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Die neue Welt · 1934-12-21 · Heft 424 (21.12.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 424 (21.12.1934)
Date
1934-12-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 424 DIE NEUE WELT Seite 3 Um den mnerziomslisdien Frieden Jabotinsky über die bisherigen Verhandlungen — Vorwürfe gegen die zionistische Presse Die vorzüglichen, großen Luxusschiffe ,GERUSALEMME' UND ,PIISN Ä* der direkten Eillinie TRIEST - JAFFA LLOYD TRIESTINO (Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr) führen nur eine erste und eine Touristenklasse Auch in der Touristenklasse höchster Komfort (zwei - und mehrbettige Kabinen) und täglich vier sehr gute Mahlzeiten Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien I, Kärntnerring 6,Tel.U-47-5-60 zu setzen. Weit gefehlt. Diese Leistung ist auf die Energie und das Kapital der jüdischen Deutschlandflüchtlinge zurückzuführen und auf die Aufnahmsbereitschaft des jüdischen Palästina, das sich eben "immer mehr zum Heim für alle Juden entwickelt. Und sogar der Rest der deutschen Flüchtlinge hat sich selbst in den verschiedenen Ländern Arbeitsplätze verschafft. Aber geradezu grotesk wirkt die weitere Erklärung MacDonalds an die New-Yorker Pressevertreter, daß sich „im Gefolge des Plebiszits an der Saar weitere Tausende deutscher Flüchtlinge, nicht allein Juden, sondern auch Katholiken und Protestanten, über die Welt ergießen werden." Also eine weitere Sorge. Aber die ist, nach der Mentalität MacDonalds, rasch behoben. MacDonald wird, so erklärt er, in einer Konferenz im Jänner 1935 die Finanzierung von Kolonisationsplänen für die neuen Flüchtlinge prüfen. Hier gesellt sich zum Unglück noch der Spott. Während tausende Menschen vom Hitlerismus aus dem Saargebiet gejagt werden, hilflos, unterstützungslos, durch Arbeitsverbote ausgesperrt, wird eine Konferenz am grünen Tisch beraten, ob es Möglichkeiten gibt usw. Palästina wird, so hoffen und wünschen wir, einen großen Teil der jüdischen Saar-Flüchtlinge aufnehmen, das so oft schon verspottete, arme, kleine, jüdische Palästina. .. und nicht erst warten, was das von Herrn MacDonald geleitete Komitee beschlossen hat. Der Berner Prozeß, um die „Protokolle" Aus Bern: Der Experte der antisemitischen Angeklagten im Berner Prozeß um die „Protokolle", Oberstleutnant a. D. Fleischhauer aus Erfurt, ist persönliph im Gericht in Bern erschienen, um in die Akten einzusehen. Bei dieser Gelegenheit wandte sich der nationalsozialistische Experte an das Gericht mit der Bitte, es möchte ihm die am 16. Dezember 1. J. abgelaufene Frist zur Ueberreichung seines Gutachtens (das, wie *es heißt, sehr umfangreich sein soll) um zwei Monate, das ist bis zum 15. Februar 1935, verlängern. In Erledigung diqser Bitte hat Gerichtspräsident W. Meyer dem deutschen Experten eine Fristverlängerung bis zum 15. J ä nn e r 1935 gewährt. Nach diesem Zeitpunkt wird der Gerichtspräsident noch darüber entscheiden, ob und welche weitere Zeugen einvernommen werden sollen. Unter diesen Umständen ist mit der Wiederaufnahme der Verhandlung vor Ende Jänner oder Anfang Februar 1935 nicht zu rechnen. Danksagung Allen, die mich zu meinem siebzigsten Geburtstag beglückwünscht haben, einzelnen, Familien und Körperschaften, spreche ich herzlichsten Dank aus. Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang. Um die zwischen Führer der sich bisher arg befehdenden zionistischen Parteien, Ben Gurion (Zionisten-Sozialisten) und Jabotinsky (Zionisten-Revisionisten), geht eine lebhafte Debatte in der zionistischen Presse. In einer Aussprache mit dem Vertreter der J. T. A. in Paris nimmt Herr Jabotinsky zu den Aeußerungen der zionistischen Presse, der er Entstellung und Uebertreibung zum Vorwurfe macht, Stellung und sagt u. a.: Da die Verhandlungen vertraulich sind, kann ich nur wenig erzählen. „Historisch" betrachtet, wurde bisher dreimal die Tnitiatve zu Verhandlungen ergriffen. Das erstemal ging sie von den palästinensischen Revisionisten aus, die sich nach Stavskys Freispruch an die Palästinensische Arbeiterpartei mit einem Vorschlag" gewandt haben, direkt über Abstellung der Schlägereien zu verhandeln. Die Arbeiterpartei hat darauf eine Antwort nicht erteilt. Später ergriff die Zionistische Exekutive die Initiative. Wir nahmen die Einladung zu Besprechungen an und