Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 414 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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».'414 DIE NEUE WELT Seite 5 Hoher Lohn sdhlägf eine Idee Von der Kwuzah — in die Stadt Von unserem Palästina- Korrespondenten. Der Streit um die kommunistische Sied- Imagsforra (Kwuzah) in Palästina wird im Zionismus seit fünfzehn Jahren geführt. Eine Klärung hat er nicht gebracht, wohl deshalb, weil er vorwiegend von der politischen Seite her geführt wurde. Die Verfechter der Kwuzah stellten sie als die einzig mögliche Form reinen und produktiven Lebens, als einzige Rettung vor schmutzigem Parasitentum hin, die Gegner als eine Brutstätte politischer und sozialer Zerstörungswut und sittlicher ZUgellosigkeit. Abseits von diesem Streit der Parteien vollzieht sich jetzt eine Entwicklung», welche die Entscheidung über das Schicksal der Kwuzah bald bringen wird: Abwanderung von der Kwuzah in die atadt! Man hat lange diese Bewegung, als rein augenblickliche, verschwiegen. Aber sie hat jetzt einen Umfang angenommen, welcher zur Stellungnahme zwingt. Im Jahre 1933 haben ungefähr 600 Personen die Kwuzoth verlassen und sind zur freien Arbeit in die Stadt gegangen. Das sind bei einem Gesamtstand von 3400 Bewohnern der Kwuzoth zirka 18 Prozent. Die Abwanderung hat sich unter Umständen vollzogen, welche ihr ganz besonders symptomatischen Charakter verleihen. Sie ist In einer Zeit erfolgt, da sich die Ökonomischen Bedingungen in der Kwuzah nicht verschlechtert, sondern verbessert haben. Von Beginn an war das Leben in der Kwuzah grausam hart. Krankheit, Hunger, ewiges Defizit waren die Begleitumstände und es bedurfte glühendsten Glaubens und opferfreudigster Hingabc junger, unverbrauchter Menschen, um da auszuharren, und es fanden sich solche junge jüdische Menschen. In der Zeit ärgster Not und härtester Arbeit gab es keine oder nur wenige Deserteure der Kwuzah. Jetzt hat sich zufolge des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwunges in Palästina, des ungeheuer gestiegenen Bedarfes an Produkten der Kwuzah, einer bis ins letzte Detail durchgearbeiteten Organisation des Produktions- und Verkaufsapparates, die Lage geändert. Das Leben in der Kwuzah ist leichter geworden, die Arbeit ist nicht mehr grausam hart, das Betriebsdefizit klein oder geschwunden. Wenn gerade in dieser Zeit die Abwanderung von der Kwuzah einsetzt, so bedeutet das einen Abbruch der Entwicklung. Im Jahre 1933 waren es 18 Prozent. Wieviel werden es im Jahre 1931 sein? Warum ist die Abwanderung erfolgt? Es bedarf keiner tiefsinnigen Betrachtungen sozialpolitischer und psychologischer Natur. Die Antwort ist kurz und einfach: Die Löhne der freien Arbeiter in der Stadt sind stark gestiegen und ermöglichen ein angenehmes Leben. Die Lohnsteigerung in der Stadt hat eine sehr beklagenswerte Verschiebung der Arbeit bewirkt. Alle Neuankömmlinge und viele lang ansässige landwirtschaftliche Arbeiter haben sich auf die Arbeit in der Stadt geworfen. Der Mangel an Arbeitern auf dem Lande ist fast unerträglich geworden. Nun gab es viele, die glaubten, daß die in Kwuzoth erzogenen „anderen" Menschen dem Drang zum leichteren Leben widerstehen werden. Die daran glaubten, sind nun enttäuscht und sprechen jetzt harte Worte gegen die Kwuzah. Aber zu Unrecht. Nicht die Menschen sind schuld, die mit den besten Vorsätzen in die Kwuzoth gingen und in schönem Idealismus ein entsagungsreiches Leben auf sich nahmen. Nicht diese Menschen haben versagt, sondern die Hoffnungen, die man auf den Kommunismus in Palästina