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Die neue Welt · 1935-02-15 · Heft 439 (15.2.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 439 (15.2.1935)
Date
1935-02-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 439 nffl TfflWIB »osa^!S?f ■ :t= *•<".••-':*< -"si*'* Sie wollen kerne Judenfragef Aus Paris wird uns berichtet: Nach der Saarabstimmung hat in Elsaß-Lothringen eine Propaganda gegen die Juden eingesetzt. Nicht an einer Stelle, sondern in den wichtigsten Orten gleichzeitig. Die Bewegung ist unverkennbar von Deutschland her organisiert und finanziert. Der Kampf für die Losreißung dieser Trovinz von Frankreich wird, wie auch anderswo, in antisemitischer Form eingeleitet. In Straßburg und in vielen anderen Städten Elsaß-Lothringens wird, in Flug-?«tteln und Plakaten, die Bevölkerung aufgefordert, nur bei Christen zu kaufen und kein jüdisches Geschäft zu betreten. Die Plakate werden Nacht für Nacht an Laternen, Haustoren und Auslagscheiben jüdischer Geschäfte angeheftet. * Im Anschluß an eine Betrachtung über die jüngsten Judenpogrome im französischen Algier nimmt der bekannte jüdische Publizist Dr. Asriel Carlebach (London) in der Präger „Selbstwehr" auch auf die Vorgänge im Elaaß Bezug und schreibt über die Haltung gewisser offizieller jüdisch-französischer Kreise wie folgt: „Ein© ganz ähnliche Situation beginnt in einer nördiieheren französischen Provinz sich zu entwickeln, nämlich im — Elsaß. Die Saarabstimmung hat da manche, auch sonst nicht sehr nüchterne Köpfe ganz trunken gemacht und zum ersten Male seit langer Zeit wird wieder öffentlich mit Plakaten und Straßendemon- «trationen für Deutschland Propaganda getrieben. Das heißt: Nicht eigentlich für Deutschland, sondern gegen die — Juden. Immerhin ergibt sich auch hier, daß die Juden als Exponenten Frankreichs angegriffen werden und daß die Steinwürfe, die eigentlich der Mairie gelten, den weit ungefährlicheren Weg in die Synagogenfenster nehmen. Aber — auch hier wieder reagieren die Juden genau so falsch wie in Algier. Sie schweigen. Sie verschweigen das Ganze. Sie wollen keine Judenfr age in Frankreich haben. Teils will ihr französischer Patriotismus es nicht wahr haben, daß unter der Fahne der Republik Pogrome vorkommen, teils haben sie Angst, die Aufmerksamkeit auf sich und auf .ihre Nöte zu lenken; Dreyfus steckt^ihnen in den? Gliedern. So oder so: die Kreise um die Alliance Is rannte Universelle, die Millionen für die Französisierung der Juden geopfert haben, wenden nun Zehntausende an, um den Notschrei der Juden, die diese Französisierung mit ihrem Blut bezahlen müssen, zu ersticken. Die Alliance hat die Nachrichten von dem letzten wie von allen vorherigen Algerier-Pogromen unterdrückt und als sie doch in die ausländische Presse kamen — dementiert, und als sie sich doch nicht mehr ganz ableugnen ließen — bagatellisiert. Sie hat es abgelehnt, Proteste gegen die lokalen Behörden zu unterzeichnen. Sie hat Versammlungen von Nichtjuden, die einen Sturm entfachen wollten, hintertrieben. Sie läßt in Straßburg und Algier wie in Paris kein selbständiges jüdisches Nationalgefühl entstehen. Mal um Mal wieder läßt sie sich verkaufen und ausnützen und als Panzer, der die Schläge gegen Frankreich auffängt, untertänigst verwenden. Und sie glaubt noch immer, daß dies der einzige Weg sei, um nicht verbeult und beschädigt zu werden ..." * Die jüdischen Kreise, deren Haltung