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Die neue Welt · 1934-10-23 · Heft 407 (23.10.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 407 (23.10.1934)
Date
1934-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 407 DIE NEUE WELT Seite 3 KüUlillllllllinuitiiiiliiiiiiiiiiiulliiill|lliii.lillllii....ni...l.lllmlll»|1|!llliliill|li.......lünmmmuiimimmHuau.i.r. BLAU-WEISS pM$M*H&faUdeH aufdem£mdwe$ BILLIGE SONDERFAHRTEN REISEDAUER: WIEN-HAIFA 3 v* TAGE Abfahrt des ersten SONDERZUGES Samstag, den I 17. Nov., 19.20 Uhr abends von Wien-Ostbahnhof Ankunft Mittwoch trün in Palästina Bequeme Fahrt Schlaf- und Speisewagen Rituelle Küche Wegen der vielen VORANMELDUNGEN empfiehlt es I sich, die FAHRKARTEN ehestens zu besorgen | Platzkarten werden ausgefolgt KARTKNVKHKAI'V — AI'SKt >FTi:: Österreichisches Verkchrsbureau, Wien, I., Friedrich- || strafte 7, Telephon »-37-500 £ ,,Or>>is", Wien, I., KilrntnerstrafJe II, Telephon H-2«-l-4:i J§ INFOK.MATIONKN: Oestci -i-cichischcs I'.ilüstina-Ainl, Wien, I., Kiti iitnor- §§ struße;)8, Telephon 11-37-4-86 ralnstina-I'ahrten, Wien, I., Franz-Joscfs-Kni 7/0, Zimmer 129 A, Telephon R-28-0-U5 Krähennester suchen wollten, im Spiel erwürgt wurde, woraufhin die kleinen Missetäter Reißuus nahmen. Ungeachtet dieser gerichtlichen Aufklärung greift „D e r Hamme r", Leipzig, in seinem Oktoberheft unter der Ueberschrift „Ritualraord?" den Fall wieder auf und schreibt, das ganze deutsche Volk sei an der Auffindung des Verbrechers interessiert. Erfolgreicher Terror gegen Furfa/ängler Die „Natlonal-Zeitung" (Essen) schreibt vor einigen Tagen: „Wilhelm Furtwängler glaubt auch heute noch mit seinem Philharmonischen Orchester seine eigene Hauspolitik treiben zu können. Die Säuberung des Orchesters von Juden ist immer noch nicht durchgeführt. Zwar ist der Konzertmeister Simon Goldberg vom ersten Geigenpult verschwunden, zwar sitzt der Jude Schuster nicht mehr am ersten Cello, aber sein Stammhalter ist der Jude G r a u d a n geblieben.. Die Programme Furtwänglers verzeichnen zumeist Solisten ausländischer Herkunft. Daß er sich bemüssigt fühlt, ausgerechnet das Violinkonzert von Mendelssohn spielen zu lassen, trägt so deutlich den Stempel der Provokation, daß die rechte Antwort zu gegebener Zeit nicht auf sich warten lassen wird." Wie jetzt aus Berlin gemeldet wird, hat die Drohung der „National-Zeitung" prompt gewirkt. Nunmehr ist der letzte Jude aus dem Berliner Philharmonischen Orchester entfernt worden. Anm. der Redaktion. Schallplatten der Berliner Philharmoniker sind bis jetzt sehr viel gekauft worden. Jüdische Schallplattenkäufer mögen zur Kenntnis Äehmen, daß diese Künstlervereinigung nunmehr „rein arisch" ist. Gegen Abraham und Jakob Ucber einen von Dr. Johannes von Leers in einer Generalmitgliederversammlung der NSDAP, gehaltenen Vortrag berichtet „Der Deutsch e", das Organ der deutschen Arbeitsfront: „Pg. von Leers erklärte an Hand dokumentarischer Bibel- und Buch stellen antiker Schriftsteller, wie es die Juden immer verstanden haben, sich an den Drehpunkt der Wirtschaft zu setzen. Die jüdische Morallehre ist unserem Wesen völlig entgegengesetzt. Solche „Täte n", wie sie Abraham und Jakob begangen haben, würden bei * uns vom Staatsanwalt verfolgt. Die Geschichte jüdischen Wuchers und Betruges erstreckt sich über alle Zeiten und Länder. Und die scharfe Stellungnahme gegen das Judentum im neuen Deutschland ist, wie der Redner "belegte, nur eine Schutzmaßnahme für das deutsche Volk." Eine würdige Trauerieier Am 18. d. M. fand im herrlichen Tempel der Wiener «paniolischen Juden (türkischer Tempel) eine erhebende Trauerfeier für den hingemordeten König Alexander von Jugoslawien statt. Veranstalter waren