Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 437 (8.2.1935)
- Date
- 1935-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2712049-2712061--4879-2718420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Ankara 1× ep/1044026
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
Seite 4 JMS KEÜE WELT Nr. 437 13 x BERGMANN. I. RABENaft)U3 HIWMELPFOHT«. 8 KÖLLN ER HO F r). 1 SAMTLICHE AHTIKBL IN WASCHE UND WIRKWAREN SPOTTBILLIG! FOhrend In ETERNA-Hemden (von 6'fiO avfw.) J Ans aller Well Rainöse Steuerand Finanzpolitik Aus Warschau: Im polnischen Sejm erklärte der zionistische Deputierte Dr. Rothenstreich, das geltende Steuersystem habe den Ruin der Bevölkerung der Städte, vor allem den der Kaufleute und Handwerker, herbeigeführt. Rothenstreich führte erschütternde Beispiele des Vorgehens der Steuerbehörden gegen jüdische Geschäfts- Hute und Handwerker an. Das Gesetz über Entschuldung des Bauerntums, welches eine Schuldenrückzahlung in einer Frist von 14 Jahren vorsieht, hat Tausende jüdischer Familien an den Rand des Aog r u n d s gebracht. Jüdische Kaufleute, deren gesamtes Vermögen sich aus bäuerlichen Schulden zusammensetzt, sind zum Hungertode verurteilt, da es dorn Bauern auch verboten ist, dem jüdischen Gläubiger als Abzahlung Kartoffeln und Lebensmittel zu geben, womit er seinen Hunger stillen könnte. Er kann nicht ins Gefängnis kommen Aus Warschau (J. T. A.): In Warschau stand der Angeklagte Jakob Wengart wegen tätlicher Wachebeleidigung vor dem Richter. Das Verhör gab einen erschütternden Einblick in die Not jüdischer Menschen in der polnischen Hauptstadt. Wengart, der seit einiger Zeit erwerbslos ist und unter Hunger und Kälte schwor zu leiden hatte, war auf den Gedanken gekommen, daß für ihr das Gefängnis ein Asyl sein könnte, wo er vor dem Aergsten geschützt wäre. Er bat einen Schutzmann, ihn zu verhaften. Als dieser ihm bedeutete, die grundlose Verhaftung freier Bürger sei unzulässig, begann Wengart auf den Schutzmann loszuschlagen, um ihn so zu der Inhaftnahme zu zwingen. Sein Ziel hatte der Unglückliche jedoch nicht erreicht. Er wurde zwar zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt, jedoch — da er nicht vorbestraft ist —- mit Bewährungsfrist. Der Verurteilte verließ verzweifelt weinend den Gerichtssaal, nachdem er dem Staatsanwalt auf dessen Frage versichert hatte, es sei ihm darauf angekommen, im Gefängnis. bloß zu .,überwintern". Er ziehe dauernde Gefangenschaft diesem Leben in Not und Hunger vor. Die Jaden in Lettland Aus Riga: Die von der lettländischen Gesellschaft zur Förderung von Handwerk, Industrie und Landwirtschaft unter den Juden ORT durchgeführte Enquete über die Beschäftigung der Juden in Lettland hat u. a. ergeben: In der Landwirtschaft. fjnd die Juden mit 0,09 Prozent vertreten; 881 jüdische Familien leben von Landarbeit, 359 von ihnen sind in Ackerbau und Viehzucht, der Rest in randstädtischen Gärtnereien beschäftigt. In der Industrie und im Handwerk sind 26.105 Juden (27 Prozent) beschäftigt, davon sind 3406 Schneider, 1919 Galanteriewarenerzeuger, 463 Kürschner, der Rest Angehörige anderer Handwerkszweige. Im Bauwesen sind 808 Juden beschäftigt, davon sind 237 Tischler und Maurer, 145 Glasarbeiter, 106 Elektriker. Im Transportwesen in Lettland süvi 2689 Juden beschäftigt. Die Hauptbeschäftigung der jüdischen Bevölkerung von Lettland ist der Handel; man zählt 46.070 jüdische Geschäftsinhaber und Angestellte. In den freien Berufen nehmen die Juden mit 13,11 Prozent den dritten Platz ein; es ernähren sich in 4/Lesen Berufen 8719 Juden. In Lettland leben 96.000 Juden und bilden 5 Prozent der Bevölkerung. Juden im türkischen Parlament Aus London: „Daily Telegraph" berichtet aus Ankara, daß der Chef der türkischen Regierung, K e m a 1 Pascha, angeordnet hat, daß im künftigen türkischen Parlament einige Sitze auch für den jüdischen Bevölkerungsteil reserviert v/erden sollen. Ea wird dies der erste Fall in der neuen Türkei sein, daß Juden bei Parlamentswahlen als Kandidaten auftreten und gewählt werden. Organisierter Sabbatschutz in tripolitaniscJien Halen Aus Tripolis (J. T. A.): Die jüdischen Exportkaufleute und Spediteure von Tripolis haben in einer vom Oberrabbiner Prof. Castelbolognesi einberufenen Versammlung eine schriftliche Erklärung unterzeichnet, in der sie sich verpflichten, die Sabbatruhe zu beobachten und an Sabbattagen keine Verladungen in den Häfen von Tripolitanien vorzunehmen oder sonstige Geschäfte zu erledigen. Gleichzeitig gaben die versammelten Kaufleute das Versprechen, nach Möglichkeit die bisher bei christlichen Finnen tätigen Arbeiter und Angestellten zu übernehmen, um Ihnen die Einhaltung der Sabbatruhe zu ermöglichen. In Begleitung einer Abordnung jüdischer Spediteure hat Professor Castelbolognesi beim italienischen Hafenkommandanten von Tripolis vorgesprochen, der sich bereit erklärte, Maßnahmen zu treffen, um Schwierigkeiten, die jüdischen Firmen durch Nichtaualaden am Sabbat erwachsen Könnten, zu verhüten. Die Ankündigung dieser Maßnahme hat bei der zum großen Teil vom Exporthandel lebenden jüdischen Bevölkerung, j der es bisher außerordentlich schwer war, die Sabbat- «Bfce einzuhalten« Genugtuung beraigenrfe«, 1 Withediapel Whitechapel. verlorenes Ghetto auf der nebligen Insel, quicklebendiger und wirbelnder Fleck inmitten der angelsächeischen StiUe. Viel ist geschrieben worden über Whitechapel, die weiße Kapelle, über seine Gassen, seinen Markt und seine Menschen. Die einen haben geschwelgt in begeisterten Schilderungen jüdischen Lebens, die anderen haben hochmütig die Nase gerümpft. Vergleiche sind gezogen worden mit der Pelikanstraat in Antwerpen oder der Judenstadt Amsterdams. Dennoch, Whitechapel ist etwas Besonderes, etwas Tragisches . . . Es gibt Juden über ganz London verteilt, dennoch haben drei Zentren sich einen besonderen jüdischen Ruf erworben: Whitechapel, Stamford Hill und Hampstead. Alle drei sind chronologisch und geographisch verständlich. Geographisch so, daß Whitechapel PshsIoh tdtdeiti - SettmetUiQ der Osten, Stamford Hill der Norden, Hampstead der Nordwesten der Stadt sind. Als die große Masse der Ostjuden in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach England kam, ließen sie sich zunächst in dem armen, häßlichen Viertel, dem Gangster- und Verbrecherquartier Whitechapel, nieder. Sie waren bettelarm und konnten nur dort wohnen. Sobald es ihnen besser ging — und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, denn England befand sich in einer Periode wirtschaftlicher und politischer Blüte — zogen sie weiter in einem Bogen nördlich, bauten sich eigene Häuser und Gärten in offenen mit Bäumen bestandenen, schönen Straßen. Die nächste Generation aber, reich und gesättigt, erfolgreich und avancierend, drang weiter vor in den Nordwesten, in das hochgelegene, gesunde Hampstead. Was in Whitechapel blieb, war arm, hatte keine Zeit und keinen Sinn für Schönes. Ausbeuterische Hausunternehmer reihten erschreckend häßliche Straßen und Krumme Gassen aneinander, man zog hinein und gewöhnte sich an den erst roten und später mit Ruß geschwärzten Ziegelstein der Häuser. Englische Städte gehören zu den ■■■■«■■■»■■»■■■■■■■■»■■«■■■■■■a KREUZ-KINO Wollzeile 17 ■ Tel. R-24-2-16 „Der lange Schatten" Vorstellungen: 4, Vsi, Vif, WO häßlichsten der Welt, Whitechapel ist unter den häßlichsten Englands. Hört