Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 445 (8.3.1935)
- Date
- 1935-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 445 FEIERN SIE HEUER DAS PASSAHFEST BEI IHREN VERWANDTEN IN AMERIKA zu den bis Ende April 1935 geltenden billigen fiundfahripreisen Nächste Abfahrisn: 20. i.lärz Dersngarfa 3. April Ma|«tllc 27. März Olympic 10. April Bsrangaria Billig« Gesellschaftsreise mit dem Motorschiff »Britannien Abfahrt: 19. April 1935 ab Wien Rituelle Küche an Bord aller Schirr«!?Ä,l^f! Cunard White Star Line Wien I, Kärntnerring 4 (U-42-0-43, U-46-2-48), IV, Wledn. Gürtel 22 (U-41-0-54) ständliches, den Juden das Recht zuzugestehen, sich zur jüdischen Nation zu bekennen. Im Jahre 1899 schrieb er im Zusammenhang mit der damals in der Habsburgermonarchie vorbereiteten Volkszählung: „Die Juden sind ein eigenes Volk, wenr - -uch bereits ihre gesprochene •prache aufgegeben haben. Aber die Sprache allein ist nicht das ethnographische Merkmal einer Nationalität." Die geistige und moralische Haltung der Republik Masaryks als Resultat eines jahrhundertelangen Erziehungsprozesses hat die warme und freundschaftliche Atmosphäre geschaffen, in der das jüdische und das tschechoslowakische Volk miteinander leben. Zwar machen sich Anzeichen geltend, daß gewisse Teile der tschechoslowakischen Bevölkerung sich mit den Untugenden beflecken wollen, denen einzelne Nachbarstaaten der tschechoslowakischen Republik verfallen sind, aber es wäre traurig um einen Staat bestellt (in dem Masaryk Präsident Ist), der nach seinen eigenen Kämpfen um die Unabhängigkeit jetzt die Rechte der eigenen Minorität antasten wollte. Es wäre dies ein tragisches Zeichen, eine Irrung in der ehrenvollen Geschichte dieser Republik. Masaryks offene Augen werden, so hoffen wir, den kleinsten dunklen Fleck auf der Ehre des tschechoslowakischen Volkes blitzschnell erkennen und ihn nicht schädlich werden lassen. Das jüdische Volk begrüßt den Führer des tschechoslowakischen Volkes T. G. Masaryk als Menschen von sittlicher Größe, als Präsidenten einer ehrenreichen Republik, als Freund und Versteher der Juden. Vergängliche und unvergänglsdBe Schäden Dem nationalsozialistischen Deutschland geht es "wirtschaftlich nicht gut. Das bezeugt der Reichswirtschaftsmi nister und Reichsbankpräsident Dr. Schacht selbst. „Deutschland steht", sagte Dr. Schacht auf der Leipziger Messe, „vor beinahe unlösbaren Problemen" und ließ die Gründe dieser Lage Revue passieren. Er vergaß auch nicht daran, von den Schäden der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu sprechen. Allerdings war er in der Ausdrucksweise sehr vorsichtig, und man muß zwischen den Zeilen zu lesen verstehen, um zu merken, was hinter folgender Feststellung Schachts steckt: „In der nationalsozialistischen Revolution wird, wie bei allen Revolutionen, manches mit umgerissen, das mehr zufällig als verdient fällt. Auch mögen Ueberftifer und heilige Einfalt hie und da Schaden anrichten. Wenn der Nationalsozialismus mit Recht das Sichbreitmachen fremdrassiger Wesen in Staat und Kultur ausmerzt, so heißt das nicht, unterschiedslos jeden Juden vernichten ... Aber Mißgriffe dieser Art sind vergängliche Schäden, die noch keiner Revolution gefehlt haben." Wie man sieht, geht Dr. Schacht über den wesentlichen Punkt dieser „Mißgriffe" hinweg. Nicht Uebereifer und heilige Einfalt sind es, die das deutsche Judenproblem angepackt und in so brutaler Weise zu lösen versucht haben. Es war die wichtigste Agitationsparole des Hakenkreuzes, den Juden als den größten Schädling des deutschen Volkes hinzustellen, als den Schmarotzer und Kulturverderber, der ausgerottet werden müsse. Und darum hieß es und heißt es Programm- und verordnungsgemäß, jeden Juden unterschiedslos zu vernichten. Es handelt sich also nicht um Mißgriffe, sondern um systematisches Handeln, das — was von keinem deutschen Wirtschaftsfachmann mehr bestritten wird — vSchäden. vielleicht nur „vergängliche" i gebracht hat. Gerade der Zioni»muü hat Verständnis für das geistige Ringen eines Volkes und steht auch dem „Umbruch der deutschen Nation" nicht mit erniedrigender Kritik und verletzendem Spott gegenüber. Aber er glaubt, daß dieser Umbruch nicht mit