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Die neue Welt · 1935-03-01 · Heft 443 (1.3.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 443 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Äfc. U3 ME NEUE WELT Sstta^., Geschäfte mit und gegen Juden Nazideutsche Märchen Vor den Vertretern der amerikanischen Handelskammer in Berlin sprach dieser Tage der Staatssekretär für Berlin, Dr. Lippert, über die wirtschaftlichen. Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. Nach den obligaten Redensarten erklärte Dr. Lippert, daß im Handelsverkehr zwischen Deutschland und U. S. A. besondere Schwierigkeiten entstanden seien, die man auf die sogenannte jüdische Boykottbewegung im New-Yorker Welthandelszentrum zurückführen müsse. Der Berliner Staatssekretär versuchte nun die Ursachen dieser Boykottbewegung anzuführen, d. h. den Wirtschaftsboykott seitens der Juden und der anderen amerikanischen Kreise als unbegründet hinzustellen. Er wagte nämlich, folgendes zu erklären: „Es wird behauptet und Deutschland xum Vorwurf gemacht, daß es die wirtschaftlichen Existenzmöglichkeiten der Juden in Deutschland vernichtet habe und, wo dies noch nicht geschehen sei, vernichten wolle. Wenn Sie, meino Herren von der amerikanischen Handelskammer, Gelegenheit haben, sich in Deutschland umzusehen, werden Sic sich überzeugen, daß den Jaden in Deutschland wirtschaftlich nichts geschehen ist... Wenn ein Jude dem Staat bewiesen hat, daß er bereit sei, die ihm auferlegte Pflicht im Interesse der AHgc- . raeinheit zu erfüllen, so ist er in wirtschaftlicher Hinsicht vollkommen gleichgültig." Es fragt sich, wen Herr Dr. Lippert bluffen will: die Vertreter der amerikanischen Wirtschaft oder gar die Kreise, welche in U. S. A. den antideutschen Boykott organisieren. Glaubt er wirklich, man wisse nicht, daß der Jude im Dritten Reich wirtschaftlich systematisch vernichtet, aus dem Erwerbsleben ausgeschaltet wird und nicht einmal der niedrigsten Existenzstufe sicher ist? In ganz Deutschland ertönt der Naziruf: „Wer beim Juden kauft, ist ein Verräter am Volk!" Heißt das vielleicht „wirtschaftlich gleichberechtigt"? Wie auch immer die amerikanischen Handelskammer-Vertreter die Märchen des Herrn Dr. Lippert aufnehmen — die Tatsache, daß der antideutsche, vom New- Yorker Welthandelszentrum ausgehende Wirtschaftsboykott wirksam ist, wird nun auch von Deutschland selbst zugegeben. Brlttsmicj von der täglichen Qual ist die sanft-scharfe liegen die antisemitischen Sdiwarzhemden Aus London wird gemeldet: Richard Findlay, der als unabhängiger konservativer Kandidat für Nonvood in der Ersatzwahl kandidiert, hat seinen Austritt aus der Union britischen Faschisten erklärt und diesen Schritt in einem Schreiben an den Führer der Union, Sir Oswald Mosley, wie folgt motiviert: „Als ich mich Ihrer Bewegung anschloß, glaubte ich den Erklärungen, die ich wiederholt in der Presse las, daß sie in keinem Sinne antisemitisch «ei. Aber im Verlauf meiner kurzen Verbindung mit Ihrer Bewegung habe ich das Bestehen eines starken Judenhasses feststellen können, den ich nicht mitmachen kann, da ich Antisemitismus als den britischen Traditionen völlig fremd erachte." Die British Union of Fascists hat auf das Schreiben Findlays mit folgender Erklärung erwidert: „Herr Findlay hat vermutlich die Politik der Bewegung, der er beitrat, vorher studiert. Unsere Haltung