siegelring erschmeichelt,, mit dessen Besitz man Befehle geben und durchführen lassen kann. Achaschwerosch kann keine Ruhe finden. Er fühlt sich in Bedrängnis, die Träume künden nichts Gnies. Haman muß beseitigt werden. Soll ein Perser es tun? Die Verantwortung für die Beseitigung des Persers übernehmen? Achaschwerosch findet einen Weg. Ein Jude muß hier seine Hand im Spiel haben. Dieser Jude muß hoch emporgehoben, ins Blickfeld der Aufmerksamheit gerückt werden, auf daß er später den Sündenbock abgeben könne. Mordecha j ist der Vertraute des Königs in diesem Fall. Mordechajs Argumente sind stichhaltig, Haman wird beseitigt. Achaschwerosch kann wieder ruhig schlafen. Aber die Geueration, die nach Achaschwerosch kam — konnte sie verschmerzen, daß ein Jude des Königs Ratgeber und zweite Hand gewesen sei? Darauf gibt die Pnrimrolle keine Antwort. Aber die Geschichte der Juden in Aegypten und die Geschichte der Juden in den vielen Ländern und Jahrhunderten läßt uns schließen, wie es den Juden erging, die nach Mordechaj und Esther kamen . . . £$iLe& &h£ VMdfty&ehaddvMty Von Dr. Rachel Offner. Alljährlich, wenn die-Natur froherem Leben erwacht, feiern wir Juden ein Befreiungsfest: das Fest der Rettung vor Vernichtung. Freud« herrscht unter den Juden ... Nach den Worten des Esther-Buches sollen die frohen Tage des Purimfestes nie aufhören. Purim, das fröhliche Fest, bringt immer Heiterkeit und Trost in das düstere jüdische Leben. Purim, das Erinnerungsfest der Errettung Israels aus einem ihm drohenden Unheil ... Dieses weittragende Ereignis aus unserer frti1 besten Vergangenheit hat sich in dem Bewußtsein des Volkes festgewurzelt. Es blieb dem jüdischen Volke teuer als Stütze in Leiden und Verfolgungen. Brachte Trost in manchen düsteren Stunden und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Purinifest — ein Gedenktag —, ganz unaufdringlich, wio das Wesen edler, zarter Frauengestalt! Esther — der leuchtende Stern —, er leuchtet still in alle Ewigkeit. Die Bibelerklarer schildern sehr schön den Charakter Esthers. Esther wird auch Hadassah, das heißt Myrte, genannt. Wie die Myrte von süßem Geruch und bitterem Geschmack ist, so ist auch Esther süß für Israel und bitter für Hainau. Esther — das Ideal einer liebevollen Fürspreeherin und Retterin ihres Volkes. Ihr Wesen ist die Verkörperung der drei Machte: Güte, Wahrheit und Schönheit. In der großen Gefahr ihres Volkes erschien sie — Esther — wie ein leuchtender Stern am düsteren Firmament. Mit höheren Tugenden geschmückt, kämpfend, befreiend und siegend. Der Mann Mordeohaj findet seine Ergänzung in dem Woib Esther, welche inniges Gefühl und Treue zu ihrem Volke mit Klugheit, Besonnenheit und Vorsicht in siel» vereint. Durch ihre Aufopferung wird Israel gerettet. Purim — das Erinnerungsfest an die große Retterin Esther. Leidor wird von vielen „modernen Ethikern" und I'Keudobibelforschern „von einer höheren Warte aus" die reine, edle Gestalt Esthers verzerrt. Es fehlt auch vielfach inj nationalen Judentum das Verständnis für diese jüdische Figur. Ist doch Esther das «wige Symbol der jüdischen Frau, die trotz ihrer äußerlichen Assimilation ihrem Volke treu geblieben ist! E3tber ein verwaistes <liidcnnuUlchcii, wird von einer Sklavin zur Würde einer persischen Königin erhoben. Sie nützt aber ihre Würde nicht für sich aus, sondern für die Rettung Ihres bedrängten