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Die neue Welt · 1934-12-14 · Heft 422 (14.12.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 422 (14.12.1934)
Date
1934-12-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 422 DIE NEUE WELT Seite 3 Landflucht in Palästina £ Aufnahmefähigkeit des Landes. Ich habe in der Presse übertriebene Angaben über das Ausmaß der jüdischen Einwanderung gefunden. Die von der Regierung auf Grund der Einwanderungsziffern der ersten zehn Monate des Jahres 1934 vorgenommene Schätzung der Gesamteinwanderung in diesem Jahre ergibt eine Zahl von 36.000. Was die Frage der illegalen Einwanderung betrifft, so weiß ich, daß die Zahl der Einwanderer, die sich ohne Erlaubnis im Jahre 193? in Palästina aufhielten, sehr groß war. Vor einem Jahre sagte ich, daß ich dies für eine sehr ernste Angelegenheit halte, und ich halte sie noch immer für ernst. Die Regierung hat gewisse Maßnahmen dagegen getroffen, und ich freue mich, sagen zu können, daß wir glauben, die Zahl der illegalen Einwanderer im Jahre 1934 werde um mindestens die Hälfte kleiner sein. Ich bin überzeugt, daß diese Zahl 1935 abermals stark verringert sein wird. Was die Zahl derjenigen betrifft, die unter Umgehung der Grenzkontrolle ins Land kamen, so sind genaue Angaben hierüber nicht möglich. Wie ich jedoch in einem offiziellen Kommunique" bekanntgegeben habe, hat die Regierung weitere scharfe Kontrollmaßna hm e n getroffen, darunter die Bildung eines besondern Polizeikontingents und eines mit Motorbooten ausgestatteten Seeschutzkorps zur Bewachung der Land- und Seegrenze. Durch diese Maßnahmen wurde die Zahl der illegal nach Palästina Kommenden wesentlich verringert, und ich erwarte weitere dauernde Veringerungpjj in der Zukunft. Die Regierung hat in Berücksichtig!«^- der unerlaubten Niederlassung beträchtliche Abzüge v"OJ! den beiden letzten Labour-Schedulen gemacht." . Ein Kapitel zioni§fj§dher Geschichte Präsident Wolffsohn und Minister Andrässy Rechtsanwalt Dr. Nissan Kahan, einer der Führer der ungarischen Zionisten, veröffentlichte zum 20. Todestage des einstigen Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und Nachfolger Herzls auf diesem Posten, David Wolffsohn, das Stenogramm einer Unterredung Wolffsohns mit dem damaligen ungarischen Innenminister Grafen Julius Andrässy am 2. Dezember 1908. Die a n t i s e m i t i s c h e Volkspartei richtete damals heftige Angriffe gegen die ungarischen Zionisten und der Reichstagsabgeordnete Szmrecsänyi hatte für den & Dezember eine Interpellation angemeldet, in der er das Verbot der „unpatriotischen" zionistischen Landesorganisation fordern wollte. In einer Unterredung mit dem damaligen Präsidenten des Zionistenverbandes, Dr. Oesterreicher, erklärte Innenminister Graf Andrässy, er halte das weitere Wirken der Zionisten nicht für wünschenswert, noch weniger wolle er es zulassen, daß das ungarische Judentum ausländische Ziele materiell unterstütze. Daraufhin reiste David Wolffsohn nach Budapest und erlangte noch am Tage seiner Ankunft, am 2. Dezember 1908, durch Vermittlung Armin Vamberys eine Audienz bei Andrässy. Aus der von Dr. Kahan mitgeteilten Unterredung zwischen dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation David Wolffsohn und dem ungarischen Innenminister Grafen Andrässy sei hervorgehoben: Wolffsohn bemerkte einleitend, daß selbst in Rußland die zionistische Arbeit von den Behörden nicht gestört werde — er hatte diesbezüglich mit S t o 1 y p i n und I s w o 1 s k y verhandelt. Es gehe nicht um die einigen taüsend Kronen, die aus Ungarn für zionistische Zwecke ins Ausland fließen, sondern darum, das