Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 415 (20.11.1934)
- Date
- 1934-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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*rr. 4iö DIE NEUE WBJL1 Seit« 3 Erste allpolnfeche Landeskonferenz der Judensfaalsparlei Das Zentralbüro tlcr Judenstaatspartei teilt mit: Am 30. und 31. Dezember 1934 wird in Warschau die erste allpolnische Landeskonferenz der Judenstaatspartei tagen. Sie wird sich vor allem mit der Arbeit zur Durchführung: der im Parteiprogramm vorgesehenen Pläne für den politischen und wirtschaftlichen Aufbau des jüdischen Palästina befassen. Nach den bisherigen Ergebnissen der Parteisteuer, deren Entrichtung zur Wahl für die Konferenz berechtigt, dürften zirka 300 Delegierte aus allen Teilen Polens zur Konferenz kommen. Zur gleichen Zeit wird auch eine allpolnische Konferenz der Jugendorganisation der Judenstaatspartei, des Barak (Brith Hakanajim) tagen. An der Konferenz werden die Mitglieder der Weltleitung der Judenslaatspartei M. Groß mann (Palästinal, R. Lichtheim (Palästina) und Robert Stricker (Wien) teilnehmen. Im Anschlüsse an die Landeskonferenz wird Herr Meir Großmann die wichtigsten Städte im Lande bereisen, um dort an Kreiskonfe-renzen und an öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Das Interesse für die Tagung ist auch außerhalb des Parteikreises ein ungemein lebhaftes. Das Schlußkapitel des Hilsner» Prozesses Dr. Oskar Fischer, Professor an der Prager Deutschen Universität, veröffentlicht im Prager „Sozialdemokrat" eine bisher unbekannt gebliebene Episode im Polnaer Rituälmordprozeß gegen Leopold Hilsncr. Er schreibt: „Hilsner wurde hauptsächlich deshalb als der Mörder der Agnes Hruza angesehen und verurteilt, weil der sogenannte ,.Kronzeuge" Pesak behauptete, daß er kurz vor der Tat Hilsner aus dem Wald heraustreten und wieder zurücktreten gesehen habe, und zwar aus einer Entfernung von etwa 800 Meter. Einen Menschen auf eine Entfernung von mehr als drei Viertel eines Kilometers zu erkennen und mit Sicherheit zu identifizieren, ist etwas so Unglaubliches, daß man eine solche Zeugenaussage unter normalen Umständen kaum als Verdachts-, geschweige denn als Belastungsmoment hinnehmen würde. Trotzdem nun ein Versuch mit Pe£äk am Tatorte bei gleicher Entfernung recht kläglich auegefallen war, blieb Pesäks Aussage unter der d amaligen Psychose das Hauptbelastungsmoment, um so mehr als Hilsners Alibi versuch mißlang. HiLsner behauptete nämlich, daß er am Spätnachmittage des Mördtages zu einer Zeit, die knapp der Zeit des Mordes voranging, mit seinen christlichen Kameraden Zelinger, Dvofäöek und Leisner in einem Straßengraben Karten gespielt hätte, und zwar an einem Ort, der vor Polna in ganz entgegengesetzter Richtung als die Mordstelle liegt. Hilsners Kameraden aber .bestritten die Richtigkeit der Alibiaussage Hilsners. Ptöfte tHlc lief) eilt S cf) c 1 f) a m in c r Ä 1 a \ \ c n I o s 311 faujen, um eine 9HtI Hon e^ißtng 311 gemimten, ba fcie 3-iefjung teer etilen Ä-lafle fdjon am 20. Dtottemfier to. %, fyalf» 3 Ufjr Ttacfimittage, Beginnt. Äaffcn»erfe$i ununterbtodjen uon 8 UI)r fritf) bis 6 H'Ijr cröeitbs. Sanf*9Be$*flj<n»s SAelljammer ä edjatiera SBten, 1. «es-, Stepfjcntspta^ 11, über gMiale, 3Bic.it, 13. «cj., £abifgaffe 60 <a. * Als ich noch Assistent an der Psychiatrischen Klinik in Prag war, teilte mir eines Tages der Oberwärter mit, ein Patient erzähle, daß er wichtige Angaben über den Prozeß Hilsner machen könne, er wiese, daß