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Die neue Welt · 1935-01-18 · Heft 431 (18.1.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 431 (18.1.1935)
Date
1935-01-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. .431 DIE NEUE WELT Seite 3 Der ewige Skandal um die PaIä§iina*Zei*fifilfate J3ewaltneter Sturm gegen ein Palästina-Amt Aus Athen (J. T. A.): Die, geringe Zuteilung von P ii J ä s t i u a - K i 11 r e i s c z c r t i f i k n t e n an »las grieelmohe Palästina-Amt, die gar nicht im Verhältnis zu dem Palästina-Drang der Juden in Griechenland steht, hat zu einer Krisis im g r i e c h i s c h e n Zionismus geführt. Die zionistischen Komitees der griechischen Provinzen drohen in Telegrammen au das Landeskomitee mit A u s t. r i 11 aus der Föderation, falls ihnen nicht bald eine iVI i n d e s t zahl von Zertifikaten zugeteilt wird. Besonders unter den Juden von Serres, denen nur ein e i n z i g e s Zertifikat bewilligt wurde, herrscht, große Empörung. In Saloniki bedrohte eine zum Teil m i t W a f f e n versehene Menge den Vorsitzenden des l'ulästina-Amtes so schwer, daß er sieh nur durch eine; Hintertür retten konnte. Er gab darauf seine Demi ssion. Die jüdische Presse greift die Zionistische Exekutive au, weil sio mit den Nöten des griechischen Judentums nicht rechnet und, wenn sie schon einer Familie ein Zertifikat bewilligt, von dieser eine Gebühr von 2K> f pro Kopf verlangt, so daß eine Familie von fünf Seelen 6500 Drachmen zahlen muß. Die Leitung der Zionistischen Föderation veröffentlicht eine beschwichtigende Mitteilung, in der sie erklärt, sie habe hei der Exekutive in Jfoudon HfH Jerusalem « :-<•.« n die Zuweisung von nur 150 Zertifikaten für das lautende Halbjahr an die griechischen Juden sehn r f p r o t estiert. Ucberall dasselbe! Keine Zuteilung nach Xotwondii!- keit und Gerechtigkeit, sondern nach Willkür der ..Regierungsparteien". Vor wenigen Tagen hat es in VV i e n Skandale gegeben, weil man von der unzureichend', n Zahl von Zertifikaten Parteigängern der einseitig links orientierton Zionistischen Exekutive einen übermäßig großen Teil zugewiesen hat und die anderen Gruppen m i t d e m schäbigen Rest abgespeist w u t d n. In Polen gibt es hellen Aufruhr um die Verteilung. In Litauen und Lettland, in Deutschland und der Tschechoslowakei desgleichen. Die Verzweiflung der um ihr Recht betrogenen jüdischen jungen Leute steigt immer höher Da ist es wohl kein Wunder, wenn es zu Ausschreitungen kommt. Wann wird endlich die ParteiwillkUr gebrochen und Ordnung gemacht werden? iroSld^ umwß11 (Beste Ausschaltung der luden vom Reditsaitwalfs? beruf in Oesterreich? Die Jüdische Telegraphen-Agentur (J. T. A.) verbreitet unter diesem Titel folgende Meldung aus Wien: Ueber die Pläne einer Reform der Advokatenordnung in Oesterreich erfährt der Wiener J. T. A.- Vertretcr Einzelheiten, die die Befürchtungen betreffend Versuche, die Juden vom Rechtsanwaltsbaruf auszuschalten, gerechtfertigt erscheinen lassen. Die Tiroler Advokatenkammer hnt der Regierung einen Entwurf vorgelegt, der zunächst einen Numerus clausus bis zum Jahre 1937 vorsieht. Für jüdische Rechtsanwaltsanwärter ist eine Bestimmung ganz besonders gefährlich, derzufolge die Gerichtspraxis von einem Jahr auf zwei Jahre verlängert und der Anwärter zum zweiten Gerichtsjahr nur zugelassen werden soll, wenn er vom Oberlandesgerichtspräsidenten auf Grund einer Prüfung seiner „inner- und außerdienstlichen Vertrauenswürdigkeit" hiezu bestimmt wird. In der Praxis soll also jeder absolvierte Jurist auf die Zulassung zum ersten Gerichtsjahr Anspruch haben. Die Zulassung zum zweiten,, für die weitere Laufbahn entscheidenden Gerichtsjahr soll jedoch von einer Erwägung abhängig werden, die dem Belieben