Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 424 (21.12.1934)
- Date
- 1934-12-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. m DIE NEUE WELT Seite T Uufyb iudwctnOHt* Eine Legende Von Oskar Rosenfeld v. ^V>,\;rt ^;i«^^v||s||p W^rfV--^'§^:^:^' " 1 a*;*M lillitl v^-J^?* w '. ■*■;■;".#>>*^ •■" tä^W-C^^W '' * *\ Vi \" x, 0 m,« VTv V^ '-i»'''.^')' » <^ '\^>;.V->vr - * ^»'W^^Ä^^^^^^^-S' - ^^^^^^^^^^^§M^S^i^^iM Die zwanzig Jahre, die seit dem Tpd Hugo Zuckermanns vergangen sind, haben nicht vermocht, Wesen und Gestalt dieses jüdischen Menschen in unserer Erinnerung zu entfärben. Hugo Zuckermann gilt unseren Zeitgenossen als lyrischer Dichter und österreichisch-jüdischer Soldat. Nach wie vor erscheint, wenn jüdische Feste sich kalendarisch ankündigen, ein Gedicht Hugo Zuckermanns in den Spalten zionistischer Blätter, oder wird von einem Saalpult vernehmbar. So wird dieser gerade, unkomplizierte Prachtmensch Anlaß einer Legende. Wir, die kleine Schicht seiner Studienfreunde und Jugendpartner, die im Kreis Herzischen Schaffens rings um dessen letzte Lebensjahre standen, wissen mehr von Hugo Zuckermann, als man aus seinem halben Hundert Gedichte und aus seiner Soldatenlaufbahn erfühlen kann. Der Weg zu seinem Herzen ist uns nicht durch Verse und Säbel verlegt. Wir, die Begleiter und Teilnehmer seines Alltags, brauchen sie nicht, um die Größe und Besonderheit seines Wesens ins Licht zu setzen. Zu lyrischem Tun geneigt wie alle, durch deren Seele der Sturm des zionistischen Gedankens rauschte; voll Ueberschwang der Gefühle und bereit, sich mit jugendlichem Enthusiasmus allen Ausschweifungen d,er Seele hinzugeben, wenn nur für die Bewegung, für die zionistische Bewegung, etwas abfiel; fasziniert von der Berührung mit dem Ostjudentum, das für uns in den lockendsten und dämonreichsten Farben schillerte; und schließlich in eine Sphäre verliebt, die voll war von literarischer Romantik — wer hätte hier dem Drang, Verse zu schreiben und dem Jiddischen zu dienen und die Bibel neu zu entdecken, widerstanden? Härtere, nüchternere Naturen als Hugo Zuckermann unterlagen dieser Konstellation. Wenn er. sich mit besonderer Inbrunst dem Gedichteschreiben hingab, so lag das an seiner maßlosen Verehrung des Heroismus seiner Zeit. Das Wort „Jüdische Renaissance" vermochte ihn heldisch zu erschüttern, das selten ausgesprochene ,,Chaluz" ihm Tränen in die Augen zu treiben, das damals nebulose „Erez Israel" ihm einen Schauer der Weihe und Ergriffenheit durch die Adern zu treiben. So geartet, reagierte er blitzschnell auf akustische, optische und atmosphärische Reize. Eine Empfindung haben und sie allsogleich erklingen lassen, war ihm geläufigstes Bedürfnis. Leicht strömten die Verse ihm von den Lippen: Klingender Worte Goldene. Borte Rändert mit schlanken Blumigen Ranken Den Bau der Gedanken. Sie kommen geflogen Vom Regenbogen Und tragen alle Bonnenfarben. Und wie volle ISrntegaben Sonnenfroh und hoffensschwer. in einer Zeit, da Dehmel, Rilke, Verlaine, Liliencron Künder eines neuen lyrischen Weltgefühls wurden, sang er leicht für sich hin: All meine Lieder Sang ich als müder Wegirrer Wand'rer im Abendrotglü'hn. Duftschwer vom Flieder Hauchte hernieder Fiebernder Atem, wie SommerverblUhn. Und in einer Zeit, da Else Lasker-Schüler den hebräischen Orient sprachlich formte, schuf er eine Uebersetzung des Hohelieds, wagemutig wie nur je: An des Liebsten Lager wachen Schwertgegürtet sechzig Recken. Wenn's wie glühend' Höllenrachen Lodert aus dem Kohlenbecken, Schlummerst du auf seidenweichen Pfühlen, Herr, und lächelst heiter. Denn die