die in Wien lebenden jugoslawischen .luden, aber durch den Massenbesuch österreichischer Juden erhielt die Trauer- und Dankkundgebung für König Alexander, der den Juden seines Landes ein edler Freund war, einen weit über den laudsmannschaftlichen Rahmen hinausreichenden Charakter. In vollendeter und in ihrer Schlichtheit erschütternder Weise sprach Oberrabbiner Dr. T a g 1 i c h t, Oberkantor Fischer sang meisterhaft und ergreifend, vom Chor des Stadttempejs unter Leitungdes Dirigenten Fuchsgelb herrlich unterstützt. Eine herzliche Rede des Sprechers der jugoslawischen Judenschaft, Herrn B a r u c h, Vizepräsidenten der Spaniolen, beschloß die Feier, für deren Veranstaltung und Leitung der spaniolischcn Wiener Gemeinde uneingeschränkter Dank .gebührt. Der Trauerkundgebung wohnten u. a. bei: Der jugoslawische Gesandte Minister Nastasievic mit seinem Stabe, von der Kultusgemeinde Dr. D. Ornstein, Dr. Raumann, Waltuch, Regierungsrat Fuchsgelb, von der Judenstaatspartei und dem Jüdischen Volksbund Oberbiuimt Stricker und Ingenieur E. Buchbinder. Einwanderung und Niederlassung in Cypern Aus Berlin: (J. T. A.) Mit Hinweis auf viele Anfragen von jüdischer Seite, betreffend Einwanderungs¬ und Niederlassungsbedingungeu in Zypern, macht das Berliner englische Paßamt darauf aufmerksam, daß die Einwanderung nach Zypern von den Landesbehörden genehmigt wird, wenn der Einwandorer im Besitze beträchtlicher Mittel ist. Die Entscheidung hierüber steht in jedem einzelnen Falle den Behörden zu. Der Erwerb der britischen Staatsangehörigkeit ist tn Zypern an dieselben Bedingungen gebunden wie überall In Großbritannien und keinesfalls in einem kürzeren Zeitraum als in fünf Jahren möglich. Die Revolution der „Illegalen Von Oskar Herlinger (Jerusalem) // „Illegal", d. h. ohne behördliche Erlaubnis, nach Palästina, sind Tausende Juden aus den Ghettis aller Welt gekommen. Man verfolgt sie, kerkert sie in Akko ein, schickt sie unbarmherzig an eine Grenze. Wie ein Alpdruck liegt der Begriff „illegal" auf diesen Menschen, er verfolgt sie bis in ihre Träume. Unser palästinensischer Mitarbeiter Oskar Herlinger gibt in nachstehender Erzählung den Phantasien eines solchen „Illegalen" Ausdruck. Müssen es Phantasien bleiben? 6 Uhr früh. Im Polizeikommissariat von Tol-Awiw sitzt der diensthabende englische Kommissar w.id macht seine dienstlichen Eintragungen. Da klopft es und auf das „Herein!' öffnet sich die Tür und ein 20jähriger Chaluz tritt ein. . ..Was wollen Sie?" fragt der Beamte. / „Ich möchte eine polizeiliche Bestätigung darWer. daß ich Rüben ben Arzi heiße und hier, in Tel-Awivr, Jaffastraße 14, wohne." s „Wozu benötigen Sie so einen Ausweis?" erkundigt sich der Beamte. „Ich muß doch irgend einen Ausweis besitzen", antwortet der Chaluz. „Sind Sie palästinensischer Staatsbürger?" „Nein." „Dann werden Sie doch Ihren Paß haben?" „Nein." „Wo haben Sie ihn?" „Verloren!" „Gehen Sie zu Ihrem Konsul und lassen Sie sich einen neuen ausstellen." „Ich habe aber vergessen, wer mein Konsul ist!" „Woher kommen Sie?" fragt der Engländer sichtlich irritiert. Und wieder lautet die Antwort: „Ich weiß nicht." „Sie werden doch aber wissen, wo Sie geboren sind, wo Sie die Schule besucht haben?" „Auch das weiß ich nicht mehr, ich habe das vergessen." Die Unterhaltung, die bisher von beiden Seiten ruhig geführt wurde, stockt. Der Beamte überlegt, was er mit den Antworten des Chaluz anfangen kann, betrachtet den vor ihm stehenden Chaluz mißtrauisch, da er eine gewisse Ironie herauszuhören glaubt. Endlich unterbricht er das Schweigen und stellt die nächste Frage: „Sind Sie denn überhaupt legal im Lande?" Und überraschend kommt die Antwort: „Nein!" Der Engländer fährt auf, fixiert den