Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 414 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 414 DIE NEUE WELT Seite 3 fllf Judenmörder wieder in Ami und Würden Das Tschechoslowakische Pressebüro meldet aus Bsrlin: Die elf SS.-Männer, die seinerzeit im Zusammenhange mit den Ereignissen des 30. Juni d. J. in Hirschberg (Schlesien) vier angesehene jüdische Einwohner verhaftet, im Automobil fortgeführt und dann erschossen haben, sind wieder in ihre Stellung und Würde eingesetzt worden. Die vier Erschossenen, ein Rechtsanwalt Dr. F o r s t e r, ferner ein Zahnarzt Doktor Zweig und seine Frau und der Kaufmann C h a r i g sollten, wie seinerzeit auch die Schweizer Blätter ausführlich berichteten, mit einem Auto nach Görlitz gebracht werden. Unterwegs hielt das Auto plötzlich an und von den SS.-Männern wurde den Unglücklichen fohlen, auszusteigen, worauf sie angeblich einen Bedtn, fceMuUmUojk ... Ein Reisebild Von M. J. Nürnberger In keiner Gegend Berlins spürt man die Wandlung, die hier letztens erfolgt ist, so stark; nirgends sieht man so sehr „in die Augen, springend" den Berliner Verfall wie im jüdischen Ghetto. In keiner Gasse Berlins hat sich nach der „nationalsozialistischen Revolution" das Gesicht der Stadt so verändert wie in der Grenadierstraße und in den Gäßchen, die zu dem jüdischen Viertel gehören. Wieder einmal stehe ich in der Grenadierstraße. Vor ein paar Jahren schien es hier den Juden, als wäre für sie die schwerste Zeit gekommen. Die Krise war so groß, daß viele darangingen, sich anderswo eine Existenz zu gründen. Nichts destoweniger war von einem wirtschaftlichen Zusammenbruch nicht viel zu sehen. Jetzt aber springt die Katastrophe, von der die Juden der Grenadierstraße betroffen wurden, in die Augen... Die Mehrzahl der Geschäftsläden ist nicht mehr da — die Eigentümer sind nämlich weggezogen. Der brutale Naziboykott und die täglichen Bedrohungen haben das Weiterbleiben unmöglich gemacht. Von der Armut und Hoffnungslosigkeit der Zurückgebliebenen kann man sich keine Vorstellung machen. Die Tragödie der Juden rings um die Grenadierstraße, hauptsächlich Ostjuden, besteht aber hauptsächlich darin, daß sie nicht wissen, wohin sie sich wenden, wohin sie übersiedeln sollen. Denn überall in den soge- „Fluchtversuc h" machten und niedergeschossen wurden. Die Schußwunden der Erschossenen zeigten aber, daß die Schüsse von vorn gekommen waren. Vorüberfahrende andere Automobilisten verständigten die Polizei von Hirschberg, die zunächst nichts unternahm. Erst später griff der dortige Staatsnnwalt Sc h äffer ein, was ihm so viele Drohungen eintrug, daß er eine Zeitlang ständig von zwei Polizeibeamten geschützt werden mußte. Immerhin wurden damals die elf an der Entführung beteiligten SS.-Männcr verhaftet, aber nach etwa sechs Wochen wieder freigelassen. Nunmehr sind sie Uberhaupt in ihren vollen Rang wieder eingesetzt worden. nannten „jüdischen Vierteln" sitzen jetzt die blutrünstigen Nazis. Aus der „Dragonerstraße" hat man die Juden sozusagen vertrieben. Auf allen Häusern, auch auf jüdischen, hängen Hakenkreuzfahnen — tagaus, tagein, d. h. auch an Tagen, wo nicht gerade ein Fest oder eine Parade stattfindet, , die Juden bedrohend und provozierend ... An allen Wänden und Planken kleben die blutrünstigen hakenkreuzlerischen Parolen, darunter das beliebteste „Jude, verrecke!" Alle jüdischen Häuser sind beschmiert und besudelt; niemand wagt es, die häßlichen Zetteln abzureißen... Die gemeinsten Texte findet man beim Eingang in das „Chassidim-Stübel", das von früher her erhalten geblieben ist. Das Stübel war, als