gegenüber den Juden ist in eindeutigen Ausdrücken von dem Führer seit langem in vielen Versammlungen und in unserer Presse dargelegt worden. Herr Findlay muß daher gewußt haben, daß der Kampf zwischen Schwarzhcraden und jüdischen Interessen iu England seit langem akut ist." (J. T. A.) Pie /ftf emeid§fclage gegen Weizmann und Konsorten' Lumpereien der Schweizer Nazis Im Zusammenhang mit dem Berner Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion" verbreiteten die Berliner Blätter die Nachricht, daß sich die Aussagen „der führendsten Juden der Welt" in diesem Prozeß als falsch herausgestellt hätten. Es sei seitens des Volksbundes (das ist die nationalsozialistische Bewegung der Schweiz) bei der Staatsanwaltschaft Bern gegen folgende Männer Strafanzeige wegen Meineids eingereicht worden: Prof. Chaim. Weizmann (Manchester), Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis (Stockholm), Dr. Bodenheimer (Amsterdam), Dr. Farbstein (Zürich), Prof. Miljukow (Paris) usw. In der Meldung der deutschen Presse hieß es: „In Anbetracht der Schwere des Verbrechens und der ihm zugrunde liegenden Motive und in Anbetracht dessen, daß sich dio Schuldigen einem Verfahren zu entziehen suchen würden, haben die Antragsteller den Erlaß von Haftbefehlen beantragt." Zu dieser in der politischen Geschichte wohl einzig dastehenden Schamlosigkeit und Lumperei liegt nun eine Erklärung des Berner Rechtsanwalts Willy Hirschel vor, welche im wesentlichen folgendes besagt: Der „Volksbund" (Zürich) hat tatsächlich gegen dio genannten Persönlichkeiten Strafantrag „wegen wissentlich falscher Zeugenaussage" gestellt. Der Gcneralprokurator des Kantons Bern hat diese Strafanzeige an den Untersuchungsrichter zur Prüfung weitergeleitet. Dieser hat von allem Anfang an der tölpelhaften Anzeige so wenig Bedeutung beigelegt, daß er es nicht einmal für nötig Iiielt, die erwähnten Personen von der Strafanzeige gegen sie in Kenntnis zu setzen. Er hat bloß dem anzeigenden „Volksbund" mitgeteilt, daß die Strafanzeige zu allgemein gefaßt sei, um als Grundlage für eine Strafverfolgung dienen zu können und dem Anzeiger, d. i. dem nationaIsoziaIitiscb.cn „Volksbund", eine Frist bis zum 5. Jänner 1985 zur näheren Begründung der Strafanzeige gesetzt. Die schweizerischen Nationalsozialisten haben von dieser Fristansetzung keincnGebrauch gemacht. Daraufhin hat das Schweizer Gericht verfügt, daß der Strafanzeige „gegen Chaim Weizmann und Konsorten" sowohl mangels genügender Anhaltspunkte als aucli mangels Tatbestandes keine weitere Folge zu geben sei. Der Beschluß des Gerichtes ist r e c h t s k r ä f t i g. So ist nun auch der Versuch der Schweizer Nazis, gegen die Zeugen des Prozesses um die „Protokolle der Weisen von Zion" Stimmung zu machen, zunichte geworden. Die Generalprokuratur des Kantons Bern hat sich nicht dazu hergegeben, die gemeinen Provokationen des schweizerischen Volksbundes zu unterstützen. Auch der Versuch, den Prozeß auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben oder gar unmöglich zu machen, ist gescheitert. Der Berner Prozeß wird in der ersten Aprilwoche stattfinden. RONACH AB 1. MÄRZ die Könige der Clowns und ihre Kinder ferner: Melier und Wagner, 2 Andrens, Rolf Hansen, 2 Arvings, Nuniva und Laska Während des Rivels-Gastspieles keine erhöhten Preise Wochentags4u.8 Uhr. Sonnu. feiertags2,5.15u.8.30 Uhr Der erste jüdisdie