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Die neue Welt · 1935-03-15 · Heft 447 (15.3.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 447 (15.3.1935)
Date
1935-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 447 DIE NEUE WELT Salto Sonderbare Rabbiner Sic sind für Klassenkampf und gegen Geburten Die amerikanischen Reformrabbiner sind eine sehr aktive Gesellschaft. Sie begnügen sich nicht, mit der Abschaffung des Sabbats und der Speisegesetze, mit der Ausmerzung des Hebräischen aus dem Gottesdienste und anderen radikalen Eingriffen in die jüdischen Religionsgebote. Sie scheinen sehr viel Zeit zu haben und wollen mehr. Sie wollen das ganze jüdische Leben gründlich umkrempeln und geben Erlässe von sich, die nicht immer wohlgefällig, aber immer bestaunenswert sind. Vor einigen Wochen wurde berichtet, daß sich über zweihundert Reformrabbiner in einer Kundgebung für die Ideologie des Klassenkampfes ausgesprochen und den Juden Palästinas und der übrigen Welt empfohlen haben, sich der Führung durch die „Histadruth owdim", die klassenkämpferische Arbeiterorganisation in Palästina, zu unterwerfen. Als Rabbiner haben sie empfohlen, das Heil unter der roten Fahne zu suchen. Jetzt kommt von ihnen eine noch sensationellere Kunde. Die J. T. A. meldet aus New York: „Die Exekutive des amerikanischen Reformrabbinerverbandes hat in ihrer letzten Sitzung in New York eine Resolution gefaßt, dergemäß Geburtenkontrolle nicht im Gegensatz zu jüdischen Traditionen steht. Nach jüdischer Tradition seien Schutzmittel gegen Geburten im Interesse der Gesundheit der Mütter oder der Kinder geboten. Sorgfältige Forschungen und Beobachtungen hätten die Rabbiner überzeugt, daß die Geburtenkontrolle zur üeberwindung der Schwierigkeifen des Familienlebens unter den heutigen Bedingungen wertvoll ist. Der Kongreß der Vereinigten Staaten möge darum die Geburtenkontrolle durch verantwortliche medizinische Körperschaften erlaube n." Also: Wozu brauchen die Juden Kinder? Rote Fahnen geniigen! Auch der Laie in Rcligionskunde erinnert sich daran, daß irgendwo das Gebot steht: „Vermehret euch!" Doch mögen Berufenere prüfen, wie der reformrabbinische Kampf gegen das Zeugen von Kindern mit der jüdischen Tradition in Uebereinstimmung zu bringen ist. Vom jüdisch-weltlichen Standpunkte aus betrachtet, repräsentieren sich diese geistlichen Herrschaften genug erbärmlich. Ihr Herz ist leer und ihr Hirn ist leer. Wenn man sie vor die Judenfrage stellt, wissen sie nur eine Antwort: Verschwinden! Aus aller Welt wird von erschreckend großem jüdischem Geburtenrückgang berichtet. Das ist diesen lieben Herren Rabbinern zu wenig. Sie wollen das Volkssterben durch gesetzgeberische Maßnahmen beschleunigen. Das jüdische Volk braucht keine Kinder. Wenn es nur Reformrabbiner und Partei- und Gewerkschaftssekretäre hat, dann hat es genug... England zur deutschen Judenfrage Aus London: Der Berliner Korrespondent der Londoner „Time s" sendet seinem Blatte einen Bericht über die Lage der Juden in Deutschland, der in England sensationell wirkt und vielfach gehegte Illusionen zerstört. Die wirtschaftliche Gleichheit der Juden in Deutschland, stellt der „Times"-Korrespondent fest, wird zwar in der Theorie seitens gewisser zentraler Staatsorgane anerkannt, keineswegs aber in der Praxia geübt. Inabesondere machen sich gegenwärtig deutlich Zeichen eines neuen Wirtschaftsdrucks auf die Juden bemerkbar. Es scheint, daß die Geheime Staatspolizei und die mit ihr zusammenarbeitenden SS.