Dr. Carlebach hier schildert, sind die nämlichen, die jetzt mit überpatriotischen und denunziatorischen Argumenten gegen die Teilnahme der französischen Judenschaft an dem im heurigen Jahre tagenden Jüdischen Weltkongreß ankämpfen. Sie begnügen sich nicht damit, die Diskussion der Judenfrage in Frankreich zu hintertreiben, sie wollen Schweigen in der ganzen Welt. Range Kimmen sind billig. Sanft, gründich, rassig und preiswert ist naturlich nur Wie die Juden m Polen bedräng! werden Der Trozcß, die Juden aus dem Wirtschaftsleben eu verdrängen, dauert bereits mehrere Jahre und hat auch den Erfolg gehabt, daß hunderttausende Juden Polens auf karitative Hilfe ihrer jüdischen Landsleute angewiesen sind und auch vom Ausland durch verschiedene Aktionen unterstützt werden müssen. Hungernde Kinder, zahllose Selbstmorde, ein starker Auswanderungsdrang sind dio äußeren Symptome der schweren Lage, in der sich das polnische Judentum befindet. Gelegentlich der Beratung des Budgets im polnischen Sejm wurde auch die pomische Judenfrage berührt. Darüber liegt folgende Meldung vor: j Der Generalredner der Nationaldemokratischen Partei, Prof. Ribarski, griff sehr scharf die Juden an und erklärte, das „S clinorre n" für die armen polnischen Judpn im Auslände kompromittiere den pohlischen Staat. Würden sich die Juden als echte Polen fühlen, so würden sie keine Hilfe außerhalb der Grenzen des Landes suchen. Ribarski erklärte weiter, die Juden in Polen würden mit Vorzug behandelt, sie gehören zur „wirtschaftlichen Elite" (!) (Widerspruch auf den Bänken der Regierungspartei.) Der Sozialdemokrat Niedzialkowski (zu den Regierungsbäuken gewendet): „Gewiß seid ihr nicht solche Antisemiten wie die Nationaldemokraten, aber in der Praxis spielt ihr einander in die Handel" Der orthodoxe jüdische Deputierte Rabbi L e w i n forderte sozialen Schutz auch für die jüdischen Bürger. Die Juden sind gezwungen, eigene Spitäler, Erziehungsanstalten usw. zu unterhalten, die die Regierung stark entlasten; diese Institutionen haben um so mehr Anspruch darauf, von der Regierung finanziell gefördert zu werden, als die jüdische Bevölkerung zu sehr verarmt ist, als daß sie sie aus eigenen Kräften erhalten könnte. Die Armut unter der jüdischen Bevölkerung habe schreckliche Formen angenommen. Rabbi Lewin kündigte an, daß die orthodoxen jüdischen Deputierten für das Budget stimmen werden. Der junge nationaldcmokratischc Deputierte Stipulkowski forderte den Ausschluß der Juden von jeder Beteiligung an Militärlieferungen, da Polen vor 100 Jahren wegen einer solchen „Sünde" den Krieg verloren habe. (Stipulkowski selbst ist Enkel des einstigen Vorstehers der Chor-Synagoge in Woloszyn und de3 einstigen Mitgliedes des Präsidiums der Warschauer jüdischen Gemeinde Matthias B e r s o n. Die inzwischen aufgelöste Nationalradikalc Partei hat es abgelehnt, ihn wegen seiner jüdischen Abstammung als Mitglied aufzunehmen.) Den antisemitischen Rednern trat der Deputierte des Jüdischen Klubs Dr. Rothen streich entgegen. Gegenüber Ribarski erklärte er: Wir Juden sammeln nicht Almosen bei anderen Völkern, wir appellieren an unsere jüdischen Brüder, Das Handelsministerium ruiniert die in ihrem Berufe ergrauten jüdischen Kaufleute, um Platz für Nichtjuden zu machen. Die Entjudung des Handels geht so weit, daß das Ministerium Kontingente für den Import von Orangen verteilt hat und den Konsumkooperativen sowie dem