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Die neue Welt · 1935-02-08 · Heft 437 (8.2.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 437 (8.2.1935)
Date
1935-02-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 437 DIE NEUE WELT Seite 3 // Das gibt e§ bei uns nicht // „Einer der leitenden Männer, ein vor 20 Jahren eingewanderter, tadellos englisch und deutsch sprechender Russe, führte mich stolz durch die wundervoll gepflegten Orangengärten, die reiche Bibliothek, den In allen bunten Farben lachenden, herzerfreuenden Kindergarten." „Wo ist die Synagoge?" fragt« ich zum Schluß des Rundganges. Er lächelte über das harte, fanatisch hagere Gesicht. „Das gibt es bei uns nicht. Wir sind eine Nation, keine Konfession, unser Gott ist die Erde, der Boden Israels. Wir trachten auf dieser Erde unser Paradies zu bauen, unsere Siedlung erhält sich schon von selbst." Die Schriftstellerin Gisela Selden-Goth erzählt im „Neuen Wiener Tagblatt" vom 3. Februar 1935 in einem, „Siedlungen in Palästina" betitelten Aufsatz über den Besuch der mit Keren Hajessod-Geld installierten Kolonie D a g a nj a h, bei welchem sie die oben wiedergegebene Begegnung hatte. Wie so viele Vergnügungs- und Berichterstattungsreisende, war auch sie von den Orangengärten usw. begeistert. Einer der leitenden Männer machte mit ihr den Rundgang, bis sie bei der Frage: „Wo ist die Synagoge?" haltmachte. Zweifellos eine natürliche Frage. Denn jecur, der das Judentum und die Geschichte des jüdischen Volkes kennt, weiß, daß dieses seine Unzerstörbarkeit durch die Jahrhunderte einer religiös-sittlichen Verwurzelung zu verdanken hat und daß auch das neue jüdische Palästina die uralte Tradition nicht über Bord werfen kann. Und nun plötzlich kommt der Leiter einer jüdischen Kolonie in Palästina mit einer leichten Bemerkung und Handbewegung über diese Tradition hinweg: „Das gibt es bei uns nicht!" Wir wissen nicht, ob der Mann, der seine öde materialistische Weltanschauung ins Jüdische Nationalheim hinüberpflanzte, der Fragestellerin imponiert hat. Wir möchten es sogar bezweifeln. Aber für uns liegt die Sache doch etwas tiefer. Die Herren Edelmarxisten, die sich mit einer Geste übet eine — Synagoge hinwegsetzen, haben ihr areligiöses B-ker.ntris gewiß nicht jenen tausenden Galuthjuden urt' r die Nase gerieben, von denen sie die zusammengf - Idübten Groschen für ihre Kwuzoth erhalten haben. Do::n diese Galuthjuden stellten und stellen sich ein jüdisches Gemeinwesen als Zusammenfassung aller jü-J'sciien Werte, "der nationalen und sozialen und religiösen, vor. Auch die Eltern, die ihre Kinder den Schulen solcher Siedlungen anvertrauen, rechnen damit, daß die E'Mung des religiös-sittlichen Lebens nicht vernachlässigt werde. Nur Menschen mit engem Horizont können glauben, daß sich der revolutionäre Charakter der nationaijüdischen Bewegung und ihres Endzieles, des Judenstaats, in der Mißachtung des Religiösen äußern müsse. Das ist die Ideologie der sozialdemokratischen Kleinbürger, die Uberall Schiffbruch erleiden. Gar nicht zu reden davon, daß eine Erziehung auf dieser Basis zu einer Gemütsverrohung führt, die vor nichts haltmacht, die Gefühle der religiösen Menschen verletzt und allmählich auch das nationale Bewußtsein abschwächt. Sind denn die Herren, bei denen es „so etwas" nicht gibt, allein in Palästina? Glauben