des Oberlandesgerichtspräsidenten überlassen bleibt. Zur Beurteilung dieses Vorschlags muß man sich vergegenwärtigen, daß demnach in Zukunft die Rechtsanwaltsanwärter in Oesterreich wie bisher die Richter ernannt werden sollen und daß, seitdem die Christlichsozialen im Jahre 1920 die Regierung wieder in die Hand bekommen haben, kein Jude mehr in Oesterreich zum Richter ernannt wurde. Welchen Standpunkt die Regierung zu diesen Vorschlägen einnehmen wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Möglicherweise wird sie sie unberücksichtigt lassen, weil sie in den Bundesländern, wo unter den hohen Richtern viele Nicht-Christlich soziale sind, die Laufbahn auch des christlichsozialen Juristennachwuchses gefährden könnten. In bezug auf die Zulassung jüdischer Rechtsanwalt.sanv.iii tcr dürften die Ansichten der Christlicllsozialen und der Anhänger anderer Richtungen unbeschadet aller sonstigen Meinungsverschiedenheiten kaum auseinandergehen. Außerdem ist bekannt, daß in seh) hohen Regierungskreisen denjenigen Personen, die erst nach dem Kriege eingebürgert wurden, die bürgerlichen Qualitäten nicht wie den „Bodenständigen" in vollem Maße zugesprochen werden; auch dieser Umstand dürfte bei der Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit für die Ausübung des Rechtsanwaltsberufs eine Rolle spielen. * Da uns, außer unbestimmten Gerüchten über den Plan einer Aenderung der österreichischen Advokatenordnung, derzeit nichts bekannt ist, müssen wir die Verantwortung für diese Nachricht und die daran geknüpften Folgerungen der J. T. A. überlassen. Wir werden bemüht sein, nähere Informationen zu erlangen. Die ökonomische Zentralkommission für den Jüdischen Weltkongreß Aus P a r i s; Die Oekonomische ( Zentral-Kommission des Komitees der Jüdischen Delegationen und des Exekutiv-Komitees für den Jüdischen Weltkongreß trat am 5. Jänner 1935 zu ihrer ersten Sitzung unter dem Vorsitz von I. Jefroykin zusammen. Sie besteht einstweilen — eine Ergänzung ist vorgesehen — aus den Herren: Prof. Georg Bernhard, Robert Bollack, Dr. Brutzkus, I. Jefroykin, Prof. B. Eliacheff, Dr. Goldberg (Sekretär), A. Kahan, Dr. Leites, J. Koralnik, Prof. Alexander Michelson, A. Menes, J. Naiditch, A. Rosin (Ben-Adir), E. Tcherikover u. a. m. I»ci|en den Strich Sportschuh Handirobocnä'nl- Fue-. Herren 2?S? tüp Damen oderl/eppen Die Ziele der Oekonomischen Zentralkommission wurden bereits angekündigt, sind aber vielfach m i ßverstanden worden. Das Komitee der Jüdischen Delegationen und das Exekutiv-Komitee des Jüdischen» Weltkongresses sieht sich deshalb veranlaßt, mit allem. Nachdruck zu betonen, daß die Aufgabe der Oekonomischen Zentral-Kommission darin besteht, die zur Wahrung derjüdischenWirtschaftspositionen unumgängliche fachmännische Erforschung und Dokumentierung der tatsächlichen ökonomischen Lage der Juden in den verschiedenen Ländern im Zusammenhang mit der Gesamtentwicklung dieser Länder zu fördern und Vorschläge für den einzuberufenden Jüdischen Weltkongreß auszuarbeiten, nicht aber selbst materielle Hilfsmaßnahmen durchzuführen. Das Komitee und die Zentral-Kommission beabsichtigen nicht, die Tätigkeit der verschiedenen Landes* Organisationen zu beeinträchtigen, werden vielmehr dort, wo diese Möglichkeit besteht, eine Koordination anstreben.