ungarländische Judentum für die zionistische Idee zu gewinnen. Darauf Andrässy: Eben das wünschen wir nicht! Wolffsohn: Wahrscheinlich deshalb, weil Sie unsere Absichten nicht kennen. Unter zwölf Millionen Juden besitzen höchstens vier Millionen Bürgerrechte; die übrigen sind unterdrückt und zur Auswanderung gezwungen. Wohin sollen sie wandern? Wolff-1 In unserem Blatte ist wiederholt die bedrohliche Erscheinung des immer anwachsenden Zustromes jugendlicher Arbeiter aus den palästinensischen Kolonien in die Städte konstatiert und einer Betrachtung vom Standpunkt des Judenstaats-Zionismus aus unterzogen worden. Wir geben nachfolgend Stimmen aus anderen Lagern wieder. In der palästinensischen Zeitschrift „Mosnajim" schreibt der der Arbeiterpartei angehörende hebräische Schriftsteller S. Zern ach in einem Leitartikel: „Es ist eine Tatsache: wir verlassen den Boden. Nicht einzelne, sondern Massen verlassen ihn und geben so die wichtigste Front preis: das Dorf! Erst gestern sind wir zum Boden zurückgekehrt und haben ihm Treue geschworen. Eben noch stand er im Zentrum unseres Denkens und Lebens, auf das Dorf waren wir stolz, aus den dampfenden Schollen der Erde stieg das schöpferische Pathos auf, die Freude am Werk. Alle Augen blickten auf die armen Dörfer, von dort schöpften wir Hoffnung und Kraft, und plötzlich beginnt diese Linie vor unsern Augen zu verschwimmen, der Kultus-von Jahrzehnten, die Frucht der Erziehung und hartnäckige Hingabe, die Träume unserer Alt e n und unserer Jungen, all dies scheint verflögen zu sein und das Volk beginnt auch wiederum den Götzen nachzubuhlen, die es in der Diaspora verlassen hatte. Die jüdischen Dörfer entleeren sich von ihren Bewohnern und der Ruf der Arbeiterorganisation „Ins Dorf!" vermochte der Anziehungskraft der Stadt keinen Widerstand entgegenzusetzen." „Damit ist unser ganzer Bau in Gefahr, die Erneuerung unserer Kultur, die wir in Palästina erhofft haben, die Zerstörung des Dorfes wirft uns wieder hinter die Ghettomauern zurück. Die großen Städte, die durch die jüdische Masseneinwanderung in Palästina entstehen, sind nicht — wie es Großstädte anderswo sein können — Quellen einer eigenartigen Kultur, sondern erzeugen einen geistigen Provinzialismus, der unfruchtbar und leer ist, und dessen beherrschende Kraft die Langeweile ist. Dieser Provinzialismus bedeutet die Verwischung aller Formkraft. Er will nichts, seine Atmosphäre ist das Nichts, geistige Leere und kulturelle Oberflächlichkeit." „Man sagt uns, daß die Romantik des Dorfes nicht standhalten kann vor der Anziehungskraft der Städte. Aber dies ist eine verlogene Antwort. Seit wann hat Palästina keinen Platz für Romantik? Die Flucht aus dem Dorfe in die Stadt ist auch keine ökonomische Erscheinung, sondern die Wirkung einer gewissen Geistesbeschaffenheit, die unter uns um sich gegriffen hat. Haben nicht noch vor wenigen Jahren tausende Lindenkeller 1, Rotenturmstraße 12 GANSBRUST MIT SCHOLET GANSBIEGL MIT RITSGHERT FLADEN __ jeden Samstag söhn informierte den Minister über die Aufbauarbeit in Palästina, wo — 1908 — bereits 30 jüdische Kolonien mit 8000 Kolonisten bestanden, und wies darauf hin, daß der Zionismus keine religiöse Bewegung sei. Andrässy: Das ist mir bekannt und das ist es, was Ihre Bewegung zu einer nationalen Aktion stempelt. Sie wollen das jüdische Selbstbewußtsein wecken und das wünschen wir nicht!........ Wolffsohn: Können Ew. Exzellenz Staatsbürger gebrauchen, die kein Selbstbewußtsein haben? Andrässy: Die Juden sollen ungarisches Selbstbewußtsein, haben! Wir haben hier Rumänen, Serben, Slowaken und nun sollen wir uns noch eine neue Nationalität schaffen? Wolffsohn: Der selbstbewußte Jude ist ein viel besserer Ungar, als der Jude, der sein Judentum verleugnet. Andrässy: Für das Judentum wäre es vorteilhafter, sich zu assimilieren, Mischehen zu schließen, das Christentum anzunehmen. Wolffsohn: Das Judentum hat seit 3000 Jahren viel schlimmere Zeiten durchgemacht als die heutigen, bisweilen auch bessere erlebt, aber sich nicht assimiliert. Es handelt sich nicht um das ungarische, sondern um das jüdische Problem, dessen Lösung im Interesse eine jeden Landes liegt. Andrässy: Wir kennen hier kein Judenproblem. Wolffsohn: Der Zionismus kann die Gleichberechtigung der ungarischen Juden keineswegs gefährden. Es widerspricht absolut nicht den Interessen Ungarns, wenn für Juden, die aus ihren Heimatländern auswandern müssen, eine staatsrechtlich gesicherte Heimstätte geschaffen wird... Wir Zionisten tun nichts Gesetzwidriges, wir verheimlichen nichts und wollen uns nirgends dem Willen der Regierung entgegenstellen. Wir wollen für das Judentum die allgemeine Achtung wiedererlangen und ich glaube, daß die ungarische Regierung unsere Arbeit nicht hindern wird, wenn sie über unsere Ziele informiert ist. Andrässy: Sie müssen auch unsere Lage berücksichtigen. Die Volkspartei sagt, die Juden wollen sich assimilieren, werden aber hieran durch den Zionismus gehindert, der jüdisches Selbstbewußtsein predigt. Die Zionisten nennen die ausländischen Juden ihre Brüder. Wolffsohn: Wenn Brüder in verschiedenen Städten wohnen, hören sie dann auf, Brüder zu sein? unserer jungen Leute die lockendsten Möglichkeiten eines leichten Geldverdienens in Europa im Stich gelassen, um hier im Schweiße ihres Angesichtes unter Not und Opfern den Emek zu besiedeln?" „Nicht der ökonomische Zustand hat sit-h heute geändert, sondern der geistige Zustand, infolgedessen der junge Mann der Verlockung nicht widerstehen kann, in der Stadt auf leichte Weise während des Tages ein halbes Pfund zu verdienen und es am Abend *nf leichte Weise auszugeben. Die Bekämpfung dieser Erscheinung kann nur an der Wurzel erfolgen. Wir erleben heute die traurige Erscheinung, daß Absolventen des Lehrerseminars, wenn man ihnen eine Arbeitsstelle im Dorfe anweist, lieber auf eino solche Arbelt Verzicht leisten und eine Bürostellung in der Stadt annehmen. Unwillkürlich denkt man an den russischen Lehrer zurück, der mit freudigem Herzen in die entferntesten und verlassensten Dörfer ging, um dort zu wirken. W i r müssen von neuem in den Augen unserer Jugend dem Dorfe seinen Glanz wiedergeben und unsere Jugend zu Wegbahnern in der Wüste erziehen, denn ans der Wüste und nicht aus der Stadt wird dem Volke die Aufgabe erstehen." Der ehemalige Generalstaatsanwalt von Palästina und jetzige Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem Norman Bentwich sprach mit Pressevertretern in Palästina über eine Reihe von Problemen des P alästina-Aufbaues, wobei er insbesondere auf die Gefahren des Zu s t r o m s in die Städte und der Vernachlässigung der landwirtschaftlichen Siedlung hinwies: „Die palästinensische Wirtschaft nimmt auf Kosten des Acker- und Pflanzungsbaus zu sehr städtischen Charakter an. Gerade die t ü c h t i gs t e n und jüngsten Arbeitskräfte verlassen das Dorf, um in den Städten lohnendere Beschäftigung zu suchen. In Jahrzehnten schwerer Arbeit ist die palästinensische Landwirtschaft zu einer gesunden und t r a g f ä h ig e n Basis des Jischuw ausgebaut worden, und diese Errungenschaft droht jetzt verlorenzugehen. Die Rückkehr zur Bearbeitung des Bodens ist seit jeher eines der stärksten Ideale des Zonismus gewesen. Zu verdammen ist das Verhalten einzelner unsozialer Elemente, die das