Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 425 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 42b DIE NEUE WELT Seite 3 Zur Fa§dhi§fenkonferenz in Montreux Der Wortlaut der antijüdischen „Kompromißresolution" — Zusammensetzung und Zweck der Konferenz — Die sonderbare Haltung der Italiener Wir haben über die erste internationale faschistische Konferenz, soweit sich ihre Verhandlungen auf die Judenfrage bezogen, berichtet und festgestellt, daß die nur inhaltlich wiedergegebene Judenresolution judenfeindlichen Charakter trägt. Nunmehr liegt die Resolution im Wortlaut vor, der unsere Charakterisierung der Resolution als antijüdisch nur bekräftigt. Die Konferenz nahm folgende Entschließung an: ,,Von der Erwägung ausgehend, daß jedes Land seine Judenfrage souverän zu behandeln hat, erklärt der Kongreß, daß die Einleitung eines universalen H a ß f e 1 d % u g e s gegen das gesamte Judentum bei Behandlung der Judenfrage nicht in Betracht kommen kann. Anderseits aber stellt der Kongreß fest, daß viele jüdische Gruppen und Einzelpersonen in den von ihnen bewohnten Ländern als überhebliche (arrogante) Eroberer auftreten tind dort einen Staat im Staat« bilden. Sie schädigen die materiellen und moralischen Interessen ihrer Vaterländer, indem sie wohl von den Rechten in diesen Ländern Gebrauch machen, ohne die Pflichten gegenüber diesen Ländern zu erfüllen. Der Kongreß stellt ferner fest, daß die Juden im allgemeinen an den Revolutionen internationalen Charakters stark beteiligt sind. Von diesen Voraussetzungen ausgehend, proklamiert der Kongreß den Kampf gegen diese Elemente." Ueber den Charakter und die Zusammensetzung der Konferenz sind jetzt wichtige Einzelheiten bekannt geworden. Die Idee der Einberufung ging von der italienischen „Actione d'Universalita di Roma" aus. Aus Italien nahmen an der Konferenz teil: Der Abgeordnete und Geherai C o s e 1 c h i, welcher auch den Vorsitz führte, ferner Abgeordneter Baron B a s i 1 e und Redakteur B a r e n i, welcher den Pressedienst der Konferenz leitete. Die französischen Faschisten waren durch Marcel Bucard, die belgischen durch Sommeville (Ligue nationale corporative beige) 'und durch Hoornaert (Legion nationale beige), die holländischen durch M e i j e r und Wouter Lutkie, die rumänischen (Eiserne Garde) durch Motza, die dänischen durch Dr! Klausen, die griechischen Faschisten durch General Mercuris, früher Kriegsminister, die irischen Blauhemden durch General O'Duffy, die österreichischen Heimwehren durch Bundeskultur rat Ri'naldipi, die schweizerischen durch Oberst Fo n j a 11 a z und Abgeordneten Oltramare vertreten. Dann waren noch Norwegen, Schweden, Lettland, Portugal und. Spanien vertreten. Die deutschen Na t'i ö n a 1 Sozialisten waren nicht eingeladen, auch nicht die Vertreter der. deutschen Presse. Auch hatte die Veranstaltung einen proitalienischen und antideutschen Charakter.. Es handelte sich darum, den italienischen Faschismus, die lateinische Kultur und die Ideen Mussolinis ,dem „falschen" Faschismus der deutschen Nationalsozialisten entgegenzustellen. Das kam auch in der Debatte zum Ausdruck. Nachdem ein italienischer Redner die italienische Kultur und die Vorzüge der „mittelmeerländischen Rassen" gerühmt hatte, erklärte der Dane (ein Deutscher aus Dänisch-Schleswig), daß Europa in zwei zu.mindest ebenbürtige Kulturkreise geteilt ist, den „nordischen" und den „mittelländischen", und daß die skandinavischen, baltischen, englischen und irländischen Faschisten mehr unter dem Eindruck der Ideologie Hitlers und Rosenbergs stehen als unter der Mussolinis. Was die Judenfrage, betrifft, so wollten die italienischen Einberufer diese Frage gänzlich ausschalten und wurden hierin von Frankreich, Spanien, Belgien,: Portugal und Griechenland unterstützt. Aber die nordischen Ländervertreter bestanden unbedingt auf Behandlung des Judenproblems. Es gab mitunter stürmische Verhandlungen, die einen ganzen Tag dauerten. Die Italiener und ihre Freunde erklärten wiederholt, daß sie Antisemitismus und Rassismus als Rückfall in das