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Die neue Welt · 1935-01-25 · Heft 433 (25.1.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 433 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr-%, DIB NEUE WELT Sätej!*;^; \NVP soi<-> hhaus StJsK^^' Und wer keine bekommt Die J. T. A. meldet aus Wien: Julius 13 r jj, u n t h a I, der bekannte Wiener sozialdemokratische Führer und ehemalige Chefredakteur der Pnrfeizeitung „Das kleine Blatt", der wählend der blutigen Februurkümpl'o zwischen der österreichischen Regierung und dem sozialdemokratischen Schutzbund verhaftet, snäter freigelassen, dann aber wieder verhaftet und im Konzentrationslager W ö 11 e r s d o r f zum Zwangsaufcnthalt untergebracht norden war, ist nun aus Wollersdorf entlassen worden, jedoch gegen die Verpflichtung, bis zum 2. Februar ein Paliistiiu-Visum beizubringen und baldigst n a c h F a 1 ä s t i n a a b z u reib e n. Wie man hört, ist die Entlassung auf Grund einer aus P it. last i. n a e r g a n g e neu Einladung an Braunthal, zwecks Abhaltungeines Vortragszyklus über sozialpolitische Fragen nach Palästina zu kommen, erfolgt. Wir erfahren, daß die Meldung der J. T. A. den Tatsachen entspricht. In einer jüngst abgehaltenen Sitzung von Funktionären der zionistischen Wieno:- Gruppen bildete dieser Vorfall den Gegenstand einer .stürmischen Auseinandersetzung. Es wurde festgestellt, daß Herr Braunthaf. dar.' Zertifikat direkt von der Palästina-Exekutive zugewiesen erhielt. Die Zuweisung eines für Zionisten bestimmten Zertifikats an einen rein sozialdemokratischen Politiker wurde als Mißbrauch bezeichnet, den die linksorientierte zionistische Exekutive zugunsten nichtzienistischer, ja antizionistiseher Poltik betreibt. Es wurde hervorgehoben, daß Herr Braunthal, wie alle Wiener sozialdemokratischen Führer jüdischer Abstammung, bis zum Sturze seiner Partei den Zionismus heftig bekämpft hat. Er ist auch aus dem Judentum ausgetreten. Mit Erbitterung wurde, darauf hingewiesen, daß jüdische Menschen, welche der zionistischen Sache jahrelang treu und aufopferungsvoll gedient haben, keine Zertifikate bekommen, wohl aber solche, die den Zionismus bekämpft und das Judentum veiieugnet haben. Es wurde, auch festgestellt, daß der P'all Braunthal kein Einzelfall ist und bereits viele Bewerber seiner Art zum Nachteile Palästinas und auf Kosten treuer Zionisten nach Palästina geschafft wurden. * Wir erhalten folgende Mitteilung zwecks Veröffentlichung: Protest der religiös-zionistischen Jugend Wiens gegen die parteiische Zertifikate-Verteilung. Vorige Woche fand eine große Versammlung der Wiener Misrachi -Jugend statt. Referenten waren die Herren Rabbiner Dr. Gerstl und Jizchak T e i t e 1b a u m. Sic kritisierten aufs schärfste die Art der parteiischen Zertifikateverteilung durch Herrn Jizchak Grünbaum, den Einwanderungsreferenten der Exekutive in Jerusalem, welche auf planmäßige A u s Schaltung des religiösen Chaluz vom Erez-Israel-Aufbau hinausläuft. Folgendes Protesttelegramm wurde an die Zionistische Exekutive gerichtet: „Die heute stattgefundenc Versammlung protestiert voll Erbitterung gegen die ungerechte und parteiische Zuteilung der Zertifikate zur Benachteiligung unserer religiösen Jugend und verlangt sofortige Gutmachung des himmelschreienden Unrechtes." Sehwiramfest in Haifa abzuhalten, andererseits zynisch und verantwortungslos jeden Kontakt mit der jüdischen Sportjugend des Makkabi-Weltvcrbandcs ablehnte. Welch grauenvolle Verirrung! Heuer