Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 439 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE. WELT Nr; 439 hm Ude fkax £ietemaktts Der Meister als iüähdte 1 ersftnlidikeif m . . Ans dem schönen Traum der Assimilation sind wir, leider, leider! nur zu jäh aufgeweckt: Für die judische Jugend sehr ich keine Rettung als die Auswanderung nach Palästina, wo sie als freie Renschen aufwachsen kann und den Gefahren des Emigrantentums entgeht. Leider bin ich, der ich im 87. stehe, zu alt, um auszuwandern, aber der heranwachsenden jüdischen Generation zu einem freien Dasein zu verhelfen, scheint mir die wünschenswerteste Hilfe." Das ist eine Stelle aus einem Brief, den Max Liebermann an einen Freund in Deutschland anläßlich einer Aktion zugunsten einer Siedlung auf Nationalfondsboden in Palästina schrieb. Es war die Anschauung des alten Max Liebermann, der zeitlebens als deutscher Künstler gewertet werden wollte, obwohl er stets sein jüdisches ♦raditionsgefühl betonte und sich der Größe der jüdischen Geschichte bewußt war. Aus einer liberalen Epoche hervorgegangen, sein Lebenlang, trotz der Berührung mit den großen französischen und holländischen Meistern, in deutscher Umwelt lebend und arbeitend, stand er jeder Absonderung der Juden fern und nahm die deutsche Assimilation als etwas Selbstverständliches und in der Natur der Dinge Begründetes an. Wenn man fragen sollte, inwieweit er als J u d e zu werten ist, so muß man schon tiefer hinabsteigen in den Raum des Seelischen, des Undefinierbaren, und da lassen sich Regungen erfühlen, die auf etwas Nichtdeutsches, Bibelhaftes weisen. Es ist darum kein Wunder, daß in Liebermann, als er schon ein Greis war, unter dem Druck der jüdischen Diffamierung durch das Hakenkreuz verschüttete Quellen aufgesprungen sind und ihn das sagen ließen, was in der obenzitierten Brief- Stelle zum Ausdruck kommt. Die letzten Stunden Die nationalsozialistische Presse nimmt vom Ableben des größten, im deutschen Kulturbereich schaffenden Künstlers keinerlei Notiz. Nur einige wenige Blätter schreiben, er habe seine. Erfolge einer kulturpolitischen Strömung verdankt, die 1933 ausgeschaltet wurde. Ueber die letzten Stunden des Verblichenen erfahren wir: Max Liebermann ist, nachdem er gegen zehn Wochen -lang an furchtbaren Schmerzen gelitten hatte, die ihm eine Muskelgrippe verursachte, nach einer Bin-' spritzung an Herzschlag gestorben. Gegen Ende der vorigen Woche zeigte sich noch eine vorübergehende Besserung, aber der Körper des 87jährigen Greises war zu geschwächt, um wieder aufgerichtet werden zu können. Geistig war Liebermann, wie aus seiner nächsten Umgebung versichert wird, bis zu seinem letzten Atemzug vollständig auf der Höhe. Er hat bis zum Ausbruch der Krankheit vor ungefähr einem Vierteljahr noch gemalt. In seiner Krankheit war es ihm ein Trost und eine Freude, aus London die Nachricht zu vernehmen, daß von der Tate-Galerie eines seiner letzten Bilder, ein Selbstporträt, das er 1934 malte, angekauft wurde. In der Tate- Galerie befinden sich noch zwei Bilder Liebermanns, ob- Mmsim Btks&em - Seumetiity Späte Einsscht Jabotinsky klagt die Exekutive de» Vertragsbruches an Aus New York wird berichtet: Der jetzt in Amerika weilende Präsident der Weltunion der Zlonisten-Revisionisten Wladimir Jabotinsky veröffentlicht eine Erklärung, in der er die Zionistische Weltexekutive