Spukgestalten scheuchen Schwertgerüstet sechzig Streiter. Das Klingenlassen der Verse bereitete ihm Wohlbehagen, erhöhtes Lebensgefühl. Selbst kritisch genug, um hinter die Kulissen des Reims zu sehen, war er beglückt vom Lob, das auch wir Skeptiker ihm spendeten. Es ging uns nämlich darum, sein jugendlich-feuriges Wesen auch im Gedicht erhalten zu sehen. Oft ließ er sich lyrisch führen, deklamierte Gedichte seiner lyrischen Mitstreiter und Gegenspieler, bedachte sie mit selbstvergessener Anerkennung — ein Jüngling, selbstlos und glücklich, wenn er schenken und sein leichtentzündbares Herz an das entfernteste Schöne verschwenden konnte. Der Ruf des österreichisch-ungarischen Monarchen an seine Völker fand Hugo Zuckermann bereit. Was? Der Zionist, der jüdischnationale Couleurbruder, der treuliebende Gatte — ein Herold des Krieges? Dieser scheinbare Widerspruch erhellt sich, wenn man weiß, daß Zuckermann, der aus dem deutschen Eger stammte, das großdeutsche, österreichische Staats- ÜHöt tUr$t, einst. Wenn du n>ieder scheinst. Segnende Sonne, auf unser Gestade. Dann stehen taufrische, kerzengerade Hahne und harren, daß du sie bräunst. 'Einst Einst, einst. IVenn du nimmer meinst. Muter Rachel, in nächtlicher Stunde — Dann, ziehen kräftige Bursche die Runcia. Die du mit sehnenden Mädchen vereinst Einst! gefühl mit sich herumschleppte, ja sich ihm völlig und restlos ergab,' da es eben ein Staatsgefühl war! Sein zionistischer Enthusiasmus fand keinen Nährboden in einem realen jüdischen Staatsgedanken. Die Keter malchut, die Königskrone für das neue Reich Israel, war in jener Zeit bloß ein heroischer Traum, und wenn ein österreichisch-deutsch-jüdischer Jüngling kein Makkabäer sein konnte als Reiniger und Erbauer des jüdischen Reiches, dann mochte er sich als Soldat in der Armee des österreichisch-ungarischen Reiches ausleben — bis zur Aufopferung. Zuckermann hatte schon einige Jahre vor dem Weltkrieg dieser romantischen Vorstellung nachgegeben. Die Vorliebe für Wortklang und Gefühlsüberschwang spielte ihm manchen Schabernak. Sein impressionistisches Weltbild gab jedem starken Druck nach. Waren es nicht der Jordan, nicht die Zinnen der Davidsburg, nicht der Wall um Jeruschalajim, dann waren es eben die Donau und Belgrad. Das „Reiterlied" ist populär geworden; die Motive dieses Gedichtes kommen aus einer patriotischstudentischen Haltung, bei der der Säbel so locker sitzt wie das Wort. Das Spiel mit dem Wort berauschte ihn. Zuckermann legte die Uniform an und (marschierte . . . studentisch, voll Hingabe . . . für ein igroßes deutsches habsburgisches Oesterreich. Für ein ^Oesterreich, das er liebte. Für eine Sache, die seinem ijudenstaatlerischen Herzen nahe war, weil sie ein iGanzes, Universelles, Kulturhaftes, Klassisches repräsentierte. Und sogar hier, wo dieses Ganze, Univer- Judm*. Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten Herausgegeben von Franz Kobler Ein spannendes u. belehrendes Dokumentenwerk von hoher Aktualität/Umfang 416Seiten Ganzleinenband S 12.60 / kartoniert S 8.93 SATURN-VERLAG, WIEN I. SoHheHlUal Zum hundertsten Geburtstag Ein Vierteljahrhundert ist seit dem Tode Adolf Sonnenthals abgerollt. Das Theater hat grundlegende Wandlungen durchgemacht. Neue Stilrichtungen und Gestaltungsprobleme beschäftigen diejenigen, welche dem Theater dienen. Aber die Kraft der Persönlichkeit, der Genius des Individuums konnte durch keinerlei „Regie- und Auffassungskünste" verdrängt oder gar ersetzt werden. Adolf Sonnenthals Geltung als Künstler steht unbestritten da. Man gedenkt auch des großen J ud e n Sonnenthal, des