Hilsner unschuldig ist, und wünsche, mit mir zu .sprechen. Ich ließ ihn vorführen; es war einer der drei Kameraden Hilsners, auf die sich Hilsner berief. Dieser Patient — wir wollen ihn Zeuge A nennen, denn Namen sind heute belanglos — sagte mir, er wisse ganz positiv, daß Hilsner an dem Mordtage mit ihm und mit den zwei anderen Kameraden an dem von Hilsner bezeichneten Platze war. Seine damaligen Aussagen und die Aussagen der anderen zwei Kameraden bezeichnete er als u nw a h r, denn sie alle standen gerade 50 wie ganz Polna unter einem mächtigen Druck der öffentlichen Meinung:" ganz Polna war im Zeichen des Aufruhrs gegen die Juden, alles war durch Agitation aufgestachelt; es waren auch Leute von Prag dagewesen, mehrere Redakteure, und die hätten sich bemüht, die Leute aufzustacheln, belastend gegen Hilsner auszusagen. Die drei Kameraden hätten, bevor sie zum Bezirksrichter gingen, beraten, was sie aussagen sollten, uud trotzdem sich einer von ihnen dafür einsetzte, die Wahrheit zu sagen, blieb er in der Minderheit, die arideren zwei siegten unter der Devise „jem tarn s tili) zidem" (nur hinein mit dem Juden!). Der Patient A betonte in mehreren weiteren Gesprächen immer wieder, daß das, was er jetzt ausgesagt habe, die reine Wahrheit sei. Ich machte über diese Aussage dem Verteidiger Hilsners, Dr. Aufodniöek, Mitteilung. Dieser sah darin die Basis für eine Wiederaufnahme des Prozesses. Vor Gericht zitiert, schilderte ich als sachverständiger Zeuge die Umstände der Aussage des A. Kurze Zeit darauf bekam ich von Dr. Aufedniöek Bericht über die Recherchen nach den zwei anderen Zeugen. Der Bericht war überraschend: der eine war als Epileptiker in einem verblödeten Zustand gestorben; der andere befand sich in einem verblödeten Zustand in einer Irrenanstalt und war nicht vernehmungsfähig. Prof. Fischer setzt auseinander, welcher Wert den Aussagen dieser drei Zeugen im Hilsner-Prozeß beizumessen gewesen, wäre, falls ihre geistigen Veranlagungen dem Gericht damals bekannt gewesen wären, und schließt: „Längere Zeit hörte ich nichts mehr von der Angelegenheit: erst nach vielen Monaten teilte mir Dr. Aurcclnicek das überraschende Resultat seiner Bemühungen mit: er gelangte bei der Verfolgung der Wiederaufnahme des Prozesses bis zum Justizminister, der nach Vorlage des neuen Materials für die Wiederaufnahme gewesen sein soll. Es kam jedoch nicht dazu, Kaiser Franz Josef hat sich energisch gegen die Wiederaufnahme ausgesprochen mit der Begründung, er habe schon genug von dem Prozeß, der die Gemüter nur beunruhigt habe, dem Hilsner gehe es in der Strafanstalt ganz gut. jedenfalls besser, als es ihm in der Freiheit gegangen ist. So klang in Wirklichkc-it das Ritualmordmärchen von Polna aus!" Der Wellkongreß wieder verschoben t Die J. T. A. meldet aus New York: Die Leitung des _ „American. Jewish.. Congress" trat am 13. November zu einer Beratung zusammen, deren Ziel es war, eine Basis zwecks Schaffung eines gemeinsamen Aktions-Zentrums der amerikanischen Judenheit und der W,elt judenheit zu finden. Zunächst wurde beschlossen, daß die für April 1935 in Amerika angesetzten Wahlen von Delegierten zum Jüdischen Weltkongreß in Genf beschränkt werden sollen auf Wahlen von Delegierten zu einem erweiterten American Jewish Congress, der Delegierte zum Weltkongreß zu entsenden hätte. Am, zweiten Verhandlungstage änderte sich das Bild: Der Gedanke des Jüdischen Weltkongresses wurde faktisch aufgegeben und es" wurde beschlossen, in Verhandlungen