Invalidenverein, die ideh nie mit dergleichen abgegeben haben, gegenüber den jüdischen Fachleuten den Vorzug gegeben hat. Stipulkowski fordert Boykott der Juden bei Militarlieferungen. Sin solcher Boykott wird tateßenhen berefto. geübt, Der Deputierte des Jüdischen Klubs Sommerschein erklärte, die Juden wollen eine nationale Schule und eine autonome jüdische Gemeinde; dies stehe durchaus nicht im Gegensatz zur Erfüllung ihrer Pflichten als polnische Staatsbürger. Die Einmischung der Behörden in die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden demoralisiere dieselben. Die Regierung ernenne Beamte für diese Gemeinden, die nicht die geringste Qualifikation für ihre Aemter haben. Der Redner protestierte gegen die Einsetzung von Regierungskommissären in die Gemeinden und verlangte die Ausschreibung freier Wahlen, Jiddisch und Hebräisch nicht anerkannt Gemäß dem neuen Handelskodex in Polen können Handelsbücher auch in den Sprachen der nationalen 1V GasitDirischaft t-Rotenturmstrasse 12 fittasle.GasisiääQ C MffcsJ g Bis 3 Uhr früh geöffnet» Minderheiten, z. B. in Deutsch, Ukrainisch, Weißrussisch, Russisch und Litauisch geführt werden. Einzig für die Juden ist eine Minderheitensprache nicht zugelassen, Handelsbücher dürfen in jiddischer oder h ebräischer Sprache nicht geführt werden. Nichts für jiddische Schulen Die Exekutive der jiddischen Schulorganisation in Warschau beschloß, eine Protestaktion gegen die Nichtberücksichtigung der Kultur- und Schülbedürfnissc der jüdischen Bevölkerung im Budget der Warschauer Stadtverwaltung durchzuführen. Das Subventionsgesuch der jiddischen Schulorganisation, deren Schulen von mehr als 2000 Kindern der ärmsten jüdischen Bevölkerungsschicht besucht werden, wurde unberücksichtigt gelassen. Der Minderheitensdiut? in Polen Aus London: 13. Februar. Im Unterhause fragte der Abgeordnete Rhys D a v i e s den Außenminister, ob er im Hinblick auf die durch die Haltung des polnischen rXtefcgiertea bei äer, letzten-Tagung des VölkerbondarateB Seite a #£?ro\ rO/dWj//!] MauerJ IN DEM NDERMOUEN FILMROMAN OPERN LüJTfPIELTHFATER -II- VOTlVPARK IX seitens Polens bekundete Mißachtung derMinderheitenverträge des Jahres 1919 diese Angelegenheit vor den Völkerbund bringen wolle. Außenminister Sir John Simon erklärte, der polnische Delegierte habe am 14. September der Völkerbundüversammlung erklärt, Polen lehne in bezug auf dis Ueberwachung des bestehenden Systems für den Schutz der Minderheiten jede Kooperation in int er« nationalem Rahmen ab. Er habe bei dieser Gelegenheit den Standpunkt der englischen Regierung klargelegt. Die Haltung der polnischen Regierung beschäftige bereits den Völkerbund. Auf die weitere Frage des Abgeordneten, ob der Außenminister erwarte, daß in dieser wichtigen Sachs neue Schritte beim Völkerbund getan werden würden, antwortete der Minister, die Angelegenheit gehe den Völkerbundsrat als solchen an, er glaube aber, daß die Stellungnahme der englischen Regierung und anderer Regierungen vollkommen klar sei: sie stünden auf dem Standpunkt, daß das Minderheitenverfahren noch in Kraft ist und durch einseitiges Vorgehen irgendeines Staates nicht abgeändert werden kann. Mazzoth aus Palästina nach Polen Warschau, 13. Februar. Das polnische Handelsministerium hat auf die Empfehlung der polnisch-palästinensischen Handelskammer hin, die Erlaubnis zur Einfuhr von 30.000 Kilogramm Mazzoth aus Palästina nach Polen