Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 445 (8.3.1935)
- Date
- 1935-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 445 DIE NEUE WELT Seite 3 } Jüdischer Ehrensdiutz in Kanada — In Oe§terreidi? Wir haben in der Vorwoche berichtet, daß der Jüdische Volksbund für Oesterreich in einer Eingabe an die Regierung um ausreichenden Ehrenschutz für die jüdischen Staatsbürger ersucht hat. Heute kann weder eine jüdische Einzelperson noch eine jüdische Körperschaft Klage vor Gericht erheben, wenn das jüdische Volk oder die jüdische Religionsgesellschaft in der unerhörtesten Weise beschimpft wird. Das geltende Gesetz spricht ihnen die Klagslegitimation ab, das heißt das Recht, sich beleidigt zu fühlen! Nun hat der Volksbund die Forderung nach Ausgestaltung der geltenden Gesetze erhoben, und zwar in dem Sinne, daß jeder jüdische Staatsbürger und alle jüdischen Organisationen das Recht erhalten, den Verunglimpfer jüdischer Volks- und Religionsehre, also ihrer Ehre, vor Gericht zu klagen. In diesem Zusammenhang ist der nachstehende J.-T.-A.¬ Bericht aus Kanada sehr bemerkenswert: Aus Winnipeg: Der Vorsitzende des Winnlpeger Gerichtshofes, Richter Montague, hat auf Grund der im April 1934 vom Parlament des kanadischen Staates Manitoba einstimmig angenommenen Novelle zum Gesetz gegen Verleumdung, durch die jedem Angehörigen einer Rasse oder eines Glaubens Klagerecht bei Kollektivbeleidigung seiner Gemeinschaft eingeräumt wird, den kanadischen Nationalisten und Herausgeber einer antisemitischen Zeitung, William Whittaker, durch Gerichtsurteil verpflichtet, keinerlei gegen die Juden gerichtete Verleumdungen mehr zu veröffentlichen. Eine einstweilige Verfügung in diesem Sinne war bereits am 8. November bei der Eröffnung des Gerichtsverfahrens gegen Whittaker ergangen. Die Klage war im Einvernehmen mit dem kanadisch-jüdischen Kongreß von dem Kriegsteilnehmer Hauptmann William Tobias erhoben worden. Der unmittelbare Anlaß für die Erlassung einer Gesetzbestimmung wegen Kollektivbeleidigung im Staate Manitoba war der Wunsch, der antisemitischen Propaganda entgegenzutreten und insbesondere die Verbreitung der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion" zu verhindern. Manitoba ist der erste kanadische Bundesstaat, in dem ein solches Gesetz in Kraft ist; der Die Heize gegen die Saarjuden beginnt Die Saat der vom Reiche her unter Führung von Julius Streicher betriebenen Verleumdungshetze gegen die Saarjuden beginnt bereits im Saarlande aufzugehen. In Saarbrücken und in anderen Orten des Saargebietes werden bereits antijüdische Bekanntmachungen an die Häuserwände geklebt. Die Fenster jüdischer Geschäfte werden mit Beschimpfungen und Warnungen vor dem Einkauf bei Juden beschmiert. Der „S türme r", besonders diejenigen Nummern des Hetzblattes, in denen die Saarjuden des Verrats an Deutschland bezichtigt werden, wird in den Straßen angeboten und massenhaft verbreitet. An die Mitglieder der bisherigen Deutschen Front werden Aufrufe gerichtet, in Massen in die SA. und SS. einzutreten. Die Aufrufe arbeiten mit den bekannten antisemitischen Argumenten. * Aus Nürnberg: Am Tage der Rückkehr der Saar an das Reich sprach Gauleiter Julius Streicher auf einer Kundgebung in Nürnberg. Nach dem Bericht der „Fränkischen Tageszeitung" sagte er u. a.: „Ich habe es am 18. Jänner an dieser Stätte gesagt und sage es heute wieder: Es ist kein Zufall, daß man an die Spitze der Regierung im Saarland einen Angehörigen des jüdischen Volkes setzte, es ist kein Zufall, daß dem Juden Heimburger die Macht an der Saar gegeben wurde, es ist kein Zufall, daß man einen Juden ausersehen hat als Sklavenhalter an der Saar. Er diente dem jüdischen Volk als Direktor der Regierung, die man dort schuf, er diente jenem Volke, das sich zum Ziel setzte, die Welt zu erobern und eine ewige jüdische Weltherrschaft aufzurichten... Wir werden es dem Saarvolk sagen — so wio wir es vierzehn Jahre lang dem deutschen Volk gesagt haben, und wio ich es in Nürnberg und Franken gesagt habe: Erkennet endlich euren Feind! Wenn es in den heiligen Büchern geschrieben steht, daß der Kämpfer von Nazaroth den Vater der Juden als den Teufel erklärte, dann haben wir die Pflicht, der Gegenwart das immer wieder zu sagen, daß