Verkörperers des Lessingschen „Nathan". Sonnenthal, obwohl einem liberalen, zu Gesinnungskonzessionen geneigten Zeitalter angehörend, war zweifellos dem Judentum tief verwurzelt. Sein Pathos und seine Träne, sein Bekenntnis zur edlen Kunst, sind Zeichen einer tiefen jüdischen Seele. Die wunderbaren Eigenschaften seines Herzens sind sozusagen Erbstücke des ewigen jüdischen Seins in der Welt, Erbstücke, die Sonnenthal hütete und um derentwillen er geliebt und geehrt war. r. UM An Juda§ Jugend Sei du das Schwert, ich will den Arm dir leih'n! Sei du der Schaft, den ich mit Erz bewehre! Du sollst de.r Volkes Hort und Hoffnung sein, Ein treuer Hüter vor dem Tor der Ehre. Dort harre aus die lange, bange Nacht, Bis daß der Morgen dämmert von den Bergen, Und halte schwertgegürtet Totenwacht An deiner Väter blutbefleckten Särgen. seile, Kulturhafte, Klassische sich ihm als Rohstoff bot, war der Wunsch, die österreichischen Fahnen auf Beigerad wehen zu sehen, unterirdisch die unterdrückte Vorstellung eines Jerusalem, von dessen Wall die Zionsfahne flattert! Zuckermanns Kriegsheldentum stammt aus der Wollust des sich Opfernwollens für ein Ideal, das .,in seinen Tagen" nur spruchreif, aber nicht tatreif war. . . . Wenn wir alle ihn liebten, so entstammte unsere Liebe nicht der Anerkennung für seine lyrischen und soldatischen Tugenden, mit denen er in reichem Maß ausgestattet war. Ihm ward die Gnade, sich ganz hinzugeben und zu staunen und aus naiven Augen zu lächeln und mit vollen Lippen zu lachen. Er verschleuderte Freundschaft und Güte. Er besaß ein goldenes Herz und eine goldene Börse. (Ich glaube, ihm in einer Novelle „Absinth" [Tage und Nächte, Ilf-Verlag 1920] ein literarisches Denkmal bereitet zu haben.) Ist er unvergessen von uns, so möge er erkannt werden und erkannt bleiben von den Vielen, die sein Tun in einem literarischen Herbarium aufbewahrt wissen wollen. Nein. Hugo Zuckermann, der schöne Verse fand und mit Reimen und Kalauern jonglierte, war ein Chaluz des reinen Gedankens, der reine Tor inmitten einer Konfektionswelt, der tugendhafte Jüngling und der lyrisch besessene Mann, der, den Lodenmantel umgeworfen und den Bergstock in der Faust, Gott überall suchte und zu finden verstand. Hugo Zuckermanns Glaube war unzerstörbar. Sein zionistischer Glaube unzerbrechlich. Er wußte nichts von den Sorgenfalten und Fäulnissen der Gallith. Er lehrte uns an die Ewigkeit und Schönheit von Gottes Welt glauben, der erste, edelste, tugendreinste und unerschrockenste Chaluz. . . . Au§erwählte§ Volk Ein Volk von Priestern sollst du sein Und segnend deine Hände breiten, Du sollst dem Hochgebenedeiten Die Erstlingsfrucht des Feldes weih'n. Ein Volk von Helden sollst du sein Und mit dem Schwert die Hüften gürten. So sollst du, wie Judäas Hirten, Das Ahnenland vom Feind befrei'n. Ein Volk von Sängern sollst du sein, Und deiner Väter Siege künden; Sollst hoch am Berg die Feuer zünden Und sing' mit Harfen und Schalmei'n. Ein Volk von Juden sollst du sein: Stolz, stark und treu wie deine Ahnen. Im Winde flattern deine Fahnen, Jung-Juda! Halt sie hoch und rein! Herzl-Biographie In Kürze erscheint im Fiba -Verlag, Wien, VI., Gumpendorferstraße 10, die erste große „T heodor-Herzl-Biographie" von Dr. Alex Bein. Für dieses Werk wurde, um es allen Kreisen zugänglich zu machen, eine Subskription eröffnet. — Preis kart. RM. 8.80, Halbleinen 10.80, Ganzleinen 12.80, zirka 650 Seiten und zirka 90 Bilder, zahlreiche Faksimiles und Beilagen. — Dieses Buch gibt zum erstenmal' ein abgerundetes Bild über Herzls Leben und Wirken von seiner Jugend bis zu seinem Tode.