sie etwa, daß die Schändung des Sabbats, das ostentavie Verletzen der rituellen Vorschriften u. a. zu den Errungenschaften des Jischuws gehört? Das Paradies, das sich die Herren auf dieser Erde bauen wollen, hat ein Jahrzehnt hindurch schwere finanzielle Opfer gekostet. Heute, nachdem Juden, die eine Synagoge als Stück Judentum ansehen, für die passiven Kolonien hunderttausende Pfund hergegeben haben, kann der Leiter selbstbewußt sagen: „Unsere Siedlung erhält sich schon (?) von selbst." Wahrlich, eine frivole Feststellung! Frivol um so mehr, als der Boden, auf dem die linken Siedler ihr marxistisches Paradies errichten wollen, ihnen vom jüdischen Volk zugewiesen wurde, das eine Synagoge gewiß nicht als Ausdruck von Rückständigkeit und volksfeindlichem — Klerikalismus ansieht. o. r. Man kann auch anders Auf einer Pressekonferenz am 27. Jänner 1935, welche der Werbung für den Keren Hajessod gewidmet war, hab der Direktor des großen Sammelfonds, Herr L. J a f f e, eine Episode aus den Fondssiedlungen ganz besonders hervor. Er sagte: „In Ejn Charod haben die Mitglieder des Kibbuz ihren Eltern (die aus Europa zu den Kindern gekommen sind) aus den Mitteln ihres Kulturbudgets eine T h o r a r o 11 e zum Geschenk gemacht." So ergibt sich zwischen den Reden in den Werbeversammlungen für einen Fonds und den Reden, die in den vom Fonds errichteten Siedlungen geführt werden, ein peinlicher, gedanklicher Gegensatz. Hatk Ua&äsüm durch Reisebüro Lutzky & Co.,/1^ , - _-T~,.ur, Wien IX, Spitalgasse 3, Tel. B-42-5-38' UMtofta*S JsOUW zu PURIM zur MAKKABIADE und zu PESSACH ^tummmM^Mm^»jmtmmiMmtLVf™mtmumimm^g^mmH^^m^m^mm^^i Deutsche Wissenschaft unterm Hakenkreuz Oic Menschheitsgeschichte beweist, daß höchste Gelehrsamkeit und Geistigkeit nichts mit Charakterbildung zu tun haben. Die abscheulichsten Tyrannen und Schlächter haben noch immer gefügige Universitäten und Akademien gefunden, die sich beeilten, die von obenher verübten Abscheulichkeiten und Verbrechen auf wissenschaftlichem Wege in heroische Großtaten umzudeuten. Im Weltkriege waren die Herren Professoren sofort zur Stelle, wenn es galt, Unterseeboot- und Gaskrieg in notwendige Mittel zur Hebung der Menschheit umzudeuten und kaum des Lesens und Schreibens kundige Reitergencräle zu Ehrendoktoren der Philosophie und aller möglichen Wissenschaften zu ernennen. Der französische Henkerkönig Ludwig XI. und der russische Iwan der Grausame, alle Scheusale der Geschichte haben ihre Leibpr?fes'Soren gefunden. In jüngster Zeit die Moskauer Schreckensherrscher und natürlich auch Herr Hitler. Die im Wiener Reinhold-Verlag erscheinenden „B erichte zur Kultur- und Zeitgeschichte" bringen ein köstliches Bild zu diesem Kapitel. Sie besclrreiben die Wandlungen eines Wissenschaftlers im Dritten Reich, des bekannten Professors der Nationalökonomie Werner Sombart. Sie zitieren eine Stelle über die Judenfrage aus seinem im Jahre 1934 erschienenen Buche „Deutscher Sozialismus". Da heißt es: „Das Personenproblem liegt in der Frage eingeschlossen: ob die Menschen rein jüdischen Blutes in einem Lande wie Deutschland bei der Besetzung leitender und verantwortungsvoller Stellen völlige Gleichberechtigung mit den übrigen Reichsinländern hüben sollen oder nicht, ganz unabhängig davon, wer sie nach Geist und Charakter sind und welche Achtung sie als Menschen