gesetzt hat. Es hat sich erwiesen, daß jüdisches Leben in Palästina auf dieser Grundlage nicht ausgestaltet werden kann. Man muß eine andere Form suchen. Serbisch-Rumänisches Weinbaus II, Taborstraße 18, im Hotel National Alle ORIENTALISCHEN SPEZIALITÄTEN am Rost und SpieQ I PalästinaiWirfsdiaft „Palnews" meldet: Das Brauereiprojekt in Palästina wird realisiert Aus Tel-Awiw: Das seit längerer Zeit schwebende Projekt der Installierung einer Bierbrauerei in, dea Kellereien von ftischon-le-Ziou durch eine fr*nzösisch-jlidische Gruppe unter Führunng von Gaston Dreyfus (Paris) wird nunmehr zur Ausführung gebracht. Die Regierung hatte bisher der Errichtung einer Brauen! Hindernisse in den Weg gelegt. Das erste Projekt (Delfiner, Wien) scheiterte an der Weigerung der der Regierung, den Malzzoll, solange in Palästina kein Malz erzeugt wird, fallenzulassen. Delfiner, der bei Mikwe Israel bereits ein großes Gelände erworben, Pläne ausgearbeitet und Maschinen bestellt hatte, wollte LP. 80.000 in das Unternehmen investieren. Die Regierung behandelte die Angelegenheit sehr dilatorisch und schließlich negativ. Die Dreyfus-Gruppe versuchte von der Regierung die Zusicherung zu erhalten, daß die Abgabe auf Bier in Höhe von 5 Mils (X MU ~ 3 Groschen) per Liter und der B i e r z o 11 in Höhe von 20 Mils per Liter nicht abgeändert werden. Die Industriekommission beschloß aber, die Biersteuer von 5 auf 10 Mils zu e rhöhen. Seitens der Dreyfus-Gruppe wurde die Regierung gebeten, die Steuer wenigstens auf 8 Mils, wie in Syrien, au ermäßigen. Jetzt hat die Regierung nach Verhandlungen den Wünschen in der Zoll« und Steuerfrage entsprochen. Eine Bierbrauerei auch auf Zypern Aus Lanarka wird gemeldet: Eine Gesellschaft mit dem Sitz in Limassol wird nach eingehender Untersuchung der Wasserverhältnisse eine Bierbrauerei unter Leitung eines deutschen Fachmannes errichten, die ausschließlich cyprische Gerste verarbeiten soll. Gründung <ier Kabelfabrik i* Palästina Aua Haifa (Palnews): Unter der Firma „The Palestine Electric Wire Co. Ltd." wurde in Haifa eine Fabrik zur Herstellung isolierter Leitungen für elektrische Installationen und v e rwandter Artikel gegründet. Das Kapital der Gesellschaft beläuft sich auf LP. 25.0 0 0, die Leitung des Unternehmens liegt in den Händen der beiden aus Deutschland stammenden Ingenieure Dr. Ing. A. Broido und Dipl.-Ing, A. Rosenberg. KrÜffimng eluor Glasfabrik in Rlschon-Ie-Zion Aus Rischon-le-Zion: In Anwesenheit einer größeren Anzahl geladener Gäste, unter denen sich auch der polnische Konsul befand, fand am 2. November die Eröffnung der Glasfabrik „Gab iah" statt. Der Schmelzofen wurde zum erstenmal angeheizt. Die Fabrik beschäftigt vorläufig 14 Facharbeiter der Qlasfabrikation aus Polen. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter soll auf 40 bis 50 gebracht werden. Der Schmelzofen muß 14 Tage lang angeheizt werden, um auf die erforderliche Temperatur zu kommen. Das Produktionsprogramm umfaßt Flaschen, Petroleumlampen und Kunstgegenstände aus Glas. Inhaber des Unternehmens sind die Herren Schifmanowitz, Lapidus, Isersny und Goldberg. Der japanische Export nach Palästina steigt Aus Haifa: Der japanische Export nach Palästina zeigt eine immer steigende Tendenz. Er entwickelt sich wie folgt: Gesamtimport Palästinas 1932 . , . LP. 7,769.000 1933 . . . „ '11,123.000 1934 I.Quart. „ 3,322.000 Im Mai 1 934 hat sich der palästinensische Import japanischer Waren auf LP. 69.2 1 4 (5,09 Prozent der Gesamteinfuhr!) gesteigert. davon Import aus Japan LP. 176.000 „ 350.000 ,. 