Volkes. Sie verschweigt ihre Abstammung; nicht aus Feigheit, sondern um ihr Volk zu retten. Esther, die Gemahlin des mächtigen persischen Königs, bleibt, trotzdem sie fern von der Not des jüdischen Volkes lebt, nur ein Glied dos drangsalierten Volkes Israel. Sie lüftet Im verhängnisvollsten Moment das Geheimnis ihrer Abstammung. Denn was mit Ihrem Volke geschehen soll, das soll auch mit Ihr geschehen. Sie lat ja nur ein Glied des kleinen zersplitterten Völkchens, das vernichtet worden soll. Esther — dio fremdländische Königin — fastet für die Rettung Ihres Volkes. Sie trauert mit ihrem Volk. Sie — die assimilierte Frau — bleibt ihrem Volke treu. Generationen von jüdischen Frauen wandern an diesem Symbol Esther blind vorbei. Das Purimf est — dies Volksfest im besten Sinne des Wortes — soll den Juden die Gelegenheit biet«* auch an die Verfolgungen zu denken, die sie n a c h Esther« Zeit erduldet haben mid noch immer erdulden. Der Kampf „Ha maas" gegen die Juden hat in der: Geschichte des judischenVolkes nicht aufgehört. In allen möglichen Formen tritt uns auf unserem langen isiUu \m d&n Känfy /n den Rhythmen ihres holten Gangen Klang des herben Leides Lied. Um die Lippen Jag ein banges Ahne», rito-s vom Leben schied. Auf den Wogen der Gebete Ihres Volkes wattte sie Längs der köstlichen Geräte Aus Topas und Lapislazuli. B'is sie in des Raumes Mitte, Von des Thrones Helle überstrahlt. Niedersank mit ihrer Bitte Vor des Königs zeitlicher Gewalt. Noch im FaUe ihrer dunklen Haare Sah er, daß sie nicht \oie irgendeine Von den Frauen toar: das Wunderbare Lag auf ihren Schultern und das Ungemeine Spraeh au,* jedem ihrer heißen Worte, — Da erkannte er und stieg herab Von des Herrscliers höchgetürmtem Orte Und gewährte — und. vergab. Fritz Rosenthal. Aus der Gedichtsammlung: ..Die Lieder des ewigen Brunnens". Verlag R. Löwlt (Wien). Leidensweg Haman entgegen: bald mit brutaler Macht, bald mit fein gesponnener Lüge. Wo bleibt aber Esther, die Frau, die sich berufen, fühlt, Ihr Volk aus dem Elend xü retten? Die moderne, afwlmJHerte Frau verschweigt oft ihr© Abstammung, aber nicht wie Esther, am ihr Volk zu retten. Sie assimiliert sich und erreicht oft hohe Würden, aber nicht, um, wie diese große Frau, im gegebenen Augenblick eine Fttrsprecherin ihres Volke» zu sein. Die indifferente jüdische Frau ist im Glanben befangen, daß sie ihr Schicksal von dem ihres Volkes trennen kann. Die assimilierte Jüdin denkt zu viel n.n ihre persönliche Not. Sie vermag nicht, ähnlich wie Esther, ihr individuelles Schicksal für das ihres Volkes zu opfern. In der Zeit der Not wendet sich das jüdische Volk nicht an die Frau als Retterin. Es gibt keine Esther . . . Sollte es einst gelingen, die großen Massen der jüdischen Frauen mit Stolz und Liebe für unsere herrliche Vergangenheit zu erfüllen und für das nationale Judentum zu erwecken, dann wird das Fest, in dem eine Frau im Mittelpunkt steht, zum Fest der volksbewußten Frau werden. Der judKsdte Karneval Von Oskar Rosenfeld Im Rahmen der mächtigen biblischen Schriften erscheint uns das Buch Esther als Fremdkörper. Es spiegelt weder ein historisch beglaubigtes Ereignis wider, noch vermittelt es in seinem geistigen Inhalt die Vorstellungswelt des Volkes, dem es seine Huldigung darbringt. Bibel- und Geschichtsforschung stehen der Schrift Esther oft verlegen gegenüber und jüdisch-religiöser Mythos wie