verdienen. Diese Frage verneinen wir — ohne jede Begründung — weil es so sein sol 1." (S, 192 u. 193.) Anschließend erinnern die „Berichte" daran, was dieser selbe Professor Sombart vor Hitler über die Judenfrage, mit dem gleichen „wissenschaftlichen" Nachdruck, gesagt hat. Früher las man es bei ihm anders. Werner Sombart fällt in seinem Werk „Die Juden und das Wirtschaftsleben" das anspruchsvolle Werturteil: „Wie die Sonne geht Israel über Europa: Wo es hinkommt, sprießt neues Leben empor, von wo es zieht, da modert alles, was bisher geblüht hatte." Aus den Werken Sombarts lassen sich also nach Belieben philo- oder antisemitische Motti ausziehen. Um das Charakterbild dieses deutschen Professors abzurunden, bringen die „Berichte" auch noch ein Zitat über das „Führerprinzip" aus dem letzten Buche Sombarts. Der vor Hitler nichts weniger als fromme und auf seine messerscharfe Logik sehr stolze Wissenschaftler schreibt mit Augenaufschlag zum Himmel; „Das Fimrerprinzip, zu dem wir uns bekennen, gipfelt in der Annahme eines obersten Führerwillens, der seine Weisungen nicht mehr wie der Unterführer vom Oberführer, sondern nur von Gott erhalten kann, als dem „Führer" der Welt. Wer das Führerprinzip ganz erfaßt und ernstlich bejaht, muß an eine fortgesetzte Offenbarung glauben. Der Lenker des Staates hat also seinen Auftrag von Gott, das bedeutet letzten Endes den Satz: ,AUe Obrigkeit ist von Gott'. Auf die , Volksstimme' hat er nicht zu hören . . ." (S. 213.) * So zu lesen in dem wissenschaftlichen Buche eines berühmten Professors und Nationalökonomen. Wer heute Charakterstärke und Mannesmut sucht, darf sich wirklich nicht in geistige Höhen begeben. Er muß viel tiefer hinuntersteigen. Judenstaatspartei Oesterreichs Versammlungs- und Veranstaltungskalender Samstag, den 9. Februar, Bezirksgruppe Leopoldstadt, H., Taborstraße 21 a: Akademie mit Tanz. Beginn halb 9 Uhr abends. Samstag, den 9. Februar, Gruppe Prater, II., Kl. Zufahrtsstraße Ißfi: Heimabend (Akademie mit Tanz). Beginn halb 9 Ubr abends. Samstag, den 9. Februar, Bezirksgruppe Brigittenau, XX., Heinzelmanngasse 20: Eröffnungsfeier mit künstlerischem Programm. Eröffnungsrede: Oberbaurat Robert Stricker. Beginn 8 Uhr abends. Sonntag, den 10. Februar, Bezirksgruppe XIV/XV, Schanzstraße S2: Heimabend unter Mitwirkung der Frau Dr. Pia Klein: Rezitation. Beginn halb 7 Uhr abends. Sonntag, den 10. Februar, Judenstaatsjugend, Zentralheim I., Werdertorgasse 14: Heimabend mit Tanz. Beginn 8 Uhr abends. Mitwirkend Kantor Josef Feuer und Ossi Lewin. Montag, den 11. Februar, Bezirksgruppe Brigittenau, XX., Heinzelmanngasse 20: Vortragsabend: Frau Dr. L. Offner: Die jüdische Frau und dier Judenstaatspartei. Hans Kolb: Landespolitik und Judenstaatspartei. Beginn 8 Uhr abends. Montag, den 11. Februar, Bezirksgruppe Leopoldstadt, U., Taborstraße 21 a: Vortrag Dr. Jakob Weiner: Verständigung. Beginn halb 9 Uhr abends. Dienstag, den VI. Februar, Judenstaatsjugend Sektion Leopoldstadt, II., Taborstraße 21 a: Vortrag Josef Frankel: Zionistische Geschichte. Beginn halb 9 Uhr abends. Dienstag, '-vn 12. Februar, Judenstaatsjugend, Sektion Prater, IL, Kleine Zufahrtsstraße 166: Seminar für jüdische Geschichte. Vortragender Viktor Rosenfeld. Beginn halb 9 Uhr abends. Dienstag, den 12. Februar, Bezirksgruppo XIV/XV, Schanzstraße 82, halb 9 Uhr abends: Vortrag