Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 420 (7.12.1934)
- Date
- 1934-12-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9K. 420 DDE NEUE WELT Seite 3 Orangen und jüdische Ehre Auf dem Prager Zionistenkongreß 1933 hat di«i J ml c n s t a a t s p u r t o i £<'£<'" dir Schande Stellung genommen, daß sich Juden in Palästina dafür hergeben, Waren aus H i 11 e r - D c u t s c h I a n d nach Palästina zu bringen, mit dem ärgsten Fe'nde des jüd'schen Volkes angesichts seiner jüdischen Opfer Geschäft e zu machen. Wir haben seither in unserem Blatte den Kampf gegen diesen schmählichen Handel geführt, der nicht nur die jüdische Ehre verunglimpft und den Hitler-Leuten das Recht gibt, zu sagen: „Für Geld lassen sich Juden alles bieten", sondern auch die Antisemiten aller Länder zu .Schandtaten ermutigt, da sich die Juden von Hitler-Deutschland alles gefallen lassen. Wir haben zuletzt berichtet, daß palästinensische Juden nicht nur den Export deutscher Waren nach Palästina fördern, sondern auch als If i 11 e r s Agenten für den Absatz deutscher Waren im Nahen und Fernen Osten sorgen. Manchem Leser mag diese Sache unwahrscheinlich, zu kraß vorgekommen sein. Wir bringen nun e'nen ganz unzweifelhaften Bericht aus Deutschland. Das in Düsseldorf erscheinende Hauptorgan der deutschen Früchte?mportcure „D c r F r ii c h t ehandel" schreibt in der Nummer vom 1. Dezember: „Nach längeren Verhandlungen ist es gelungen, ein Abkommen über die Einfuhr von Jaffa-Apfelsinen von Palästina nach, Deutachland zum Abschluß zu bringen. lieber die näheren Einzelheiten des neuen Abkommens und dessen Durchführung erfahren wir von bestunterrichteter Seite folgende Einzelheiten: „Die Menge der zur Einfuhr nach Deutschland zugelassenen Jaffa-Früchte ist davon abhängig, wie sich der Export deutscher Industrieerzeugnisse nach den in dem Abkommen festgelegten Ländern des Fernen Ostens gestaltet. In Frage kommen dabei Indien, Mandschukuo und Aegypten, in denen die Jaffa-Früchte-Importeure für den Absatz deutscher Industrieerzeugnisse sorgen werden. Die deutsche Ausfuhr nach Palästina selbst geschieht nämlich bereits auf dem Wege anderweitiger Verrechnung, so daß hier ein ganz neuer Weg gefunden werden mußte." „Das Verhältnis des deutschen Exports zur Einkehr aus Jaffa ist wie 2 :1 festgelegt, d. h. für je 2 Millionen Reichsmark deutscher Erzeugnisse, die von Jaffa-Exporteuren nach den vorgenannten Ländern verkauft werden müssen, wird ein Quantum Jaffa- Früchte im Werte von 1 Million Reichsmark zur Einfuhr nach Deutschland zugelassen. Das Abkommen ist also für Deutschland als sehr günstig zu bezeichnen und wird spürbar zur Förderung des deutschen Exports beitragen. Welche Bedeutung das neue Abkommen speziell für die deutsche Industrie bezw. den deutschen Exporthandel hat, ist daraus zu ersehen, daß die Jaffa-Exporteure erhebliche Zuschüsse leisten müssen, um mit den aus anderen Industrie-Exportländern vorliegenden Angeboten konkurrieren zu können." „Wie man hört, wird vorläufig mit einem Quantum von rund 250.000 Kisten Jaffa-Orangen gerechnet. Dieses wird sich natürlich in dem entsprechenden Maße erhöhen, wie-es den Palästina-Exporteuren gelingt, deutsche Waren in den vorgenannten Ländern des Fernen. Ostens abzusetzen." Damit sind wohl die ärgsten Erwartungen übertroffen. Die Palästina-Juden müssen um 2 Millionen Mark deutsche Waren Haufen und Im Orient anbringen, wenn sie um J Million Mark Orangen in Deutsehland absetzen wollen. Aber noch mehr! Wie das Hakenkreuz- Blatt zynisch feststellt, müssen die Palästina-Juden, da jetzt deutsche Waren teurer sind als englische, japanische, italienische