-Kreise die direkte Aufgabe übernommen haben, eine neue Welle jüdischer E m igration in Bewegung, zu setzen •—dies zu einer Zeit, wo die Absorptionsverhältnisse in anderen Ländern gar nicht ungünstiger sein können, als sie es schon sind. In den letzten Wochen ist eine vertrauliche Order der Geheimen Staatspolizei in Umlauf gebracht worden, wonach Propaganda für ein Verbleiben der Juden in Deutschland aufs schärfste unterdrückt werden soll. Jüdische Versammlungen, in denen für ein Verbleiben in Deutschland Propaganda gemacht werden sollte, wurden verboten oder nach Eröffnung aufgelöst, wobei eine Reihe Verhaftungen vollzogen wurde. In einer Stadt Süddeutschlands wurde eine Versammlung nur deshalb aufgelöst, weil einer der Redner davon sprach, daß doch nicht alle deutschen Juden nach Palästina auswandern können, sondern daß ein Rest in Deutschland bleiben müsse. Eine zweite Order der Geheimen Staatspolizei zielt darauf hinaus, daß gegen jene Jugend- und anderen Organisationen, die von der jüdischen Gemeinschaft die Aufgabe der Führung der Berufsumschichtung, die Ausbildung junger Juden zu Landwirten und Handwerkern, übernommen haben, vorgegangen werde. Gemäß diesen neuen Anweisungen der Behörden soll die Vorbereitung geeigneter Emigranten für Palästina nicht gestört, jedoch jede Ausbildung, die dieses Ziel nicht zweifellos klar erkennen läßt, verboten werden. Der „Times"-Berichteratatter kommt auf die Massenverhaftung nach Deutschland zurückgekehrter jüdischer Auswanderer zu sprechen und teilt mit, es scheine festzustehen, daß diese Re-Emigranten eine Zeitlang der „Erziehung" in einem Konzentrationslager unterzogen werden würden, bevor sie ihre Positionen als Einwohner Deutschlands werden einnehmen können. Dabei muß angenommen werden, daß man die Erwartung hegt, die Nachricht einer solchen „Bewillkommnung" werde die Wirkung haben, daß nicht nur deutsche Juden im Auslande ihre Rückreisepläne aufgeben werden, sondern womöglich eine neue Welle panikartiger Auswanderung sich in Bewegung setzen wird. Dies dürfte, so schließt der „Times"-Korrespondent, den an Deutschland grenzenden Ländern Kaum willkommen sein. (J. T. A.) Ein deutsches Zeugnis iAus Stettin: Hier fand eine große Kundgebung statt, auf der Gauleiter Walter Pötsch einen Vortrag über das Thema: „Wir und die Juden" hielt. Der Redner sagte u. a., es liege kein Grund vor, zu verheimlichen, „daß das Judentum sogar schon sofrech geworden ist und versucht, sich durch Quertreibereien unangenehm bemerkbar zu machen... Denken wir nur an all das, was allein in der jüngeren deutschen Geschichte dieses Judentum am deutschen Volke verbrochen hat, und wir werden jtenn wiesen, wie wir to Jodes; des aßtätfienea Igillifje Ktinfjen sind billig. Sa,.ft, gründich, rassig' und preiswert ist natürlich nur Lebens, uns als Deutsche zu verhalten haben! Wenn nun aber einerseits das Judentum die Frechheit hat und von einer .Bedrückung* spricht, vor allem auch in Stettin, andererseits wiederum vor allem jene, die selbst früher eifrigst mit dem Judentum im Bunde waren, unsere zu große Milde bewundern und erklären, es wäre ,n i c h t s* unternommen worden, dann mögen folgende Zahlen Aufklärung geben: Die Gesamtzahl der Juden in Deutschland ist seit der Machtübernahme um 65.000 z