Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 427
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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JTIV42T DIE NEUE WELT Seite 3 Ein Hundertprozentiger „Bodenständigkeit" ist eines der wichtigsten und häufigst gebrauchten Worte im antisemitischen Konversationslexikon. Die schwerste Anklage gegen die Juden besteht darin, daß sie nicht bodenständig sind, sondern durch einen Zufall ins Land gebracht, ohne Empfinden für dessen Interessen, ohne Gefühl für seinen Geist. Aber das Wort „Bodenständigkeit" ist nicht den Antisemiten vorbehalten geblieben. Es gibt Jud:n, die sich dieses Wortes bedienen, die sich „die Bodenständigen" nennen, um die Gefahr Von sich auf andere Juden abzulenken, auf die, welche um einige Jahre oder Jahrzehnte später ins Land gekommen sind. Diese Frühergekommenen glauben, ihre hundert- und mehrprozentige Verwurzelung damit am schlagendsten zu beweisen, daß sie gegen die Neuangekommenen möglichst unfreundlich sind, und zwar in ostentativer Form. Der Christ soll wissen, daß es zwei Sorten von Juden gibt, bodenständige und nicht bodenständige, damit er die bodenständigen Juden Hebe und schätze. An den anderen mag er seine Unlust kräftig austober. lassen. Ein typischer Fall dieser famosen jüdischen Bodenständigkeit wurde jetzt in der englischen Presse aufgezeigt. Die Universität Oxford hat den aus Deutschland geflüchteten Professor Eduard Frankel, einen Juden, als Lehrer für Latein in ihrem „Corpus Christi College" berufen. Die englische Presse hat diese Ernennung dieses in seinem Fache berühmten Mannes ruhig registriert. Nur in der großen Zeitung „Daily Express" ist es zu einer und noch dazu von einem Juden eingeleiteten Diskussion gekommen. -Ein Mister Arthur J. M. Cohen ergreift als bodenständiger englischer Jude und alter Oxfordianer das Wort, um sein Bedauern über die Anstellung Frankels auszudrücken. Er schreibt: „Wie kann man diesen Schritt rechtfertigen? Herr Frankel mag ja ein sehr begabter Mann sein, aber sollen wir etwa glauben, es gebe nicht mindestens ebenso qualifizierte englische Gelehrte, die nicht enttäuscht werden durften? Britannien solle zwar weiterhin Flüchtlingen Asyl und Hilfe bieten, aber es sei doch sicher beklagenswert, daß ein so begehrter Posten wie eine Oxforder Professur einem A u s- 1 ä n d e r „aus gefühlsmäßigen Gründen" zuerkannt wurde." Auf diesen Brief des hundertprozentigen Mister Cohen antwortete ein Mister M a y, der sich als alteingesessener Oxfordianer rein a r i s c her Abstammung vorstellt. Er schreibt: „Ich bezweifle, ob irgend ein nicht jüdischer Oxford-Mann sich hätte rinden lassen, um einen derartigen Brief zu unterzeichnen; aber Mr. Cohen ist natürlich durch seine Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse vor dem Sturm der Entrüstung geschützt, der sich über dem Haupte jedes Nichtjuden entladen würde, wenn er Gefühle ausgedrückt hätte, die denen des normalen Engländers so fremd sind. Ich weiß nicht, was die Universität Oxford zur Behauptung des Mr. Cohen, sie hätte sich durch andere als rein sachliche Gründe zu dieser Ernennung bestimmen lassen, sagen wird. Jedenfalls will ich mich von den Gefühlen dieses Mr. Cohen möglichst weit distanzieren!" Die Aussprache zwischen einem anständigen Engländer und einem Juden, der hundertprozentig englisch tut und mehr als hundertprozentig unanständig ist, gibt Möglichkeit zu lehrreicher Betrachtung. In Deutschland und in anderen mitteleuropäischen Staaten sprechen die „bodenständigen" Juden von ihren „zugereisten" Stammesgenossen ungefähr so, wie der Herr Cohen in London vom Herrn F r ä n k e 1 aus Berlin. Der ganze Unterschied ist ein rein geographischer. Einige