Chaluz, der ruhig den Blick zurückgibt. „Wissen Sie, daß die illegale Einwanderung mit Gefängnis und Deportation bestraft wird?" „Ja", lautet die bündige Antwort. Ein kompletter Narr, denkt sich der Engländer. Laut sagt er jedoch, fast freundlich: „Nehmen Sie Platz. Ich muß ein Protokoll mit Ihnen aufnehmen." Der Chaluz setzt sich, der englische Beamte zieht Papier heraus, betrachtet seine Feder, taucht ein und will die Inquisition beginnen. Da klopft es wieder und zwei jemenitische Juden treten ein. Unaufgefordert sagt der Aeltere der beiden: „Wir sind Illegale. Wir haben uns entschlossen, uns heute zu melden. Namen geben wir nicht bekannt." „Goddam", flucht der Engländer, „3eid Ihr verrückt geworden? Wer hat euch denn gefragt?" „Gefragt hat niemand. Jetzt aber wissen Sie es. Nehmen Sie ein Protokoll auf und schicken Sie uns nach Akko." „Ja, clas werde ich auch veranlassen", brüllt der empörte Engländer, „und in Akko wird euch, schon die Lust vergehen, eine Amtsperson zum Narren halten zu wollen!" Wieder klopft es, die Tür öffnet sich und herein schiebt sich ein alter Jude aus Polen, und hinter ihm kommt sein Weib und eine Reihe Kinder verschiedenen Alters. „Draußeubleiben und warten, bis ich da hier mit diesen Leuten fertig bin!" brüllt der Engländer. Der Jude schließt die Tür und sagt: „Entschuldigen Sie, Herr Offizier! Ich wollte nur sagen, daß wir illegal sind!" Der Beamte sinkt in seinen Stuhl zurück. „Beim Himmel, das habe ich noch nicht erlebt? Illegale, die sich selbst melden und eingeaperrt -werden wollen!" „Und das sind noch nicht alle Illegalen!" sagt der zuerst eingetretene Chaluz, der aufgestanden und zum Fenster getreten ist. „Draußen gibt es noch mehr voii dieser Sorte und alle warten darauf, vorgelassen zu werden." Mit einem Ricsensprung ist der Polizeibeamte, beim Fenster. Tausende und tausende Juden stehen draußen. Juden aus aller Welt: aas Syrien, aus Yemen, aus Rußland, Polen, Osterreich, aus Rumänien, Deutschland, Litauen, aus Nord- und Südamerika, Australien und Südafrika, sogar zwei Juden aus Afghanistan stehen draußen und vertreten ihr Geburtsland. Der Beamte ist bleich geworden. ..Das alles eind Illegale? Um Gottes Wille»! Was mache ich nur?" Er beginnt nachzudenken, geht im Geist alle Instruktionen durch. Sie sind klar: Protokoll aufnehmen, einsperren, "Identität feststellen und deportieren. Wenn es aber tausende sind, was dann? Er kehrt zu seinem Schreibi tisch zurück, sieht sich nochmals seine Besucher an und J hat einen Entschluß gefaßt. Er drückt auf einen Knopf 1 und gibt den eintretenden Polizisten den Auftrag, diö vor dem Hause versammelten Leute nach Hause zu schicken. Die Polizisten salutieren, verschwinde» und der Beamte wendet sich zu seinen Besuchern: „Geht nach Hause!" Die Juden rühren sich nicht von der Stelle. „Versteht Ihr denn nicht? Ihr sollt nach Haust1 gehen!" „Nein", sagt der Chaluz, „wir gellen nicht nach Hause. Tun Sie mit uns. was Sie bisher mit allen übrigen gemacht haben, die Sie erwischten. Nehmen Sie ein Protokoll auf und lassen Sic uns einsperren." Und auch von draußen hurt man da? Geschrei der Juden, die niciit nach Hau3e gehen wollen, trotzdem die jüdischen Polizisten den Juden in allen Sprachen, nie überhaupt von Juden gesprochen werden, gütlich zureden. Der ratlose Beamte geht zum Telephon. Verlan .,t die Polizeizentrale in Jerusalem. „Hallo! Hier Folizeistation Tel-Awiw. Können Sie uns Verstärkung schicken?" „Wieviel?" „Soviel als möglich! Per Auto! Was los ist? Öle Illegalen melden sich korporativ freiwillig! Ich glaube, auf Grund einer ausgegebenen Losung.'' „Wieviel?" „Ich schätze auf 30.000 Menschen. Frauen und Kinder eingerechnet. Es können aber auch mehr sein! Wir können nichts