usw., die Differenz im Preise aus eigener Tasche draufzahlen, um Hitler-Deutschland k o n k u rre,nzfähig zu machen. Wie das geschieht, wurde uns von informierter Seite mitgeteilt: Wenn ein deutscher Importeur eine Kiste Palästina-Orangen kauft, muß er außer dem Kaufpreis noch 2'/. Mark bei der Reichsbank als Unterstützung für die deutschen Industriellen erlegen, damit diese billiger lieforn können. Er muß also eine P r ä m i e sui den deutschen Fabrikanten bezahlen, natürlich nicht aus seiner Tasche, sondern aus der Tasche der Paliistina-Juden, denen er natürlich unter solchen Umständen einen geringeren Preis zahlt. Unser Gewährsmann, ein Fachmann ersten Hanges, erklärte uns auch, daß die ganze Sache, nicht nur unwürdig, sondern dumm ist. Denn, so Bei ßrföltungsfranfQeiten, tJjeumatiftöen unb fjidjtifdjen Sejdjmerben jtnb Xocmlstafilcttcit unübertroffen. Zocial frfjcibei bie $nrnfiiurc aus unb fjclji baljer btreft 3ur kßüt^cl bee Hebele, großen Sic sijreu Sfr^t. 3n alten 9Ipotf)efen bes 3nunb Sluslanbes. ^Sreis S 2.40. behauptet er, es ist unmöglich, unter solchen Umständen mit der spanischen und italienischen Orange, die ohne solche Belastungen nach Deutschland kommen, zu konkurrieren. Dafür, daß das unwürdige Geschäft auch ein schlechtes werden wird, spricht nachstehender Bericht, gleichfalls der deutschen Fachzeitung entnommen: „In der Zeit vom 20. bis 25. November sind in Jaffa und Haifa folgende Ladungen Citrus!'rüchte, meistens Orangen, nach Europa abgegangen: nach England 109.000 Kisten, Deutschland 300 K i s t e n, Schweiz 600 Kisten, Rumänien 500 Kisten, Frankreich 1300 Kisten und Bulgarien 110 Kisten. Also: Wenig jüdische Orangen und viel jüdische Ehre angebracht! Aus HitlerffDeutsdiland Ein jüdisches Friedensangebot! Aus Chemnitz: Innenminister Dr. Fri ck gab hier folgende Erklärung zur Judenfrage ab: „Wir stehen auf dem Standpunkt, daß Deutschland den Deutschen gehört. Damit haben wir den Haß des internationalen Judentums auf uns gezogen. Aber die Herrschaften täuschen sich, wenn sie glauben, uns mit irgend weichen Schwierigkeiten, besonders auf dem Gebiete des Exports, auch nur um Haaresbreite von unserem Wege abbringen zu können. Das internationale Judentum habe bereits ein Friedensangebot unter der Voraussetzung gemacht, daß man die deutsche Einstellung zum Judentum ändere. Die Annahme eines derartigen Angebots kommt nicht in Frage." Die Handelshochschule in Nürnberg judenfrei Aus Nürnberg: Die „Fränkische Tageszeitung" meldet, daß der Gaustudentenbundsführer an Gauleiter Julius Streicher ein Telegramm gesandt habe, in dem er meldet, daß die Hindenburg-Hochschule in Nürnberg als erste deutsche Hochschule judenfrei sei. Eine Synagoge in die Luft gesprengt Aus Berlin: Die Synagoge in der Stadt Arhaus in Westfalen ist in der Nacht mit Dynamit in die Luft gesprengt worden. Die Andachtsstätte der Juden von Arhaus ist vollkommen zerstört. Ein Artikel der „Times" Aus London (J. T. A.): „Times" veröffentlichen einen großen Artikel aus Berlin über die Wirkungen des „stillen Pogroms" gegen die Juden. In neuester Zeit sind weitere 10.000 Juden durch Maßnahmen der Regierung ihrer Existenzbasis beraubt. Die Wirtschaftsbasis der Juden verengt sich immer mehr, weil fortgesetzt die freien Berufe den Nichtaricrn versperrt werden. „Times" treten der jüngst im Auslande verbreiteten Auffassung entgegen, als ob bisher die Wirkungen der antisemitischen Gesetzgebung als übertrieben dargestellt worden seien. So habe man zum Beispiel erklärt, daß jüdische Bankiers von der Neuordnung der Dinge fast nicht berührt wurden, wen Reichsbankpräsident Dr. Schacht ein