Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 415 (20.11.1934)
- Date
- 1934-11-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711952-2712038--4722-2718242- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE XfAJE WELT Nr. 415 .n Druck aller Zionistcn sollte die Einchaffen werden, riat aber den Antrag der Judenstaätspartei vt» .t, die zionistischen Mittelparteien ausgeschalte»., .uf die Mitwirkung der zionistischen Gesamtheit verziehtet und die Führer der extremsten Gruppen allein an den Tisch gesetzt. Man hat aus der Sache des zionistischen Friedens eine sozialistisch-revisionstische Angelegenheit gemacht. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß da ein großer Fehler unterlaufen ist. Eine Erklärung der Exekutive Das Büro dor Zionistischen Exekutive in London übermittelt uns einen in der nächsten Nummer ihres Zentralorgans „Haolam" erscheinenden Artikel ..Friede und Disziplin" zum Vorabdrucke. Wir haben es hier mit einer Erklärung zu tun, welche die durch viele Gerüchte vernebelten Friedensverhandlungen mit dem Führer der Revisionisten, Herrn Jabotinsky, deutlicher erscheinen lassen. Im Artikel heißt es im wesentlichen: Mitten in den Besprechungen über die Herstellung normaler Bezishungen in der zionistischen Bewegung, kaum einige Tage nach der Veröffentlichung der ersten Abmachung über die Vermeidung unzulässiger Kampfmethoden unter den zionistischen Parteien und Richtungen, hat Herr Jabotinsky im Warschauer „Moment" vom 2. November einen Artikel veröffentlicht, der nicht anders denn als ein Ultimatum bezeichnet werden kann. Wie in dzm vor kurzem veröffentlichten Kommunique mitgeteilt wurde, ist in den Beratungen der Zionistischen Exekutive mit den Vertretern der Allgemeinen Zionisten u. a. eine Verständigung über die Ergreifung von Maßnahmen zur Stärkung der z i onistischen Disziplin erzielt worden. Herrn Jabotinsky ist es nun zu Öhren gekommen, daß es sich um Maßnahmen handelt, durch welche die wiederholten Beschlüsse des Aktionskomitees und des Kongresses über die Priorität der Disziplin der Zionistischen Weltorganisation in allen zionistischen Fragen und insbesondere hinsichtlich ihrer politischen Prärogativen in bezug auf die zionistische Außenpolitik effektiv gemacht werden sollen. Herr Jabotinsky beeilt sich nun, seine „geehrten Freunde, die Allgemeinen Zioniste n", vor der Durchführung dieser Maßnahmen zu warnen. Er und seine Parteigenossen werden „einen derartigen Primat niemals anerkennen"; „sie werden nie eine Verpflichtung unterschreiben, sich einem Primat einer arithmetischen Mehrheit zu unterwerfen"; „jeder Schatten einer Andeutung einer Forderung eines solchen Primats wird nur ein Ergebnis haben; endgültige Scheidung, offiziell und klar, vor dem Volke Israel und vor allen anderen Völkern". Das sind klare Worte, die eine ebenso klare und unzweideutige Antwort erheischen, und diese Antwort kann nur so lauten: Die Zionistische Organisation kann und wird ihre Stellung in der Frage der Disziplin auch unter dieser Drohung d es endgültigen Austrittes der Revisionisten nicht ändern. Für die Normalisierung der organisatorischen Beziehungen zwischen Revisionisten und Zionistischer Organisation kann es nur einen der folgenden drei Wege geben: 1. Völliger und bedingungsloser Anschluß aller Mitglieder der revisionistischen Union an die Zionistische Organisation mit allen Rechten und Pflichten, die sich aus dieser Mitgliedschaft ergeben. Der Zusammenfassung der Revisionisten innerhalb der Zionistischen Organisation in der Form eines Sonderverbandes stünde dann natürlich nichts im Wege. 2. Vollständiger Austritt der Revisionisten aus der Zionistischen Organisation. In diesem Falle würden sie selbstverständlich der Disziplin dieser Organisation in keiner Weise unterworfen sein und die gegenseitigen Beziehungen in bezug auf politische Fragen, Einwanderung u. dgl. könnten dann in ähnlicher Weise wie mit anderen außerhalb der Zionistischen Organisation stehenden Organisationen (z. B. Agudah) im gegenseitigen Einverständnis geklärt werden. 