Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 412 (9.11.1934)
- Date
- 1934-11-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4t2 DIE NEUE WELT Seite 5 Neue ermaßigte Tarife för Touristenreisen nach NORDAMERIKA ZENTRAL« AMERIKA¬ PAZIFIK SÜDAMERIKA SÜDAFRIKA AUSTRALIEN „ITALIA-COSULICM" Wien I, Kärntnerring 6 gungen, noch die den deutschen Juden bekundete jüdische Solidarität und die zahlreichen Beweise eines gemeinsamen jüdischen Schicksals, noch auch die große Leistung des jüdischen Palästina für die Emigranten konnte ihn dahin bringen, die in die Augen springende jüdische Schicksalsgemeinschaft anzuerkennen. Mit einer Hartnäckigkeit, die bei Menschen so hohen intellektuellen Niveaus unverständlich ist, Versucht er, die vom Hakenkreuz zerrissenen Bande zwischen Juden und Deutschen neu zu knüpfen. Er will nicht den Tatsachen ins Auge sehen; ja, er will den Nationalsozialisten sagen, daß das Judentum in Deutschland nichts zu tun habe mit den Juden außerhalb Deutschlands. „Was in der Welt von Juden für deuteche Juden getan wurde", ruft er aus, „beschränkt sich auf eine Verteidigung der jüdischen Religion, der jüdischen Abstammung und auf materielle Hilfe für die Notleidenden. Das ist weit entfernt von einer jüdischen Internationale. Politische Aktionen hat es in der Welt von Jaden nicht gegeben. Der Versuch eines Jüdischen Weltkongresses, den wir ablehnen, besagt demgegenüber nichts. Die Juden in der ganzen Welt haben die Vorgänge in Deutschiana als ein Ereignis angesehen, zu dem sie nicht wegen der d e u t s c h e n Juden, sondern weil ihre eigenen Interessen, ihre eigene bürgerliche Freiheit und Gleichberechtigung auf dem Spiele gestanden haben, Stellung nahmen. Das seelische Erleben, das wir hinter uns haben, ist furchtbar gewesen. Die Ausgüederang der deutschen Juden aus den v e rschiedenston Gebieten des Lebens geschah schnell und plötzlich. Aber niemals erkennt der Mensch tiefer die Werte, die in Religion und Abstammung leben, als wenn unglückliches Erleben ihn zum rückwärts gerichteten Blick nötigt. So ist unsere Gemeinschaft seelisch vertiefter und geistig einheitlicher geworden. Wir haben niemals vergessen, daß eine Gemeinschaft von fast 500.000 Menschen leben will und leben muß, und daß es unsere Aufgabe ist, ein erträgliches Dasein für die deutschen Juden zu schaffen. W i r klagen nicht. Wir sind in unserer übergroßen Mehrheit davon überzeugt, daß die Lösung der deutschen Judenfrage in Deutschland gesucht und nur in Deutschland gefunden werden kann. Wir äaben die Hoffnung, daß es möglich sein wird, e i n Leben in Würde und Ehre unter wirtschaftlich tragbaren Verhältnissen zu schaffen . . . Zusammengebrochen ist die Emanzipation in Deutschland nur wegen des Rassenprinzips. Heute geht der wirkliche Gegensatz im deutschen Judentum nicht mehr zwischen Zionisten und Niohtzionisten, sondern zwischen denen, die für die Emanzipation eintreten und die nloht dafür eintreten. Wir wollen jede Dissimilation vermieden haben. Wo das Gesetz sie uns aufzwingt, nehmen wir sie hin. Aber von uns aus können wir sie nicht unterstützen. Wir sehen uns als Glieder der Kette, dir unzerreißbar itit . . ' Ein Leben in Würde und Ehre? Gewiß ist es höhere Bestimmung, ein solches Leben zu führen. Aber es läßt sich nicht durch Phrasen, Vertuschen, Unterstellungen, ja Denunziationen erzwingen. In Würde und Ehre kann der Jude nur als stolzer, nationalbowußter Mensch leben, nicht als einer, der jede D i s s i m i 1 a t io n vermieden haben will. . . . Verein zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl". Samstag, den 10. November, findet um * Uhr abends in unserem Heime, II., Krummbaumgasse 10, ein Vortrag des Herrn Oberbaurat Robert Stricker Über das Thema: „Aktuelle jüdische und zionistische Fragen" statt. HochschUlei: als Gäste herzlich willkommen! Neuer Miedersdinitf Die allerletzte Linie der Frogoli-Kombination (mit neuem Magenaneatz) verbirgt — ohne Zuhilfenahme von Fischbein und Blanchetten — eine zu starke Büste, beziehungsweise formt und verkleinert sie; der Busen sehwacher Damen dagegen wird zu schöner Form gebracht. Die Form ihres Körpers kann sich übrigens jede Dame