urückgegangen und in Pommern von 7800 auf 6300. Die Anzahl der nichtarischen Notare ging von 2050 auf 850 in-Preußen zurück, während der Anteil der nichtarischen Rechtsanwälte immerhin von 23,5 Prozent auf 17 Prozent gesunken -ist. Die Anzahl der nicht arischen Kassenärzte ging von 5300 auf 3640 zurück und statt 5000 nichtarischer Studenten an den deutschen Hochschulen bei Machtübernahme waren im Wintersemester nur mehr 1200 vorhanden. In Stettin ging die Anzahl der nichtarischen Notare um 56 Prozent zurück, so daß heute noch 20 Juden tätig sind, und die Anzahl der nichtarischen Rechtsanwälte sank um 34 Prozent, so daß heute noch 39 Juden als Anwälte tätig sind. Wenn man weiter berücksichtigt, daß heute noch in Berlin 41 Prozent der Aerzte Juden sind, während es vor der Machtübernahme 52 Prozent waren, dann ist es wohl eine echt jüdische Frechheit, von .Unterdrückung* zu sprechen ... Die Antwort des Juden auf unsere Großzügigkeit ist... immer nur Haß." IIIIIMIH1IIUM II.TcborstraBe 12 § Tel. R-46-5-57 I gPfflimn jlestmuautUotd$te$auie ikiMi» Ausginge Braten-Menüs S 1.60 ~W*J Geflügel- „ s 2.20 tWJ | Vorzügliche Zubereitung - Schwächster Biere — Naturweine § liiniiiitiiiiiiiiiiM „Beleidigung" Aus Berlin: Die Zeitschrift „Mode und Heim" Nr. 25 (Verlag Vobach, Leipzig) bringt in der Rubrik, die überschrieben ist „In Fragen raense hlicher Bedrängnis" folgende Antwort: „Nach der heutigen Rechtsprechung ist der unberechtigte Vorwurf der nichtarischen Abstammung eine Beleidigung nach § 186 StGB. Der Betreffende, dem nichtarische Abstammung vorgeworfen wird, mag sich einen dieser Verleumder herausgreifen und gegen ihn die Beleidigungsklage erheben. Nach der obengenannten Vorschrift muß dann der Angeklagte den Nächweis für die Richtigkeit seiner Behauptung erbringen. Kann er das nicht, so erhält er eine gehörige Strafe. Das wirkt dann wohl hinreichend abschreckend, daß auch die übrigen Lästermäuler verstummen. Man kann dem Fragesteller nur empfehlen, sich wegen dieser Frage mit einem tüchtigen Rechtsanwalt in Verbindung zu setzen, der dann, das Weitere veranlassen wird." An alle Freunde des Palästina-Weines. Die vorzügliche Qualität und Beliebtheit der Weine aus den Baron Rothschildschen Kellereien in Rishon-le-Zion hat vielfach zu Nachahmungen der Etiketten und Markenbezeichnungen geführt. Weine anderer Provenienz und zweifelhafter Herkunft werden als Palästinawein in den Verkehr gebracht. Das konsumierende Publikum und der seriöse Zwischenhandel lehnen selbstverständlich die Fälschungen ab und beachten stets vor dem Kauf die Etikettenbezeichntmf; RifU-Z-ion. Kleine Tube S — .SO Große Tube S 1.4Q Wegen eines Streicher-Plakats verhaftet Aus Prag (J. T. A.): In den letzten Tagen wurden — wie aus Berlin gemeldet wird — zwei Geschäftsführer des Warenhauses Tietz von der Geheimen Staatspolizei verhaftet, weil sie die Aushängung des judenhetzerischen Streichersch.cn Zeitungsplakats in dem Warenhaus mit Rücksicht auf die jüdischen Kunden verboten hatten. In dem mit aufreizenden Judenkarikaturen versehenen Plakat wird für den „Stürmer" Reklame gemacht. Zahl der nichtarischen Rechtsanwälte Aus Berlin: Nach einer neuen amtlichen Zählung betrug am 1. Jänner 1935 die Zahl der Rechtsanwälte im Deutschen Reich 1K.7S0. Davon waren 2736 Nichtarier. Von den zur Anwaltskammer Berlin gehörenden 2931 Rechtsanwälten waren .1092 nichtarisch. Im Breslauer Bezirk wurden unter 1017 Rechtsanwälten 234 Nichtarier gezählt; im Bezirk der Dresdner Anwaltskammer von 1773 Anwälten 6R Nicharier. Im Oberlandesgcrichtsbezirk Hamm waren von 1275 Rechtsanwälten 84 nichtarisch, im Münchener Oberlandesgerichtsbezirk waren von 1010 137 nichtarisch. Mischehen haben aufgehört, Aus Berlin: Dr. Felix A. Theilhaber stellt in der „Jüdischen Rundschau" fest, daß Mischehen zwischen Juden und Christen in Deutschland so gut wie aufgehört haben. 