3. Es wäre auch der Zustand denkbar, der nicht erwünscht ist, aber zeit wellig er träglieh wäre, daß bloß ein Teil der Revisionisten der Zionistischen Organisation angehören. Diese müßten sich der Disziplin der Zionistischen Organisation ebenso wie alle anderen Zionistcn in vollem Umfange unterwerfen und im Falle eines Konfliktes der Disziplin der Zionistischen Organisation und derjenigen der von dieser unabhängigen revisionistiHchen Juden sich u nbedingt der Disziplin der Zionistischen Organisation unterwerfen und notwendigenfalls aus dieser Pflicht die weitestgehenden Konsequenzen ziehen. Eine vierte Möglichkeit gibt es nicht. Insbesondere ist der Zustand unerträglich, daß eine Gruppe von Zionisten in der Zonistischen Organisation sitzt, in ihr alle Rechte genießt, ihre Beschlüsse mitbeeinflußt und gleichzeitig eine andere Organisation aufrecht erhält, die für sich das Primat ihrer Disziplin fordert und eine Tätigkeit entfaltet, die mit derjenigen der Zionistischen Organisation konkurriert und gegebenenfalls auch im Widerspruch stehen kann. Niemand hat die Unmöglichkeit und Unzuläaslgkeit einer derartigen Situation besser zum Ausdruck gebracht als Herr Jabotinsky selbst, der in der deutschen Ausgabe des „Rassviet" vom 20. August 1831 schreibt: „Vom sittlich-politischen Standpunkt rückt man zweifellos in eine unangeaebme uaU verfälschte. Situation, wenn man einerseits selbständige politische Arbeit leisten will, und zu gleicher Zeit anders?its formell ein Teil einer anderen auch politischen Organisation bleibt, die zudem noch auf das Monopol der politischen Vertretung des Zionismus Anspruch erhebt. Diese Situation wird besonders unangenehm werden, wenn wir (was unvermeidlich ist) politische Schritte zu unternehmen gezwungen sein werden, die ganz oder teilweise die politische Linie der Zionistischen Organisation durchkreuzen." Allerdings hat Herr Jabotinsky seither die von ihm als vom sittlich-politischen Standpunkt falsch bezeichnete Situation für sich und seine Freunde als a kzeptabel erklärt und auch wiederholt den Versuch unternommen, die Zionistische Organisation dazu zu bringen, einem derartigen Zustand ihre Sanktion zu erteilen. Er ist der Oeffentllchkeit bisher eine Aufklärung darüber schuldig geblieben, aus welchen sittlich-politischen Gründen er seine Meinung vom August 1931 so gründlich revidiert hat. Die Zionistische Organisation hat durch alle Beschlüsse, die sie seither zu dieser Frage unternommen hat, klargemacht, daß sie dieser Revision nicht zustimmen kann, und zwar nicht nur aus sittlich-politischen, sondern auch aus eminent pra ktischen Gründen. Herr Jabotinsky bemüht sich allerdings auch in dem in Frage stehenden Artikel wieder einmal, den Zionisten weiszumachen, daß es doch besser sei, „die zionistische Einheit nicht auf Zwang, sondern auf Ausgleich und Vertrauen" aufzubauen. Mit anderen Worten, er wiederholt hier einen Gedanken, den er vorher schon in größerer Klarheit formuliert hat, nämlich, daß die Zionistische Organisation in eine Föderation selbständiger Organisationen verwandelt werden soll und daß der Kongreß, das Aktionskomitee, vielleicht auch die Exekutive, nur solche Beschlüsse anzunehmen berechtigt sein sollen, denen alle Teile zustimmen. In Fragen, über welche keine Verständigung möglich ist, sollen die einzelnen Teile der Zionistischen Organisation ihre volle Aktionsfreiheit behalten. KREUZ-KINO Wollzeile 17 - Tel. R-21-2-16 Ein Unbekannter mordet? ajJS, Ä!S% Das ist Herrn Jabotinskys wirkliche Idee, deren Unmöglichkeit durch keine noch so verlockenden Worte, wie gegenseitige Achtung, des Bruders eigener Patriotismus, gemeinsames Volksinteresse und dergleichen verdeckt werden kann. Es liegt auf der Hand, daß, wenn diese Konzeption akzeptiert werden sollte, ihr baldiges Ergebnis Chaos, Anarchie und Ende der Herzischen Organ i s a t i o n wäre. Die Zionistiche Organisation und die durch Beschluß ihres Kongresses geschaffene erweiterte Jewish Agency, auf deren politische