- KREUZ-KINO '• Wollzeile 17 * Tel. R-24-2-lb VIVA VILLA Vorstellungen: tt, %6, ya8, 'ATQ In der Hauptrolle Wallace Berry zeigt sich die Qualität. Elastisch, rasch und sicher gleitet die Juden feindliche Ausschreitungen in Griechenland Aus Saloniki (J. T. A.): Unter dem Hufe „Juden hinaus aus Griechenland!" griffen Angehörige der antisemitischen Terrororganisation E. E. E. jüdische Passanten in Kastoria, unter ihnen den dor-> tigen Oberrabbiner, den sie am Barte rissen, an. Der Generalgouverneur von Mazedonien, Perikles Rhallis, hat die strengste Bestrafungder Exzedenten angeordnet. Uesen und Weg* fidistket fftusik Von Dr. Rudolf Rcti (Wien) Der bekannte Komponist und Musikschriftsteller hielt kürzlich in der Judenstaatspartei (Wien) einen Vortrag über jüdische Musik, den wir in seinen wesentlichen Abschnitten hier wiedergeben. In einer Zeit, da das Judentum inmitten der ihm angetanen Erniedrigungen zum Bewußtsein seiner selbst und seines Wertes erwacht, gewinnt neben vielen anderen auch das Problem der jüdischen Musik erhöhtes Interesse. Den Fragenkomplex der jüdischen Musik also will ich heute in einem knappen Umriß erkennen helfen, aber ohne die Absicht, hier etwa spezielle Forschungsergebnisse oder Neuentdeckungen zu vermitteln. Vielmehr will ich das, um was man sich, sonst in nicht ganz leicht zugänglichen gelehrten Arbeiten bemühen müßte, in möglichst faßlicher, ohne weiteres verständlicher' Form geben, von allem Detail, den meisten Namen und' Zahlen, aber auch von aller Beweisführung absehen, aber dafür vielleicht mehr als auf streng wissenschaftlichem . Boden am einzelnen Fall das Allgemeingültige aufzeigen und eine Art Ausblick in kommende1 Möglichkeiten vermitteln. . Wenn, man in musikalisch interessierten Kreisen das Thema der jüdischen Musik zur Debatte stellt, finden sich häufig- Stimmen, die diesen Begriff überhaupt leugnen. Es1 wird angezweifelt, ob es eine Musik gibt, die man als spezifisch jüdisch;/bezeichnen kann. Zwar möchte ich liier gleich als meineneigenen bescheidenen Standpunkt vorwegnehmen, daß, wenn das Wort einer nationalen Musik überhaupt einen Sinn haben soll, niemand, der sich mit der Materie ein wenig befaßt hat, leugnen könnte, daß' man, so gut man heute von einer ungarischen, russischen;, italienischen Musik usw. in mehr oder minder, starker Ausprägung sprechen kann, auch.'eine jüdisohe. Musik als in Entwicklung begriffen, erkennen muß. Ich. wi|l auf diese, Frage begreiflicherweise noch zurück-' kommen. Wenn derlei aber überhaupt debattiert wird, so kann sich der Zweifel jedenfalls nur auf die Kunstmusik von heute beziehen. Dagegen gibt es zwpigzoßartige historische Gebiete, wo die Frage nach einer: spezifisch jüdischen Musik wohl von niemandem in. Zweifel gezogen weiden kann: Es ist das Gebiet der religiösen Musik und der Musik des Volksliedes. Wir Juden leben bekanntlich nach den mannigfaltigsten kulturellen, sozialen, sprachlichen und sonstigen Verschiedenheiten gesondert, zerstreut in alle Welt hin. Aber auch eine von vielen so ersehnte und daher gern angenommene Rasseeinheit der Juden muß nach allen seriösen wissenschaftlichen Ergebnissen gerade der letzten Jahre bei uns genau so als Hypothese erkannt werden wie bei allen anderen Völkern. Sind sich doch Historiker und Anthropologen — wozu, wie ich höre, in neuester Zeit sogar die Biologie durch die Blutforschung neue Aufschlüsse beigesteuert hat — trotz Verschiedenheit der Einzelansichten darüber einig,. daß etwa die Theorie eines homogen semitischen Ursprungs der heutigen Judenheit absolut nicht haltbar ist. Daß wir Juden aber trotz allem gründlichst zusammengehören, das lehren auch diejenigen unter uns, die es bisher nicht wußten und immer wieder nicht wissen wollen, unsere Gegner. Wenn schon nichts anderes, verbindet uns eine Schicksal&gemeinschaft. Aber es verbindet uns ja noch sehr viel Spezielles, und eine dieser Verbundenheiten ist die Musik. In dem ganzen* großen Komplex der Musik, die von den in alle Welt verstreuten Juden heute ausgeübt wird, also in allen Formen der Kunst-, Volks- und Synagogalmusik, wird eine urh so offensichtlichere Gemeinsamkeit erkennbar, auf je ältere Teile wir zurückgreifen. Das bedeutet, daß gerade