Satzung halten sich distanziert. Erst in späteren Zeiten bitterster Unterdrückung kam die Esther-Legende dem der Realität zu entfliehen suchenden Wunschtraum naturgemäß entgegen und sokonnte sie allmählich das Terrain abgeben für die Flucht in die Freude, die mit dem Stofflichen des Buches wenig mehr gemein hat. Das ist auch die Wurzel der fundamentalen Verschiedenheit von Freudenfestbegehungen, von Simchath Thora und — lehawdil — Purim. Das Buch Esther ist ein Fremdkörper in der jüdischen Empfindungswelt. Das antike Judentum kannte seine Frühlings- und Erntefeste, das jüdische Mittelalter erfüllte Freude und Dank vor Gott in dem Gesetz. Aber Purim wurde zum Volksfest; zum Fasch'ingsmummenschanz des kleinen Mannes, zur Quelle seiner emotionellen Aeußerungen in Rhythmus, Maskierung und Gebärde. Es wurde es in unvermeidlicher Anlehnung an eine Umwelt, die Jahr um Jahr mit ihrem Fasching vor den, Toren des Ghettos brandete. Und wie die mittelalterlich« Mystik in Sohar und Kabala ihre fundamental umgeformte jüdische Prägung erhielt, um neu und ursprünglichschöpferisch zu werden, so wurde der nichtjüdische Fasching zum Rohstoff für die jüdische Purimbegehung — auf der Ebene primitiver Volkstümlichkeit. Das in einem Meer von Fremdem inselartig ruhend« Ghetto hatte die wundersame Kraft, alles, was das Leben ihm an Fremdem aufzwang, von Grund auf unzuformea und seiner Art organisch einzuverleiben. So wurde aus einem mittelhochdeutschen Dialekt das jiddische Idiom, aus dem Fasching der mit nationalem Inhalt erfüllte Purim; aus ihm die jüdische Volksbühne. Purim hat rasch Fuß gefaßt. Die Figuren aus dem Buch Esther nahmen wunderliche Formen an. Die Volksphantasie bemächtigte sich ihrer, nahm sie zum Ausgangspunkt komödiantischer Tx-iebe, der so eigentümlichen jüdischen Volkssatire, der Bitternis, des Humors, des Hohns und der Selbstpersiflage. Haman, Aschascbwerosch, Mordechai und Esther wandeln als Grundelemente symbolhaft durch die Straßen des Ghetto, vermummt, lärmend, tanzend, Texte singend, die in primitiven Versen Narretei und Ausgelassenheit boten, ja — wundersam genug im Ghetto — bisweilen auch erotischen Charakter trugen. Noch bis vor wenigen Jahren konnte man in jüdischen Städten und Städtchen des Ostens in den Purimtagen unverfälscht ein jüdisches Fachingstreiben sehen: verkleidete Gruppen, die von Haus zu Haus wanderten, Ulk trieben, derbe Streiche sich gestatten durften und in ihren Purimliedchen ihre jüdischen Mitbürger per- 1 fct R D R Ihren Verwandten! Bekannten und Freunden in der OWJET-UNION JORGSIN' durch (Warenhäuser in allen Städten d. UdSSR) alle gewünschten Lebensmittel, 8eklel<tiRaagflgen9tan4t und Bedarfsartikel spesenfrei ausfolgen lassen An Ort« oAne Torgtm-Fltithn artetet «?/• Zejte/toft* ptr Pmtt 9**t*lfunB*n, AmMnH* und Preislisten in dtr Hand«iev«rtr«fuiit «j«r UdSSR, Wtan I, Walltwatraft« Mr. 9, Tvtopfcon U-21.5-95 Mthl, ElaUePreite (umnaechnet ia österreichischen Schillingen tum eegenwürtigen Kurt); 1.19; Rais, I Kilogramm ton 8 0.47 M a 0.85;. Würfels«ck«r, l Kilogramm JSJ.32;, Honig in Dosen, 1 Kilogramm •iv. v\va?, i nnv^iKHiui fira w wv* v*m vwy t. « « « Teebutter in Doaen, 1 Kilogramm von S 213 bis 3.96; 6.10; Herrenschuhe, t Paar S 19.70 Wa 74m. I Kilogramm von S 0.19 bis . .. ..... )osen, 1 Kilogramm S 166; Herretioocfeeti, 1 Paar S 0.47 bis 4.75; Damenacnnhe, 1 Paar S 17.75 bte