Dr. Salomon Wolf. Dienstag, den 12. Februar, Judenstaatsjugend Brigittenau, XX., Heinzelmanngasse 20: Vortrag Leopold Gold: Bodensozialismus. Beginn halb 9 Uhr abends. Mittwooh, den 13. Februar, im Zentralheim, I., Werdertorgase J4, halb 9 Uhr abends: Versammlung. Referent Oberbaurat Robert Stricker: Revisionismus «ad JttdenrtMtayarttf. Die großen, vorzüglichen Salonschiffe „GAULEA", „GERUSALENNE", „PALESTINA" der direkten Eillinie TRIEST-JAFFA des TRIESTIHO verkehren jeden Mittwoch und jeden zweiten Freitag. Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten täglich bloß ca. ö. S 258.—. Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien, I., Kärntnerring 6 m Intermezzo Vor einigen Tagen fand in Wien ein Prozeß gegen einen Ingenieur statt, weicher verbotener nationalsozialistischer Tätigkeit, der Vorbereitung eines Umsturzes in Oesterreich und der Vorschubleistung bei der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß angeklagt war. Die Verhandlung, welche mit der Verurteilung des Ingenieurs zu lebenslänglichem Kerker endete, war reich an bezeichnenden Episoden. Eine sei wiedergegeben. Sie spielte sich beim Verhör der ehemaligen Beamtin des Angeklagten, Preissei, ab, welche angab, daß im Büro ihres früheren Chefs Vorbereitungen für einen nationalsozialistischen Putsch betrieben wurden. Es entspann sich folgende Wechselrede: Zeugin Stefanie Preis sei: Mir ist schon seit langem aufgefallen, daß etwas im Zuge ist. Verteidiger Dr. Gr über: Ja, wieso denn? Was ist Ihnen denn aufgefallen? Zeugin: So zum Beispiel, daß in der Kauzlei alle Wiener jüdischen Firmen herausgeschrieben wurden. Verteidiger: Ja, ist denn das ein Putsch auf das Bundeskanzleramt? Das interessiert uns doch in diesem Hochverratsprozeß nicht! Verhandlungsleiter: Mich interessiert es seüou, weil es doch auf eine gewisse Betätigung hinweist. Staatsanwalt: Und Herr Ingenieur Blaschke hat jede Betätigung dieser Art immer geleugnet. Verteidiger: Leider! Leider! Ich an seiner Stelle hätte ruhig gesagt: „Ja, ich habe jeden Juden umbringen wollen!" Die Unterhaltung ist lehrreich. Man kann aus ihr ersehen, daß Hitler unter seinen Getreuen in Oesterreich gute Schule macht. Zu den wichtigsten Vorbereitungen für das Dritte Reich gehört die rechtzeitige Anlegung eines Judenkatasters, damit bei der Abwürgung der Juden auch nicht ein Augenblick verloren werde. Das ist materielle Vorbereitung. Wie weit die geistige Vorbereitung gediehen ist, das beweist der gemütvolle Ratschlag, den der akademisch gebildete Verteidiger — noch dazu ein älterer Herr — seinem akademisch gebildeten Klienten erteilt. Allerdings etwas zu spät. r{ \ \ GcsluDlrischaft U4r Die Befriedungsaktion und die palästinensische Arbeiterschaft Aus Jerusalem (J. T. A.): In ganz Palästina sieht man der am 24. Februar unter den der Histadruth Hapoalim angeschlossenen palästinensisch-jüdischen Arbeitergruppen stattfindenden Abstimmung, betreffend Ratifizierung des Abkommens zwischen dem Führer der Histadvuht, Ben Gurion, und dein Führer der Zionisten-Revisionisten, Wladimir Jabo« tinsky, entgegen. Ueber den Ausgang der Abstimmung bestehen hier verschiedene Vermutungen. In einer scharfen Oppositipn zum Abkommen steht der linke Flügel der palästinensischen Arbeiterpartei (Miflagat Poale Eref iMMttl).

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