dunkelste Mittelalter ablehnen. Aber schließlich siegten die „Nordischen" und man einigte sich auf obenstehende Resolution als „Kompromißformel". Auch die Italiener stimmten ihr zu, nur die Franzosen und Belgier blieben bei der Ablehnung. Eine schlimme Wendung Der Abschluß der faschistischen Tagung in Montreux bedeutet für die Juden ein schlimme Wendung. Ueber den ausgesprochen antisemitischen Charakter der mit allen gegen die Stimmen Frankreichs und Belgiens, also auch mit der Stimme Italiens angenommenen Juden-Resolution ist wohl kein Wort zu verlieren. Es klingt wie Hohn, wenn die Resolution als Kompromiß bezeichnet wird. Viel bedeutsamer als ihr Inhalt sind aber die Begleitumstände, unter denen sie zustande kam. Italien hat sich bisher immer als Macht gezeigt, welche gegenüber ihren eigenen Juden und auch den Juden im allgemeinen ein wohlwollende Stellung einnimmt. In Währung dieser Tradition hat die italienische Vertretung auf der Konferenz gegen judenfeindliche Vorstöße der „nordischen" Delegierten Stellung genommen. Aber sie hat schließlich nachgegeben und so gegen die Tradition des Wohlwollens verstoßen. Italien wird sicherlich nicht ein Bollwerk des Judenhasses werden. Aber der Umstand, daß es von nun ab Zentrale einer internationalen Vereinigung ist, deren Programm eine gegen das Wesen des Judentums gerichtete Formel enthält, ist gewiß nicht ohne Bedeutung. In einer Zeit, in welcher das Judentum Wohlwollen nötiger hat als je, fällt eine solche Begebenheit schwer ins Gewicht. Friedfertig u. Junger, Information?- und Vermittlungsbüro für Ein- und Verkauf von Häusern und Boden, Tel-Awiw, Achad-Haam 30/17, Palästina. 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Sämtliche jüdischen Geschäfte in Mainz wurden mit Tränengas- und Stinkbomben belegt. In mehreren Geschäftshäusern kam es zu schweren Verwüstungen, zu Raub und Diebstahl. Besonders wüst und einem Pogrom nahekommend waren die Vorgänge in dem Geschäftshause Stub. Diese Firma beschäftigt etwa 60 Angestellte, in der Mehrzahl Arier. Das Haus Stub gilt als sehr billig und hat deshalb seit jeher großen Zulauf. Als am Silbernen Sonntag der Laden viel Publikum hatte, fingen plötzlich Hitler- Leute in den Geschäftsräumen zu brüllen an: „Heraua aus dem Judenladen!" Die Kunden, meist Frauen, antworteten: ,,Wir kaufen, wo es am billigsten ist." Daraufhin betrat ein Mann mit dem Abzeichen der NüDAP. das Geschäft. Auf dieses verabredete Signal hin erhob sich ein wildes Gebrüll; „Das Parteimitglied muß aus dem jüdischen Laden!" Der Nazi mit dem Parteiabzeichen rief nun dem Inhaber zu: „Schließen Sie schnell die Türen, denn man will stürme n." In diesem Augenblick ging das Licht aus. Die „alten Kämpfer" und ihr plünderungslustiger Anhang drangen in den Laden ein und demolierten und raubten, was sie erreichen konnten. Es entstand eine wilde Schlägerei. Frauen und Kinder wurden niedergeworfen und niedergetreten. Es gab zahlreiche Verletzte. Einige Frauen und Kinder waren so mitgenommen, daß sie ins Krankenhaus geschafft werden mußten. Interessant ist, daß sechsmal das Ueberfallkommando angerufen wurde, ohne daß es erschien. HaäiulustctissUe doiwuekie m Briefen ■ Soeben ist unter dem Titel „Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten" (herausgegeben von Franz Köbler, Saturn-Verlag, Wien) ein Buch erschienen, das in weitestem Maß Beachtung verdient. Wir werden über die Linie, die der Herausgeber Doktor Frans Kobler bei der Zusammenstellung und Einkleidung der Briefe einhielt, noch einiges zu sagen haben. Vorläufig veröffentlichen wir mit Genehmigung des Verlages zwei aufschlußreiche Briefe, deren Schreiber zurzeit in eine aktuelle Sphäre gerückt sind. Zunächst einen Brief, betreffend Max Liebermann, der aus dem deutschen Kunstschaffen durch einen Erlaß der Nationalsozialisten Kulturgemeinschaft ausgeschaltet wurde, und weiters einen Brief Adolf von Sonnenthals, dessen 100. Geburtstag Anlaß zahlreicher Würdigungen des großen jüdischen Schauspielers ist. Max Liebermann Alfred Lichtwark an die Verwaltungskommission der Hamburger