Stunden Bahnfahrt machenaus dem stolzen „Bodenständigen" einen ungern gesehenen „zugereisten Eindringling". Der Fall des Juden Cohen ist typisch. Der Fall des Nichtjuden May ist leider nicht typisch, ist ein Ausnahmsfall. Anderswo greift man mit Vergnügen die Lumperei eines Cohen auf, um den Juden aus dem „Urteil eines Juden" den Strick zu drehen. Und in England dürfte das auch nicht möglich sein. Die Verlockung ist groß und alle Engländer sind nicht aus dem Holze dieses Mister May geschnitzt. Zur Frage der Saarjuden Aus Paris: 31. Dezember. (J. T. A.) Seitens des „Comite des Delegations Juives" wird der J. T. A. folgende Erklärung übergeben: Das Comite des Delegations Juives hat vom Abschluß der Verhandlungen des Dreierkomitees in Rom und des Völkerbundes in Genf bezüglich der die Minderheiten im Saar gebiet betreffenden Bestimmungen Kenntnis genommen. Das Komitee stellt fest, daß diese Bestimmungen weit hinter den P o s t u- 1 a t e n zurückbleiben, die es zugunsten der jüdischen Bevölkerung im Saargebiet den Ratsmitgliedern vorgetragen hat für den Fall, daß die Abstimmung der Saarbevölkerung nicht die Aufrechterhaltung des Status quo ermöglichen, sondern den Völkerbund veranlassen sollte, das Saargebiet an Deutschland zurückzugliedern. Insbesondere hat die Nichtgewährung dauernden Schutzes der Gleichberechtigung aller Einwohner des Saargebietes ohne Unterschied der Sprache, der Religion und der Rasse tiefe Enttäuschung im jüdischen Volke hervorgerufen. Das Komitee verliert jedoch nicht die Hoffnung, daß der Völkerbund bei der Entscheidung über das Schicksal des Saargebietes nach der Abstimmung die Möglichkeit finden wird, der berechtigten Erwartung zu entsprechen, die die Judenheit unverändert in das Gerechtigkeitsgefühl der Welt und des Völkerbundes setzt, und die Notwendigkeit des dauernden Schutzes aller Minderheiten des Glaubens, der R a s s e und der Gesinnung «insihax wird* Freundliche" Worte zur Judenfrage // Im Dezemberheft 1934 der Zeitschrift „E u r op ä i s c h o Revue" veröfentlicht Hans Friedrich Blunclt, der bekannte Schriftsteller und Vorsitzende der Reichsschrifttumkammer, eine „Rede an die Jugend der Westländer". Darin werden bei der Erörterung verschiedener ausländischer Einwendungen gegen das neue Deutschland zur Judenfragc folgende Ausführungen gemacht: „Man hat uns die Beschränkung unserer jüdischen Mitbürger auf bestimmte Berufe verübelt. Wer die letzten 15 Jahre in Deutschland erlebt hat, kann die Volksbewegung verstehen, die will, daß in Deutschland alle Schichten, die die geistige Einstellung eines Volkes bestimmen, ohne jüdischen Einfluß wirken. Wir sind auch entgegen der Meinung des Auslandes sicher, daß unsere junge deutsche Literatur —- um die Sie sich noch llie snnffe Klinge die den sprödesten Bart wie im Di übergleiten wegwischtest nur niemals ernsthaft bekümmert haben, meine verehrten Hörer — mitten in einer reichen und fruchtbaren Zeit steht und daß unsere Theater besser spielen ais früher. Wenn man darüber hinaus die Beteiligung unserer jüdischen Mitbürger an Korruptionsfällen und unerfreulichen Erscheinungen des Kapitalismus untersucht, wenn man sich der furchtbaren Worte des Hochmuts der früheren jüdischen Herrenschicht erinnert über den Boche als hirnlosen Untertan, über den Deutschen, der nur unter jüdischer Führung zu zähmen sei, so wird man sich über die Zucht eines Volkes wundern, das sich mitten in einer antikapitalistischcn Revolution befindet. Nichts sage ich damit zur Verteidigung bestimmter Gewaltsamkeiten. Ich darf aber darauf hinweisen, daß in dem französisch verwalteten Constantine an einem einzigen Tage mehr Juden umkamen, als der Gesamtverlust unserer jüdischen Mitbürger in Deutschland