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Die neue Welt · 1934-10-23 · Heft 407 (23.10.1934) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 407 (23.10.1934)
Date
1934-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DEC NEUE WELT Nr. 407 Entstellungen DJe Wiener christlichs02iale „R e l c h s p 0 * tM brachte einen Bericht über die große Versammlung des Jüdischen v o 1 k s b u n d e s für Oesterreich, in welcher der Obmann Oberbaurat Robert Stricker Uber den Antrag des Jüdischen Volksbundes auf Errichtung eines öffentlichen jüdischen Schulwerkes referierte. In dem Berichte hieß es u. a.: „Er (Stricker) lehnte auch die Gewohnheit, im In- und Auslände zu Protest l e r e n, ab." In Wirklichkeit sagte Stricker: „Jüdische Proteste büßen in vielen Fällen an Wirkung ein, wenn sie sich nur auf Ablehnung bestehender Zustände beschränken und nicht auch positive, auf Aenderung dieser Zustände gerichtete Vorschläge enthalten, ganz besonders im Falle des jüdischen Schul- und Erziehungswesens." Die „Reichspost" hat loyalerweise eine Richtigstellung in diesem Sinne gebracht. Eine ganz sonderbare Behandlung erfuhr aber die Sache durch die Wiener Vertretung der Jüdischen Telegraphen-Agentur (J. T, A.). Der Wiener J.-T.-A.-Vertreter hielt es nicht der Mühe wert, die in den Tageszeitungen und jüdischen Organen angekündigte wichtige Volksbunci-Versammlung zu besuchen, was wohl seiner Pflicht entsprochen hätte. Hingegen brachte er in großer Aufmachung den Bericht der christlichsozialen „Reichspost" mit dem oben erwähnten unzutreffenden Zitat, trotzdem er, wie jeder mit dem jüdischpolitischen Leben einigermaßen vertraute Mensch wissen muß, daß Stricker unmöglich eine solche Aeußerun^ getan haben konnte; Stricker, der seit Jahrzehnten in den vordersten Reihen für das Recht und die Pflicht der jüdischen Gesamtheit kämpft, immer und überall die Stimme zu erheben, wenn di eJuden irgend eines Landes Verfolgung erleiden; welcher Leitungsmitglied des Komitees der jüdischen Delegationen in Paris und Genf ist, also jener Körperschaft, welche hauptsächlich dieser Aufgabe dient. Der Wiener J.-T.-A.¬ Vertreter fügt überdies seiner Meldung hinzu, Stricker habe ihm über Befragen erklärt, daß die Zitate im Reichspost-Bericht „in Ordnung gehen". In Wirklichkeit hat ihm Stricker auf seine Frage ausdrücklich erklärt, daß derjenige Teil im Reichspost-Bericht. welcher das unzutreffende Zitat enthält, unrichtig ist! Nicht genug daran, bringt die J. T. A. anschließend an diesen Bericht einige „Interviews", welche offen sichtlich bestimmt sind, die Aktion des Volksbundes zu diskreditieren. Vor allem eine Aeußerung des Wiener Kultuspräsidenten Dr. Desider Friedmann, in welcher dieser in heftiger Weise gegen den von Stricker vertretenen Antrag des Jüdischen Volksbundes auf Errichtung eines öffentlichen, jüdischen Schulwerkes Stellung nimmt Dr. Friedmann sagt: „Die Durchführung des Vorschlages Stricker würde darauf hinauslaufen, daß neben staatlichen christlichen Schulen staatlich jüdische Schulen errichtet werden, die der Führung der in christlicb-deutschem Geiste wirkenden staatlichen Organen unterstehen würden. Die J tidisch nationalen hingegen haben nicht die konfessionelle Pflicht schule, sondern die fakultative jüdische Schule gefordert." Diese Ausführungen besagen nicht mehr und nicht weniger, als daß der Jüdische Volksbund und sein Obmann Stricker den jüdischen Unterricht den Christlich- Deutschen preisgeben und mit Hilfe der Regierung auf alle jüdischen Eltern den Zwang zur jüdischen Schule ausüben wollen. Wie kraß entstellend diese Darlegung ist, wird erkenntlich, wenn man den Wortlaut des Antrages des Volksbundes vor Augen hat. Da heißt es wörtlich: „Jenen jüdischen Bürgern, die wünschen, daß Ihre Kinder unter jüdischer Anleitung In nationalreligiösem Geiste vtu volks- und glaubenstreuen Juden und treuen Oesterreich«™ erzogen werden, soll durch Schaffung eines jüdischen Schulwerkes (Volks-, Haupt- und Mittelschulen) die