Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-12-07 · Heft 420 (7.12.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 420 (7.12.1934)
Date
1934-12-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712043--4755-2718280
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 420 SlanLaurelc ÖlmarHardy .^tng^/^ österreichische.. Judentum und vor allem für seine Jugend schwere Folgen nach sich ziehen wird. Die Entwicklung im allgemeinen Schulwesen Oesterreichs steht nicht still, sie geht weiter in der Richtung des Deutsch-Christentums und damit in der Richtung immer strengerer Aussonderung und Isolierung des jüdischen Schülers. Jüdische Repräsentanten, welche sich in dieser Situation mit untätigem Zuwarten oder mit Protesten begnügen, die an den Zuständen so gut wie gar nichts ändern, laden eine Verantwortung auf sich, die sie Dicht werden tragen können. Es geht doch um jüdische Kinder, um das heiligste Gut des jüdischen Volkes! Darf man sie im unjüdischen Schulghetto seelisch verkrüppeln lassen, um eines „Wenn" und ,,Aber" willen, weil man sich vor der Entscheidung fürchtet? Der „Jüdische Volksbund" wird alles tun, was in seinen Kräften steht, um eine Entscheidung herbeizuführen, um das jüdische Kind aus dem Schulghetto in die jüdische Schule zu retten. Wenn die Rettung des jüdischen Kindes nicht gelingen sollte, dann tragen jene die Verantwortung, die nicht mittun wollen. Der Wiener Oberrabbiner über Judentaufen In einer amerikanischen Korrespondenz polemisierte Dr. Friedrich Funder §egen die Behauptung, daß die prekäre Lage der Österreichischen Judenschaft von der katholischen Mission ----- 1h Wien zur Bekehrung von Juden zum Christentum ausgenützt werde. Der Wiener J. T. A.-Vertreter befragte Im Auftrag seines Londoner Zentralbüros den Oberrabbiner Wien Dr. David Feuchtwang um seine Ansicht Sin dieser Sache. Herr Dr. Feuchtwang erklärte nun folgendes: Es ist Tatsache, daß die Paulus-Aktion sich die Judenbekehrung zur Aufgabe gemacht hat, wobei sie Hand in Hand mit der Leo-Gesellschaft und der Zeitschrift „Erfüllung" eine sehr rege Tätigkeit nach dieser Richtung hin entfaltet. Die Vertreter der Katholischen Kirche, nach deren Auffassung das jüdische Volk auf einem Irrwege ist und zu Christus zurückgeführt werden müsse, halten es nicht nur für ihre allgemeine Pflicht, die Juden zu bekehren, sondern in der gegenwärtigen Zeit für eine besondere Aufgabe, eine Missionstätigkeit unter den Juden zu entfalten, da das Jahr 1934 als Gnadenjahr zur Heimholung Israels angesehen wird. Selbstverständlich wird diese von so hohen Stellen ausgehende und von den Kirchenfürsten geförderte christliche Bekehrungsaktion in jüdischen Kreisen sehr schmerzlich empfunden, da die Vertreter der jüdischen Religion überzeugt sind, daß das jüdische Volk in seiner unerschütterlichen Treue zur Religion der Väter auf dem richtigen Wege ist, und es nicht so ohneweitera hinnehmen können, daß die Millionen gläubiger Juden als auf einem Irrweg befindlich bezeichnet werden. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang wendet sich dann dem Umstand zu, daß die Missionstätigkeit gerade in einer Zeit höchster wirtschaftlicher Not der Juden intensivst betrieben wird und v/eist auch auf eine Reihe katholischer Schriften hin, die eine Tendenz zur Herabsetzung des Judentums gegenüber dem Christentum erkennen lassen. Schließlich berührt der Wiener Oberrabbiner die politische Lage der Juden im österreichischen Staat, wobei er betont, daß aus der Definition Oesterreichs als eines christlichen Staates die Erlaubnis, die jüdische Bevölkerung in ihren Rechten zu schmälern, schon oft abgeleitet wurde. Bezüglich der rein geistigen Werbetätigkeit ist man unter den Juden nicht besorgt. Vom religiösen Standpunkt aus wird der jüdische Mensch in seinem Glauben gestärkt und der Kultur seines Volkes noch tiefer verknüpft, aber es ist Pflicht der jüdischen Publikationsorgane, das jüdische Volk auf die ihm drohenden Gefahren .aufmerksam zu machen. POLEN / WEIHNACHTSREISE Abfahrt: 20.,und 23. Dezember / Rückkehr 6. Jänner 1935 Billig — Bequem „FRANCOPOL" Polnisches Verkehrsbüro Wien III, Rennweg 1 // Telephon IM .4-90 King der Alt-Herren-Verbände der zionistischen Verbindungen. Unsere nächste gesellige Zusammenkunft findet Montag, den 10. Dezember, präzise 7 Uhr abends,, im Festsaal des Hotel de France, I., Schottenring, statt. Zutritt haben nur Mitglieder und deren Damen. Um pünktliches Erscheinen wird gebeten. Mitgliedskarte mitbringen! Verlassen und preisgegeben „Sicher ist, daß die Juden an der Saar einer düsteren Zukunft entgegengehen. Mehr denn je werden sie boykottiert, gequält und verhöhnt werden..Diese Prognose stellte nicht irgendein uninformierter, von persönlichen Scntiments beeinflußter Beobachter, sondern der Präsident der vom Völkerbund eingesetzten Itogierungskominission im'Saargebiet, der Engländer Knox. Wie wir bereits berichteten, hatte der Vorsitzende des Com'itä des Delegation» Julves, Dr. Nahum Gold mann, mit dem französischen Außenminister Pierre Läval, mit dein tschechoslowakischen Außenminister Dr. Boni's, mit dem Sowjetkommissar M. Litwinow mit dem rumänischen Außenminister Tltuli scu und anderen Delegierten der Völkerbundversammlung Unterredungen bezüglich eines international garantirrten Schutzes der JRechto der jüdischen Einwohner für den Fall der Rückkehr dioBCS Gebiets an Deutschlund. Die. Rechtslage ist wo geartet, daß völkerbundrechtlich Hitler-Deutschland über das Schicksal der Saarjuden nach Gutdünken verfügen kann Es gibt keine politische Instanz, die hier ein entscheidendes Wort zu reden hätte. Die jüngsten Nachrichten aus dem Saargebiet lassen erkennen, daß unsere bisherigen Besorgnisse begründet waren. Die bisnun für den Status quo eintretende demokratische Wochenschrift „Westlancl" ist von getarnten Nazis angekauft und bereits der gefährlichsten Judenhetze dienstbar gemacht worden. Die jüdische Minderheit wird a!ö der Träger des Status-quo-Gedankens hingestellt und zum Beweis dafür eine gefälschte Liste von saarländischen Juden veröffentlicht, die angeblich Geld für die antinazistischc Front gespendet hätten. In einem Artikel dieses jetzt nationalsozialistischen „Westland1' heißt es bezeichnenderweise unter anderem: „Die meisten (von den in der Liste angegebenen Personen) waren von vornherein gar nicht in der Lage, gemäß ihrer Gesinnung für Deutschland einzutreten. «fafofhec hfnhfeW '^T 4 ■ , * \ t ' 3eflitt$ec Itfratftctoitf Iitaytort authocaemen Dläfatclrf 8 2.