Kunsthallo 17. Februar :906. .., Liebermann hat mich sprechen wollen. So war ich gestern Abend bei ihm. Es war wegen der Ausstellung semer beiden letzten Bildnisse. Da seine Damen auf einem Ball waren, blieben wir schwatzend zusammen, bis wir entdeckten, daß es Ewölf war. Er sprach viel von Leibi. Als. er 1879 seinen 9,Christus im Tempel" auf der Münchener Ausstellung hatte bnd man ihn steinigen wollte (er hatte gewagt, in dieser Zeit des Aufruhrs in München zu bleiben), klopft es eines Tages bei ihm, ein vierschrötiger Herr tritt ein: „Ich bin der Leibi. Wer Ihnen ein Haar krümmt, den schlag' ich nieder." Dann wurden sie gute Freunde ... 23. März 1906. ... Man macht Liebermann alle Augenblick den Vorwurf, daß er die deutsche Kunst herabsetze. Wer hat aber schließlich dafür gesorgt, daß Trübner, Thoma, Klinger, Leibi in Berlin Boden gewonnen haben? Er ist gegen seine Kollegen der uneigennützigste Mensch. Bei dem enormen Einfluß, den er hat, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, zehn, zwanzig Jahre eine Diktatur in Berlin auszuüben und alles wegzubeißen, was ihn beeinträchtigen könnte ... Sonnenthal an Ludwig Speidel Riga, 10. April 1889. Teuerster Freund! Hat Sie meine Depesche überrascht oder wußten Sie davon, daß die „Neue Freie Presse" an die hiesige Rigasche Zeitung ein Telegramm gesendet, in welchem sie anfragt, ob es wahr sei, daß ich als Oester reicher ausgewiesen wurde? Die Rigasche Zeitung konnte nicht antworten, denn sie gehört hier zu den „Gemaßregelten" und ihre Depesche wäre sichtlich inhibiert worden; sie bat mich also zu antworten, aber nicht an die Zeitung selbst, weil spnst meine Depesche dasselbe Schicksal erlebt hätte, sondern privatim, und so erlaubte ich mir, mich direkt au Sie zu wenden. Nun, die Sache ist richtig, aber die Ursache ist eine andere. Nachdem ich bereits dreimal gespielt hatte, kamen eines Morgens — welche Ironie! ich probierte gerade den Uriel — ein Polizeihauptmann und Polizeileutnant auf die Bühne, vom Polizeiraeister abgesendet mit dexa Auf trage, mich zu fragen, welcher Religion ich sei. Nun mußte dies aber der Polizeimeister gewußt haben, denn gleich bei meiner Ankunft hier wurde mir der Meldezettel vorgelegt, auf welchem ich unter der Rubrik „Konfession" mit großen deutlichen Lettern „Jude" setzte, denn ich besitze die Schwäche, mich dessen nicht zu schämen. — Die beiden Polizeibeamten, die mich auszuforschen hatten, mochten wohl das Entwürdigende ihres Auftrages gefühlt haben, denn sie schämten sich, mich selbst zu fragen, sondern wendeten sich an den Regisseur. Dieser gab ihnen die Auskunft, daß ich Jude sei, worauf sie erwiderten, daß ich in diesem Falle ohne spezielle Erlaubnis mich nicht in Riga aufhalten dürfe. Mir wurde der Zwischenfall vorläufig verschwiegen und die Direktion des Theaters, die durch mein plötzliches Abbrechen zu bedeutendem Schaden gekommen wäre — worauf es, wie ich nachträglich erfuhr, im Grunde ab* gesehen war —, wendete sich sofort an den hiesigen österreichischen Konsul Herrn Lübeck, der in loyalster, liebenswürdigster Weise die Sache nach Petersburg berichtete, von wo noch denselben Abend folgende Depesche eintraf: „An Polizeimeister ex-geht heute telegraphischer Befehl des Ministers des Innern, wonach Herrn Sonnenthals Aufenthalt in Riga bewilligt wird. Oesterreichische Botschaft." Als dies geschehen war, wurde mir erst der Vorfall berichtet. Im ersten Augenblick war ich starr — ich wußte nicht, sollte ich lachen, sollte ich weinen. — Zufällig las ich einen Tag zuvor im Feuilleton der „Neuen Freien Presse": „Padre Agostino" mit den einleitenden Worten über unser Jahrhundert! Ich rekapitulierte im Geiste diese Zeilen und beruhigte mich einigermaßen. Ja, wir leben im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert dar Aufklärung! Man rüstet Schiffe aus zur Befreiung der Negersklaven am Kongo, und im Herzen Europas weist man einen Menschen aus, weil er ein Jude ist! —---- Grüßen Sie mir herzlichst die Ihrigen und seien Sia selbst innigst umarmt von Ihrem treu ergebenen A. Sonuenthal,