stehen wir vor der gleichen Situation. Dio Hapoel-Sportler Palästinas verleugnen die Pflicht, sieh mit ihren jüdischen Sportkameraden, die im Weltverband. Makkabi zusammengefaßt sind, zu zeigen. Bei der ersten Makkabiah forderten sie für ihre Teilnahme die Abänderung des Namens Makkabiah in einen allgemeinen (scheinbar schämten sie sich als „Proletarier" des ..bürgerlichen" Helden Juda Makkabi) und weiters die Beflaggung des Stadions zu 50 Prozent mit roten Fahnen. Bei der ersten Makkabiah begrüßten sie die aufmarschierenden Makkabim in Haifa mit „Kadimah Kapocl!" C(\\) GasliDirischafl CU-V ■ Ug.:«gil.u.llJ-1»*HIIIM«lli»fff ^BSSSSMmmsammBiBmmam f>io jndi.-c'ic (Tugend will marschieren. Stark an Jvi'uskelUr.ift, Jsst im nationalen Bewußtsein, bescheiden in d.M- Arbeit r.in Volkstänzen. Sie will marschieren auch alc, - Ü)M>r\,i;igewi. Wer alle Länder umfassende 31 a k Ii :t. "i i - W c i t v o r b a )i d stellt die Organisation diraer Jugend dar. Er ist nationaljüdisch, zionistisch, iiberpolitisrh. Er will nicht anders sein. Er ist die jüngste und härteste iJarde des Judentaats. Wir alle sind stolz aut ihn. Die Sportwelt anerkennt seine Leistungen. Der Wille v.n Körperlich-geistiger Erneuerung muß Respekt einflößen. Der Aufmarsch der Makkabim auf der ersten M•.»■!■:k:7.biah Vi T'l-Awiw vor zwei Jahren erzwang sieh die Bewunderung d^r ganzen jüdischen Welt. Es gab nur wenige Abseits« V?h;?ndo — die jüdischen Arbeitersportler in Palästina, die proletarische Sportorganisation H a p o e 1. C«Ma:Io hf,uto bietet sich Gelegenheit zu einer Kück- < rinnevuug. Denn wieder führt das Makkabiah-Aktionskomitee Verhandlungen mit dem linken Arbeitersportverband H-jpoel über die Teilnahme an der zweiten Makkabiah. Und wieder erklärt der Hapoel, daß seine Mitglieder sieh an der Makkabiah nicht beteiligen werden, daß er hingegen — man beachte die unerhörte Provokation — die Freigabe des Tel-Awiwer Makkabi- Siadions für eigene Vorführungen w ä h r e n d der Makkabiah wünsche. Die jüdischen Arbeitersportler wollen also gemeinsam mit ihren jüdischen Brüdern, der mirziouistischeu Sportjugend, nicht aufmarschieren. Das proletarische Gewissen, bzw. die Abhängigkeit von der II. Internationale, unterbindet die jüdische Solidarität. Vergessen wir nicht, daß dieselbe jüdische Sportorganisation Hapoel die Mühe und die Kosten nicht scheute, an den sozialdemokratischen Olympiaden in Wien und in Prag teilzunehmen, ja sich nicht enthalten konnte, im Jahre 1981 am Kosch H a s c h a n a ein Bis 3 Uhr früh geöffnet! (Hoch Hapoel!) und „Habajta Makkabi!" (Abzug, Makkabi!), ein Vorgang, der jedem Juden die Schamröte ins Gesicht treiben muß. Jetzt, wo zur zweiten Makkabiah gerüstet wird, provozieren die Hapoel-Sportler abermals. Die Leiter des Makkabi-Weltverbandes, die sieh notorisch nur von nationaljüdischen Interessen leiten lassen, können heute der provokatorischen Ablehnimg des sozialdemokratischen Hapoel nicht viel entgegensetzen. Sie müssen sie ruhig hinnehmen, da sie nun einmal in ihrem Optimismus und in ihrem scheinbar noch unerschüttert gebliebenen Glauben an eine zionistische Solidarität eine Aufforderung zur Teilnahme an die linken Sportler gerichtet haben. Der Glaube, von dem hier die Kode ist, scheint allerdings mehr Leichtgläubigkeit zu sein. Denn wir haben es erleben müssen, daß der Makkabi-Weltverband seiner Jugend, dem M a k k a b i - H a z a i r, da und dort den Eintritt in den marxistischen „Heclialuz" gestattet, ihr also den