gegen sie ausrichten Nicht einmal Platz haben wir, sie unterzubringen. Außerdem geben sie auch nicht Herkunftland und Namen bekannt und erklären, keine Papiere zu haben. Wir können Sie daher nicht einmal abschaffen! — Sie können keine Unterstützung schicken? Ja, was soll ich aber unternehmen? — Bei Ihnen dasselbe? —•• In allen übrigen Städten auch? — Nach Hause schicken? Das habe ich bereits versucht! Sie bestehen auf ihrem Recht, wollen ihr Protokoll haben und eingesperrt werden! — Sie werden später anrufen? Gut!" Mittlerweile großer Rat in Jerusalem. In allen Teilen des Landes haben sich korporativ die Illegalen gemeldet. 50.000 Menschen stehen vor den Polizeistuben ucs Landes. Niemand weiß Rat und jeder wendet sich an seine vorgesetzte Behörde, bis alle Anfragen in Jerusalem konzentriert sind. Die hohen und höchsten Stellen sind verzweifelt. Kein Militär, um 50.000 Menschen einzusperren, kein Platz, wo man sie monatelang, bis zur endgültigen Feststellung der Zugehörigkeit, festhalten könnte, kein Geld, um sie so lange zu verköstigen, keine Möglichkeit, sie in solchen Mengen zu transportieren; ganz abgesehen davon, daß es gar nicht so sicher ist, daß die betreffenden Staaten ihre Staatsbürger werden übernehmen wollen . . . ganz abgesehen davon, daß das Ganze darunter leiden würde, wenn soviele Menschen der produktiven Tätigkeit entzogen werden und als Konsumenten und Steuerträger verschwinden . . .! Neraand weiß Rat! Man entschließt sich, uie Führer der Juden zu sich zu bitten. Man spricht zu ihnen, berät mit ihnen stundenlang. Endlich ist ein Beschluß gefaßt. Die Instruktion geht nach allen Teilen des Landes; „Saget den Juden, daß in den nächsten Tagen die kompetenten Stellen das. Problem der Illegalen im günstigen Sinn regeln werden". Mit großem Jubel wird diese Nachricht aufgenommen. Hochrufe auf den High-Commissioner, auf die jüdischen Führer erschallen. Menschen umarmen einander, persönliche Differenzen, Parteistreitigkeiten sind vergessen. Und draußen in Akko. wo in den Gefängnissen hunderte junge Juden, sitzen, die das Verbrechen begangen haben, ihrer Sehnsucht nachgegeben zu haben und in das ihnen zugesagte Land gezogen zu sein, erschallt zum erstenmal tGesang, herrscht zum erstenmal Fröhlichkeit. Denn morgen oder übermorgen werden sie i'rei sein, frei im Lande ihrer Väter . . . Wundervolle Phantasie, wonniger Traum eines Illegalen — knapp vor dem fürchterlichen Erwachen! « StellenmarEft Vei ein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, I., Kühlmepsergasse 4, Tel. U-27-Ü-65, sucht dringend: a) Stellen für Kontoristen. Buchhalter, Handeh-hill'sarbeiter, Goschitftsdienei, Packer, Maniuulonten, Inkassanten, Lageristen; b) Arbeit für gewerbliche Fachkräfte aller Art (darunter auch Chauffeure, Bauingenieure, Installateure) sowie ungelernte Arbeiter: c) handwerkliche Lehrstelleu für Knaben und Mädchen. . . . In tiefem Schmerz geben wir im eigenen Namen und im Namen aller Anverwandten Nachricht vom Ableben unseres innigatgelicbten Gatten, bzw. Vater.«. .Stiefvaters. Schwiegervaters, des Herrn CHASKEL SCHAPIRA Bauunternehmer, rräwidenl des BetliuiiKvorelns „C'hasMdim" der am 21. Oktober 1934 nach kurzem schwerem Leiden im 76. Lebensjahr sanft verschiedeil ist. Alle, die diesen seelensguten, edlen Mann gekannt haben, wissen unseren großen Verlust zu ermessen. — Die Beerdigung findet Dienstag, den 23. d. M„ um <»U Uhr vom Zentralfrjedhof, IV. Tor, statt. Laura Scbtuir« als Gattin Aluib Hchapira (WJen), Siegfried Schapiia (Jerusalem) als Söhne Heinrich B. Krane als Stiefsohn Susie. Sthapira geb. Taussig als Schwiegertochter Ks wird gebeten, von Kondolenzbesuchen abzusehen I

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