entsandten unsere Delegierten, die zweimal mit den Vertretern der Exekutive zusammentrafen — ohne daß Aussichten auf Erfolge winkten. Die dritte Initiative war eine rein individuelle: Ruthenberg ergriff sie. In seinem Heim erst begannen jene Besprechungen, die Killiyc Kliiijien sind billig. Sanft, gründich, rassig und preiswert ist natürlich nur zu gewissen konkreten Resultaten geführt haben und vielleicht weitere positive Ergebnisse bringen werden. Er war aber nicht nur der Initiator, sondern auch derjenige, der unablässig eingriff und einen Ausgleich herbeiführte. Die bisherigen konkreten Resultate? Eigentlich gibt es nur ein konkretes Resultat: „Uebereinkommen Nr. 1", betreffend Abstellung von Brachialmethoden wie von unwürdigen Kampfmethoden überhaupt. Das Uebereinkommen wurde im Namen der Zionistischen Organisation und der revisionistischen Union veröffentlicht, die Revisionisten haben es bereits ratifiziert und zum „Gesetz der Union" erklärt. Die nichtrevisionistischen Parteien und Gruppen haben bisher das Abkommen nicht ratifiziert. Ob das alles ist? Nein, in London wurden weitere zwei Uebereinkommen unterzeichnet: „Uebereinkommen Nr. 2" schafft einen gewissen modus vivendi zwischen Franziska Goal Hans Jaray m i t FELIX BREMAKT. OTTO WALLBURG ANTON POINTNER-ETrlAv.nOR.M' HERTHA N ATILER Reqie= Hermann, 3tosberCito& AUi&i&: Nikolaus BrodszJoy EINE JOE PASTERN AK- PRODUKTION DER. UNTVE fc$AL [GARTENBAU '- k'ÄRNTNEk-KINO' BUSCH-KINO»• HAYDNl-vi. HEIMATKINO«■ KOLOSSEUM- Kl NOi> den beiden Gewerkschaften in Palästina. Die „nationale" (revisionistische) Gewerkschaft hat es bereits ratifiziert, die „allgemeine", die alte Histadruth, wird sich mit ihm einige Wochen später in einer speziellen Konferenz befassen. Ob es auch ein „Uebereinkommen Nr. 3";,ibt? Ja, ein provisorisches Abkommen zur Schaffung einer günstigeren Atmosphäre für die Verhandlungen über den Hauptpunkt: Schaffung einer Vereinigten Front in der zionistischen Politik nach außen, sowie einer vereinigten Aufbaufront nach innen. Hier ist es zu einem Ausgleich noch nicht gekommen. Um diesen „Hauptpunkt" eben muß erst verhandelt werden. Was aber den „Hauptpunkt", die Schaffung einer vereinigten zionistischen Front, betrifft, so v.'. das, wafl bis jetzt hierüber in Zeitungen veröffentlicht wurde, nichts als närrisches Gerede. So hat B. eine Lemberger Zeitung gemeldet, daß die Revisionisten die „D i s z i p I i n" der Zionistischen Weltorganisation anerkennen, daß die „nationale" Gewerkschalt sich der linken Histadruth anschließen wird, daß Weizmann Präsident und ein Revisionist, Vizepräsident der Exekutive sein werden usw. usw. Jede dieser Meldungen ist schlimmer als eine Lüge: sie ist eine bare U nm ö g 1 i c h k e i t. Verhandeln wird man nur darüber, qb es möglich ist, zu einem Uebereinkommen zu gelangen, welches den Prinzipien beider, ja aller Beteiligten entspricht. Mit törichten Gerüchten stört man nur die Aktion. Ich bin überzeugt, daß die Arbeiterpartei keinem Uebereinkommen zustimmen wird, das ihre Prinzipien verletzt; ich wiederum kann garantieren, daß die Revisionisten so etwas ebenfalls nicht tun werden. Eine Auffassung von „Disziplin" also, wie sie vom Prager Kongreß formuliert worden war, muß ebenso aufgegeben werden, wie die erwähnten m ü ßl j- Lindenkeller Rotenturmstraße 12 GANSPRUST MIT SCHOLET GANSBIEGL MIT RITSCHERT FLADEN jeden Samstag gen Träumereien auch. Ist auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden, so wird man vielleicht auch hier, auf dem Boden der großen zionistischen Probleme, einen modus vivendi finden. Ich persönlich glaube an eine solche Möglichkeit, und wir Revisionisten werden uns ernstlich um einen modus vivendi bemühen. Ob die Verhandlungen fortgesetzt werden? Ich hoffe, es, muß aber bemerken, daß so lange -es sich um Fragen gehandelt hat, die fast ausschließlich die Union der Zionisten-Revisionisten und die Palästinensische Arbeiterpartei angehen, es das Vernünftigste war, daß die Aussprache zwischen diesen beiden Parteien direkt geführt wird. Jetzt aber, wo man an die größeren Probleme herangeht — hohe Politik, Gefahr des Legislative Council, Petitionsbewegung, nationale Arbitrage usw. usw. —, reicht eine Aussprache zu zweit nicht mehr aus; jetzt müssen alle Parteien zu einer Round-Table-Könferenz zusammenberufen werden. * Zu diesen