Möglichkeit hiezu geboten werden." Hier ist klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, daß keine Zwangsschule verlangt wird, sondern nur eine jüdische Schule für jene jüdischen Eltern, welche sie wünschen. Keine Preisgabe an die Christlich- Deutschen, sondern jüdische Schulen unter jüdischer Anleitung. Für Herrn Dr. D. Friedmann kann nicht die Ent» schuldigung gelten, daß er zufolge mangelhafter. Information die Absichten des Jüdischen Volksbundes entstellend behandelt und ihm Tendenzen zuschreibt, welche die Kreise um den Volksbund nie verfolgt haben. Der Wortlaut de« vom Obmann Stricker gezeichneten Volksbund'Antrages ist Herrn Dr. Friedmann bekannt, er war schon vor vierzehn Tagen zur Gänze in der „Stimme", im Organ der Partei des Herrn Dr. Friedmann, abgedruckt. Unter solchen Umständen können die Ausführungen Dr. Friedmanns nicht als sachliche Kritik gewertet werden, sondern nur als Versuch der Diskreditierung des jüdischnationalen Programms, auf welches er gewählt wurde. Mit den Ausführungen Dr. Friedmanns ist nicht der jüdischen Schule gedient, eher ihren Gegnern. RUNDSCHAU V»m MtgUfdien Antisemitismus Der bekannte "politische Journalist und Schrift steiler H. R. Knickerbocker hat ein Buch heraus gegeben, welches den Titel „Schwarzhemden und wirtschaftlicher Aufstieg Englands" trägt und sich besonders mit der von Sir Oswald M o s 1 e y ge leiteten englisch-faschistischen Bewegung befaßt. Er unterstreicht den Umstand, daß sich Mosley immer mehr auf die Betonung der antisemitischen Note verlegt, weil sich diese als ungemein zugkräftig erwiesen hat. In einem Bericht über eine Mosley-Vcrsammlung in Bristol, welcher er beiwohnte, schreibt Knickerbocker „Der Beifall wuchs. Noch mehr nahm er zu bei Mosleys antisemitischen Anspielungen. Er sprach niemals ausdrücklich von den Juden, sondern gebrauchte Phrasen folgender Art: .Einige britische Patrioten aus dem Or i e n t, die gewaltige Vermögen an der Effektenbörse machen', oder ,Jene Patrioten mit aus ländischen Namen in der City von London', oder .Jene großen Interessen in der City von London, die zu einem guten Teil in den Händen von Männern ruhen, in deren Adern kein Tropfen britischen Blutes fließt'." Im Anschluß an die Versammlung beantwortete Mosley Fragen aus dem Publikum: „Wir sind nicht antisemitisch, aber wir werden die Juden nach Maßgabe ihrer Verdienste als Briten beurteilen." Ein andermal sagt er: „Juden werden in unsere Partei nicht aufgenommen, weil sie sich als -unsere Gegner erklärt haben, und nur ein Narr würde erklärte Gegner in seine Reihen aufnehmen." K INOPROGRAMME DIESER WOCHE KREUZ-KINO Wollzeile 17 * Tel. R-21-2-10 K«iVrVf" Franz Lederer «i. * ■ « d« *™ A I G O zweier Welten Jüdischer Kulturbund der Eltern. Dienstag, den 23. Oktober, halb 8 Uhr, Caf6 Lovrana, III., Löwengaäse, Vortrag Prof. Moses Rath Thema: „Dal jüdische Kin4 in der Schule." ROTEN T U $M l> Fleischmarkt 1, R-29-109, R-29-159 a!MS? , Die Hill von Paris" Aus Amerika Präsidenten der U. §. A» für den Zionismus Aus New York: Anläßlich der Eintragung des Präsidenten Franklin Roosevelt in das Goldene Buch des Nationalfonds wird darauf hingewiesen, daß eine Reihe amerikanischer Präsidenten den Gedanken der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Stammlande wohlwollend gefördert haben. Der Sekretär des American Jewish Congress Bernard G. Richards machte darauf aufmerksam, daß der erste Präsident der Vereinigten Staaten, der sich für die Verwirklichung der jüdisch - na tionalen Hoffnungen einsetzte, John Adams gewesen ist. Ferner sind für diesen Gedanken die Präsidenten Benjamin Harrison, Theodore Roosevelt, Woodrow Wilson, Warren G. Harding, Calvin Colidge, Herbert Hoover und der gegenwärtige Präsident Franklin Roosevelt eingetreten. Präsident John Adams hatte an den jüdischen Politiker und Philanthropen Mordechay Manuel Noah, der von Präsident Madison zum amerikanischen Konsul in Tunis ernannt worden war und später Oberster Polizeirichter von New York