persönliche Interesse über die Not w e ndigkeiten der Gemeinschaft stellen und die nationale Siedlungsarbeit durch Spekulation mit Grund und Boden stören." * Zemach — der Mann der Arbeiterpartei — und Bentwich —von der-Gruppe „Brit Schalom", die gegen den Judenstaat und für ein binationales, arabisch-jüdisches Palästina arbeitet —■ schildern den Zustand richtig, aber sie gehen fehl in der Wahl des Mittels, welches die jüdische Jugend, die jüdische Arbeiterschaft wieder aufs Land bringen könnte. Im Namen eines „Kulturideals" und durch Anrufung „sozialer Instinkte" glauben sie einer schädlichen Bewegung Herr werden zu können, die heute mit leider so hinreißender Kraft die wertvollsten Elemente des jungen, jüdischen Palästina erfaßt; Sie rufen nach dem geschwundenen zionistischen Idealismus, ohne davon zu sprechen, wie es dazu gekommen, daß die Quelle des zionistischen Idealismus verschüttet Andrässy: Wenn man sie nicht ständigdaran erinnert, vergessen sie es. Wolffsohn: Der arme Bruder wird nie seines reichen Bruders vergessen, und wenn es in Ungarn reiche Juden gibt, werden die ausländischen armen Juden an sie denken. Andrässy versprach, so lange keine Verfügungen zu treffen, bis er das Expos6 Wolffsohns über das gesamte Problem des Zionismus erhalten habe. Als Tags darauf Szmrecsänyi seine Interpellation einbrachte, enthielt sich Graf Andrässy unter der Einwirkung der Worte Wolffsohns jeglicher Stellungnahme, nach seinem Beispiel nahm-die große Mehrheit des Abgeordnetenhauses die Angriffe auf den Zionismus kühl auf. Wolffsohn schickte je ein Exemplar seines Expose^ dem Grafen Andrässy, dem damaligen Kultusminister. Grafen Albert Apponyi und dem Zionistenfreund Grafen Theodor Batthyänyi. Am 17. Dezember besuchte Wolffsohn auf der Durchreise in Gesellschaft Batthyänyis den Kultusminister Grafen Apponyi, der ihn herzlich aufnahm. Kurze Zeit danach schrieb Graf Batthyänyi an den Präsidenten der Zionistenverbandes, Dr. Oesterreicher, daß die Persönlichkeit und das Expose Wolffsohns den denkbar besten Eindruck auf Andrässy und Apponyi gemacht hätten und daß demnach die ungehemmte Tätigkeit der ungarischen zionistischen Organisation gesichert sei. * Anmerkung der Red. Zu diesen so interessanten Ausführungen ist folgendes hinzuzufügen: So hat Wolffsohn den antisemitischen Angriff auf den Zionismus abgeschlagen. Die'zionistische Tätigkeit wurda nicht verboten, aber nicht ganz abgeschlagen wurden die ebenso giftigen Angriffe der antizionistischen Juden liberaler und orthodoxer Richtung, welche nicht müde wurden, der Regierung und der Oeffentlichkeit den Zionis- 1 muß als Landesverrat oder doch als Beweis für den Mangel an ungarischen Patriotismus zu denunzieren. Es gelang diesen Angebern wohl nicht, ein Verbot gegen die zionistische Arbeit zu erwirken, aber sie setzton doch durch, daß das Gesuch der Zionisten um Bestätigung ihrer Organisation jahrzehntelang unerledigt blieb. Die zionistische Arbeit und Organisation wurden schweigend geduldet aber nicht legalisiert, so daß die Behörde jederzeit freie Hand hatte, die zionistische Tätigkeit kurzerhand zu verbieten und als illegal zu bastrafen. Ein Zustand, der bis in die „jünaste Zeit andauert*« Die vorzüglichen, großen Luxusschiffe ,GERUSALEMME' UND ,PILSNA' der direkten Eillinie TUEST - JAFFA des LLOYD TRIESTINO (Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr) führen nur eine erste und eine Touristenklasse Auch In der Touristenklasse höchster Komfort (zwei- und mehrbettige Kabinen) und täglich vier sehr gute Mahlzeiten Auskünfte: UoydTriestino,Wienl,Kämtnerring6,Tel.U-47«5-60

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