erteilt. (J. T. A.) Judenstaatspartei Oesterreichs Versaninilungs- und Veranstaltungskalender. Versammlungen Sonntag, den 17. Februar 1935. Massenversammlung der Gruppe Prater, II., Kl. Zufahrtsstraße 166. Es sprechen: Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Rabbiner Dr. I. Z. Kanner und Dr. Sal. Wolf. Beginn halb 9 Uhr abends. Montag, den 18. Februar 1935, halb 9 Uhr abends, Versammlung im Klublokale des Cafe „Baldialiof", XVI., Ottakringerstraße 102: Redner: Josef Frankel und Doktor Gottfried Weidenfeld. Montag, den 18. Februar 1935, Bezirksgruppe XX, Hcinzclmanngasse 20, Versammlung. Referent Hans KoÄ>: Landespolitik und Judenstaatspartei. Montag, den 18. Februar 1935, Bczirkagruppe Leopoldstadt, II., Taborstraße 21a, halb 9 Uhr, Vortrag: Dr. Fritz Löhner-Beda: Da^ jüdische Volk hat wenig politisches Talent. Dienstag, den 19. Februar 1935, Judenstaatsjugend und Gruppe Prater, II., Kl. Zufahrtsstraße 166, Kurs über Zionistische Geschichte. Referent: Josef Frankel. Dienstag, den 19. Februar 19&5. Judenstaatsjugend Bezirksgruppe Leopoldstadt, IL, Taborstraße 21a, Vortrag: Bodensozialismus. Referent: Leopold Gold. Dienstag, den 19. Februar 1935, Judcnstaatajugencl Bezirksgruppe Brigittenau, XX., Hcinzclmanngasse Nr. 20, Vortrag über aktuelle zionistische Probleme. Referent: Mendel Hager. Dienstag, den 19. Februar 1935, Bezirksgruppe, XITT—XV, XV., Schanzstraße 32, Vortrag Dr. Sal. Wolf. Mittwoch, den 20. Februar 1935, Diskussionsabeud im Zcntralheim, I.. Wcrdertorga.ssc 14, über: Allgemeiner Zionismus und Judenstaatszionismus. Hebräisch- Ku rsu Die Bczirltsgruppe Leopoldstadt, II., Taborstraße 21a, hat den bekannten Hebraisten Professor Wiesen für ihre Hebräischkurse gewonnen. Die Kurse für Anfänger und Vorgeschrittene beginnen nächste Woche. Anmeldungen ehestens im Sekretariat. Geringer Kur.sbeitrag. — Bezirksgruppe Prater, IL, Kl. Zufahrtsstraße 166. Der Hebräischkurs steht unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. I. Z. Kanncr. Anmeldungen im Sekretariat. — B ezirksgruppe XIII—XV, XV., Schanzstraße 32. Ein neuer Hebräischkurs begaun vor kurzem. Anmeldungen bei den Kursstunden, Donnerstag halb S Uhr abends, beim Leiter Rabbiner Dr. I. Z. Kanncr. — Be?:.irk£gruppe Brigittenau, XX., Heinzelmanngasse 20. Der Hebräischkurs findet wöchentlich Donnerstag von halb 8 Uhr big halb 9 Uhr im Sektionsheim statt. Anmeldungen beim Leiter, Herrn Lehrer Schneider. — Z c n t r a 1 h e i m, I., Werdertorgasse 14. Kursstunden Montag halb 8 bis halb 9 Uhr. für Anfänger, halb 9 bis halb 10 Uhr für Vorgeschrittene. Leiter Dr. I. Z. Kanncr. Vera n staltungc n Samstag, den 16. Februar 1935. Hechalu?, haleumi. Zentralheim, I., Wcrdcrtorga,n?e 14. Akademie mit Tanz. Beginn halb 8 Uhr. Sonntag, den 17. Februar 1935. Bczirkagruppe XIII—XV, XV., Schanzstraße 32, Heimabend unter Mitwirkung des Herrn Oberkantors J. Wahrmann. Beginn 6 Uhr abends. Donnerstag, dm 21. Februar 1935, findet ein« von der Sektion Prater veranstaltete Theatervorstellung im Jüdischen Theater, IL, Pratcrstraße 34, mit Sevilla Pastor, statt. Gruppe Prater, II., Kl. Zufahrtstraße 166, veranstaltet einen Turnkurs für Damen und Kinder, u. zw. jeden Mittwoch von 5 bis halb 7 Uhr für Kinder und von halb 8 bis halb 9 Uhr abends für Dameiv. Anmeldungen, dorteelbst. v's ft..^yvwi:.-fc v^^r^,'v^^«,:r; ^\<;v;'- f vi *■,*•»'■-> v>* ■ ' J

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