ich es betrat, zum Bersten voll, junge Leute, Galizianer und Berliner, waren in dieser ostjüdischen „Klojs"... Es waren gerade die Slichot-Tage, die Zeit vor Rosch Has"chana, junge Leute, auch in Berlin geborene, standen da und beteten, beugten sich zusammen mit den Alten, wenn sie ihr „Hör' unsere Stimme" (Sch'ma Kolenu) sagten... Man bekam den Eindruck, daß diese Jungen keine Berliner seien, sondern chassidische Jünglinge aus einem galizischen Städtchen ... Dieses Beisammensein, dieser Zusammenschluß in Gebet und Leid, ist charakteristisch für die Stimmung, in der sich die Juden der „Grenadierstraße" seit Beginn de3 Naziregimes befinden. Sie sind pessimistisch in bezug auf ihre nächste Zukunft. Die meisten sind der Meinung, daß von einem. baldigen Zusammenbruch des Hakenkreuzlertums nicht die Rede sein kann. Zu stark hat es sich im Boden verwurzelt. Der Berliner Jude, nicht gerade der Judenstaatspartei Oesterreichs Versammlungskalender Samstag, den 17. Novejaber, l/,9 Uhr abenda, im Heim, P r a t e r, II., Kleine Zufahrtstraße Nr. 166 (bei Straßenbahnhaltestelle Molkerei). Thema: Judenstaat und Judennot; Redner: Dr. Salomon Wolf, Theodor Grubner. Dienstag, den 20. November, % 9 Uhr abends, Verein Esra, XV., Schanzstraße 32. Thema: Judenstaatspartei und die Lage der Juden. Redner: Josef Fränkel, Oberbaurat Ing. Robert Stricker. Mittwoch,- den 21. November, l/2 9 Uhr abends, Judenstaatsheim, I., Werdertorgasse 14. Thema: Die Frau und der Judenstaat. Redner: Frau Ing. Margit Buchbinder. Donnerstag, den 22. November, %9 Uhr abends, im Heim, P r a t e r, II., Kleine Zufahrtstraße 166 (bei Straßenbahnhaltestelle Molkerei), Sektionsversammlung. Donnerstag, den 23. November, 14 9 Uhr abends, Judenstaatsheim, I., Werdertorgasse 14. Hochschülerversammlung. Wi ■■■■M——HIHHBIHIIIIIIIIMIIW UHIIIII IIB i Hl | diese außer vpn dem guten Willen Englands auch von der Herstellung der Voraussetzungen für ein friedliches Zusam m e n 1 e b e n von Juden und Arabern abhängig ist. Die bisherigen Erfolge der Juden in Palästina werden als „grandios" und der Wille des jüdischen Volkes, sein Nationalheim in Palästina wieder aufzubauen, als eine einzigartige Erscheinung in der Geschichte bezeichnet. Ein Jude französischer Minister Aus Paris: Dem von Flandin gebildeten neuen französischen Kabinett gehört Georges Mandel als Postminister, an. Mandel, der im 50. Lebensjahr steht, ist Jude. Seit 1919 vertritt er die Gironde im französischen Parlament, seit 1932 ist er Vorsizender der Unabhängigen Gruppe in der Kammer. Im einstigen Kabinett C16menceau, dessen intimer Freund und Vertrauter er war, fungierte Georges Mandel als Chef des Ministerrats-Büros. Griechenland ehrt seine jüdischen Kriegsgefallenen Aus Saloniki: Der griechische Nationalistenverband in Athen wird, wie sein soeben in Saloniki eingetroffener Führer Rizopaulos erklärt, in Saloniki einen Denkstein zur Erinnerung an die im Weltkrieg auf der Seite Griechenlands gefallenen Juden errichten. Der Denkstein werde an Bo*d des Kreuzers „E1 Iis", der vom Marineminister eigens zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt worden sei, nach Saloniki gebracht werden. Ostjjude, weiß, wie schwer die festgefügte hitleristische Organisation erschüttert werden kann. Als ich das Viertel rings um die Grenadierstraße verließ, war mir weh zu Mute. Das veränderte Aussehen dieser Gegend erschien mir als Symbol des deutschen Judentums an sich — als Symbol der Katastrophe, die physisch und seelisch über die deutschen Juden hereingebrochen ist. Jud&t auf dec Insel SadudUt Nach dem russisch-japanischen Krieg