durch Schnüren selbst gestalten. Auch die Entfettungsmieder haben ihre eigene Note durch Frau Pexa erhalten. Eine Spezialität ihres Salons sind Sportgürtel Und nach Maß gearbeitete Wäsche. M'edersalon BETTY P E X A I, GöHwelheraaasa I lücke Spiegelga*se) Telephon R-21-8-27 Telephon R-21-8-27 Wird Frankreich anlisemftisdi I Eine Befrachtung von J. Hantesky (Paris) Halten wir vor einem Antisemitismus in Frankreich? Das ist eine peinliche Frage. Wir glaubten, sie niemals stellen zu müssen, da doch das Land, d. h. alle Schichten vom Arbeiter bis zum hohen Staatsbeamten, den verfolgten »luden aus Deutschland breit die Tore geöffnet haben! Aber die Krise ist groß. Die Arbeitslosigkeit wüchst. Die Politik hat sieh verknäalt. Und die hitjeristische Propaganda wirkt . . . Kürzlich gab es in Paris eine große Versammlung wegen der Gefahr des wachsenden Antisemitismus in Frankreich, und diese Tatsache ist ein trauriger Beweis. Manche werden sagen, daß eine unnütze Panik erzeugt wird, aber die Vogel-Sirauß-Poltik hat schon lange bankrottiert. Man muß klar sehen. Ob Hitler in Paris seine Leute hat? Zweifellos. Es gibt hier unter der Führung eines gewissen Coston eine Gruppe „Francisten", die eine Zeitschrift „La Li b r e Parole" herausgeben, welche sich in der Hauptsache gegen das Judentum wendet. Wie die monarchistische „Action Francaise" nachgewiesen hat, bekommen die Francisten Geld aus Deutschland. Coston selbst, der Führer der Antisemiten, war eine Zeitlang bei den Nazis in der Lehre. Er gab eine Zeitschrift Ui 50.000 Exemplaren heraus, welche zum größten Teil verschenkt wurde. Woher er das Geld bekam, ist sogar in Rechtskreisen kein Geheimnis. Im Oktober hätten die Nazi- FrancJsten eine täglich erscheinende antisemitische Zeitung herausgeben sollen, aber der Druckereibesitzer lehnte den Druck solch einer Zeitung ab. Sie wird nichtsdestoweniger in den nächsten Tagen erscheinen, und zwar in einer Auflage von täglich 50.000 Exemplaren, und wahrscheinlich gratis verteilt werden. Die J%o° s*92jo°S^ ^3JSP- ~&^m$M t^mr antisemitische Gruppe besteht, aus rund 300 Personen, die dem Herrn Goebbels sehr viel Geld kosten. Man rechnet, daß die Zeitungspropaganda 500.000 Frcs. monatlich kosten wird. Aber es kommen die politischen antisemitischen Gruppen hinzu, welche wohl eine Kraft darstellen. Zu allernächst die „S o 1 i d a r i 16 Franc ais e", die vom verstorbenen ParfUmfabrikanten Coty rings um sein Blatt „Ami du peuple" geschaffen wurde. Tatsache ist, daß die ersten Sturmtruppen dieser Gruppe aus rund 300 Menschen bestanden, die täglich je 30 Frcs. bekamen. Heute sind sie auf 100.000 Menschen angewachsen, von denen sich die Hälfte offen zum Antisemitismus bekennt. Diesen hat sich die ,.Jeunesse Patriote" angeschlossen und hat mit anderen Kreisen zusammen die „Nationale Front" gebildet. Der Führer der „Jeuncsse Patriote", der Direktor des „Echo de Paris", ist Pariser, Abgeordneter vom Hallenviertel, wo viele jüdische Wähler wohnen. Das letztemai veröffentlichte er ein Wahlplakat in jiddischer Sprache, Jetzt erklärt er öffentlich, daß seine „Jeunesse Patriote" nicht antisemitisch sei. Tatsächlich hat diese Gruppe auch jüdische Mitglieder. Aber die Tatsache, daß sie sich der antisemitischen „Solidarite" angeschlossen hat, ist ein Beweis für die Absicht, sich der antisemitischen Richtung einzugliedern. * Die „Action Frangais e" ist eine alte, weitverzweigte politische Partei, die ungefähr 60.000 „Camelots" (Agitatoren der Straße) besitzt. Ihr Einfluß erstreckt sich auf die intellektuellen Kreise, auf Aerzte, Advokaten, Ingenieure. Sie wünscht einen Monarchen, der den Einfluß hat, wie ihn einst die großen französischen Köinige besaßen. Leon Daudet, der Führer der „Action', macht einen Unterschied zwischen „guten" Das moderne praktische Lehrbuch zum Selbstunterricht Lerne Hebräisch von BIN-CHAVIV fi*F erscheint! Das beste Lehrbuch aller Zeiten! Die ersten 1000 Worte für's tägliche Leben, praktische Grammatik, kein Vokabelbüffeln, kein Kopfzerbrechen, m ühelos, spielend leichti Verlag Jos. Schlesinger, Wien, I., SeUanttettewg. S und „schlechten" Juden, eine klassische Einteilung seitens der