beschuldigt, sie habe mit der Veröffentlichung ihres Aufrufes gegen den revisionistischen Fonds „Tel Chaj" und dadurch, daß sie immer noch an der Zuteilung von Zertifikaten an die Betarira Hindernisse bereitet, das in London geschlossene vorläufige Friedensabkomroen in vorbedachter Weise gebrochen. Jabotinsky fordert das Zusammentreten einer Round-Table-Konferenz aller zionistischen Parteien zwecks Weiterführung der Aktion zur Herstellung des inneren Friedens im Zionismus und erklärt, falls die Round-Table-Konferenz nicht zusammentrete, sei der „Friede In größerer Gefahr denn Je". Jabotinsky fährt fort: „Weitere Friedenverhandlungen allein mit der jetzigen Zionistischen Exekutive sind unter den geschilderten Umständen sinnlos." Zum Schluß erhebt Jabotinsky gegen die Zionistische Exekutive die Beschuldigung, sie habe sich beeilt, den Text des Schekelformular» durch Hinzufügung der Disziplin-Klausel zu ändern, um auf diese Weise zu verhindern, daß dl<« Revisionisten mm XIX. Zlonistenkongreß kommen. Herr Jabotinsky kommt etwas spät zur richtigen Einsicht. Er kann sich nicht beklagen, ungewarnt in eine übie Sache hineingeraten zu sein. Er hat sich über die, in unserem Blatte wiederholt behandelte. Forderung der Judcos taatapartei auf Einberufung aller zionistischen Parteien stolz hinweggesetzt und den Frieden im Zionismus als Angelegenheit bebandelt, die zwischen ihm und Herrn Ben Gurion von den Linken selbstherrlich erledigt werden kann. Jetzt ruft er nach den Part-ion, di-.: er noch vor wenigen Tagen al.'i nichts bedeutende Elemente übersehen zu können glaubte. Ganz vorzüglich speisen Sie... a la carte und auch Menü... im Restaurant „Stefanie"... Tl., Tabor- «U-aße 12. wohl sonst die deutsche Malerei der letzten zwei Jahrhunderte dort äußerst spärlich vertreten ist. Liebermann verschied in seinem Haus am Pariser Platz beim Brandenburger Tor. Dieses hatte schon seinem Vater gehört und der große Maler selbst hat 30 Jahre ununterbrochen dort gewohnt. Liebermann hinterläßt eine Gattin, die über 70 Jahre alt ist, sowie eine verheiratete Tochter. Am Grabe Ueber die Bestattung Max Liebermanns auf dem Alten Friedhof der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Schönhauser Allee wird berichtet: Ein kleiner Kreis hatte sich eingefunden, um dem großen Toten das letzte Geleite zu geben. In der Halle des Friedhofes war unter Blumen der Sarg aufgebahrt. ttodHHtUafskem pk Votks-, Heufd- und fkütetstkUu Gründl. Schulnachhilfe, Sprachen Klavier, Spiel. Sport. Erste Referenzen Mättige Preise. Dr. B. NUSSBAUM, II, Kl.Sperlg. 1, i el. A 42-0-88 Die Trauerfeier begann mit einem Cellospiel. Rabbiner Dr. Warschauer gab in seiner Gedenkrede eine Deutung des Werkes des Verstorbenen im Geiste der Religion. Was wir in Max Liebermann in Dankbarkeit an Persönlichkeit und Schaffen als Gnade Gottes erkennen und was seine eigene Leistung war, seine sittliche Leistung, wie die Religion es erfordert — zeichnete er in schlichten Worten. Für Liebermann habe ein Satz Geltung gehabt, den ein talmudischer Weiser einem Freund zugerufen hat: Deine Welt magst du schauen dürfen in deinem Leben. Eine Welt, schon der Dauer nach, bedeutete das Leben Liebermanns. Es schloß viele Wandlungen im geschichtlichen und persönlichen Leben ein. Nicht zuletzt hat sich die deutschjüdische Bürgerlichkeit, in der der große Künstler verankert