betragen dürfte. Ich möchte auch nicht verhehlen, daß der Antisemitismus in Deutschland in breiten Schichten erst Geltung gewann durch den Boykott des Auslandes und durch die unerhörten und ungerechten Darstellungen deutscher Verhältnisse in der jüdisch geleiteten Presse des Auslandes. Unsere Emigranten. -Ii: noch vor Jahresfrist Krieg gegen Deutschland oder znmindest unsere Entwaffnung verlangten, die mit ihr n Zeitungen die Parlamente unserer Nachbarländer überschwemmten, die das junge Deutschland überhaupt nur von draußen sahen und deshalb an ihm vorüberJehon — genau wie die Emigranten der französischen R >vo- Jution --, sollten endlich Rücksicht nehmen auf die Lage jener vier Fünftel der judischen Bevölkerung, die hier in Deutschland verblieb. Die. Bestrebungen gerade des deutschen Schrifttums, zwischen der im Re'ch verbliebenen j ii d i s c h e n B e v ö 1 k o r u n g u n d d f r R e g i e r i< n g ein K o n k u r d a t zu erzielen, werden immer wieder im entscheidenden Augenblick durch Eingriffe aus dem Auslände verhindert." Die ...J u d i s c h e R u n d s c h a u" (Berlin 1, die auf ihre gefährdete Stellung in Deutschland Rücksicht nehmen und sich vor jedem Mißverständnis hüten muß, schreibt hiezu: „Diese Ausführungen des Präsidenten der Reichs- Fchrifttumskammor sind besonders in ihrem letzten Teile für uns interessant, da sie eine. Mitteilung enthalten, über die die deutschen Juden bisher noch nicht unterrichtet waren. In der Tat dürfte es eine wichtige Autgabe der Kreise sein, die das geistige Deutschland repräsentieren, zur Judenfrage in einem p o s i t i v e n Sinne Stellung zu nehmen, da auf die Dauer eine Lösung dieses Problems nicht nur für uns Juden, sondern auch im Interesse der inneren Entwicklung der deutsche:! Gesamtheit erforderlich ist." Jeder, der die Ereignisse in Deutschland seit der Machtergreifung des Nationalsozialismus nur einigermaßen verfolgt hat, wird die Ausführungen Biuncks mit Mißtrauen entgegennehmen. Sie stellen im wesentlichen eine Art Erpressung an den Juden dar, welche außerhalb der deutschen Grenzen wohnen, indem von ihnen verlangt wird, den Abwehrkampf gegen das Hakenkreuz zugunsten ihrer reichsdeutschen Brüder einzustellen. l'Jgfj lllllill»IIIHIII»MllftW^ Heute Premiere I 12 S K1M O Schweden-Kino Unwetter^Kafasfrophe in Pala§tina Die palästinensische Presseagentur ,,P alco r" meldet unter dem 2. Jänner; Nach viertägigem ununterbrochenem Regen sind große Teile des Landes überschwemmt worden. Wichtige Verbindungswege (Post, Telephon und Telegraph) wurden unterbrochen. Die Bahnlinie zwischen Haifa und Ludd (Lydda) ist zerstört und unbrauchbar geworden. In Nathan ia und im Emek Chaf ar (VVatli Chawarith) wurde die elektrische Leitung zerstört. Zahlreiche Orangenplantagen haben schwer gelitten. Eine Reihe von Kolonien ist ohne Lebensmittel und ohne Beleuchtung geblieben und erscheint von der Welt abgeschnitten. In W a d i Chawarith sind einige arabische Familien während des Wolkenbruches ertrunken. Ein Wächter, der bei den Magazinen der Petrolgesellschaft in Haifa postiert war, wurde von einer Wasserwelle ergriffen und ins Meer gerissen. In T e 1 - A w i w stehen viele Häuser unter Wasser. Dutzende Familien haben ihre Wohnungen verlassen. Die palästinensische Presse beschuldigt die Regierung, den Ausbau der Wege und Chausseen vernachlässigt zu haben, wodurch die Ausbreitung der Katastrophe ermöglicht worden sei. Die S t a d t v e r w a 11 u n g v o n Tel- A w i w hat ein Kettiuigskomiteo für die von der Katastrophe betroffenen Bürger geschaffen. Silvester in Tel-Awiw „Papa, haben auch die Christen Weihnachten?" Diese Scherzfrage voll tieferer Bedeutung läßt sich mit voller Berechtigung auf den Silvester