121.866 2,23 3,15 3,67 Mieder8a!on BETTY PEXA I, Oöttwalhergassa Telephon R-2J.S.27 (Ecke Spiegelgasse) Telephon R-21-S-27 Der Transitverkehr via Palästina Der Transitverkehr via Palästina betrug nach den Feststellungen der Regierung im Mai 1934 Pal.Pf. 21.803 gegenüber Pal. Pf. 14.470 im entsprechenden Vorjahrsmonat. Die Transitgüter gehen zum weitaus größten Teil nach Transjordanien (Pal. Pf. 17.587), in kleineren Mengen auch nach Syrien und Aegypten. Den Herkunftsländern nach handelt es sich vor allem um japanische (Pal. Pf. 5546), italienische (Pal. Pf. 3772), indische (Pal. Pf. 3098), englische (Pal. Pf. 2501), französische (Pal. Pf. 1914) und ägyptische (Pal. Pf. 1296) Waren, der Warengattung nach um Lebensmittel (aus Norwegen und Indien) und Fertigwaren (aus Japan, England und Frankreich)• Keine jüdischen Arbeiter bei öffentlichen Bauten in Palästina Aus Jerusalem (J. T. A.l: Die Arbeitertageszeitung „Dawar" weist darauf hin, daß bei der Aufführung von Regierungsbauten jüdische Arbeiter systematisch ferngehalten werden; auch die qualifizierten jüdischen Arbeiter erhalten dort keine Beschäftigung. Beim Bau des staatlichen Seminars für arabische Lehrer, das mit einem Kostenaufwand von pal. Pf. 25.000 errichtet wurde, wurde kein einziger jüdischer Arbeiter beschäftigt. Die Regierung erlaubt den arabischen Bauunternehmern, aus Aegypten qualifizierte arabische Arbeiter heranzubringen, obwohl es genug jüdische Arbeiter gibt, die die erforderlichen Arbeiten bestens ausführen könnten. Das moderne praktische Lehrbuch zum Selbstunterricht Lerne Hebräisch von BEN-CH AVIV irKhelnll Das beste Lehrbuch aller Zeiten! Die ersten 1000 Worte fiir's tägliche Leben, praktische Grammatik, kein Vokabelbüffeln, kein Kopfzerbrechen, m ühelos, spi elend leicht! Verlag Jos, Schlesinger, Wien, I., Seltenstttteng. 5 25. Schuljahr Tel. U-46-4-3? Neues Wiener Konservatorium Musikvereintgebäude, I, Bösendorlerstraße 12 Unterricht in Ge.santr. Klavier und allen Orrhesterinstrumenten von clt-n ersten Anfängen bis zur künstlerischen Ausbildung. BiRene K i n A e r a b t e i l u n g. Anmeldungen und Aufnahmsprüfuiigen täglich vor- und nachmittags a u s .« c h l i c ßl i c h im Älusikvercinsgebaude. Efnfgungsverhandlungen mit Misradii und Judenstaatspartei Aus »1 e rusalc m: Die Einigungsverhandlungeu zwischen Zionistischer Exekutive einerseits und Mi 8 rächi und Judcnstaatspartci andererseits, durch welche die innerziontattechc Befriedung herbeigeführt werden soll, linden nicht, wie ursprüngTTc* geplant, in London, sondern in J c rusalc m statt. Die Verhandlungen werden noch im Monat November aufgenommen. Mit Bomben gegen die Juden Aus VV arscha« wird gemeldet: Aus Anlaß des dritten Todestages des bei einem Uebcrfall auf Juden getöteten antisemitischen Studenten Wacla w s k i kam es in Wilna, Warschau, Lemberg und Krakau zu Ausschreitungen. Nach dem Gedonkgbttcsdicnst für Wuclawski in einer Warschauer Kirche begannen die antisemitischen Studenten gegen die Juden in den Straßen zu demonstrieren, wobei zehn Studenten verhaftet wurden. In Lemberg wurde gegen das Lokal des Brith Tiumpeldor in der Chopinstraße 5 eine Petarde geworfen, dio explodierte und das Lokal verwüstete. Die Petarde, war in eine Ausgabe des antisemitischen „Kurjcr Lwowski" eingewickelt. Nicht allein das Lokal, sondern auch mehrere Wohnungen in dem gleichen Hause wurden vollkommen zerstört, so daß das Haus baufällig geworden ist. Es war ein Glück, daß das Lokal zur Zeit des Attentats menschenleer war, sonst hätte mau gewiß Tote zu beklagen. Die Explosion war so heftig, daß auch in mehreren Nachbarhäusern