Abgeordnete Aus Istanbul: Der auf Wunsch des Staatspräsidenten der Türkei, Kemal Attaturk, in das t ü r k ischeParlamcntala Vertreter der Judenheit gewählte Deputierte Dr. Abrevaja wurde in Smyrna geboren und ist jetzt 55 Jahre alt. Er ist Professor für Pathologie an der Universität Istanbul. Seit 1909 ist er Mitglied der obersten Hygienekommission der Türkei. Er wurde nun auf der Liste der regierenden Volkspartei im Wahlkreis Anatolien ins Parlament gewählt. Unter den Juden der Türkei herrscht Zufriedenheit darüber, daß sie zum erstenmal einen Vertreter ihrer Interessen im türkischen Parlament besitzen. * Man muß abwarten, ob die gemeldete „Zufriedenheit" sich als berechtigt erweisen wird. Zurzeit werden die Juden in der Türkei nicht gut behandelt. Man hat viele aus TUrkisch-Thrazien vertrieben, ohne daß das Versprechen der Regierung, dio Repatriierung und Entschädigung der Vertriebenen zu veranlassen, von den verantwortlichen Organen durchgeführt worden wäre. Die bloße Zulassung eines jüdischen Abgeordneten kann nicht von vornherein als Vorteil angesehen werden. Deutsch-antisemitische Propaganda in Australien Aus Melbourne: In einer Woche finden in Australien Wahlen zum Parlament statt. Gegen die jüdischen Kandidaten der Regierungspartei, Michaelis aus St. Kilda und Harold Cohen aus Caulficld, richtet sich eine scharfe antisemitische Propagande, die aus deutschen Nazi-Kreisen mit verleumderischen Flugblättern betrieben wird. In den Flugzctteln wird die Bevölkerung zum Boykott der Juden und zum Kampf für Reinigung der Beamtenschaft von Juden aufgefordert. Die Behörden haben eine Untersuchung der Quellen der Nazi-Propaganda eingeleitet. Das deutsche Konsulat in Sidney veröffentlicht eine Erklärung, in der es jeden Zusammenhang mit der Verteilung der verleumderischen SHugblätter. leugnet, SOEBEN ERSCHIENENS THEODOR HERZL B I O G R A P H IE ALEX B Ein I DAS STANDARDWERK UBER DEN SCHOPFER DES ZIONISMUS in allen guten Buchhandlungen oder direkt durch die VERSANDBUCHHANDLUNG WIEN VI, CUMPENDORFER- STRASSE 10. TEL. B-24-9-78 FIBA Gefälschte Talmud-Uchcrsctzung beschlagnahmt Aus Kosice: Vor kurzem erschien auf derrt Büchermarkt eine in slowakischer Sprache verfaßte Broschüre, betitelt „Uryvky z Talmudu", die eine slowakische Bearbeitung der in ungarischer Sprache iri Budapest erschienenen gefälschten liebersetzung aus dem Talmud von Br. Luzsenszky enthält. Als Uebersetzer figuriert Dr. Viktor Pees, cini stellenloser Jurist. Die Jüdische Gemeinde in Kosice; (Kasch.au) erstattete zusammen mit der Orthodoxen Gemeinde auf Grund Punkt 3, § 14 des Schutzgesetzes gegen Dr. Pees die Strafanzeige und beantragte die Konfiszierung der Broschüre. Die Staatsanwaltschaft ordnete: die Konfiszierung an, was vom Kreisgericht bestätigt wurde. Die Polizei stellte fest, daß im ganzen 100 0 Exemplare gedruckt wurden, es konnten aber bloß 125 Exemplare sichergestellt werden, da Dr. Pees die anderen bereits versandt hatte. Man kann nidit wissen In den Tagen der nazideutschen Bücherverbrennung' protestierte die literarische Welt gegen diese „symbolische Handlung". Bedeutende Schriftsteller und Gelehrte erklärten ihren Abscheu vor einer Tat, die den Vernichtungsfeldzug gegen alle geistigen Leistungen der Kulturmenschheit ankündigte. Stefan Zweig, der „jüdische" Schriftsteller, tat nicht mit. Nicht etwa, weil die Weltabgcschicdenhcit seines