auch wir das jüdische Volk als Teuf eis volle erkannt haben." „Wir haben den Feind erkannt und wir werden ihn immer nennen und werden nicht lassen von ihm. Wir haben seine Festungen erobert, die er errichtet hatte auf Schleichwegen im Laufo der Jahrhunderte. Aber der Sieg würde den Keim des Unterganges in sich tragen, wenn wir ausruhen würden, wenn wir jetzt rasten oder vergessen würden." (Der Direktor der früheren Regierungskommission des Saargebietes, Heimburger, ist weder Jude noch jüdischer Abstammung. Die Red.) (J. T. A.) JuflenstantspartelOesterreichs, Sektion Prater Sonntag, den 9. März 1935, halb 0 Uhr abends, im He in, Ii, Kleine Zufahrtsstraße 165 VORTRAG Referent: Dr. R. Rabinowitx (Kaunas, Litauen) Thema: Die läge des Zionismus und die Judenstaatspartei Oüste willkommen t kanadisch-jüdische Kongreß ist bemüht, die Annahme entsprechender Gesetzesbestimmungen auch in den übrigen kanadischen Provinzialstaaten zu veranlassen. Was in Kanada möglich ist, muß auch in Oesterreich möglich sein. Bundeskanzler Dr. v. Schuschnigg hat in seiner Londoner Erklärung über die Ju^enfrage, deren Wortlaut wir in unserer letzten Nummer brachten, darauf hingewiesen, daß die österreichischen Juden in der Lage sind, antisemitischen Angriffen auf ihre Rechte und Ehre in ihrer Presse, in Versammlungen und Manifestationen entgegenzutreten. Das ist richtig, in sachlicher Hinsicht, aber wie steht es um Beschimpfungen und Verleumdungen? Sollen die Juden etwa mit gleicher Münze zahlen und zurückschimpfen und zurückverleumden? Darin liegt weder gerechte Sühne noch eine Garantie gegen eine Wiederholung der Beleidigung. Der Jüdische Volksbund für Oesterreich verlangt für den Bürger als Juden nur jenen staatlichen Ehrenschutz, der jedem Bürger als Privatmann gewährleistet ist. Sein Verlangen ist gerecht. Was in Kanada möglich ist, kann auch in Oesterreich durchgeführt werden. Die besten REISEFÜHRER sind Heues Palästina-Handbuch mit 31 Karten und Plänen Hugo Herrmann Palästina, wie es wirklich ist mit 72 Bildern und 2 Landkarten Neue Generalkarte von Palästina 1:500.000, Format 52 X HO In allen guten Buchhandlungen oder direkt durch die Versandbuchhandlung, Wien VI, Gumpendoiferstraße 10 Telephon ß-24-9-78 FIBA Danksagung. Allen Institutionen, Freunden und Gesinnungsgenossen, die mir Worte des Beileids und des Trostes gespendet haben, danke ich auf diesem Wege herzlichst. Moses Rath, Auszeichnung des Wiener Oberrabbiners Dr« Feudilwang Der Bundespräsident Dr. Miklas hat dem Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang taxfrei das Offizierskreuz des österreichischen Verdienstordens verliehen. Andere Länder — andere Methoden Antisemiten verkaufen Koscher-Fleisch Die deutschen Antisemiten haben den Juden, um sie in ihrem Empfinden schmerzlich zu treffen, das rituelle Schächten verboten. Die polnischen Antisemiten haben den Juden auch das Schächten verboten und wollen fortab selbst rituell schachten. Praktischer handeln entschieden die Warschauer Herren Antisemiten. Sie treffen die Juden und machen überdies ein glänzendes Geschäft. Die J. T. A. meldet aus Warschau: Die Warschauer antisemitische Stadtverwaltung hat amtlich bekanntgegeben, daß sie die Leitung des gesamten Schlachthausbetriebes, einschließlich der jüdischen rituellen Schlachtung, übernimmt. Die Schächter werden Angestellte der Stadt. Gegen diese bereits seit einiger Zeit geplante Regelung ist von jüdischer Seite energisch Stellung genommen worden. Das Rabbinat hatte schon vor einigen Wochen erklärt, daß nur das Fleisch von Tieren, die von den unter seiner unmittelbaren Aufsicht stehenden Schochtim geschlachtet sind, als rituell zulässig anzusehen sei, und hat an die jüdische Oeffentlichkeit den Appell gerichtet, von den im Schlachthaus selbständig tätigen Schochtim kein Fleisch zu übernehmen. Der Rabbiner-Verband hat eine außerordentliche Sitzung einberufen, in der, wie der J. T. A. mitgeteilt wird, eine Protestresolution dagegen gefaßt wurde, daß die Warschauer Stadtgemeinde die bisher der jüdischen Gemeinde unterstellte Schechita nunmehr in eigener Verwaltung ausüben lassen will. Eine Delegation von Rabbinern wurde vom Kultusminister empfangen, der der Abordnung versprach, daß das Ministerium die Sache