1931 übertraf die Zahl der Mischehen die der rein jüdischen ums Doppelte. Damit war die jüdische Familienbildung' in vollster Auflösung. Nunmehr hat die deutsche Judenheit den Weg zur Gemeinschaft der Lebenshaltung wieder beschritten, und das persönliche Interesse des Einzelnen am jüdischen Schicksal ist intensiviert worden. Saarbrückner Emigrant irrsinnig geworden Aus Iglau: Auf dem Masarykplatz in Iglau, Mähren, wurde von der Polizei ein Mann angehalten, der auf dem Kommissariat als der 40jährige Arthur Jacob, Kaufmann aus Saarbrücken, identifiziert wurde. Jacob, der einen ordentlichen Reisepaß bei sich hatte, gab an, daß er nicht für die Rückgliederung gestimmt hatte und das Saargebiet verlassen mußte. Er wurde, da er Zeichen bedenklicher Erregung an den Tag legte, in Haft behalten und erlitt einen Tobsuchtsanfall. Der Polizeiarzt stellte Zeichen einer Geisteskrankheit fest und ließ ihn in die Iglauer Heilanstalt für Geisteskranke überführen. Aus der österreichischen Presse Der „Gemeindedienst", das Organ des Verbandes der Gemeindeangestellten Oesterreichs, schreibt: „Nicht die Schlechtesten unter den Sozialdemokraten waren es, die unter Zurückstellung marxistischer Zukunftsträume den Staat bejaht wissen wollten und zur Mitarbeit bereit waren. Die geflohenen jüdischen Führer aber waren anderer Meinung. Der Appell an die Waffen sollte ihnen den Weg zur Diktatur nach sowjetrussischem oder mexikanischem Muster freimachen. Sie haben das Spiel verloren, nicht nur, weil Staatsmacht und Wehrverbände stärker waren, sondern ebenso deshalb, weil der gesunde Sinn eines Großteiles der Arbeiterschaft in. der sozialistischen Bewegung wohl die Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit, keinesfalls aber jüdischer Diktaturgelüste anstrebte." Das Blatt erscheint in sehr großer Auflage und geht allen Gemeindefunktionären Oesterreichs zu. Seine Stellungnahme ist daher gewiß nicht ohne Einfluß. Es nimmt keinen Anstand, nach gut antisemitischer Sitte die Verfehlungen einzelner Juden, welche von bewußt jüdischer Seite immer abgelehnt wurden, als eine allgemein-jüdische Sache hinzustellen. Eine schlechte Schule für öffentliche Funktionäre. * In der alpenländischen Tageszeitung „Innsbrucker Nachrichten" findet sich folgendes Inserat: „Zwei Arier mit Beziehungen zu antisemitischen Kreisen für den Verkauf eines soeben erschienenen aktuellen konkurrenzlosen Werkes , gesucht. Sofortige Zuschriften unter „Günstige Bedingungen 5255" an die Verwaltung." Was muß in diesem Werke stehen, wenn es als konkurrenzlos bezeichnet wird? Bei der Fülle blutrünstigster Hetzschriften gegen Juden ist es wirklich schwer, konkurrenzlos dazustehen. Oder ist es nur Großsprecherei? In diesem Falle sollten doch die Herren Verfasser anderer antisemitischer Produkte die „Innsbrucker Nachrichten" wegen unlauteren Wett bewerbet belangen«

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