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Die neue Welt · 1934-12-11 · Heft 421 (11.12.1934) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 421 (11.12.1934)
Date
1934-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NETTE WELT Nr. 121 Verfehlte Kritik Wien, 10. Dezember. In einer Aufsatzreihe ..Wovon sollen die Juden leben'."" haben wir die Lage geschildert, in der sich die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs, teils infolge ihrer unnatürlichen Berufsschichtung-, teils infolge gewisser behördlicher Maßnahmen befinden. Unsere Auffassung ging dahin, daß die sogenannte „Zeitströmung" auf große Teile der jüdischen Bevölkerung verheerend wirke und es daher erforderlich sei, auf diesen traurigen und unnötigen Zustand aufmerksam zu machen. Unser Stellungnahme war klar und eindeutig. Wir übertrieben nicht und wir beschönigten nicht. Aber wir machten auf die Gefahren aufmerksam, die eine Pauperisierungspolitik mit sich bringen würde. Die Wirkung unserer Darlegungen blieb nicht auf die Betroffenen beschränkt. Weite Bevölkerungskreise begannen — dies bezeugen zahlreiche Zuschriften und Besuche in unserer Redaktion — sich über den in Szene gesetzten ökonomischen Prozeß Gedanken zu machen, und auch die Presse konnte über den Tatsachenbestand nicht zur Tagesordnung übergehen. Zu dieser Presse gehört auch das „W iene r Montagblat t", das Wochenblatt der gewesenen christlichsozialen, aber auch antisemitischen Partei. Wir hatten öfters schon Gelegenheit, festzustellen, daß dieses, heute für sich die vaterländischen Belange in Anspruch nehmende Blatt jeden Montag dazu benützt, ein paar antisemitische Spritzer bösester Art von sich zu geben, als wollte es den Antisemiten verschiedenster Couleur zurufen: In meinem Lager ist Oesterreich! In seiner Ausgabe vom 3. Dezember versucht das Blatt, unsere Aufsätze „Wovon sollen die Juden leben?" einer Kritik zu unterziehen. Das Blatt bestreitet, daß die neue Gewerbeordnung den Wirkungskreis der jüdischen Handels- und Gewerbetreibenden einenge, und geht so weit, zu behaupten, daß die Verfassung in der Praxis die Juden gegenüber der .bodenständigen Bevölkerung" fast bevorzuge. LTeber diese lächerliche Konstruktion ist kein Wort zu verlieren. Aber das „Wiener Montagblatt" geht noch weiter, wenn es behauptet, daß beispielsweise die „bewußt gefälschten Darstellungen von der jüdischen Presse des Auslandes ausgeschrotet und gegen Oesterreich ins Treffen geführt werden". Selbstverständlich ist auch diese Konstruktion irrig. Denn das „Wiener Montagblatt' weiß, daß unsere Auffassung völlig berechtigt ist und daß die ausländische Presse sich nicht erst auf dem Umweg über unser Blatt Einblick über die wahren Verhältnisse machen muß. Den Gipfel des Zynismus erreicht das Blatt, wenn es unserer Frage „Wovon sollen die Juder. leben?" folgendes entgegenstellt: „Also — wovon sollen die Juden leben? Wir glauben aber, in einem Lande wie Oesterreich, wo die Juden einen so verschwindend geringen Bruchteil der Bevölkerung darstellen, läge viel näher die weit berechtigtere Frage: Wovon sollen in erster Linie die Christen leben? Solange ihnen nämlich auf fast allen Gebieten, und besonders im Geschäftsleben, von den Juden in solch überdimensioniertem Maße hemmungslose Konkurrenz gemacht wird?" Wir kennen die Klagen über die jüdische Konkurrenz. Sie sind ein halbes Jahrhundert alt. Sie stammen aus den 70er Jahren und wurden von den Lueger-Kreisen, denen auch das „Wiener Montagblatt" angehört, übernommen und weitergetragen. Aber hier wird die Moral vertreten, die österreichische Judenschaft ganz einfach vogelfrei zu erklären, da sie ja — in Wien leben nicht weniger als 12 Prozent Juden! — einen verschwindend geringen Bruchteil der Bevölkerung darstelle. Das „Wiener Montagblatt' verschließt sich bewußt der Wahrheit: Wenn die Juden in ihrer Handels- und Gewerbetätigkeit eingeschränkt werden und