Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 421 (11.12.1934)
- Date
- 1934-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 421 DIE NEUE WELT Seite 3 Was der Vatikan bedauerlich findet Die ungeheure Judennot, deren äußere Symptome allen Sehenwollenden deutlich vor die Augen treten, beschleunigt zweifellos den Aufbau P äs t i n a s. Menschen kommen ins Land, schaffen für sich eine Heimstätte und für die Welt ein Kulturwerk. England als Mandatarmacht, den zionistischen Aspirationen gewiß nicht sehr willfährig, hat sich gezwungen gesehen, die Zahl der Einwandfrungszertifikatc ein wenig zu erhöhen — allerdings noch lange nicht im Verhältnis zu den tatsächlichen Notwendigkeiten. Und die in Genf versammelten Staatsmänner haben oft genug Im Rahmen der Völkerbundtagungen den jüdischen Leistungen in Palästina A nerkennung und eine starke Einwanderung als jüdische Lebensnotwendigkeit bezeichnet. Alle Ländef? vom hltteristlschen Deutschland bis zur loyalgerechten südafrikanischen Republik seilen in der Abwanderung der Juden und Ihrer Verwurzelung auf dem ihnen rechtlich gehörenden Boden Palästinas eine zwangsläufig sich ergebende historische Entwicklung. Bisher gab es nur einen einzigen Gegner dieses Prozesses: die vom mohammedanischen Großmufti geführte und zu Pogromen gehetzte chauvinistische Efendigruppe und die ihr hörigen Fellachen. Nun hat sich zu diesen Gegnern der jüdischen Einwanderung ein neuer Faktor gesellt: der Vatikan. Das vatikanische Blatt „Osservatore Romano" findet nämlich die starke Zunahme der jüdischen Einwanderung nach Palästina bedauerlich. Diesen Standpunkt motiviert das Blatt damit, daß die Erhöhung des Kontingents der Einwanderer „nicht im' Einklang mit dem Grundsatz der Achtung vor den Rechten der einheimischen Bevölkerung" stehe. Es geht noch weiter, wenn es der Meinung Ausdruck gibt, daß eine Aenderung im Zahlenverhältnis von Juden und Arabern „eigentlich nicht erfolgen dürfte". Auf Grund welchen Prinzips, das gibt das Organ des Vatikans nicht an. Seit Jahrhunderten schon spielt in der Politik des Vatikans Palästina als das Land, das die „Heiligen Stätten" beherbergt, eine große Rolle. Die Obsorge für diese Stätten erforderte keinerlei komplizierte Maßnahmen; denn der Respekt vor dem heiligen Boden Jerusalems, dem drei große Religionen entsprossen, stellte schon an sich einen genügenden Schutz dar. Wenn also jetzt der Vatikan zur jüdischen Einwanderung in Palästina und zur Errichtung des jüdischen Nationalheims eine unfreundliche Haltung einnimmt, so geht diese Politik weit über den Rahmen rein religiöser Interessen hinaus. Würde die katholische Kirche um die Sicherheit der ihr heiligen Werte in Jerusalem besorgt sein, um eine Sicherheit religiöser Dinge, dann müßte sie sich logischerweise gegen die mohammedanischen Araber wenden, die oft genug schon — durch Demonstrationen und Exzesse vor der Klagemauer — den religiösen Frieden gestört haben. Da aber der Vatikan die „Achtung vor den Rechten der einheimischen Bevölkerung" verlangt, womit die Araber gemeint werden, so greift er in ein rein politisches Gebiet ein, das die Mandatarmacht England und die Zionistische Weltorganisation legitim verwalten. Ob durch ein weitere jüdische Einwanderung das Einwohnerverhältnis sich verändert oder verändern darf, kann doch nur und ausschließlich Sache weltlicher Ideen und Tendenzen sein. Wenn die Vatikan sein Herz für die arabischen Friedensstörer und Massakerhelden sprechen läßt, dann stützt er bedauerlicherweise jene, die eine Konsolidierung der Verhältnisse im vorderen Orient gewaltsam störe Die Auswirkungen der Levanie^Mes§e in TefcAwiw Sie öffnet den* Orientmarkt Die Messeleitung in Tel-Awiw übermittelt