Ausführungen, welche Vorwürfe gegen die Presse enthalten, muß einiges gesagt werden. Wenn gewisse Bedenken in der zionistischen Oeffentlichkeit laut wurden, so sind sie nicht zuletzt durch Herrn Jabotinsky und seine Vertragspartner erregt worden. Nicht etwa „vertraulich", sondern in ihrem offiziellen Organ „H ajotmst deutsch liest Vorlesung im Wiener Konzerthaussaal Auch bei Ernst . Deutsch, dem man doch von Haus aus die intimsten Beziehungen zur geistigen Welt des Wortes zubilligt, lag die Gefahr vor, daß er sich als Rozitator, als Interpret, des Dichters, am Pult der dem Schauspieler gemäßen Ekstase hingeben werde. Ist doch dieser Künstler gewohnt, mit seiner leiblichen Erscheinung Gestalten und — zuletzt — Stimmungsräume .zu schaffen, in der Magie der Bühne, die auch Alltägliches und Banales zu verzaubern vermag. Das dichterische Material, das Ernst Deutsch wählte, kam seinem sprachlichen Gestaltungswillen nicht in allem entgegen. Er mußte mit dem Stoff ringen, bevor er sich ihm ergab und sich willfährig zeigte für die Transponierung in die Wirklichkeit. Aber nichts, gar nichts wäre Deutsch gelungen, hätte er nicht den Mut, aus dem Sinnlichen ins Metaphysische vorzustoßen, erst dort zu beginnen, wo der Schauspieler mit seinen Mitteln zu Ende ist. Die Gnade, das Wort in der ihm eigenen Gestalt zum Klingen zu bringen und durch es zu sagen, was unsagbar ist, wurde Ernst Deutsch in hohem Maße zuteil; sie befähigte ihn, an Aufgaben heranzutreten, die sich dem Schauspieler, dem Akteur, verschließen. Eine wahre Leidenschaft, ja, Besessenheit, ist notwendig, wenn man die Bilder der Bibel, des jiddischen Dichters Jehuda Leib Perez und des Richard Beer-Hofmann im Klang der Worte nachbilden will. Deutsch schuf sich hier Maß, Tempo, Klanghöhe, kurzum die Melodie jedes einzelnen Werkes, das er las. Die Magie und Dämonie des Wortes, das Ewige, das wir von der Bibel her mitbekommen haben, erhält in seiner Auffassung und Bildung die mitreißende Kraft des Glaubens. Wie las er beispielsweise das erste Kapitel des Hiob-Buches? Er setzte episch, Tatsachen bringend, ein, ließ Gottes Arm niederfahren, die Wucht, an der Hiobs irdisches Sein sich bricht, um schließlich sich zum „Der Herr hat's gegeben . . ." zu bekennen. Deutsch las dieses Stück bei aller Trauer und Weichheit männlich, trotzig, hebräisch. In Perez' wunderbarer Erzählung „Bonze schweig", von zahllosen Rezitatoren zahllos zu Tode geritten, vertraut er die Weichheit und den überirdischen Glanz des Bonze seiner Stimme. Das Gegenständliche und das Jenseitige des Stoffes, in den die entzückendsten Sterne von Humor und Witz eingewebt sind, mutet wie ein unvergängliches jüdisches Erbe an. Deutsch las den Bonze so, als wäre er eben erst entstanden, als hätte Gott noch nicht gewußt, was er mit Bonze anfangen werde. Dabei findet sich in seiner Interpretation nichts, was der Dichter seinem Werk nicht mitgegeben hätte. n Und endlich Beer-Hofmanns „Jaakobs Trau m". Beer- Hofmanns Verse sind in allen Teilen nicht von gleicher Intensität, Gefühlswärme und Bedeutung. Sie sind in allen Teilen „musikalisch", verführen darum auch — insbesondere am Pult, der den Schauspieler in fürchterlicher Einsamkeit läßt — zu Deklamation, zu einem Pathos, wie er da und dort Schillerschen Dramenversen eigen ist. Ernst Deutsch entging dieser Verführung durch die tiefe Ergriffenheit, deren" er selbst ausgesetzt war, als er daranging, dieses „Stück jüdischer, antiker Geschichte" lebendig zu machen. Um dieser Interpretation willen muß man ihm unendlich dankbar sein. Er entdeckte von neuem cjie hohe Schönheit der Dichtung und die hohe Schönheit der Geschichte unserer Väter. Neben diesen Stücken wirkten die Verse Werfet und Rilkes blaß. Was in der Bibel, in Perez, in Beer* Hofmann Gottesbegriff und alttestamentarisches Schauen ist, wirkt hier bei allem Glanz des Reimes und bei aller Fertigkeit im Kompositionellen literarisch. Desto besser. Daß Deutsch Bibel, Perez, Beer-Hofmann aufspürte, bezeugt die Größe seines Programms. Zwei Stunden Versenktsein. Zwei Stunden jüdischer „Wahlverwandtschaft".'Die Menschen ergriffen, fern der Welt des Leidens, stark und mutig gemacht durch die Kraft des jüdischen Wortes. Ernst Deutsch wurde gefeiert, als hätte es vor ihm noch keinen Vorleser am Pu,lt gegeben. o. r.

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