war, gewandelt. Wir nehmen Abschied von ihm, .dp sagte Dr. Warschauer, als von einer Gestalt, in der'ein S"i ü c k G e s ch i'c h t e vollendet war. Die Fülle der Ehrungen machte ihn niemals satt. Er stürmte ohne Unterlaß vorwärts, immer wieder über sich selbst hinaus. Sein Werk ist seiner sittlichen Auffassung der Heiligung des Künstlerischen entsprungen. In seinem künstlerischen Ethos erkennen wir den heiligen Quell der Größe von Max Liebermann. Dann trat Karl Scheffler, der bekannte Kunst- und Kulturkritiker, an die Bahre Max Liebermanns, um im Namen der Kunst dem Toten zu danken. Dos eeste und füllende -wd cutnätti$dte> RESTAURANT SPRITZER (früher im „National", dann im „Stefanie") jetzt II, Hammetr-Purgstall-Gasse 7 (Nähe Dianabad), biinet vorzügliche, abwechslungsreiche Mittagsu. Abend-Menüs schon ab Schilling 1.60. Bekannt gute Wiener Küche und alle orientalischen Spezialitäten ynF am Rost und Spieß ~«BJ ir bitten um Nadtsidit ♦ ♦ ♦ Die deutschen Operetten- und Revuetheater erfreuen sich keines Zuspruches. Das Publikum langweilt sich. Und die Kritik ist sehr unfreundlich. Sie „verreißt" die Werke der Autoren, die jetzt im Dritten Reich zu Wort gekommen sind. Die Autoren glaubten anfangs, nach den Vorschriften des Reichspropagandaministeriums, mit Gesinnung ihr Auslangen finden zu können. Nun stellt, os sich heraus, daß schließlich auch ein wenig Talent vonnöten ist. Talent, gemischt mit Routine, mit Erfahrung . . . Die HerreD Schriftsteller und Komponisten im Dritten Reich wandten sich, wie aus Berlin gemeldet wird, entrüstet über die vernichtende Kritik, an Minister Goebbels und baten um Nachsicht. Sie seien meist „n e u im F a c h", denn vor der nationalsozialistischen Machtergreifung seien all diese Textdichter und Komponisten Ni.chtaricr gewesen und sie, die Hakenkreuzler, seien eben erst an ihre Stelle getreten. Sie bitten um Nachsicht. Wenn beispielsweise ein Nazi-Chirurg eine Operation ausführt, wo früher ein „Nichtarier" tätig war, und den. Patienten vor der Operation um Nachsicht bittet, dann kann das für diesen, [ den Patienten, unangenehm werden. Der Patient, wird; nämlich nicht viel davon haben, wenn der arische Ope- , rateur sich entschuldigt, daß er beispielsweise statt der | Noch n i e gezeigt« Aufnahmen des PRINCE OF WALES Kinderjahr« — Krlcgsjahrt — Gagtnwart „Eine titelt in Flammen" Ab hcu.c Schweden-Kino Niere die Leber entfernt hat. Einfacher stellt sich die Sache im Bereich der Revue und Operette. Der Schaden ist hier zweifellos geringer, wenn auch der Zuschauer im Theater mehr auf Talent als auf Gesinnung reflektiert. Aber schließlich wird's auch hier gehen. Nur ein wem«; Erfahrung und Routine — und der Vorsprung, den die Nichtarier vor den Ariern hatten, ist bald gutgemacht. Warten wir nur ein bißchen und die nationalsozialistischen Autoren werden Schlager ä la „Was macht der Mayer am Himalaja" besser treffen als ihre nichtarischen Kollegen und nicht länger mehr um Nachsicht bitten müssen. . . . Was Biatifc §i& gefallen lassen muß Ch. N. Bialik wird nun auch in Deutschland, bei den sogenannten Transfer-Juden, populär. In der „Jüdischen Rundschau" (Berlin), die dem Dichter seit eh und je in vorbildlicher Weise Gefolgschaft leistete und sein Werk lang vor seinem Tode als Stück hebräischer Renaissance würdigte, nimmt ein Mann namens Dr. Hermann Sinsheimer das Wort zu Bialiks