variieren. Es ist das Neujahr des christlichen Kalenders, dem ihre Reverenz zu erweisen Tausende, ja Millionen „Nichtarier" sich nicht enthalten können. Dabei geht es bekanntlich nicht um Anerkennung der Zeitrechnung seitens der Juden innerhalb der christlichen Majorität, also um eine kalendarische Selbstverständlichkeit. Nein. Der biedere Silvester, der eiste Papst der christlichen Kirche, wird bei Sauf- und Freßgelagen gefeiert, als käme er direkt aus der Judengasse. Viele Juden setzen sogar ihren Ehrgeiz darein, die Huldigung für den christlichen Silvester möglichst aufdringlich, pomphaft, teuer und kostspielig zu gestalten ... Palästina, das jüdische Nationalheim, macht diese Unsitte nicht mit. Die palästinensischen Juden siti.cn nicht in Frack oder Smoking in irgend einem Unterhaltungslokal, um sich Schlag Mitternacht mit dem Ruf: „Prosit Neujahr!" anzurülpsen. Der Magistrat der jüdischen Stadt Tel-Awiw machte die Lokalbesitzer darauf aufmerksam, daß es unstatthaft sei, fremde Sitten im jüdischen Palästina nachzuahmen. Palästina feiert seine eigenen Feste — würdig, stilecht, traditionstreu, wie es einem Kulturland zukommt. Um sich zu unterhalten, um sich der Ungebundenheit und Freude hinzugeben, braucht Palästina keinen Silvester. Es braucht keine Anleihen für Festesbedarf zu machen, wenn es lustig sein will .., Das Rätsel um die Millionen der I.C.itu Wie wir in unserer Ausgabe vom IS. Dezember 1934 mitteilten, hat die Sowjetregierung beschlossen, alle Tätigkeiten der J. C. A. (Jewish Colonisation Association) in den jüdischen Rayonen Sowjet-« rußlands zu liquidieren. Prof. J. Brutzkus, der bekannte Volkswirtschaftler und Zionist, hat im Londoner „Jewish Chronicle" von der J. C. A. einen Rechenschaftsbericht, bzw. Aufklärung über die vielen Goldmillionen verlangt, welche der J. C. A. zur Verwaltung übergeben wurden. Da die J. C. A. bisher durch den Mund ihres neuen Präsidenten Avigdor Goldshmicl nur einige nichtssagende Erklärungen abgab, wendet sich Prof. Brutzkus nochmals an die J. C. A. um Aufklärung. Nachstehend die wesentlichsten Punkte der Brutzkuschen, Polemik. Noch immer fehlt der jüdischen Oeffentlichkeit ein Bericht der J. C. A. über ihre Tätigkeit, d. h. ein finanzieller Rechenschaftsbericht. Der neue Präsident der J. C. A., Avigdor Goldshmid, hat auf einer Versammlung der Anglo Jewish Association in London am 25. November einige, Erklärungen bezüglich der J. C. A. abgegeben, die aber niemand befriedigen können. Ich habe folgende Feststellungen, zu machen: 1. Der Präsident hat erklärt, daß die J. C. A. jährliche Berichte in französischer Sprache herausgebe, die man sich leicht verschaffen könne. (An die jüdischen Zeitungen werden diese Berichte nicht versandt. Anrn. d. Red.) Er hat aber zu sagen vergessen, daß sich in diesen Berichten keinerlei Bilanzen oder sonstige Nachrichten über den finanziellen Stand der J. C. A. befinden. 2. Der Präsident hat weiters erklärt, es sei jedem bekannt, daß die J. C. A. große Kokmisal iomspläne in Argentinien, Brasilien und Canada durchgeführt habe. Was Brasilien anlangt, gibt es jetzt dort, keine jüdischen Kolonien, In Camida bekommen ein paar hundert jüdische Kolonisten, welche sich dort allein angesiedelt haben. Unterstützung von der J. C. A. In Argentinien wiederum hat sich die Zahl der jüdiochen Kolonisten seit dem Tod des Baron Hirsch nicht vergrößert und der freie Boden wurde an N i c h t j u d c n verpachtet. 3. Der Präsident hat schließlich mitgeteilt. dal*, die. T. C. A., wie alle anderen Eigentümer russischer Wertpapiere, ihr Kapital, das sie vor dem Krieg in Rußlar-rl investierte, selbstverständlich vvloven lr.it. Aber hier handelt es sich nicht um den verhältnismäßig um bedeuten-