in der Chopinstraße die Fensterscheiben in Trümmer gingen. Die antisemitische polnische Presse versucht, das Attentat an! i n n c rjüdische Zwistigkeitcn zurückzuführen, doch zweifeln die Behörden selbst nicht daran, daß die verbrecherische Tat im Zusammenhang mit dem Waclawski- Gedenktag steht. In Warschau wurden die Zeitungen „Hajnt" und „Moment", die Meldungen über das A 11 e ntat in Lemberg brachten, beschlagnahmt. Der Prozeß um die „Protokolle" in Bern Aus Bern (J. T. A): Der Gerichtspräsident W. Meyer hat den von den Angeklagten im Prozeß um die ,.Protokolle der Weisen von Zion" bezeichneten Experten Oberstleutnant a. D. Ulrich Fleischhauer nach dessen Mitteilung, daß er bereit ist, das Mandat anzunehmen, als dritten — von den Angeklagten geführten — Experten akzeptiert. Der Gerichtspräsident hat dem Experten die zu beantwortenden Fragen zugestellt und ihm eine am 15. Dezember dieses Jahres ablaufende Frist zu deren schriftlich begründeter Beantwortung eingeräumt. Auf den weiteren. Antrag der Angeklagten, einen gewissen Major a. D. W. Henning in Berlin als besonderen Experten für die Freimaurerfrage zuzulassen, ist. der Gerichtspräsident nicht eingegangen. Die Internationale Konferenz für Oeutsdsland; Boykott Aus London: Die Internationale Konferenz für Boykott Hitler-Deutschlands beginnt am 26. November in London. Sie wird von sehr vielen — hauptsächlich nichtjüdischen — Boykottorganisationen verschiedener europäischer und Ueberseeländer beschickt sein. Die jüdischen Organisationen, die auf der Boykottkonferenz vertreten sein werden, werden am 24. November mit ihrer Sonderberatung beginnen. Chacham Dr. Moritz Gaster (London) wird die Eröffnungsansprache halten, Präsident wird Samuel U nterniye r (New York) sein. Kanada verfolgt Rassenverleumdung Aus Montreal (J. T. A.): In Wiiniipeg wurde am 8. November ein Gerichtsverfahren eröffnet, in dem, anscheinend zum erstenmal im Gebiet des britischen Weltreiches, die Aktivlegitimation von einzelnen oder Persohengruppen zur Klage wegen V e rleumdung der jüdischen Glaubens- und Rassengemeinschaf t in Anspruch genommen wurde. Der Oberste Richter des Winnipeger Gerichts hat gegen den kanadischen Nationalisten und Herausgeber einer antisemitischen Zeitung William Whittaker eine einstweilige Verfügung erlassen, durch die ihm verboten wird, Verleumdungen gegen die Juden zu voröffentlichen. Die Klage wurde vom kanadisch-jüdischen Kongreß auf Grund eines neuen' Gesetzes erhoben, das Einzelpersonen das Recht gibt, für Veröffentlichung von Verleumdungen gegen die Rasse oder den Glauben, dem sie angehören, Entschädigun g zu verlangen. Die Verhandlung in diesem Prozeß wird im Monat Dezember stattfinden. Winnipeg ist Hauptstadt des Staates Manitoba, dessen Parlament im April d. J. einstimmig eine Novelle zum Gesetz gegen Verleumdung angenommen hat, durch die. jedem Angehörigen einer Rasse oder eines Glaubens das Recht gegeben wird, eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung und Verbreitung von V e r 1 e u m d u n g e n zu verlangen, die gegen .seine Rasse oder gegen seinen Glauben gerichtet sind. Der unmittelbare Anlaß für diesen Beschluß war der Wunsch, der antisemitischen Propaganda in Manitoba entgegenzutreten und insbesondere die Verbreitung der sogenannten „Protokolle der Weisen von Z i o n" zu verhindern. Manitoba ist der erste kanadische Bundesstaat, in dem ein solches Gesetz in Kraft ist; der kanadischjüdische Kongreß ist bemüht, die Annahme entsprechender Gesetzesbestimmungen auch in den übrige n k a n a d 1sehen Provinzialstauten zu veranlassen.