Antisemiten: die für die „Action" geldgebenden. Juden sind die guten, die anderen — die schlechten. Das 3ind die aktiven Grundlagen des Antisemitismus in Frankreich: Die an Zahl unbedeutenden „Francisten", die „Solidarite Frangaise", die „Jeunesse Patriote" und die „Action Frangaise", Gruppen, die zusammen einen Stand von 200.000 Personen auf eine Bevölkerung von 40 Millionen ausmachen. Aber es gibt vielleicht noch andere! Der Hitlerismus hat auch in den intellektuellen Kreisen die Idee, daß die Juden eine besondere Rasse darstellen, wachgerufen oder befestigt. Für die eingewanderten ist das kein Problem. Aber für all die alt» eingesessenen französischen Juden, die tiefverwurzelt sind in der französischen Politik, Wissenchaft, Philosophie und Literatur, bedeutet, solch eine Theorie einen schweren Schlag. Man beginnt zu unterscheid e n. Es machen sich Unterscheidungen geltend, die dem Antisemitismus den Weg bahnen, und zwar in jene Kreise, in die er bisher keinen Zutritt hatte. Leon Blum ist der Führer der sozialistischen Partei und sein Doktrinarismus wird oft in seinen eigenen Reihen bekämpft. Es ist dies eine normale Erscheinung in einer Partei. Aber in der letzten Zeit weist man mit dem Finger auf etwas: auf das „Orientalische, Talmudistische" in ihm, wie es die abgesplitterten Neosozialistcn nannten, das „Jüdische in ihm". Der hakenkreuzlerische Rassismus bleibt hier nicht ohne Einfluß. Der Führer der Liga gegen den Antisemitismus, Bernard Lecache, ein extremer Linker, erklärte die« ser Tage öffentlich: „Ich muß mit Bedauern feststellen* daß sich unter den Arbeitern, hauptsächlich in Paris, der Antisemitismus verbreite t." Die Rechtspresse hetzt gegen die Ausländer, die ausländischen Arbeitnehmer und die Arbeitermassen, welche jetzt eine schwere Krise durchmachen und die Gefahr der Arbeitslosigkeit kennen, sehen im Ausländer — vor allem in Paris - hauptsächlich den Juden. So wird aus der Ausländerhetze ein Antisemitismus. Wie traurig dies auch sein mag, so ist es doch Tatsache. Langam frißt sich der Antisemitismus ein. Auch in Händlerkreisen ist die frühere Loyalität Juden gegenüber geschwunden. So haben heute die jüdischen Stoffhändler und -industriellen von' Lille und Roubaix Schwierigkeiten bei Kaufabschlüssen. Gewiß spielt die ökonomische Krise eine Rolle, aber sie allein ist nicht schuld. Auf Grund dieser objektiven Feststellungen stehen wir vor der Frage: „Halten wir vor einem Antisemitismus in Frankreich?" Die Frage muß gestellt werden, es hat keinen Sinn, die Augen zu verschließen. Man bringt den Dreyfus-Prozeß und die damalige Judenfeindschaft in Erinnerung. Aber während sich in Deutschland nicht eine Stimme zugunsten der Juden gefunden hat, stellte sich die Hälfte des französischen Volkes auf die Seite des Unschuldigen; die bessere Hälfte. Man erinnert sich an den Sturm der Besten Frankreichs gegen die Welle von Haß und Verleumdung und an Zölas berühmt gewordenes „J'accuse!" . . . Wir sind ein Volk der Traditionen und glauben an die Traditionen der anderen Völker, und Frankreichs Tradition heißt Freiheit, Respekt vor der menschlichen Würde. Man kann bereite 200.000 Menschen mit antijüdischen Parolen zählen, aber man darf nicht vergessen, daß die antisemitische Losung bei ihnen nur einen Teil ihres allgemeinen Programms ausmacht, und selbst jene pflegen sie zu leugnen. Man darf keine Panik erzeugen, aber man muß wach sein. Und man muß sich hüten, seine Finger in die Räder der großen sozialen Maschine zu legen, die jetzt in Frankreich in Funktion ist. Es heißt jetzt, vorsieht i g und zurückhaltend sein und an die beste» Traditionen Frankreichs glauben. Die jüdiHche Neuorientierung. Samstag, den *10. November 1. J., um präzise )i§ Uhr abends, veranstaltet das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich im Festsaale des Gewerbevereines, I., Eschenbachgasse XI, einen großen Vortragsabend, bei welchem der berühmte jüdische Historiker, Dr. Josef Kastein, über vorstehendes Thema sprechen wird. mt» jaanw gutgehendes Fleischu. Geflügelgeschäft im 20. Bezirk, krankheitshalber in Pacht oder verkäuflich abzugeben. Unter „Prima Posten" a» die Verwaltung dieses Blattes.