Weg zu einer klassenkämpferischen, parteiischen Organisation bereitet hat. Solche taktische Fehler rächen sich. Heute muß der nurzionistische Makkabi-Weltverband sehen, wie die junge Sportgeneration in den Bann einer Weltanschauung gerät, die den nationalen Aufbau Palästinas hemmt, verzögert, wenn nicht gar untergräbt. Die Allgemeinen Zionisten, die sich in den entscheidenden Augenblicken zionistischen Geschehens den Wünschen der Linken ge- Von Dr. Rudolf K e t i (Wien) (Schluß aus Nr. 431) Aber es hat ja auch glücklicherweise gute und manche sehr gute Synagogalkomponisten gegeben, deren Wirken nicht verschwunden ist. Auch diese wurden von der Musik ihrer Umgebung beeinflußt und auch diese Art ist eine herrliche Synthese, von urjüdischem und anderem Musilcgut zustande gekommen. Für die Präge, ob solche von außen dazugekommene Elemente als nur angefügt oder als schöpferisch einbezogen (somit bereits als jüdisch) anzusehen sind, gibt es ein untrügliches Merkmal: ob sie die Zeit überdauern, ob sie bleiben. Das Volksempfinden läßt sich nämlich auf die Dauer nicht betrügen. Ich will nun ein Beispiel geben, dem entwicklungsgeschichtlich für die Frage der jüdischen Musik eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Die von der Bibellesung ausgehende Kantillation der Stamm- und sonstigen Gebete wurde immer weiter bis zu dem reichen Bestand an Gebetsgesängen entwickelt, die wir heute besitzen. Dabei wurde natürlich nicht für jedes Gebet eine völlig neue Melodie erfunden. Es haben sich vielmehr Melodiemodelle, Melodietypen gebildet, Solche Mclodietypen der synagogalen Musik nennt man Steiger. Nach den Textanfangsworten des ersten oder wichtigsten Gebetes, das einem bestimmten Melodictypus folgt, erhält der Steiger seinen Namen. Man spricht also z. B. von einem Adonai-Moloch-Steiger oder vom Mogcn-Owaus-Steiger u. a. Manche dieser Steiger haben also feierlichen, manche jubelnden, manche klagenden Charakter, und so ist es naheliegend, daß die Gebete der Festtage, denen eine bestimmte Stimmung zugrunde liegt, in den dieser Stimmung entsprechenden Steigern gehalten sind. Es gibt nun einen Steiger, den man den Ahawo-Rnbboh-Steiger nennt. Die Tonleiter, auf der er fußt, enthalt die charakteristische übermäßige Sekunde, lautet also etwa: c-des-e-f-g-as-b-c. Dieser Steiger nun wurde für die jüdische Musik ungemein, wichtig. Zahlreiche Gebete in aschkenasischem synagogalem Musikbezirk wurden in diesem Steiger gesungen. Auch eine große Anzahl der berühmt/» Volkslieder 4 e *• Qs tjuden ist in einer diesem Stieiger entsprechenden Linie gehalten. Gerade dieser Ahawo-Rabboh-Steiger ist von außen in die jüdische Musik hereingetragen worden. Er ist nicht ursprünglich jüdisch, sondern aus dem Osten gekommen. I d e 1 s o h n, der große Sammler und Erschließet' altjüdischen Musikgutes, sagt, aus dem tatarischen Volkslied. Damit sind wir unvermerkt von der synagogalen Musik bereits in das nächste Gebiet, zum Volkslied, abgeschwenkt. Das Volksmusikgut ist also ein weit jüngerer Bestandteil der jüdischen Musik als die Synagogalmusik. Das zeigt wieder in ebenso einfacher wie zwingender Art die vergleichende Musikwissenschaft. Alle die ostjüdischen Lieder sind weder in Spanien noch in Tunis, nicht im Jemen und nicht bei den persischen Juden zu hören. Und sie sind auch motivisch-musikalisch und stimmungsmäßig keineswegs aus der Line der synagogalen Musik oder — deutlicher gesagt — aus der Bibellektion abzuleiten, sie stehen in der Tonskala