Stellung innerhalb der neuhebräischen Kultur. Sinsheimer, der zweifellos sein Lehen lang im deutschen Kulturkreis gelebt hat, zeigt sich begeistert von Bialik, dem Ethiker der hebräischen Sprache, vom Essayisten und Sprachschöpfer, von der Sprachkraft dieser singulären Figur des modernen Judentums. Sinsheimer gibt zu verstehen, daß er — so wie viele deutsche Juden — zu innerer Einkehr gekommen KREUZ-KINO Auf. Verlangen: Wieder auflUhrting Wollzeile 17 Tel. R-24-2-16 „UIVA VILLA" Vorstellungen: 4, %*, VtS. V*10 sei! Was sollte diese Einkehr anderes bedeuten, als die lebendige Erkenntnis, daß der bisherige eman zipat p r 1 s c h e Weg ein Irrtum war und nur die Rückkehr zum Volk in dessen reinster Form, -..in <4er.^Nejxgestaltürrg des jüdischen ^Lebens auf alter Erde,-also der Zionismus, das jüdische Sein sinnvoll machen könne. Weit gefehlt! Herr Sinsheimer, der vor lauter Begeisterung über den im zionistischen Palästina gelandeten Bialik vom Geist des Judentums faselt, bekennt in der „Jüdischen Rundschau", daß er nach wie vor — Nichtz i o n i s t sei. Er schreibt nämlich in seinem Aufsata „Bialik — Bialik!" („Jüdische Rundschau" vom 8,, Februar 1935): „Denn auch wir alle, die wir nicht Zionisten sind (aber Nicht-Zionist-sein hat heute längst aufgehört, Gegner des Zionismus zu sein), müssen in diesem Manne, Chaira Nachman Bialik, den zugleich strengen und heiteren, den zugleich festlichen und werktätigen, werkhaften Geist des Judentums verehren." Der eingeschachtelte Satz .»Aber nicht Zionist sein..." gibt uns gar das Recht, anzunehmen, daß Sinsbelmer seinerzeit, bevor es Transfer-Juden gab, Gegner des Zionismus war. Ein Mann, der sich heute noch als Nichtzionist deklariert, reagiert auf ein Buch Bialiks (auf die Essays) und die „Jüdische Rundschau44 hält es für angezeigt, ihre Leser damit bekanntzumachen* Aber das wäre noch nicht das Schlimmste. Die „Jüdische Rundschau" kann den Typus Sinsheimer ala Kuriosum festhalten; als einen Menschen, der Bialik preist, weil dieser das ihm gemäße Leben, das dem nationalen Judentum gewidmete Leben lebt», und der sich dennoch Nichtzionist nennt. Viel trauriger wird der Fall Sinsheimer dadurch, daß dieser Bialik-Schwärmer den hebräischen Dichter Bialik wegen seiner Sprachethik mit Karl Kraus vergleicht, dem „Superklugen", der sich von nichts mehr distanzierte als vom Judentum, mag sich dies in der wiedererweckten hebräischen Sprache oder im wiedererweckten Nationalbewußtsein manifestieren. „Mit Karl Kraus" schreibt Sinsheimer — „hat Bialik das eine gemeinsam, daß auch er den „goldenen" Hamnusr mit dem „eisernen" gern und leicht und mit durchschlagender Kraft vertauscht. Auch Bialik Ist ein Polemiker.. Wenn Bialiks Aufsätze Herrn Sinsheimer . derart beeindruckt haben, daß ihm bei der Loktüre Herr Karl Kraus als Pendant einfällt, dann ist's .gefehlt. Dann, kann Herr Sinsheimer Bialiks Schriften wieder in den Bücherschrank stellen und mit der. „Jüdischen Rundschau", die dem Dutzend-Ninhtzionisten Gastfreundschaft gewährt, einheizen. o. r. Gratulation. Die Landesleitung (Waad merkasi) der tschechoslowakischen J u rl e n s t ä a t s p a r t e i und die Ortsgruppe Mor. Ostrava gratulieren ihrem Freunde und Gründer der Partei in der Tschechoslowakei, Gg. Oskar H e. r 1 i n gör und seiner Frau herzlichst zu jhror Vermählung und wünschen ihnen da« Allerbeste für ihre Zukunft." ■