antijüdischer Hetze in aller Welt verbunden sein müsse und daß „Deutschland erwachen" kann, ohne daß „Juda verrecken" muß. Hier liegen di<- unvergänglichen Schädei.,, die Doktor Schacht in seinem Expose zu erwähnen unterlassen hat. lasef UuHtfte&det Am 11. Adar vor 15 Jahren ist Josef Trumpeldor, der jüdische Soldat und nationale Chaluz, als Held im Kampf um Tel-Haj gefallen. Sein Name Ist Symbol geworden für die jüdische Jugend, die wehrhaft und stolz, unerbittlich und bescheiden, opferbereit and kompromißlos das neue Palästina bauen will. Das jüdische Volk ehrt in Josef Trumpeldor den Mann, der ein Beispiel von Tatendrang und Heimatliebe dem heutigen und kommenden Geschlecht gegeben hat. Seine Vorstellung vom „Chaluz" war der Inbegriff der Einigkeit, der großen jüdischen Gemeinschaft auf dem Boden Erez Israels. Dieser Ehrenname ist im Laufe der Jahre verblaßt. Das jüdische Land, vornehmlich die jüdische patriotische Jugend, kann das Andenken au ihr Vorbild nicht besser ehren als durch die Tat, den alten edlen Begriff „Chaluz" wiederherzustellen. FRANCOPQl' Billige HAI PIlABFAHRT: SonderreisenpQ| hN »/rYl nach ■ WBtaBM Rückkehr7.April Andere Aufenthaltsarrangements möglich. Anmeldungen: IH,Rennwerj1 Tel. U-16-4-90 Der gebrochene Max Liebermann Tragik der jüdischen Assimilation In tiefstem Gram ist der größte jüdische Künstler, der nur ein Deutscher und nichts anderes sein wollte, ins Grab gesunken. Ein Zerschmetterter, Haß im Herzen. Ein christlicher Freund des großen Toten schreibt in der „Neuen Zürcher Zeitung" über einen Besuch bei Liebermann, zwei Monate vor seinem Hinscheiden: Es war Ende November des letzten Jahres. Ich befand mich auf der Durchreise in Berlin und hatte den großen Wunsch, Max Liebermann anläßlich der Londoner Ausstellung seiner Bilder zu besuchen. Als ich telephonisch* anfragte, kam Üer Künstler selber an den Apparat. Ich sagte mein Anliegen. Eine müde Stimme erwiderte: „Was wollen Sie bei mir sehen? Ich bin alt, krank und in schlechter Stimmung; es lohnt wirklich nicht, mich zu besuchen!" ... Liebermann öffnete die Tür. Klein, mager, gebeugt, doch mit unverändert scharfem Blick und regem Ausdruck. Er sprach mühsam, aber ohne Unterbrechung. „Ich mag nicht meh r leben — ich habe es so satt, so satt — ja, gewiß, ich male noch täglich, aber ich male nur, weil ich so schlechter Stimmung bin, und ich bin so schlechter Stimmung, weil ich so schlecht male." Letzter Nachklang seines Humors, des trockenen Witzes, der ihn einst fast ebenso berühmt gemacht hatte wie seine Kunst. Kein Scherz, kein Lächeln kommt mehr über seine Lippen. „Aus der Akademie haben sie mich hinausgeworfen, deren Präsident ich dreizehn Jahre lang war — nur ein einziger von diesen —", folgt ein scharfes Wort, „hat den Mut gehabt, dagegen zu protestieren: Kokoschka." Ich versuche einen Einwand: „Aber, Herr Professor, stehen Sie nicht über allen diesen Dingen?" Liebermann sagt: „Mein liebes Kind, glauben Sie doch nicht, daß irgend einer von uns über den Dingen steht, — wir sind alle abhängig vom Urteil unserer Mitmenschen ... An meinem 85. Geburtstag vor zwei Jahren, da fing die neue Zeit an. Ich rief beim Direktor der staatlichen Museen an, ich wollte ihm danken, weil ich gehört hatte, daß er abends am Radio über mich sprechen wollte. Als ich ihm dankte, sagte er: „Aber, ums Himmels willen, haben Sie denn noch nichts gehört? Ich weiß noch gar nicht, ob ich die Rede werde halten können — P a p e n hat soeben die neue Regierung übernommen; jetzt wird alles anders.' —- Na, und es istanders gekomme n!" Liebermann blickte in trüber Prophetie vor sich hin. „Wissen Sie, ich lebe nur noch aus Haß. Jeden Tag, wenn ich die Treppe dieses Hauses hinaufgehe, das noch meinern Vater gehörte, steigt der Haß . . ich schaue nie mehr aus den Fenstern dieser Zimmer — ich will die neue Welt um mich herum nicht sehen — -" das teste und fäUcende -rara ciunänUcUe RESTAURANT SPRITZER (früher im „National", dann im ,.Stefanie") jetzt II, Hammer-Purgstall-Oasse 7 (Nähe Dianabad), biinet vorzügliche, abwechslungsreiche Mittagsu. Abend-Menüs schon ab Schilling 1.60. Bekannt gute Wiener Küche und alle orientalischen Sozialitäten BSJT;im Rost und Spieß "^Nfl Ich werfe