einzutreten, deren Gegenstand die Bildung einer weltumspannenden jüdischen Organisation sein solle; die Organisation solle den Namen Rat Jüdischer Delegationen (Council of Jewish Delegations) tragen und die jüdischen Interessen beim Völkerbund vertreten. Die Besprechungen müssen bis zuni 1. Februar 1935 unter allen Umständen abgeschlossen sein. Die Wühlarbeit russischer Emigranten Aus Belgrad: Nach der Ermordung des Königs Alexander von Jugoslawien in Marseille brachte eine in Belgrad erscheinende Zeitung der reaktionären russischen Emigranten die Nachricht, die Juden, die geheime oberste zionistische Organis a t i o n, hätten den Mord begangen. Die serbische Zeitung „Varda", die in Skoplje (Uesküb), Südserbien, erscheint, verurteilt auf das heftigste eine solche antisemitische Wühlarbeit und führt aus: „In diesen historischen Tagen müssen alle Intrigen, Irrtümer und Narreteien über Bord geworfen werden. Wenn wir Serben Herr unserer Gefühle bleiben, dann gilt dies selbstverständlich auch für die in unserer Mitte lebenden Russen. Die Juden Jugoslawiens und die Juden der ganzen Welt hatten bereits vor 1918 in Serbien und in König Alexander große Freunde. Welches Interesse hätten die Juden daran, Jugoslawien zu zerstören, wenn es ihnen hier gut geht? Die jugoslawischen Juden weinen mit dem gesamten jugoslawischen Volke um König Alexander. Die Schreibweise des russischen Emigrantenblattes verdient schärfste Verurteilung. Dieses Blatt, hat sich selbst disqualifiziert." Hungernde Kinder Aus Warschau: Die Verelendung unter, den jüdischen Massen Warschaus steigt von Tag zu Tag. Die Leitungen der Schulen der jüdischen Gemeinde und die Talmud Thora teilen mit, daß oft unterernährte Kinder während des Unterrichts ohnmächtig werden. In das Magazin der jüdischen Armenbehörde brachen mehrere Kinder aus der Nachbarschaft ein und nahmen Kartoffeln an sich; sie erklärten, sie könnten es nicht mehr ansehen, wie ihre jüngeren Geschwister zu Hause verhungern. Der Verwalter des Magazins beschäftigte die Kinder auf ihr Verlangen beim Kohlentragen und gab jedem Kind als Belohnung einige Kilogramm Kartoffeln mit. KAMME RSAENGER RICHARD 1 in der musikalischen Fllmiomanze murin TAUBER JUe&esUed mit JOHANNA BAXTER WILLY EICHBERGER / PAUL QRAETZ / REGIE: PAUL LUDWIG STEIN Musik nach Motiven von FRANZ SCHUBERT Ein B-.I..P.-F11m der Klba APOLLO Telephon A.34-5-50 | Beginn: 3/»5, 7. 7,10 Uhr ^lllimi"'"""I"1t»nniinuMn.n.unun(>)iitlnil(,lilnin,-(^-tlu)t<fntf»lnMnM,,»,lnMUM[nH;il.iMl,r[,Jtrn: JUDENSTAATSPARTEI Mittwoch, am 21. November 193-1, um '«9Uhr Im Heime F, Werdertorgasse I I VERSAMMLUNG lieber aktuelle jüdische Fragen Diskussion Einleitendes Referat; Oberbaurat Robert Stricker Gäste willkommen! Judenslaatspartei' Oesterreichs Versummlungskalender Dienstag, den 20. November, x/,9 Uhr abends, Verein „Esra", XV., Schau zstraße IV r. 33. Thema: Judenstaatstmrtei und die Lage der Juden, Redner: Josef FränkeJ, Fritz Richter, Ober bäumt Ing. Robert Stricke r. M i 11 w o.c h, ri e 11 21. N o v e in b « r. y.9 U h t, abends, Judcnstaatshci m, I., W e r d e r t o rg a s s e M. Aktuelle jüdische Fragen, Diskussionen, einleitendem Referat Oberbaurut Robert Stricker. Donnerstag;, den 22. November, ^9 Uhr abends, .111 d e n s t a a t s Ii e i m. P r a t e r, II., K 1 e l n o Zufahrtsstraße Ißß (Haltestelle: Molkereistraßc). Thema: Juden In der Welt. Redner: Dr. Oskar Kose Ilfeld. Donnerstag, den 22. November, 8 Uhr abends, S t u d e n t e n k l u b, I., Werdertorgasse N r. 14. Thema: „Unser Arbeitsprogramm". Redner: cand. med. Samuel Gclmu nn und cand. med. Cb. I. W 11 dw. e.» 11. Der Judeiunörder Kicke befördert Aus Prag (J, T. A.): Der Leiter des Konzentrationslagers Dachau, der SS. E i c k e, ist zum Leiter aller Konzentrationslager Deutschlands ernannt! worden. Die in Saarbrücken erscheinende „Deutsche Freiheit" schreibt dazu: Eickes Stammlager Dachau ist das Lager, das die meisten Morde und die schlimmsten Mißhandlungen aufweisen kann. Ueber 50 Ermordete und deren Mörder können namentlich genannt werden! Ganz besonders grausam en masse mißhandelt wurde in Dachau die Judenkompagnie, die aus etwa 60 Juden bestand. Von politisch in Nürnberg und Fürth tätig gewesenen Juden wurden, zwölf verhaftet, davon wurden in Dachau neun ermordet. Im Läger Dachau sind heute immernoch 60 Juden, die dort seit eineinhalb Jahren schmachten. Seit ungefähr einem Jahre ist Eicke dazu übergangen, systematisch die durch ihre geistige und politisch© Schulung ihm als gefährlich erscheinenden Juden wegzuräumen. Begonnen hat diese Attacke mit dem Mord an dem Lagerarzt Dr. K a t z. Gleichzeitig mit Katz kamen, in „Arrest" der bekannte Rechtsanwalt Dr. Rosenfelder und Dr. S t i e b e l. Und dieser Arrest ist der „organisierte Mord" des Lagerkommandanten Eicke. In den vollständig dunklen Zellen, die gemauerte Betonsärge sind, werden die Gefangenen langsam zuTode gequält. Das Lager hat im März nur den Sarg von Stiebel ausgeliefert, Rosenfelder wurde im Lager verscharrt. Seit April 1933 war im Lager Dachau der Jude Erich Gans, Prokurist. Im April 1934 wurde er in den „Arrest" gebracht. Im Oktober 1934 bekamen die Eltern die Nachricht vom Tode ihres einzigen Sohnes, der in sieben Monate langer Dunkelhaft zu Tode gequält wurde. Eicke scheint es ein Vergnügen zu machen, seine Opfer erst noch ein paar Monate zu quälen, ehe er sie umbringt. Max Hans Kohn, ehemaliges Mitglied des Republikanischen Studentenbundes Erlangen, befindet sich seit März 1933 in Schutzhaft. Er ist derart mißhandelt worden, daß sein Rücken, von fingertiefen Narben übersät ist. Eines Tages bekam er den Befehl: „Laufschritt, marsch, marsch!" Er rannte, daraufhin wurde auf ihn geschossen. Der mit dem Mord beauftragte SS.-Mann traf Kohn nicht tödlich. Er brachte Kohn lediglich eine Ein- und Ausschußöffnung im Gesäß uud eine Wunde im Oberarm bei. „Deutsche Freiheit" schließt: „Hitler-Gegner! Lenkt die Aufmerksamkeit in aller Welt auf das Mordlager in> Dachau und auf den Massenmörder, Gruppenführer Eicke!" : Lcgitiniistlsche jüdische Frontkämpfer im „Eisernen King". Die Legitimistischen jüdischen Frontkämpfer im „Eisernen Ring" veranstalten am Dienstag, den 20. November, um 5 Uhr abends im S t a d 11 e m p e 1, Wien, I., Seitenstettengasse 4, anläßlich dos 22. Geburtstages Kaiser Ottos einen feierlichen Gottesdienst. Die Bezirksgruppen II und XXI veranstalten am 22. November um S.Uhr abends im Hotel „B.ayrisc h e r Ho f", II,, Taborstraße 39, eine große Werbev e r s a m m 1 u n g. Einlaß nur gegen Vorweisung der Einladung, welche in der Kanzlei, I., Parkring 4, Telephon R-27-7-57, erhältlich ist. Es sprechen: Bundeskulturrat Univ.-Prof. Hofrat Dr. Freiherr von Z e ß « e r, Fürsorgerat P r i s c h i n g, Kamerad Chefredakteur K a n d 1 und Kamerad Dr. Leo Fisch mann. „Haboneh", Bund zion. Ingenieure und Techniker, I., Hegelgasse 3. Mittwoch, den 21. d. M., um halb 9 Uhr abends, spricht Dr. S a 1. Wolf über das Thema: „17 Jahre nach der Balfour-Deklaration." Gäst» willkommen!