die älteste Musik, z. B. der afrikanischen und der ost- und westeuropäischen Jude^n, sich als verwandt, als einander ähnlich herausstellt. Und diese zumindest verdiente dann doch wohl die Bezeichnung einer jüdischen Musik. Nun könnte man fragen: Wie kann man denn erkennen, welche Musik die älteste ist? Ist es z. B. die Synagogal- oder die Volksmusik? Oder sind es bestimmte Teile aus diesen beiden und welche? Zur Zeit, da diese Musik entstanden ist, hat es ja noch keine Notenschrift, keine Musikaufzeichnungen gegeben. Woher kann man also wissen; welche die ältere ist? Es ist die v er gleich e n d e M usikwissc nschaft, die uns hier — ähnlich der vergleichenden Sprachforschung auf ihrem Gebiet oft verblüffend präzise Erkenntnisse vermittelt. Wenn man z. B. in einer Bibellesung *) der aschkenasischen, das heißt also im *) Bibellesung oder Bibellektion nennt man den rezitativischen Sprechgesang, also die musikalisch grundierte Form, in der die Bibel vorgetragen w.'id. Die Musik, die Melodik dieses Sprechgesangs, heißt Kantilation. —- Im alltäglichen i ostjüdischen) Snrachgebrauch wird die Bibelrezitation als Leinen, das ist Lesen, bezeichnet. wesentlichen osteuropäischen Juden musikalische Wendungen findet, die (wenn auch variiert) in der Lektion derselben Stelle der Orientjuden aufscheinen, so heißt das wohl ziemlich schlüssig, daß die den beiden Kantilationqn zugrunde liegende Urform noch aus einer Zeit stammen muß, in der die räumliche Trennung noch nicht vollzogen war, beziehungsweise in der es noch keine orientalischen und osteuropäischen Juden gegeben hat. Oder ein Gegenbeispiel: Wenn die Tonskala, nach der eine große Zahl von jüdischen Volksliedern Polens geformt ist, in keinem einzigen Volksgesangder Juden — sagen wir — von Tunis oder sonstwo, entdeckt werden kann, dann ist es sicher, daß diese jüdischen Lieder wirklich in Polen, also in späterer Zeit, entstanden sind. Die vergleichende Musikwissenschaft funktioniert also wie eine Chronik, der zumindest der gleiche Zuverlässigkeitswert zukommt wie geschriebenen Aufzeichnungen, die sogar viel leichter Irrtümer oder sogar absichtliche Fälschungen enthalten können. Und diese Chronik sagt uns: Von aller Musik, dia heute noch von Juden geübt wird, ist die Bibellektion, der Sprechgesang, die älteste und unter aeri Lektionen der verschiedenen Bibelteile wieder die Lektion der Fünf Bücher Mosis ihrerseits noch älter als alle anderen. Hier gab der Vortragende einige Beispiele am Klavier. Am Klavier lassen sich allerdings diese Tongebilde nie der originalen Form entsprechend zeigen. Schon die Tonhöhen dieser aus zeitlichen und räumlichen Entfernungen stammenden Musik entsprechen nicht denen unserer modernen Instrumente. Die Fachleute lenken ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Verschiedenheit der musikalischen Charaktere, während die Hörer cle3 Vortrags umgekehrt gerade die Aehnlichkcit der innersten Gestaltung, die offensichtliche Gemeinsamkeit der Urquelle, interessiert. Der Vortragende zeigte zur Illustration dieselbe Bibelstelle — es ist der Vers 21-2, Buch Moses, Kap. 12, „Und Mose berief alle AeltesUm Israels ..." in der Notation von Idelsohn in vier verschiedenen Lesungen auf dem Klavier, und zwar in der Lektion der persischen, der jemenitischen, der sephardischen und der aschkenasischen Juden. Für diejenigen, die den Bibelgesang (Lejnen) nicht aus eigenem Erlebnis kennen, sei hinzugefügt, daß man sich ihn praktisch so vorzustellen hat, daß der gesamte Bibelvortrag sich musikalisch in fortgesetzten Wiederholungen der eben vorgeführten melodischen Linien abspielt, deren Formgestaltung in bezug auf Tempos Rhythmus und tonliche Gruppierung in Anpassung an V

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