ihr Brot verlieren, gibt es für sie keinerlei Möglichkeit, sich anderswo einzugliedern. Insbesondere für die jüdische Jugend liegt kein anderes Betätigungsfeld offen. Denn die Stellen in öffentlichen, staatlichen und städtischen Aemtern, die Stellen in Lehrstätten, Kliniken und in der Administration sind ausschließlich Nicht juden vorbehalten. Dieses Berufsreservoir verschließt sich automatisch dem jüdischen Bewerber. Die „österreichische" Presse läßt keine Gelegenheit aus, zu betonen, daß das neue Oesterreich hundertprozentig deutschchristlich ist. Erst vor kurzem z. B. wurde mit Genugtuung verkündet, daß die Wiener Lehrerschaft nunmehr ausschließlich christlich, also judenrein sei. Die Wahrheit liegt also nicht auf Seiten jener, welche behaupten, daß unsere Darstellung der wirklichen Lage die Meinung über Oesterreich im Ausland verschlechtere. Wir bedürfen keines Kollegs über Patriotismus und keines Kommentars zum tatsächlichen Sachverhalt. Seit jeher haben wir die wohlverstandenen Interessen Oesterreichs vor Angriffen geschützt, aber wir haben eie eben nicht in einer Diskriminierung des jüdischen Bevölkerungsteils gesehen, wir haben vielmehr erkannt, daß gerade die Harmonisierung der deutschchriatlichen und jüdischen Bevölkerungsteile der natürliche Zustand für Oesterreich sei, nicht aber die Ausschaltung der Juden aus dem Erwerbsleben — die Ausschaltung, die schließlich den 'Huden brotlos macht, auf die Gasse treibt. Das Ausland hat Augen. Wir brauchen ihm nicht erst unsere Wunden zu zeigen. Das „Wiener Montagblatt" hat durch den Angriff gegen uns nichts für Oesterreich getan, dorn mit antisemitischem Uebereifer in der Presse nicht gedient ist. o. r. RUNDSCHAU Um den inner* zionistischen Frieden Der bereits unterzeichnete „F r i e d c n |,p a k t" und die noch zu ratifizierenden Abmachungen zwischen den :Führern der sich bisher aufs äußerste bekämpfenden Parteien — Ben Gurion (Zionisten-Sozialisten) und Jabotin sky (Zionisten-Revisionisten) — bilden den Gegenstand eingehender Betrachtungen der zionistischen Presse. Da die beiden Führer scheinbar ohne vorher eingeholte präzise Beschlüsse ihrer Organisationen gehandelt haben, wird die Frage aufgeworfen, ob und inwieweit sie mit der Gefolgschaft ihrer Leute zu rechnen haben. Auf revisionistischer Seite scheint im allgemeinen Geneigtheit zu bestehen, der ausgegebenen Parole zu folgen. Auf der linken Seite machen sich starke Widerstände bemerkbar. Insbesondere die zionistisch-sozialistische Jugend, vor allem ihre stärkste Organisation, „Haschomer Hazair", lohnt den Friedenspakt scharf ab und klagt die „Mapai" (politische Organisation der Arbeiterpartei» des Verrates an der zionistischen Arbeiterschaft an. Nachdem die Zentrale in Palästina einen in diesem Sinne gehaltenen Aufruf erlassen hat, melden sich Landesorganisationen zum Wort. Die letzte Nummer der Berliner offiziellen Publikationen des deutschen „Haschomer Hazair" enthält einen Artikel „Weg mit dem Alpdruck des Revisinismus", welcher über den genug scharfen Aufruf der Zentrale weit hinausgeht. Die Ermordung des Arbeiterführers Arlosoroff wird in den Vordergrund gestellt und es heißt: „Alle reaktionären Kreise wurden mobilisiert, um Arlosoroffs Mörder zu retten. Diese Mörder, die frei herumlaufen, wurden zu Märtyrern erhoben... die Dunkelmänner der Reaktion im Lande haben heute und in dieser Situation keinen Terror und keinen politischen Mörder mehr nötig. Der Mordprozeß hat seine Aufgabe besser erfüllt als der Mord selbst... die Revisionisten sind bereit, für eine kurze Zeit ihre Klauen einzuziehen, um sie gelegentlich wieder hervorzustrecken. In einem Satze: Die Reaktion glaubt, daß der Boden für einen .Hausfrieden' genügend vorbereitet sei, daß es möglich sei, ohne Attentat, ohne Terror, ohne politische Morde oder wenigstens ohne Vergiftung der Atmosphäre um diese Mordaffäre zu demselben Ziele zu gelangen, zu dessen