Vorgehen der Juden im Wirtschaftsleben verhindert. Alle diese Behauptungen stimmen nicht. Die Schraube wird besonders gegen jüdische Angehörige der freien Berufe und gegen die jüdischen Kleinhändler angesetzt, der Druck ist ein stetiger und vernichtender. Dr. Goebbels wendet den Arier-Grundsatz erbarmungslos nicht allein gegen ausübende Künstler an, sondern auch gegen die mit dem Kunstleben verbundenen Wirtschaftsmänner und die Angestelltenschaft. Infolgedessen sind etwa 2000 jüdische Familien, deren Ernährer im Theater- und Filmleben beschäftigt waren, auf die Straße geworfen worden. Die gleichen Methoden werden tan der Kammer für bildende Künate angewandt; diese Kammer hat erreicht, daß 500 jüdische Künstler mit ihren Familien brotlos wurden. Außer den zahlreichen jüdischen Journalisten, die aus dem Presseleben eliminiert wurden, sind nun auch tausende Juden, die wirtschaftlich mit dem Pressegeschäft verknüpft waren, durch Goebbels' Pressekammer auf die Straße gesetzt worden. Man greife nicht zu hoch, wenn man die Zahl der jüdischen Familien, die in letzter Zeit durch die Goebbels'schen Kammern ihrer Existenzbasis beraubt wurden, mit 10.000 ansetzt." Grifts»»« von der täglichen Qua) ist die sanft-scharfe Makkabaer-Feaes* Gerade in einer Zeit, da die Judenfrage in ihrer ganzen Breite und Tiefe aufgerollt wird und das Judentum in seinen Grundfesten erschüttert scheint, tut Besinnung auf die großen Tage unserer Geschichte not. Das Gefühl der Schicksalsgemcinschaft vertieft sich. Die Juden Wiens empfanden dies Gefühl, als sie am Samstag, den 1. Dezember, dem Ruf der Judenstaatspartei folgend, in großen Scharen an der Makkabäer-Feier im Festsaal des Hotel Continental teilnahmen. Kennzeichnend für den Abend war die Tatsache, daß im Programm das Historisch-Mahnende mit dem Aktuell-Drängenden harmonisch vereint, wurde. Das feierliche Lichterzünden — die Weihe der Menorah — nahm unter Mitwirkung des ausgezeichneten Männerchors des Jüdischen Gesangsvereins (Kapellmeister Komponist Israel Brandmann). Kantor Josef Feuer, vor. Die geschichtliche Bedeutung der Makkabäer umriß in großangelegter Rede Oberbaurat Robert Stricker. In seiner Analyse des MakkabäeraufStandes hob der Festredner insbesondere die Leistung des Heldenvaters Mathisjahu hervor, dessen einzigartigem Tun die sittlich-nationale Reinigung des jüdischen Staates zu verdanken sei. Die originellen Ausführungen Robert Strickers machten tiefen Eindruck. Im künstlerischen Teil dominierte der berühmte jüdische Schauspieler Ernst Deutsch, der sich mit ganzem Herzen, der nationalen Feier zur Verfügung stellte. Seine Rezitationen von Zuckermann, Beer-Hofmann und einer Judengeschichte von Gorki faszinierten das Publikum, das ihm seine Leistung mit nichtendenwollendem Beifall lohnte. Prof. Josef Zimbler brachte meisterhaft wie immer einige jüdische Violinstücke zu Gehör. Eine junge Sängerin, Ljuba Lewitzka, sang mit Ausdruck hebräische Lieder. Der Jüdische Gesangsverein schloß mit einigen Chören und der traditionellen „Hatikwah" die stimmungsvolle Feier ab. Der Festsaal war dicht gefüllt. —■ Unter Mitwirkung der Jüdischen Kulturstelle war ein Abend zustandegekommen, der das zionistische Fundament der Judenstaatpartei mit seelisch-künstlerischen Werten stützte. Die vorzüglichen, qroften Luxiinchifre „CERUJAtEMME" und I DILCMA'.' rit>, Miwml.t»~ B1III_Ia .PIIJNA" der direkten Eillinie TRIEST- JAFFA des LLOYD TRIESTINO Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr führen nur eine erste und eine Touristenklasse Auch in der Touristenklasse höchster Komfort (zwei und mehrbettige Kabinen) und täglich vier sehr gute