man von Whitechapel, so denkt man an den berühmten Markt. Dorthin begibt man sich an Sonntagen. Das puritanische England, welches jahrzehntelang bereits einen, wenn auch vergeblichen Kampf gegen Sonntagskinos, Sonntagsspiele und jeden Bruch der Sonntagsruhe führt, erlaubt den Juden Whitechapels, deren Geschäfte am Sabbat geschlossen sind, am Sonntag zu handeln. Der Markt ist größtenteils von Juden beschickt, die Käufer sind Nichtjuden. Dieser Markt findet nicht auf einem Platz statt, sondern er besteht aus drei oder vier engen Straßen, durch die man sich schwitzend und drängend schiebt. Man kann dort einfach alles kaufen, was das Herz begehrt. Kleider, alte und neue, alte und neue Nägel und Bisenbeschläge, Schuhe, Möbel, Heringe und Hühner, Koffer und Musikalien, Goldfische, Papiertüten und Schokolade. Sie können sich wahrsagen lassen oder ihrer Frau einen Regenschirm kaufen. Außer den oigentlichen Ständen, die an den Bürgersteig herangerückt sind, ladendie zahlreichen Läden der Marktstraßen sie zum Kaufen ein. I %&>tewtmi Heid Stefanie ll,Taborstraße12 | Tel. R-48-5-57 1 i mm Ausgiebige Braten-Menüs S 1.60 i*m(i> I >WmJ „ Geflügel- „ S 2.20 \WJ I | Vorzügliche Zubereitung - chweohater Biere — Naturweint § fllillllllllllillilllllllllllllllllllltlN Sie können alle Bedürfnisse des Daseins befriedigen. Man läßt sie nicht in Ruhe, man brüllt in einem Englisch, welches selbst für Engländer schwer verständlich ist. Pittoresk sind die Gestalten der Händler. Teils sind sie unglaublich verwahrlost und a b* gerissen, teils, besonders die jüngeren, überelegant. Einen Mittelweg gibt es kaum. Dazwischen stehen jemenitische Juden, von einem merkwürdigen Schicksal in dieses Land verschlagen, mit bunten Turbanen, stehen alte Juden mit langen, zerzausten Bärten und Polizisten, die mit der stoischen Ruhe, dio diesem Geschlechte eigen ist, über das sich ewig bewegende Meer von Menschen blicken. Worin ist dieser Markt so jüdisch? Man spricht kein Jiddisch dort, man hat das Ghettokleid abgelegt. Man ist zwar noch jüdischer Substanz, aber weiß man es, wili man es? Worin ist Whitechapel noch jüdisch, was denkt und fühlt diese Stadt? Das heutige Whitechapel verliert langsam aber sicher'seinen besonderen jüdischen Charakter. Ist es Zufall oder ein Beweis dieser Entwicklung, daß das letzte jüdische Theater, das berühmte PaviUion Theater vor kurzem für immer sein« Pforten schloß? Ist es ein Zufall, daß jiddische Plakate immer seltener werden, daß von den zahlreichen Zeitungen in dieser Sprache nur drei, zwei Morgen- und ein Abendblatt, sich erhalten haben und um ihr Dasein kämpfen? Die Jugend versteht Jiddisch zwar noch, spricht es aber nicht mehr. Sie hat den Osten Europaj äußerlich abgestreift, aber den Westen noch nicht erobert. Sie ist in der Kleidung von einem Extrem in das andere gefallen, kleidet sich auffällend, grell, übertailliert. Der Zionismus hat in Whitechapel keinen Boden gewonnen? Warum? Viele Faktoren haben das bewirkt. Der Kampf gegen Jiddisch und gegen das Alte ist aufgenommen worden von den Wo. st juden, von den paar hundert eingesessenen Familien. Sie haben Schulen gebaut und Turnhallen, Aufenthaltsräume und Werkstätten, nicht aus nationaler Disziplin heraus, sondern weil sie sich des Ostens schämten, weil sie die Brüder aus Whitechapel als einen Vorwurf seitens der richtigen Engländer auffaßten. Und wahrlich, sie haben alles getan, um das Jüdische in den jungen Menschen zu verstecken, lim sie zu nationalen Engländern zu machen, um sie fernzuhalten von allem, was in den letzten Jahrzehnten in der Welt der Judenheit sich abspielte. Erez Israel, für jene wenigen eine nicht allzu angenehme Tatsache, sollte