uns einen abschließenden Bericht über die Messe 1934, dem wir entnehmen: Dem europäischen Industrie-Export sind eine Reihe wichtigster Absatzmärkte durch Einfuhrbeschränkungen, Kompensationsverträge, DeviservorSchriften bis auf ein Minimum entzogen wordt- oder gänzlich verlorengegangen. Eine der wenigen Ausnahmen bildet der Orientmarkt. Hier bewegt sich, unbekümmert um das schlechte Vorbild Europas, die' Handelspolitiknach wie vor in den alten liberalen Bahnen — Aegypten, ■ Palästina, Syrien, Zypern, Irak haben bis zur Gegenwart weder Kompensationsverträge noch Devisenbeschränkungen eingeführt. ■ In großem Maßstabe haben die europäischen Exporteure den Orientmarkt im Anschlüsse an die Tel- Awlwer Levantemessen zu bearbeiten begonnen. Der Ausgangspunkt ist günstig gewählt. Palästina ist seit den letzten'' Jahren der anerkannte Pionier der Einführung europäischer Produktion^- und Konsumtionsmethoden inr Orient. Von 7,8 Millionen Pfund im Jahre 1932 ist der palästinensische Import auf 11,1 in 1933 gestiegen und wird voraussichtlich. 1934 mindestens 14 Millionen erreichen. Die Bevölkerung wächst unaufhörlich an — soeben haben. Jerusalem und Tel-Awiw die 100.000- Grenze überschritten — und erhöht unausgesetzt ihren „Standard qf life". Was in Palästina geschieht, wiederholt sich auch mehr oder minder im Wirtschaftsleben der Nachbarstaaten. Soeben hat die Tel-Awiwer Messeleitung ihren Rechenschaftsbericht über die diesjährige Messe abgeschlossen. Die gesamte Auastellerzahl ist von 330 C*929) auf 1226 (1932) und 2861 (1934) gestiegen, die Zahl der palästinensischen Aussteller von 209 auf 405 und 644, die Zahl der Auslandsaussteller von 121 auf 821 und 2217, gegenüber 13 Ländern Von 1929 und 23 von 1032 waren in diesem Jahre 3 2fremde Staaten vertreten; Permanente nationale Pavillons haben bereits fünf Staaten errichtet, darunter Großbritannien (509 Finnen), Polen (227 Firmen), Tschechoslowakei (199 Firmen). Das ist symptomatisch für die Zuversicht, die man der Entwicklung des Tel-Awiwer Messegeschäfts entgegenbringt. Unter den 2217' fremden Firmen waren die weitaus stärkste Gruppe die Aussteller von Maschinen, Motoren, Apparaten und Elektrotechnik, insgesamt 323- Firmen. Dann 316 Aussteller von Eisenwaren, Haus- und Küchengeräten, 225 TextiJ- und Bekleidungs-Aussteller, 221 von chemischen, pharmazeutischen und kosmetischen Produkten, 199 von Nahrungs- und Genußmitteln, 170 von Papierwaren, Bürobedarf usw., 108 von Juwelierwaren, Kunstgewerbe und lAixuswaren, 69 von landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten, 66 von Automobilen und Motorrädern, 62 Aussteller von Holz und Holzwaren, 47 von Baubedarf. Rund 6 0 0.0 0 0 Personen haben die Messe 1934 besucht, gegenüber 285.000 im Jahre 1932 und 120.000 im Jahre 1929. Neben Aegypten und Syrien, deren Kaufmannschaft seit Beginn zum Kundenstamm der Messe zählt, waren diesmal nicht nur der Irak, die Türkei und Zypern, sondern auch bereits Persien, Aden und Britisch- Indien durch Einkäufer vertreten. Unter den 644 p a- Jästlnensisehen Aussteilem befanden sich nicht weniger als 17 7 K o mmissionäre und Agenten ausländischer Fabriken. Zahlreiche Auslandsaussteller haben den Kontrakt über ihren Messestand bereits für 1936 noch während der Messe selbst erneuert. Viele andere haben sich seitdem in den letzten Monaten dazu entschlossen, da die günstigen Auswlrk,ungen ihrer Messebeteiligung immer deutlicher geworden sind. Der überaus starke Besuch aer Messeseitens Kaufleuten aus Alexandrien, B e i r ut, Smyrna, Haifa, Bagdad, usw. hat dahingeführt, daß mancher europäische Fabrikant ganz unvermutet Aufträge aus Weltgegenden erhält, von deren Kundschaft er sich früher nichts träumen