- der Cltet Den Deutschen an der Saar sind diese Zeitgenossen (gemeint sind die Juden, d. Red.) im allgemeinen bekannt . . . Wir veröffentlichen aus der Liste die Namen der Anhänger des Status quo, die in einigen Orten des Saargebietes wohnen. . . Man wird wahrscheinlich über die Summen, aber nicht über die Namen erstaunt sein, woraus sich ergibt, daß die betreffenden Zeitgenossen wie bisher ohne Gefahr(!) unter uns leben können." Hiezu bemerkt die demokratische „Deutsche Freiheit" (Saarbrücken): „Hier handelt es sich »im eine nicht einmal versteckte Aufforderung zum Pogrom. Denn man kann diese Worte nicht anders verstehen, als daß im Falle der Rückgliederung die Zeitgenossen, d. h. die Juden, insbesondere die, deren Namen im Blatte veröffentlicht worden sind, nicht mehr „ohne G e ( a h r im Saargebiet" leben können. Wenn man dazu den Leitartikel dieses Schmutzblattes liest, der den Titel „Hände-hoch" trägt, wenn man dort in bezug auf die Juden liest: „Wir rufen dem entgegen: «Hände hoch', hier wird nicht einfach eine eilige Flucht nach Vorbach, Straßburg oder Metz angetreten", so kann man ::n £em Sinn der oben zitierten Pogrom-Drohung nicht mehr zweifeln. . , , Wir sind also schon so weit gekommen, daß hier an der Saar, vor den Augen des Völkerbundes, und trotz aller Verordnungen der Reglerungskominission, ungestraft eine Pogrom-Hetze Inszeniert, die jüdische Minderheit offen nach dem Vorbild von Streicher diffamiert und das Wahlgeheimnis gebrochen werden kann . . Wir stehen hier, wie gesagt, vor einer tragischen Situation. Die deutsche Reichsregierung hat sich verpflichtet, ein Jahr lang nach der Uebernahme des Saargebiets die Rechte der „Nichtdeutschen" nicht zu begrenzen und sie die Liquidierung ihrer Positionen unangetastet durchführen zu lassen. Das besagt gar nichts. Wir kennen die Nazimethoden, unter dem Schein einer Rechtsgrundlage jüdische Existenzen zu vernichten. Schon beginnt, einer Flucht gleich, die Abwanderung zahlreicher Juden, die den Druck des saarländischen Hakenkreuzes heute schon für unerträglich halten. Wer soll für die Juden des Saargebiets sprechen? Wer ihre Rechte verteidigen? Wer der Welt die Gefahr deutlichen machen, der fast 5000 Menschen in Kürze ausgesetzt sein werden? Mit unermüdlich geübtem Nachdruck hat die nationale Judenschaft darauf hingewiesen, daß eine Instanz geschaffen werden müsse, die als Repräsentanz der Judenheit in entscheidenden Fragen und Phasen auf den Plan zu treten hätte. Diese Repräsentanz sollte der Jüdische Weltkongreß sein, ein von Juden der ganzen Welt gebildetes Parlament, das sich zweifellos kraft seines sittlichen Rechts die Achtung aller Staaten erobert haben würde. Bisher haben Juden da und dort die Errichtung dieses jüdischen Weltparlaments zu verhindern gesucht: solche, die ihre Rechte schon seitens ihrer eigenen Regierungen für gesichert hielten, und solche, die sich von gelegentlichen Interventionen „a n g csehener Persönlichkeiten" mehr versprachen als von einer öffentlichen Welttribüne des Judentums. Der Jüdische Weltkongreß kann schon als Tatsache gewertet werden, aber im heutigen Stadium vermag an dem tragischen Schicksal der Saarjuden nicht viel geändert zu werden. Es sei uns ein warnendes Zeichen! Es sei uns eine Mahnung dafür, daß nür eine" Öffentlich, bekundete und fundierte Solidarität erfolgreich wirken kann. DER «e KONVERSIONtt,tttt, VÖLKERBUND ANLEIHE IN DIE GARANTIERTE OSTERREICHISCHE KONVERSIONSANLEIHE i9S^959 BIETET EIN INTERNATIONAL GARANTIERTES. WERTGESICHERTES