Haltung sie einen entscheidenden Einfluß ausübt, sind längst nicht mehr bloß private Gesellschaften, deren Willensbildung nur sie selbst angeht. Zionistische Organisation und Jewish Agency sind Körperschaften öffentlichen Rechtes, die laut dem Mandat mit der Mandatsregierung zwecks Durchführung der Bestimmungen des Mandats hinsichtlich des Aufbaues der nationalen Heimstätte zusammenzuarbeiten haben. Sie haben vor der Mandatsregierung und dem Völkerbund als legitime Vertretung des jüdischen Volkes aufzutreten, und es ist selbstverständlich, daß sie das nur solange können, als sie auch imstande sind, die von ihnen vertretenen Forderungen und Wünsche als diejenigen der Gesamtheit des Volkes zu erklären. Eine iZonistische Organisation, die auf das Recht, die Grundsätze und die Praxis der zionistischen Politik durch Mehrheitsbeschlüsse festzustellen, verzichtet, hat in demselben Augenblick jede Möglichkeit und jedes Recht eingebüßt, vor der Mandatarmacht, dem Völkerbund oder irgend einer Regierung als die Sachwalterin des jüdischen Volkes aufzutreten. In den Verhandlungen mit den Revisionisten ist durch Unterzeichnung der Vereinbarung über Ausschaltung unzulässiger Kampfmetheden ein guter Anfang gemacht worden. Diese Verhandlungen können zu einer vollen Verständigung nur dann führen, wenn es klar ist, daß alle Zionisten geeint sind in dem unerschütterlichen Wilwh, die Einheit und Geschlossenheit der von Herzl geschaffenen Zionistischen Organisation gegen jeden Angriff zu schützen. * Bemerkung der Red. Die hier seitens der Exekutive aufgeworfene Frage des „Primats" hat auch auf der revisionistischen Konferenz in Kattowitz im Frühjahr 1933, welche auf der Spaltung der revisionistischen Union und der Bildung der Judenstaatsp a r t e i endete, eine maßgebende Rolle gespielt. Die damalige Majorität der revisionistischen Exekutive und jetzige Leitung der Judenstaatspartei (Großmann, Machower, Stricker) hatten u. a. von' Jabotinsky eindeutige Stellung in der Primat-Frage gefordert. Als sich die Majorität der Konferenz für diese Forderung aussprach, verließ Präsident Jabotinsky die Konferenz und erklärte die Exekutive für abgesetzt. Jetzt stößt er wieder auf die durch ihn aufgerollte Primatsfrage als Hindernis. Was damals zur Spaltung der revisionistischen Organisation beitrug, droht den jetzt von ihm gewünschten Frieden mit der Zionistischen Weltorganisation unmöglich zu machen. Ben Gurion über den zionistischen Frieden Die Lemberger „Chwila" bringt eine telegräphische Meidung ihres Triester Korrespondenten M. Griffel über ein Gespräch mit Ben Gurion, welcher auf seiner Rückreise nach Palästina begriffen ist. Ben Gurion sagte den Vertretern der inländischen und ausländischen Presse Uber die in letzter Zeit geführten Friedensverhandlungen zwischen den linken Gruppen und den Revisionisten u. a.l „Die in London entrierte Verständigung stellt bloß die Einleitung zu einer Aktion vor und kann erst nach einer zweimonatigen gegenseitigen Probe ia Kraft treten. Ob das angestrebte Ziel tatsächlich erreicht werden wird, hängt nicht von den Arbeiterparteien ab, die bekanntlich stets für den Frieden waren. Wir sind heute eine Regierungspartei und haben da3 Bestreben, beim nächsten Kongreß das Vertrauen der breiten Massen de.s jüdischen Volkes zu gewinnen. Der Schlüssel zur Lösung der angeschnittenen Fragen liegt ausschließlich in den Händen der Revision niste n, wie denn überhaupt der großzügige Aufbau! Palästinas vom geplanten Friedenswerk abhängig ist. Dio Revisionisten müssen sich als einen Bestandteil der zionistischen Weltorganisation betrachten und auf politischem und sonstigem Gebiet mit uns zusammenarbeiten." Auf die Frage, was für eine Reaktion seitens der sozialistischen Parteien in Palästina, insbesondere dea „H ascliomer Haza,ir" auf das in Rede stehende Abkommen zu erwarten sei, erklärte Ben Gurion: „Für das Abkommen übernehme ich als alter Führer der Arbeiterpartei die Verantwortung. Der Disziplin muß sich jeder einzelne im Rahmen der Arbeiterpartei