Erreichung der Mord ausgeführt wurde: Verdrängung der jüdischenArbeiterbewegung und der Histadruth von der polischen Bühn e." ..... der Arlosorff-Mord hat die ganze Arbeiterschaft auf die Beine gebracht. Mit der Verkündung des Freispruches verkündete die „Mapai" einen Aufruf, dem fast nichts von uns hinzuzufügen ist... Sie lehnt den vorgeschlagenen Frieden ab, weil zwischen uns und denen, die diesen Lügenfrieden anbieten, das offene Grab des ermordeten Führers klafft. Aber die Mapai lehnt das unsaubere Friedensangebot ab, um es selbst auf Umwegen vorzuschlagen. Sie ging den Weg der Verzichte ... Wird morgen die „Mapai" auch auf die eigenen Instrumente ihrer selbständigen Tätigkeit verzichten... vielleicht wird das dampfende Blut Chaim Arlosoroffs doch eine drohende Warnung für die Arbeiterschaft sein und uns vor jeder Friedensabmachung mit jenen Mächten bewahren? Wenn es so etwas wie eine Blutsühne gibt, so ist es der Ruf: Keinen Frieden mit den offenen und versteckten Bundesgenossen der Mörder.. hartnäckigen Kampf gegen die Mörderpartei bis zu ihrem Ausschluß aus dem Rahmen der organisierten zionistischen Bewegung... öffentlichen Kampf bis zur Vernichtung des Revisionismus ... Organisierung einer neuen Kampffront gegen den Revisionismus bis zu dessen völliger Vernichtung..." * Das ist eine Sprache, wie sie wohl wilder auch nicht in den Tagen des Mordprozesses und des wüsten Kampfes um den Prager Zionistenkongreß geführt wurde. Und das n ach dem Friedensabkommen! Es ist auch nicht zu übersehen, daß dies die Sprache junger Zionisten in Hitler- Deutschland ist! Die unsäglichen Leiden, die über diese Jugend hereingebrochen sind, haben ihre Haßstimmung gegenüber Volks- und Gesinnungsgenossen nicht zu mildern vermocht. Daraus ist erst zu erkennen, wie tief eine falsche, vom nationalen Einheitsgedanken Theodor Herzls nach links und rechts abirrende zionistische Erziehung Wurzeln in jungen jüdischen Herzen geschlagen hat. Von diesem Standpunkt aus besehen, muß es zweifelhaft erscheinen, ob es genügt, daß zwei Führer am grünen Tische Pakte fertigen, um der zionistischen Bewegung wieder die ideelle Einheit zu geben, die sie in den Zeiten nach Herzl verloren hat. Damit schafft man bestenfalls Gefechtspausen, denen ein noch erbitterterer Kampf folgt. Völlige Ausschaltung von außen hineingetragener Ideen, völlige Umstellung des Zionismus auf seine alte. Grundlage des Herzischen Judenstaates ist notwendig. Ohne sie ist wirklicher Frieden im Zionismus nicht möglich. Poale zionistische Stinkbombe in Warschau Der im Mordprozeß Arlosoroff zuerst vom. Jerusajemer Gericht zum Tode verurteilte und dann vom Obersten palästinensischen Gericht freigesprochene Abraham Stawski, der polnischer Staatsangehöriger ist, weilt gegenwärtig in Warschau, wo ihm seitens der polnischen Zionisten-Revisionisten und auch im Hause der Warschauer Jüdischen Gemeinde ein warmer Empfang zuteil wurde. Am 6. Dezember abends wohnte Stawski einer Vorstellung im jüdischen Theater „Novoa t i" bei. Während der Vorstellung schleuderte ein Mann eine Stinkbombe in den Saal. Als Urheber des Anschlag«! wurde ein Mitglied der linken Partei Poale Zion verhaftet, das bei der polizeilichen Vernehmung erklärte, sein Anschlag war ein Protest gfgen die Anwesenheit Stawskis. •Die linken Poale Zion stehen außerhalb der innerzionistischen Befriedungsaktion, die bisher in den persönlichen Besprechungen zwischen Jabotinsky und Ben Gurion; kulminierte. (J. T .A.) Wie ernst ♦♦ ♦ Betrachtung Uber Prag Wie unsere Leser wissen, kam es gelegentlich dei» Uebergabc gewisser Insignien der Prager deutschen Universität an die Tschechen zu Demonstrationen. Es waren, deutsche Studenten, die gegen die tschechische Staatsgewalt demonstrierten — ein Akt, der von jedem Tschechen als Provokation empfunden wurde. Da nun aber der Antisemitismus nach Gelegenheiten lechzt, sich zu „entladen",, wendeten sich