ANXAGEPAPIER MIT. EFFEKTIVER VERZINSUNG Gegen die Einheit der Wiener Judengemeinde Die „Jüdische Presse", das Organ der österreichischen und tschechoslowakischen Trennungsorthodoxie, meldet: „Die in der Adas Isroel (Schiffschul) organisierte Orthodoxie hat sich an die österreichische Bundesregierung mit dem Ersuchen gewendet, ihre Konstituierung als selbständige, unabhängige Religionsgemeinde zu ermöglichen." Das österreichische Gesetz verleiht den Judengemeinden den Charakter von Zwang sorganisationen. In jedem Orte darf es nur eine Judengemeinde, geben und jeder im Orte oder zugewiesenen Bezirke wohnende Jude gehört dieser Einheitsgemeinde zwangsläufig an. Austritt aus der Gemeinde ist ohne Austritt aus dem Judentum nicht möglich. Wie wir erfahren, hat sich die Adas Isroel nicht damit begnügt, ihren Antrag auf Auflösung der jüdischen Einheitsgemeinde zu übermitteln, sondern hat auch bei maßgebenden. Mitgliedern der Regierung und hohen Funktionären, so auch beim Vizekanzler und Führer der Vaterländischen Front, Fürst Starhemberg, vorgesprochen und diese für ihren Plan zu stimmen versucht. In ihren Eingaben und bei ihren Vorsprachen führen die trennungsorthodoxen Herren an, daß die Leitung der Wiener Kultusgemeinde den Bedürfnissen der strenggläubigen Judenachaft keine Rechnung trägt, daß die Vorstandsmitglieder und Beamten keinen religiösen Lebenswandel führen und daß vom Zeitpunkt an, da die J ü d i s c hnationalen die Majorität im Vorstand erlangt haben, die Lage in diesen Beziehungen verschärft wurde. All charakteristisch sei angeführt, daß die Trennungsorthodoxie bei ihrem Vorstoß gegen die Wiener Judengemeinde wohlwollende Unterstützung seitens des gewissen Regierungskreisen nahestehenden christlichsozialen Hauptorgans „R e i c h s p o s t" gefunden hat, welches wiederholt und erst gestern wieder in einem großen Artikel die Forderung auf Auflösung der Einheitsgemeinde sympathisch behandelt. Hinter der Adas Isroel steht nur ein kleiner Teil der österreichischen Judenschaft. Es kann dies jederzeit bewiesen werden. Da aber die Trennungsorthodoxen sich auf Postulate der Gewissens-, und Glaubensfreiheit berufen, genügt der Hinweis auf ihre kleine Zahl nicht. Es muß bewiesen werden, daß ihr Verlangen in sachlicher Beziehung unbegründet ist. Und das ist zu beweisen.' Es ist durchaus unrichtig, daß die Leitung der Gemeinde derartig ist, daß auch nur ein strenggläubiger Juden in einer Beziehung beeinträchtigt oder in einem seiner religiösen Bedürfnisse getroffen würde. Und es ist unwahr, daß seit Uebernahme der Gemeindeleitung durch die Zionisten in dieser*Beziehung eine Wandlung zum Schlechteren eingetreten wäre. Im Gegenteil! Die jetzige Leitung ist sorgsamst darauf bedacht, bei allen ihren Maßnahmen auf den strenggläubigen Teil der Judenschaft Rücksicht zu nehmen. Wenn die Adas Isroel es schon für gut findet, gerade in dieser für die österreichische Judenachaft so schweren Zeit auf Spaltung hinzuarbeiten, so wird sie sich wohl anderer Mittel bedienen müssen als unstichhältiger Argumente. Mit ihren bisher vorgebrachten, unrichtigen Behauptungen wird sie die Judenschaft nicht überzeugen, und es ist auch nicht anzunehmen, daß sich daraufhin die Regierung veranlaßt sehen wird, die jüdische Einheitsgemeinde zu zerschlüge«.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.