nicht an die Jugend herankommen und es gelang Überraschend gut. Man schuf eine Generation äußerlich assimilierter Menschen ohne Inhalt. Nachdem man ihnen den ostjüdischen Seelengehalt geraubt hatte, hinterließ rrmn ein Vakuum. In dieses versuchen sozialistische, anarchistische und kommunistische Ideen einzudringen, aber nur mit geringem Erfolg. Die Whitechapeler Jugend ist heute flachen als irgend eine andere Ghettojugend. Die Whitechapel-Juden sind arm, Proletarier, Arbeiter und Arbeiterinnen in Schneider- und Konfektionswerkstätten, Heimarbeiter, kleine Händler, Agenten, Hausierer. Sie leben in schlechten und dumpfen, meistens einstöckigen Häusern, die trostlos rechts und links von den Hauptstraßenzügen, dem High Road, dem Mile End Road und dem Commercial Road, ausgehen Der Engländer empfindet Whitechapel als etwas Selbstverständliches. Ebenso selbstverständlich wie die Feuermelder in jiddischer Sprache oder die jiddischen Schilder auf den Polizeiämtern. Whitechapel ist ihm selbstverständlich, aber fremd, und er klassifiziert Whitechapel etwa wie Soho, das Italienerviertel, oder Chinatown, die Chinesenstadt. Dennoch weiß er das Eindringen der Juden in Whitechapel zu würdigen. Bevor die Juden kamen, war Whitechapel ein Verbrecherviertel. Abends sperrte die Polizei eine Reihe von Straßen ab, um ehrsame Bürger vom Schlimmen zu bewahren. Seitdem die Juden von Whitechapel Besitz ergriffen haben und kleine anständige Geschäfte betreiben, seitdem am Commercial Road die Stoffgrossisten und Fabrikanten sich niedergelassen haben, sind die Unterweltler einer nach dem anderen weiter nach Osten gezogen, hinaus an die Docks, das Tidalbasin, Limehouse. Die Kriminalität ist gesunken. Die Synagoge hat den Diebskeller vertrieben. Abend in Whitechapel. Vor den kleinen Häusern stehen die Frauen und sprechen miteinander. Hier und dort ist Licht in jüdischen Gastwirtschaften, bei Sterns oder Silbersteins hört man Musik: Hochzeiten in den führenden Restaurants. Hochzeiten in Whitechapel sind noch ostjüdisch, reich, mit vielen Gästen. Den Whitechapeler High Road entlang spazieren Mädchen, schöne, schwarze Mädchen, zu stark bemalt allerdings, die schwarzen Haare sehr oft strohblond gefärbt. Dort, an der Ecke, steht ein Redner, Kommunist, und sagt das baldige Ende des kapitalistischen Systems voraus. Massen von Jugendlichen stehen um ihn herum und machen Zwischenrufe. Der Staub der Straßen wirbelt auf. Die Häßlichkeit der Häuserfronten verschwindet im Abenddunst. Und dann ist es Freitagabend. Hinter den Vorhängen der niedrigen Fenster oder aus dumpfen Kellern heraus dringt der Schein von Sabbatkerzen. Whitechapel, laßt euch nicht täuschen, das Whitechapel der Kerzen stirbt. Es bleibt eine Jugend ohne Wissen um ihre Existenz, eine von den Wurzeln des nationalen Lebens losgerissene Gemeinde, fremd dem eigenen und fremd dem englischen Menschen, ohne Anschluß an das Dasein des jüdischen Volkes. Die Golustragödie in grellstem Lichte, das ist Whitechapel. Dr. K. Jakobowic (London). Filme dir Woc! (Nach den Herstellungsländern zusainu: ufc,, stellt.) Oesterreich: Ball im Savoy (Gitta Alpar) — Bretter, die die Welt bedeuten (Szöke Szakall) ■— Bin Stern fällt vom Himmel (Josef Schmidt). Oesterreich (Arierparagraph): Hohe Schule - Vorstadtvariete (Luise Ulrich-Oskar Sima) — Herr ohne Wohnung — Therese Krouea (Nachtigall von Wien), Amerika: Der Slindenbock (Harold L1qv<j) — Der lange Schatten (Kreuz-Kino) — Little Women •— Viva Villa — Bowery. Deutschland (Arierpaniifrapli): Der Ueber» raschungszug ~- Bosniaken —• Die beide» Seehunde ~« Liebe, Tod und Teufel — Peter, Paul und Nanette -~ Pejf Gyn* — Ferien vom Ich — Fahrt in die JiigtuA,