ließ. Die führende englische Orientzeitschrift „Near East & India", hat recht behalten, als sie unmittelbar nach Messeschluß schrieb, daß sich den Messeausstellern völlig neue Ausichten für ihr künftiges Geschäft eröffnet hätten. Dr. J. Adler, Tel-Awiw. Die Palästinensische Seidenae Tel-Awiw. (Palnews.) Die im Jahre 1924 vom Wiener Fabrikanten Max Delfiner gegründete Seidenfabrik hat nach zweimaliger Schließung im Laufe der Jahre den Betrieb im August 1932 wieder eröffnet. Am 1. Juli 1933 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren Aktionäre die Herren Delfiner und Johanoff sind. Die Fabrik ist jetzt verpachtet. In die Fabrik sind 30.000 Pfund investiert. Sie wurde nach der Wiedereröffnung mit neuen Anlagen ausgestattet, u. a. einer Wasserklärungsanlage,. neuen, im Lande hergestellten Färbereimaschinen. Die Maschinen sind auf elektrische Heizung umgearbeitet. Die Fabrik ist jetzt voll beschäftigt. Die Produktion hat sich gegenüber den letzten Jahren vervielfacht. Es werden Kunstseidenstoffe und schwere Seidenstoffe modernster Ausführung hergestellt, während früher nur einfache Artikel produziert wurden. Die Gewebe werden gefärbt und appretiert. Das Rohmaterial für die Seiden- und Kunstseidengewebe wird vor allem aus Belgien und Frankreich bezogen, Farbstoffe aus der Schweiz. Der Facharbeitermangel macht sich sehr geltend. Die Einfuhr von Seidengeweben nach Palästina ist außerordentlich hoch. Infolge der niedrigen Seidenzölle kann sich der internationale Schleuderexport auf dem palästinensischen Markt sehr stark konzentrieren. Die Erhöhung der Seidenzölle, die in den angrenzenden Ländern (Syrien und Aegypten) doppelt und vielfach so hoch sind, ist zum Schutze des palästinensischen Marktes vor der Ueberflutung mit ausländischer Schleuderware unumgänglich. Die im Laufe des Sommers erfolgte Aenderung des Zolltarifs hat für die palästinensische Industrie nur teilweise und unzureichende Erleichterungen gebracht. Die im Verhältnis zu den benachbarten Ländern außerordentlich niedrigen ßeidenzöllo haben einen blühenden Grenzschmuggel nach Syrien und Aegypten zur Folge. Dem Exportgeschäft hat sich das Unternehmen vorerst noch nicht zugewendet, obwohl sich anläßlich der Messe ausländisches Interesse zeigte. Der innere Markt, der sich infolge der Einwanderung und auch aus sich selbst heraus ständig erweitert, ist noch bei weitem nicht ausgeschöpft und bietet ein weites Feld dar. Der Geschmack des Publikums hat sich im Laufe des letzten Jahres gewaltig verändert und stellt größte Ansprüche an die Artikelauswahl, die vervielfacht werden mußte, und sich modisch von Saison zu Saison auf der Die vorzüglichen, großen Luxusschiffe »GERUSALEMME* UND ,Plt,SN A' der direkten Eillinie TRIEST - JAFFA des LLOYD TRIESTINO (Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr) führen nur eine erste und eine Touristenklasse Auch in der Touristenklasse höchster Komfort (zwei- und mehrbettige Kabinen) und täglich vier sehr gute Mahlzeiten Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien!,Kärntncrring6,Tcl.U-i»7'5«60 Höhe halten muß. Der Geschäftsgang des stark übersetzten Textilhandels hat in letzter - Zeit nachgelassen, die Kaufleute müssen zwangsweise große Bestände bezahlter Importware billigst absetzen. Gegen billige japanische Seiden macht sich neuerdings eine gewisse Abneigung geltend, während der Markt im übrigen aber mit Schleuderware aus allen möglichen Ländern noch überschwemmt ist, obwohl inländische Ware der ausländischen Konkurrenzware gegenüber absolut gleichwertig und in den meisten Artikeln trotz der relativ hohen Löhne nur wenig teurer ist. Deutsche amtliche Mitteilung über jüdische Palästiua- Wanderung Aus Berlin (J. T. A.): Der offiziöse Nationalsozialistische Deutsche Zeitungsdienst teilt mit: Für die Einwanderung riach Palästina liegen jetzt für die ersten neun Monate dieses Jahres die Zahlen vor. Die Zahl der aus Deutschland eingewanderten Juden betrug in diesen neun Monaten 4935. Im Jahre 1933 sind insgesamt 5329 deutsche Juden nach Palästina eingewandert, so daß die Gesamtzahl der Juden, die bisher seit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus Deutschland mit dem Ziel Palästina verlassen haben, mehr als 10.000 beträgt. Die Einwanderung deutscher Juden nach Palästina ist in den letzten Monaten zurückgegangen. Während sie noch im Juli 729 betrug, werden für August nur noch 513 und für September 461 Einwanderungen gemeldet. (Der NDZ. gibt mit der Ziffer 10.090 lediglich die Zahl derjenigen deutschen Juden an, die Deutschland mit dem Ziel Palästina verlassen haben. Die Zahl derjenigen deutschen Juden, die sich zuerst in ein Deutschland benachbartes Land begaben und dann erst nacb Palästina auswanderten, sowie die Zahl der jüdischen Ausländer, die aus Deutschland nach Palästina auswanderten, sind hier nicht berücksichtigt. Im allgemeinen wird die Zahl der seit dem Machtantritt Hitlers aus Deutschland nach Palästina ausgewanderten Juden mit rund 1 8.0 0 0 angegeben.) Ein Rothschild -Museum in Rischoii ie Zjton Aus Jerusalem. (J. T. A.) Die Kolonisten von Rischon le Zion haben die Errichtung eines Rothschild-Museums in dieser Kolonie zur Erinnerung an die Leistungen des verstorbenen Barons Edmond de Rothschild für die Palästina-Kolonisation beschlossen. Für den Anfang stellen sie zur Verwirklichung dieses Planes einen Betrag von 1000 Pfund zur Verfügung. In dem Museum sollen alle Dokumente und Gegenstände ausgestellt werden, die auf die Palästina-Arbeit des Barons Bezug haben. Der Kolonierat richtet an die Juden aller Länder den Appell, sich an dieser Aktion zu beteiligen. Herzls „Neues Ghetto" in Palästina Aus Tel-Awiw wird uns geschrieben: Der Schriftsteller und Dramaturg Albert Brenner arbeitet an einem Theaterunternehmen, durch das verschiedene parallel laufende Theaterbestrebungen in eine gemeinsame Finanzierungs- und Verwaltungshand gebracht werden sollen. Jeden Monat soll ein neues Stück herausgebracht worden. Für die Eröffnung ist Theodor Herzls „Neues Ghetto" vorgesehen. Regie Friedrich Lobe, Bühnenbild Leopold Krakauer. Die Juden Griechenlands gegen Zivilehe und Mischehen Aus Saloniki: Im Hinblick auf die in Griechenland geplante Einführung der Zivilehe hat der Justiz minister den Oberrabbiner von Saloniki, Dr. Zwi K o r e t z, aufgefordert, den Standpunkt der Juden in dieser Frage darzulegen. Oberrabbiner Korstz hat das verlangte Gutachten erstattet und folgende Forderungen erhoben: 1. Daß jener Teil des Gesetzes, in dem die religiöse Trauung von Angehörigen der orthodoxen Kirche für obligatorisch erklärt Aird, auch auf Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft augewendet werde; 2. daß die Rechte des fiabbinats in bezug auf Eheschließungen und Scheidungen bei Juden aufrechterhalten werden; 3. daß Juden, die eine Ehe, mit einem nicht jüdischen Partner schließen wollen, vorher aus der jüdischen Religionsgemeinschaft austreten müssen. Es wird Juden nur dann möglich sein, eine Zivilehe mit einem n i c h t j ü d i s c h e n Partner zu schließen, wenn sie dem Standesamt eine Bestätigung ihres Austritts aus der jüdischen Religionsgemeinschaft vorlegen. Jüdisch-kultureller Elternbund. Dienstag, den 11. Dezember, 8 Uhr abends, im Heime, HL, Landstraßer Hauptsraße 0, Vortrag Dr. Isidor Klaber, über „Not des jüdischen Kindes" und Dr. Emil Lehmann über „Das jüdische Kind in unserer Zeit". Gäste willkommeal