im Jahre 1904 wurde die Insel Sachalin in zwei Hälften gesondert: Der südliche Teil wurde den Japanern zugeteilt, der nördliche blieb den Russen. Während des Bürgerkriegs in Sowjetrußland okkupierten die Japaner auch die zweite Hälfte der ostasiatischen Insel, um sie allerdings später wieder aufzugeben. Das heutige Sachalin beherbergt einige hundert Juden. Davon befindet sich der größte Teil in der Hauptstadt Alexandrowsk. Auch in dem neuausgebauten Naphtha-Zentrum Ocha, in dem Gebiet der Kohlengruben Megatsch und in anderen Gegenden gibt es vereinzelt jüdische Familien. Ferner befinden sich unter den einst von der russischen Regierung nach Sachalin „Verschickten" eine Anzahl Juden, welche sich nach Verbüßung ihrer Strafen zusammengeschlossen und die jüdische Kolonie in Nikolajewsk am Amur (Sibirien) geschaffen haben. Die alten Veteranen der Sachaliner Katorga (Gefängnis für Verbannte) mit ihren Kindern und Enkeln befanden sich in Nikolajewsk in verhältnismäßig guter wirtschaftlicher Lage. Es waren dies Menschen mit eiserner Konstitution, darunter auch solche, welche mehr als 80 Jahre alt wurden. Faaiilien mit 20 bj» iQ Köpf«« Der iwdi'sdie Weltkongreß — Sommer 1935 Die J. T. A. meldet: Auf einer in Warschau abgehaltenen Pressekonferenz erklärte Israel Jeffroykin (Paris), Mitglied des Comite* des D<§16gations Juives und des Ausschusses für den Jüdischen Weltkongreß: Der Jüdische Weltkongreß wird ganz bestimmt im Sommer 1935 zusammentreten. Der Beschluß ist ein endgültiger, unabhängig davon, wie viele und welohe Organisationen und Parteien ihn beschicken werden. Mag es noch Jahre dauern, bis eine vollkommene jüdische Repräsentanz geschaffen sein wird, eine jüdische Tribüne muß schon heute sein. In Nordamerika werden sich gewiß nicht weniger als eine halbe Million Juden an den am 28. April stattfindenden Wahlen zum Kongreß beteiligen. Die Opposition seitens der amerikanischen Zionisten wurde aufgegeben. Wichtige Teile der amerikanisch-jüdischen Arbeiterbewegung beteiligen sich an den Wahlen. Die jüdischen Gewerkschaften haben nicht offiziell Stellung zum Kongreß genommen, sind ihm aber nicht gegnerisch gesinnt. Die Judenschaf ten in a 11 e n Ländern Südamerikas stützen die Kongreß-Idee. In Frankreich sind außer den eingewanderten osteuropäischen Juden auch die autochthonen französischen Juden in einem großen Maße für den Kongreß. Wenn auch Alliance. Israelite und Cons i s t o i r e keine offizielle Stellung eingenommen haben, sind sie der Kongreß-Idee freundlich gesinnt. In Frankreich haben sich bereits 1 0.0 00 Juden als Wähler registrieren lassen. Aehnlich ist die Lage in England. Eoard of Deputies hat offiziell zur Kongreß-Idee keine Stellung genommen, aber ein bedeutender Teil des Board ist dem Plan durchaus freundlich gesinnt, vielleicht schon eine Mehrheit. Günstig stehen die Dinge in Italien, wo der Verband der jüdischen Gemeinden aktiv den Kongreßplan unterstützt. Das gleiche gilt für Bulgarien und überhaupt für das südeuropäische Judentum und für die sephardischen Gemeinden und Organisationen in Europa und Südafrika. In Deutschland und in der Türkei ist leider eine Werbearbeit für den Kongreß nicht möglich; diese Judentümer werden auf dem Kongreß nicht vertreten sein. Schwierig ist die Werbearbeit in Polen infolge der Differenziertheit des jüdischen öffentlichen Lebens in diesem Lande. Die Schwierigkeiten mit den Revisionisten sind in der Hauptsache beseitigt. Kommunisten kommen selbstverständlich nicht in Betracht; auch nicht der „Bund", der im Prinzip gegen allgemein jüdische Losungen ist. Kompliziert ist die Stellung