entsprechend den Wünschen des Rabbinats behandeln werde. Die weittragende Bedeutung der von der Warschauer Stadtverwaltung getroffenen Maßnahme geht daraus hervor, daß der „Gaon von W i 1 n a", Rabbi Chaim Oser Grodzenski, an die Jüdische Gemeinde Warschau ein Schreiben gerichtet hat, in dem er darauf hinweist, daß die Einkünfte aus den Schächtgebühren den finanziellen Unterbau der jüdischen Ge- PjtisUto It&sUin - SeHUHeeiitQ. Burgif Fußbad stärkt und erfrischt die ermüdeten* Fußneru-en und macht dieHautsiimm und geschmeidig. meinden bilden. Der in Warschau verübte Anschlag1 werde überall im Lande ein böses Beispiel geben rmd sei deshalb gegen die Juden des ganzen Landes gerichtet« Wenn die Gemeinden ihr Einkommen aus den ächächtgebühren verlieren, so würde ihre gesamte Finanzwirtschaft erschüttert werden, so daß sogar die E rhaltung von Rabbinern unmöglich gemacht werden würde. Die Exekutive des polnischen RabbinerverBandeS, der über 900 Rabbiner in ganz Polen repräsentiert, hat iÄ einer Resolution das Vorgehen der Warschauer Stadtverwaltung als einen Anschlag gegen das jüdische Gesetz und gegen die Existenz der jüdischen! Gemeinden in Polen gebrandmarkt. Rabbi Spira freigesprochen Aus Prag wird gemeldet: Vor dem Mukacevoer Kreisgericht hatte sich der iÄ der Chassidimwelt berühmte Oberrabbiner Spira wegeil Vergehens gegen das Gesetz zum Schutze der tschechoslowakischen Republik zu verantworten. Die Anklage warf ihm Beleidigung und Aufwiegelung vor, weil er erklärt hatte, die im Vorjahr in Karpathorußland ausgebrochene Typhusepidemie sei eine Strafe Gottes für die Sünden der Zionisten und Hebraisten. Ferner gebrauchte er beleidigende Ausdrücke über das hebräische Gymnasium in Mukacevo und über die Eltern, die ihre Kinder in diese Schuler schicken. Oberrabbiner Spira wurde mit der Begründtung freigesprochen, daß er nicht gegen die jüdische Nation gehetzt habe, sondern daß er sich nur gegen die in der Schule geübte Bibelkritik gewendet habe, wozu er als rabbinisch.es Oberhaupt seiner Gemeinde T> er e c h t i g t sei. * Rabbi Spira bildet seit langem den Mittelpunkt unliebsamer Sensationen in der Tschechoslowakei. Er geb.fi in rücksichtsloser Weise gegen alle vor, die sich seiner Herrschaft nicht fügen wollen. Er arbeitet mit Bann und Boykott. Insbesondere richten sich seine Angriffe gegen das hebräische Gymnasium und dessen Leite? Dr. Kugel, welchem er sozialistische und freidenkerische Einstellung zum Vorwurf macht. Er hat es tatsächlich dahin gebracht, daß die orthodoxe Bevölkerung alle Kaufleute, Fleischer und Lebensmittelhändler, welche ihre Kinder ins Gymnasium schicken, meidet. Das freisprechende Urteil, welches sich auf gewisse Tendenzen im Gymnasium stützt, wird wohl zur Folge haben, daß Rabbi Spira nunmehr skrupelloser als je vorgehen *wirü< Gegen Mosley und MacDonald Aus Manchester: Auf der in Manchester allgehaltenen Jahreskonferenz des zionistischen Arbeiterverbandes in England brandmarkte der Präsident des Board of Deputies of British Jews (Verband der jüdischen Gemeinden Englands), Neville L a s k i, in sehr scharfen Worten die antijüdische Kampagne des Führers der British Union of Fascists, Sir Oswald Mosley, als unaufrichtig und führte u. a. aus: Sic Oswald Mosley behauptet, der „Internationale Jude" sitze in einem Londoner Büro und wirke gegen die Interessen des Landes. Er sagt dies, obwohl er weiß, daß es nicht wahr ist, aber er darf solche Behautpungen wagen, weil ihn niemand deswegen gerichtlich zur Verantwortung ziehen kann. Er hat nicht den Mut, einen Namen zu nennen. Wir sind leider ein zerstreutes Volk und haben nicht die Möglichkeit, uns gegen Verleumdungen zu schützen. Würde man kleine Völker, wie etwa Griechen oder Belgier, so verleumden, so würde es vielleicht gar zu einem Kriege deswegen kommen. Der englische Premierminister hat es nicht für nötig befunden, auch nur ein Wort der E mpÖrung gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland auszusprechen! Verlangen Sie im Restaurant wie auch im Kaffeehaus ausdrücklich „Preblauer-Saucrbrunn", das gesundheitsfördernde, erfrischende österreichische Mineralwasser. Hmk UtdasUm ^li^h^T /u^, ^>«««>T/i# *t> Wodientüdie Itttei durch u6fHfu2£* JAUCS IX, Spitalgasse 3, Tel. B-42-5-38