des Ahawo-Rabboh-Steigers und seiner Varianten und sind irgendwie der Volksmusik gewisser uröstlicher Stämme verwandt, wahrscheinlich, nach Idelsohn, dem tatarischen Volkslied. (Tatarisch ist ein Sammelname, unter dem man die große Zahl der ethnographisch und ihrer geschichtlichen Entwicklung nach sehr unbestimmten, aus dem fernsten Osten im Laufe der Jahrhundertc hervorgebrochenen Völkerhorden begreift.) Es gibt eine reiche Literatur über die Chazare n, die angeblich zum Judentum übergetreten sind und deren Lieder den späteren ostjüdischen ihren Stempel aufgedrückt haben. Hier tut sich ein fast mystisch anmutender Zusammenhang auf, wieso in der jüdischen Musik jener fremde, uröstliche Laut nicht nur aufklingen, sondern unlösbar Wurzel fassen konnte, vielleicht fassen mußte. Jenes schwermütig klagend-anklagende Lied, das die Juden des Ostens, die Nachkommen der Chazaren, singen, ist eben in gewissem Sinne ihr eigenes ursprüngliches Lied. Das eigentliche Wunder des jüdischen Volksliedes besteht darin, daß jener fernöstliche, jener tatarisehchazarische Laut mit der aus der Pentateuch-Lesung empox-gewachsenen synagogalen Musik, also mit der Keimzelle jüdischen Musikempfindens, eine undefinierbare. Verbindungeingegangen ist. Sie stellt sich schließlich als d i e Verbindung dar, als die große Synthese, die so recht eigentlich das Weser: der jüdischen Musik ausmacht. Halten wir ihre Elemente noch einmal gegeneinander: Erstens also die U r b i b e 1 m u s i k. dann als zweites jenes viel mehr auf Symmetrie und Harmonie abzielende, feinöstliche Musikelemcnt. Die Betrachtung der Kunstmusik führt uns rasch in die letzte Gegenwart und vermittelt uns vielleicht auch eine Art Vorgefühl kommender Möglichkeiten. Der Eintritt der Juden in die Kunstmusik vollzog sich anfangs nur schüchtern und eigentlich lediglich in Ausnahmsfällen. Neben der synagogalen und Volksliedmusik, deren Blüte sich auch in der grausamen Vevmauerung des Ghettolebens entfalten konnte, war es ein den unbändigen Musiziertrieb der Juden beweisendes Ventil, durch das sich die Musiklust auslebte: Jüdische Musikantengruppen waren es, die, etwa ähnlich den heutigen Zigeunerkapellen in Ungarn, die Unterhaltungsmusik bei Hochzeiten, Tanzfesten usw. beizustellen pflegten. Tn manchen Gegenden hatte sich das so sehr zum festen Brauch ausgebildet, daß den Juden häufig ein Monopol, ein ausschließliches Recht zur Bestreitung der „Musik" für einen ganzen Bezirk vertraglich eingeräumt wurde. Schon in den Voretappen der Emanzipation gelang es den Juden, einige glanzvolle Komponistennamen der allgemeinen Musikentwicklung einzugliedern. Der berühmteste von ihnen ist Salomon de Rossi, der unwidersprochen als einer der bedeutsamsten Komponisten seiner Zeit angesehen wird. De Ro:*si lebte von 1586 bis 1628 in Mantua, an dessen Hof er der führende Musiker war. Die eigentliche große Emanzipation, die üai Juden endgültig den Eintritt in die Weltmusikentwicklung ermöglicht, wird erst im neunzehnten Jahrhundert volle Wirklichkeit. Die Namen der jüdischen Komponisten, die nun in Erscheinung treten, sind allgemein geläufig, loh verweise auf einige allbekannte, wie Mendelssohn. Meyerbeer, Halevy, Offenbach, den Halbjuden Bizet, Rubinstein, Leoncavallo, Goldmark, Gustav Makler und von Lebenden Arnold Schönberg und dem französischen Komponisten Darius Milhaud, Josef Achron und Ernest Bloch Jetzt taucht die Frage auf, ob das Schaffen*«

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