unterwerfen." Was einem Pastor m'dif redit ist In der Schweiz wurde das zionistische Programm; auf dem Baseler Kongreß proklamiert. Seit dieser Zeit sind mehr als dreieinhalb Jahrzehnte vergangen. Alle Welt weiß, daß die Juden in Palästina ein eigenes Heim mit allen Attributen eines nationalen, gesellschaftlichen und religiösen Lebens anstreben. Auch in der Schweiz weiß man das ... Scheinbar aber nicht in allen Kreisen. Die „Reformierte Schweizer Zeitung" bringt nämlich aus der Feder des protestantischen Pastors H. von der Grone einen Bericht über Palästina, worin mit großem Bedauern, ja mit Unwillen konstatiert wird, die Straßen der palästinensischen Städte seien am Sabbat mit spazierenden Juden so sehr gefüllt, daß die Wagen kaum durchfahren können. Der protestantische Pastor ist nicht zufrieden ... Der Sabbat ist bekanntlich der Ruhe geweiht. Nach sechs Tagen intensiver Arbeit geben sich die Juden in, Palästina, in ihrem Nationalheim, der Ruhe und Betrachtung und innerer Einkehr hin. So steht's in der Bibel geschrieben, die ein protestantischer Pastor wohl kennen und anerkennen sollte. Wenn die Juden üirc religiösen Gesetze nicht halten, dann heißt es, sie seien sittenlos und, eine Gefahr für die Zivilisation. Wenn sie den Sabbat heiligen, wenn sie im jüdischen Palästina, statt im Auto das Land zu durchqueren, still durch die Straßen wandorn, ist's auch nicht recht... Aber diesen letzten Vorwurf werden die Juden sehr gern auf sich nehmen. v Das halbe Hakenkreuz in €♦ §♦ R+ Der Antisemitismus macht vor keinen Grenzpfählen halt. Das ist ein altes, sich täglich neu erweisendes Dogma; ein Dogma allerdings, daß die Assimilanten aler Schattierungen solange nicht wahrhaben wollen, als es sie selbst nicht am Kragen packt. In der tschechoslowaki-« sehen Republik, in dem Staat, den der große große Demokrat und Ethiker Masaryk geschaffen hat, in dem Staat, der seine Existenz dem Eigenrecht der Völker verdankt, beginnt ..sich ein Antisemitismus ä la Drittes Reich zu etablieren. Die „Nationale E'ront", ein rein antisemitisches Gebilde, Ist im Begriffe, mit anderen, bisher/nicht antisemitischen Gruppen der „Nationalen Liga" und der Nationaldemokratischen Partei des Dr. Kramäf ein Wahlkartell abzuschließen. Die antisemitische Front verbreitert sich. Sie hat das — Hakenkreuz zu ihrem Symbol gewählt. Nicht das ganze Hakenkreuz. Bloß eine Hälfte, bloß fünfzig Prozent . . . Die große demokratische Zeitung „Lidove Noviny" schreibt über diese Schande: „Das tschechoslowakische Hakenkreuz ist erschienen: In einem roten Ei die Hälfte dea reichsdeutschen Hakenkreuzes, vorläufig auf einem Flugzettel der „Närodni Fronta", mit dem gestern Prag überschwemmt wurde und in dem zum erstenmal auch bei uns nach dem Muster der nahen Nachbarschaft der Kampf gegen die Juden verkündet wurde. Di6 Bewegung und ihr Abzeichen haben der Herr Professor der Karlsuniversität Mareä und der Herr Professor der „Närodni Politika" Nikolau erdacht, Herren, die in ihrem offiziellen Blatt Masaryks Wiederwahl zum Präsidenten der Republik mit gemeinen und niederträchtigen Persiflagen begrüßt haben. Die „N. F." und die Liga Stfibrnys sind Verbündete der Nationaldemokratie. Ihr Programm „Kampf gegen das jüdische Kapital" und „die Angestellten den Krallen der Wucherer entreißen" ist also nicht gegen den Vizepräsidenten des Industriellenverbandes H o d ä c, auch nicht gegen den Führer der „Industriepartei" Dr. Kramäf gerichtet, sondern im Gegenteil, es ist die Sprache dieser Verbündeten. Das tschechoslowakische Abzeichen dieser vereinigten Bewegung, dieses halbe reichsdeutschc Hakenkreuz, bildet, ein großes F, den Anfangsbuchstaben des Faschismus." Dieses halbe Hakenkreuz in der demokratischen Republik C. S. R. ist ein Warnungszeichen für alle jene, die sich von der fortschreitenden Zivilisation eine Herabminderung oder gar ein Verschwinden des Antisemitismus versprechen; es ist ein Beweis für den Bestand der Judenfrage auch dort, wo scheinbar kein Grund vorliegt, si« aufzurollen . . .