Mahlzeiten Auskünfte: Lloyd TriestinofWien I, Kärntnerring 6, Tel.U-47-5-60 Junge Palästina-Wanderer setzen ihr Leben aufs Spiel Aus Prag (J. T. A.): Unter dem Wagengestell des internationalen Schnellzuges Lemberg-Wien fand man in der tschechoslowakischen Grenzstation drei junge Juden, die von Lemberg bereits 460 Kilometer zurückgelegt hatten, um nach Palästina zu gelangen. Sie waren barfuß, in zerrissenen Kleidern und vor Hunger und Kälte so erstarrt, daß sie nicht sprechen konnten, Karel Capek an die tschechischen Studenten Aus Prag: In den „L i d o v <§ Noviny" wendet sich der berühmte tschechische Schriftsteller Karcl Capek an die tschechischen Studenten und unterzieht die Schlagworte, die in ihre Reihen geworfen wurden, einer Prüfung. Er schreibt: „. . . Zum Beispiel da3 Schlagwort: Fort mit den Juden! Im demokratischen Frankreich oder England, im faschistischen Italien wird dieses Schlagwort nicht gebraucht, es ist bekanntlich die Devise des H i 11 e r - R e i c h e s und der ö s t e r reichischen Deutschnationalen. Wollt ihr den Anschein erwecken, daß unser Volk und unsere Republik geistig so eng mit dem Dritten Reich verwandt sind, oder daß sie das antisemitische Vermächtnis Luegers übernommen haben? Auch da müssen wir zeigen, daß wir uns nichtgeistig g e r m a n i s i e r c n lassen." Das wertvolle und dauerhafte Geschenk: Vor- Ainlior Vrommar hange, Stores, Decken, Kissen.etc. nur aus dem HIBIIBI IVldllllilGr geschmackvollst und billigst. Auch Reparaturen und Umarbeitungen. Will, Strozzlgasse 26 Deutsch-jüdische Flüchtlinge Aus Paris: Wie die J. T. A. erfährt, gestalten sich die Verhandlungen mit der Regierung über Gewährung von Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge in Frankreich hoffnungsvoll. Es wird erwartet, daß die Behörden in kurzem 6 0 0 0 Flüchtlingen Arbeitscrlaubnis gewähren werden. — Eine weitere Abmachung betrifft das Schicksal der aus Frankreich ausgewiesenen Flüchtlinge. Die jüdischen Organisationen übernehmen es, die Ausgewiesenen allmählich in andere Länder zu befördern. Aus Brüssel: Eine jüdische Abordnung besprach mit den Mitgliedern der interministeriellen Flüchtlings- Kommission das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge in Belgien, die unter behördlichen Maßnahmen schwer zu leiden haben. Als Ergebnis dieser Besprechung ist an die Polizei die Weisung ergangen, von jetzt ab die jüdischen Flüchtlinge, die sich in Belgien nur so lange aufzuhalten gedenken, bis sie die Erlaubnis zur Einwanderung in ein Ueberseeland erhalten, nicht zu belästigen. Gleichzeitig sind mehrere verhaftete Juden freigelassen worden. Aus Paris: Eine aus Deutschland geflohene russische Jüdin namens Czerwonagurska, die aus Frankreich ausgewiesen wurde, sprang nach Erhalt dos Ausweisungsbefehls mit ihrem 8 Monate alten Kind in die Seine. Sie wurde gerettet, ist aber infolge der auagestandenen Leiden geistig zerrüttet. Eine andere ausgewiesene Flüchtlingsfrau, die ebenfalls in die Seine sprang, konnte nur noch als Leiche geborgen werden. Zur Parlamentsfrage in Palästina Aus London: Reuter meldet aus Jerusalem: Der High Commissioner General Sir Arthur Wauchopa hat bekanntgegeben, daß er in K ü r z e Verhandlungen mit arabischen und jüdischen Führern zwecks Festsetzung des Rahmens und der Kompetenz der geplanten Legislative Assembly (Gesetzgebender Rat) for Palestine einleiten werde. Acrztliche Nachricht. Em. Assistent d?r Gynäkolog. Abteilung des Wiedner Spitals Dr. Bruno Kriss hat seine Ordination Wien, I., Rathausstraßr?>, eröffnet. Lindenkeller 1, Rotenturmstraße 12 GANSBRUST MIT SCHOLET GANSBIEGL MIT RITSCHERT FLADEN jeden Saimfag