Tuns eine — Einmischung in politische Dinge ausschloß, sondern weil ihm der deutsche Büchermarkt immer noch auf dem Herzen lag. Er war ,.objektiv". Er erklärte, man müsse dem Dritten Reicht gegenüber objektiv sein. Nun läßt er wieder von sich hören. Er erklärte während seines jüngsten Aufenthalts in U. S. A., daß er sich mit der Gründung einer internationalen jüdischen literarischen Revue beschäftige, die ganz unpolemisch ein Spiegelbild des jüdischen. Schaffens sein soll. In den Interviews lehnte er strikt politische Aeußerungen ab, betonte bloß: Niemand, der nicht die Verhältnisse in einem Land an Ort und Stelle sieht, kann darüber ein zuverlässiges Urteil bilden, und darum liegt es mir fern, irgendein Land anzugreifen. Die amerikanischen Journalisten wollten Zweigs Urteil über Hitler-Deutschland hören und bekamen die obenstehende ebenso feige wie erwartete Antwort. Herr Zweig will nämlich auf zwei Hochzeiten tanzen: Deutschland nicht angreifen, denn man kann nicht wissen; eine jüdische Revue gründen; denn man kann ebenfalls nicht wissen. Man verlangt vom Literaten Stefan Zweig keine Courage; aber wenigstens soviel Zurückhaltung, daß er die jüdischen Interviewer nicht in Verlegenheit bringt. Versammlung»- und Vcranstallungslialcnder Samstag, den 2. März: Sektion Pratcr, Kleine Zufahrt- Straße 166, Heimabend mit Tanz, 8 Uhr abends. Samstag, den 2. März: Sektion Brigittcnau, Hcinzelmanngasse 20, S Uhr abends, Akademie mit Tanz. Samstag, den 2. März: 7 Uhr abends, Zusammenkunft der Theatergemeinschaft, Leiter Chawer Josef Peue r. im Heime, II., Untere Augartenstraße 38. Sonntag, den 3. März: Hechaluz I-laleumi, S Uhr abends, Zentralheim, I., Werdertorgasse 1-1, Abscliicdsfeiet für abreisende Olim. Sonntag, den 3. März: XIV., Schanzstraße 32, Heimabend, Beginn 6 Uhr abends. M ontag, den 4. März: Sektion II, Taborstraßc 21a, -wichtige Mitgliederversammlung. Montag, den 4. März: Sektion B r i g 111 e n a u, Hein« zelmanngasse 20, Vortrag Oberkantor Emanuel Frankel: Ursprung der traditionollen Gesänge. Montag, den 4. März: Halb!) Uhr abends, im Catö .Baidiahof, XVI., Ottakringerstraße 102, große Versammlung. Referent Dr. Salomon Wolf. Montag, den 4. März: Frauengruppe „Debora Ii", Zentralheini, I., Werdertorgasse 11, wichtige Besprechung. Dienstag, den 5. März: Judenstaatsjugend, Zentralheim, I„ Werderlorgasse 11, P I e n a r v e r s a m m I u n g» S Uhr. Dienstag, den 5. März: Gruppe XIV/XV, Schanzstraße, S Uhr abends, Vfertrag Frau Dr. Rachel Lea Of ne r. Mittwoch, den 6. März: Halb 9 Uhr abends. Zentral« heim, 1., Werdertorgas.se 14, Vortrag Moses L u t z k y. Bericht über eine Palästina-Reise (Wirtschaftlichem und Politisches). Donnerstag, den 7. März: Gruppe V1/V1I, halb 9 Uhr. Cafe Mariahilf, Versammlung. Kenner: Oberbaurat Robert Stricker, Theodor G r u b n e r. Donnerstag, den 7. März: Studentenklub, Zentral« heim, I., Werdertorgasse 14, viertel 9 Uhr abends. Hoehschülervcrsammlung. Thema: Der jüdische Student im Gallith nn<l in Palästina. Referent Dr. Jakob Weine r, Dr. Salomon W o I f. Vorankündigung': Vortrag des Herrn Dr. R, Rabinowitz aus Kaunas, Liimu'ii. mmmmammmmmmmmmmmmmammmmmtmmmmmmammmmmmmm Das altbewährte, beliebte österreichische Mineralwasser „Prcblaucr Saucrbrun n" ist in allen Apo-. theken, Drogerien und Lebensmittelgeschäften erhältlich

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