die tschechischen. Gegendemonstranten nicht mehr gegen die Deutschen, sondern gegen die Juden. Sie hatten gleich ihre beliebten Motive zur Hand. Flugs ging es gegen die von Juden besuchten Kaffeehäuser, gegen das „Befreite Theater" und gegen den Rundfunk. Der Publizist Dr. Hubert R i p k a sagte anläßlich eines Debattenabends Uber den Prager Universitätsstreit u. a.: Zum erstenmal hat man in den Prager Gassen Nachahmer Hitlers gesehen. Die Demokratie muß diesen Tendenzen mit allen Kräften entgegenwirken. Ein zweiter Redner, Prof. Kozak, erklärte, die Tschechen sollten nicht vergessen, daß sie nur mit Hilfe des Geistes gegen die Gewalt gesiegt hätten. In beiden Fällen wie überhaupt am Debattenabend richtete sich ein Teil der Kritik gegen die „Nationa 1d e m o k r a t e n, die den Hitlerismus in die tschechoslowakische Republik verpflanzen wollen". Mit dem Judentum hatte der deutsch-tschechische Universitätsstreit selbstverständlich nichs zu tun. Aber das Paradoxon, daß jüdische Studenten angerempelt und jüdische Cafes demoliert werden, wenn die Deutschen mit den Tschechen eine Affäre auszutragen haben, findet eine groteske Erweiterung: Dr. Maxim Reiner, der Präsident der Prager | Jüdischen Kultusgemeinde und Vorsitzender des Verbandes der tschechischen Juden, ist soeben aus der nationaldemokratischen Partei ausgetreten. Er zog, wie es heißt, die Konsequenzen, daß zahlreiche Führer seiner Partei, der Nationaldemokraten, eine antisemitische Haltung im Universitätskonflikt eingenommen haben* Von dem Debakel, das seinerzeit die deutschassimilierten Juden in der deutschnationalen Partei der Habsburgermonarchie erlitten, haben die Tschechojuden nichts gelernt. Die Anbiederung an das tschechische Volke, die bis zur Eingliederung in eine nationaltschechische Partei führt, ist eine verfehlte Politik. Herr Dr. Reiner kann jetzt über den an ihm geübten „Undank" nachdenken. Das Marschieren von jüdischem Volk neben tschechischem Volk bei gleichen Interessen für das gemeinsame Wohl hätte dem Vorstand der „Tschechojuden" die Blamage und vielleicht auch den unausweichlichen Spott erspart. KREUZ-KINO ». Wollzeile 17 * Tel. R-21-2-16 Dos Zeichen tfer Wer a». Krimina'roman von Conan Doyle Jüdisches im Radio Mittwoch, den 12. Dezember: 18.30 Uhr (französische Zeit). Poste Parisien (312 Meter). Sendung der Volx d'Israel. Freitag, den 14. Dezember: 12.00 Uhr (französische Zeit). Radio Paris (1648 Meter). Sendung der Voix d'Israel. 21.00 Uhr (französische Zelt). Poste Parisien (312 Meter). „Der Sommer" des holländisch-jüdischen Schriftstellers Jacques Natanson, Uebertragung aus dem Theatre de la Nouvelle Comedie. Der neue Sherlock- HolmesFilm nach dem bekannten Judenstaalspartei Oesterreichs Versanimlungskaleiider. XI11. - X V. Bezirk: Dienstag, den 11. Dezember, K'ö Uhr abends, „Esra"-Helm, XV., Sehanzstraßb 32. Vortrag: Tages fragen imjUdischen Volksleben*. Redner: Hans Kolb und Fritz Richter. «Jugendgruppe: Vortrug Karl Frankel: „Professor Theodor Lossing". IX. Bezirk: Dienstag, de« 11. Dezember, %d Uhr abends, Cafe Promenaden, IX., Rossauerlände 27. Vortrag: Gallith und P al ä s t i n a. Redner: Theodor Grub n er, Gustav Sperling, Or. Sulomon Wolf. Mittwoch, den 12. Dez e m b e. r, Judens taatsheim, I., Werdertorgasse 11. H u g o - 1 u c k e r im a n n- Gedenkfeier. Redner: Dr. Leo Fi seh mann. Bezirksgruppo VI. -VII. Mittwoch, den 12. Dezember, >{,ö Uhr abend», Cafe Patria, VI., Mariahilf erstruße 127. Vortrag: Jüdische Probleme der Gegenwart. Redner: Josef Frünkel, Theodor Grubner, Fritz Richter, Oberbaurat Robert Stricker. Be zirksgruppc P rat er: Donnerstag, den 13. Dezember, Judenstaatslieim, II., Kleine Zufahrtsstraße Nr. lßö (Haltestelle Molkereistraße), Vortrag: Völkerbund und M i n o r i t ä t c n r c c h t. Redner: David Nebciuahl. Stüdentengruppe: Der dieswöchigo Vortrajr «uUältt.

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