ein, daß er auf der ganzen Welt Freunde und Bewunderer habe, das müsse ihm doch über vieles hinweghelfen. „Ja, ich kriege Briefe von überall, es ist schön, aber sehen Sie, ich bin mein ganzes Leben Deutscher gewesen, nur Deutscher. Seit siebzehn Jahren habe ich Berlin überhaupt nicht mehr verlassen — ich hätte anderswo leben sollen — ich konnte es nicht. Mein ganzes Leben glaubte ich Deutscher zu sein — und jetzt — was bleibt mir jetzt übrig!" Liebermann kann die namenlose Kränkung nicht überwinden. „Ich kann sonst an Büchern keine rechte Freude mehr finden. Jetzt lese ich über das Leben der römischen Kaiser — aber nichts fesselt mich mehr." Wir sprechen über die englische Ausstellung seiner Bilder. „Fahren Sie doch hin, Herr Professor!" Sehr müdes Lächeln: „Ach, dazu bin ich zu alt, viel, viel zu alt. Und das Leben macht mir gar keine Freude mehr. Glauben Sie mir — ich möchte lieber heute sterben als morgen..." Beim Abschied sagt er mit leise lächelnder Entschuldigung des Weltmannes: „Ich bin kein angenehmer Gesellschafter!" Es war wohl der letzte fremde Besuch, den Ldöbermann empfing. Es tat weh, einen großen Menschen und Künstler zu sehen, der an seinem Lebensende die Welt nicht mehr zu verstehen vermochte. Der noch so tief verwundet werden konnte, daß ein ganzes Dasein voller Glanz und Ehre in seinen eigenen Augen zu nichts wurde. Liebermann war erst in zweiter Linie guter Europäer, er war vor allem — guter Deutscher. Als er das nicht mehr sein durfte, betrachtete der alte Mann sein gesamtes Leben als einen ungeheuren Irrtum. Darüber konnte er nicht hinweg. I DO ROTHE UM, WIEN I. Dototheergasse 17, Spiegelgasse 16, Tel. R-25-5-50 Große Juwele na ukti on ^Qpld-, Platin-^ Brillanten- und Perlenschmuck, Antiker Schmuck BESICHTIGUNG: Freitag, 8, bis Dienstag, 12. März, 10 bis 6 Uhr (Sonntag geschlossen) AUKTION: Mittwoch, den 13. März 1935, ab 3 Uhr Das „arische" Esperanto In Deutschland wurde kürzlich ein Esperanto* Verband gegründet, mit dem Hinweis darauf, daß diese Kunstsprache als Verständigungsmittel zwischen den Völkern — gemeint waren Hitler-Deutschland und Ostasien — werden könnte. Dem Esperanto wurde also eine kulturell wertvolle, ja unentbehrliche Funktion zugeteilt, wohlgemerkt: unterm deutschen Hakenkreuz, Allerdings unterließ man zu sagen, daß der Schöpfet dieses wertvollen Kulturgutes ein Angehöriger des „weltversumpfenden, korrumpierenden, niederträchtigen Auswurfs der Menschheit" ist, nämlich Jude, der in aller Welt bekannte Professor Zamenhof. Ein Beispiel für viele. * Die relchsdeutsche Zeitschrift „Der Katholik", eftließ die Parole „Katholiken, lernt die Weltsprache Esperanto!" und der Wiener Kardinal Pif fl sagte einstl „Laßt eure Kinder Esperanto lernen, es ist die Weltsprache der Zukunft." Hetzerische Methoden Die „Wiener Neuesten Nachrichten" vom 8. M3sft veröffentlichen einen Bericht über Lettlands Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung, welche angeblich durch die — jüdische Weltpresse gegen die lettische Regierung hetzo. Dos Wiener Blatt stützt sich hiebe! auf eine Nachricht der Jewish Telegraph Agency" (J. T. A.), welche u. a. folgendes ausgegeben haben soll: „Wenn die jüdische Gesellschaft im Auslande nicht eine energische Kampagne zur Verteidigung der Rechte der jüdischen Rechtsanwälte und Aerzte in Lettland unternehmen sollte, werden alle die Juden, die in freien Berufen tätig sind, ihrer vollkommenen Vernichtung entgegengehen... Die größte Mehrheit der Juden Lettlands durchlebt einen tiefen ökonomischen Niedergang... Die Schmerzensschrete der Juden Lettlands dringen zu uns. Die jüdische Gesellschaft des Auslandes und die Presse können nicht schweigen. Lettland ist ein kleiner Staat und ist daran interessiert, daß es im Ausland einen guten Ruf habe. Die politischen Faktoren des Judentums müssen schnell und energisch durch eine Intervention auftreten. Mögen die Großstaaten einschreiten." Ein solcher Bericht der J. T. A., deren Nachrichtendienst wir beziehen, ist uns nicht zugegangen. Es scheint sich da wieder um eine entstellte und verfärbte Wiedergabe seitens der „Wiener Neuesten Nachrichten" zu handeln, deren Methoden zu beleuchten wir schon einigemal Gelegenheit hatten.