der orthodoxen Agudas Jisroel, doch ist deren Beteiligung durchaus nicht ausgeschlossen. Das Organisationskomitee geht in seinen Zugeständnissen bis zum Maximalpunkt. Jeffroykin besprach die Aufgaben des Weltkongresses, die nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche (Emigration, Kolonisation) sind. Ein ideologisches Programm hat der Kongreß im großen ganzen nicht, seine Ziele sind rein praktische. Ein jüdischer sozialer Fonds als sein Finanzinstrument soll geschaffen werden. Der Kongreß wird der Ausdruck aktiver Zugehörigkeit zum jüdischen Volk sein. Auf eine Bedingung werden wir nicht eingehen: Den Kongreß nicht einzuberufen. Der Erste Jüdische Weltkongreß muß im Sommer 1935 stattfinden. * Anmerkung der Red.: Die Bemerkung bezüglich der Teilnahme der allgemeinen Zionisten Amerikas am Weltkongreß bedarf einer Korrektur. Vor wenigen Tagen hat sich ihr Führer L i p s k y auf der Parteiratssitzung in Baltimore gegen den Kongreß ausgesprochen, unbekümmert um einen vor einigen Monaten gefaßten zustimmenden Beschluß des Delegiertentages. Optimismuß bezüglich, der Haltung der Pariser „Alliance" und des Londoner „Board" scheint nicht ganz begründet. Zu begrüßen ist der Beschluß, den Kongreß unter allen Umständen abzuhalten. Aber es ist besser, wenn man die zu erwartenden Widerstände im Auge behält und nicht über sie hinweg sieht. Aus Italien Anläßlich der Feierlichkeiten zum Andenken an den Sieg Italiens im Weltkrieg wurde Ing. Arturo de M i n e r b i, Mitglied des Direktoriums des „Verbandes italienischer Kriegshelden", mit dem Kommandeur-Kreuz des Ordens der italienischen Krone ausgezeichnet. Ing. Arturo de Minerbi ist stellvertretender Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung Rom und Vorsitzender des Hebraisten-Kulturkreises. * In Turin wurde vor kurzem der großartige Bau des neuen Regierungspalastes, der ein Wahrzeichen der ehemaligen Hauptstadt des gegenwätigen italienischen Herrschergeschlechtes, der Dynastie Savoyen, sein soll, fertiggestellt. Das für den Regierungspalast bestimmte große Porträt König Viktor Emanuels wurde von dem jüdi.schen Maler Ercole Olivetti ausgeführt. * Der hervorragende jüdische Volkswirtschaftler Prof. Gustavo del V e c c h i o ist zum Rektor der Handelsakademie in Mailand ernannt worden. Prof. del Vecchio redigiert die statistischen und volkswirtschaftlichen Teile der neuen großen italienischen Enzyklopädie und ist auch italienischer Experte für Finanzfragen beim Völkerbund. (J. T. A.) Italienische Stimme zum Judenstaat Aus Rom: Unter der Ueberschrift „Die letzte Rettung des jüdischen Volkes. Wird es dem Zionismus gelingen, einen Juden Staat aufzubauen?" veröffentlicht die große römische Zeitung „II M e s s a ggero" den ersten Artikel des von ihr vor kurzem als Sonderberichterstatter nach Palästina entsandten bekannten Publizisten Mario Abbondanza. Der Verfasser behandelt mit großer Objektivität und offenkundiger Sympathie die Fortschritte des jüdischen Aufbauwerkes und untersucht die Gründe der in Palästina herrschenden Prosperity. Nach einer eingehenden Prüfung der Möglichkeiten für die Verwirklichung des zionistischen Endzieles kommt der Verfasser zu dem Schluß, daß §dhon nächsten Dienstag den 20. November, beginnen die Ziehungen der Klassenlotterie. Die „Glückstelle Stein" hat vor kurzem in der Taborstraße Nr. 20 eine Filiale eröffnet. Besorgen Sie sich umgehendst Ihr Glücks- Klassenlos bei der „.Glückstelle Stein" Wien, I, Wipplingerstraße 21, an der „Hohen Brücke", oder in deren Filialen: II., Taborstraße 20; VI., Mariahilf erstraße 105; X., Favoritenstraße 101.