wurde, ein Schreiben gerichtet, in welchem er zu Noahs berühmten „Discourse on the Restoration of the Jews", einem Appell an die Christenheit, wie folgt Stellung nahm: „Ich wünsche aufrichtig, die Juden wieder als unabhängige Nation in Judäa zu sehen, deren aufgeklärteste Männer am Fortschritt der Wissenschaft unserer Zeit so viel Anteil haben. Unter eigener Herrschaft und nicht länger verfolgt, würden Bie bald manche ihrer Besonderheiten ablegen. Ich wünsche, daß die Angehörigen Ihrer Nation alle staatsbürgerlichen Privilegien in allen Teilen der Welt erlangen. Dieses Land (Amerika) hat viel getan; ich wünsche, es täte noch mehr und beseitige jede engstirnige Vorstellung in Religion, öffentlicher Verwaltung und Handel." Im Mai 1917 richtete der ehemalige Präsident Theodore Roosevelt an den damaligen Sekretär der Exekutive der Zionistischen Organisation Amerikas, Jacob de Haas, ein Schreiben, in dem er in der für ihn charakteristischen kraftvollen Art seine Sympathie für den Zionismus zum Ausdruck brachte. Präsident Hoover wies 1932 in einem offiziellen Sendachreiben darauf hin, daß die Balfour-Deklaration durch Annahme der Entschließung Iodge-Fish im Jahre 1022 die einmütige Zustimmung beider Häuser des Kongresses der Vereinigten Staaten gefunden hat. Zum ersten Male -rantisemitische Kandidaten New York steht vor einem der erbittertsten Wahlfeldzüge in seiner Geschichte: Zwei Kandidaten bei den New-Yorker Wahlen zum amerikanischen Parlament treten al« Unabhängige in den Wahlkampf unter den Auspizien der antisemitischen German-American Indepedenfc Voters* League und der German-American Conference, Leiter dieser beiden Gesellschaften ist der deutsche Antisemit Louis Zahnt. Der eine der Kandidaten ist der Gruiulsliickmakler Royal Scott Gulden, der seinen Antisemitismus unter" der Marke „A n t i - K o m m u n i s m u s" tarnt. Der zweite Kandidat ist der Geschäftsfreund Guldens, William In gl es, der in Manhattan kandidiert. Einem Berichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur gegenüber erklärte Gulden, er, wie sein Freund Ingles, hoffen auf die Unterstützung der verschiedenen deutsch-amerikanl» sehen Gruppen, die auf dem Deutschen T a g int Madison Square Garden bei Nennung der jüdischen Namen von Gouverneur Lohma n, Robert Moses und Charles Solomon „Nieder!" gebrüllt haben. Die jüdische Wählerschaft rüstet sich zu einem entscheidenden Kampf gegen die Antisemiten. (J. T. A.) Aus der Türkei Verfolgung des Zionismus Nichtzionistische jüdische Büros nach Spuren zionistischer Tätigkeit durchsucht Aus Saloniki (J. T. A.): Die türkische Regierung, die die zionistische Organisation in der Türkei v e rboten hat, ist nun auch zu einer aktiven Verfolgung jeder zionistischen Tätigkeit im Lande übergegangen. Die Polizei in Istanbul veranstaltete in den Büros vieler nichtzionistischer jüdischer Gesellschaften Haussuchungen, um nach Spuren zionistischer Tätigkeit zu suchen. Die Haussuchungen wurden sehr streng durchgeführt, verdächtiges Material wurde aber nicht gefunden. In Istanbul nimmt man an, daß die Haussuchungen , auf Denunziationen jüdischer A n t iz i o n i s t e n in der Türkei hin erfolgt sind. Wie es heißt, beabsichtigen zionistisch gesinnte jüdische Kreise in der Türkei, die zionistischen Zentralbehörden in London und Jerusalem zu ersuchen, beim Völkerbund als dem Protektor des Jüdischen Nationalheims in Palästina dahin zu intervenieren, daß die türkische Regierung zur Duldung der zionistischen Tätigkeit veranlaßt werde.!Ü Die zionistische Organisation in der Türkei wurde 1923 durch die Republikanische Regierung Keraal Paschas verboten. Vorher gab es eine umfangreiche und aktive zionistische Organisation in der Türkei. Die zionistische Föderation des Orients wurde 1919 mit dem Ziele der Zusammenfassung aller zionistischen Tätigkeiten im Nahen Osten begründet. 1921 betrug ihre Mitgliedschaft über 5000. In Konstantinopel gab es eine Nationalfonds-Kommission und ein Palästina-Amt. Bei den Wahlen in die jüdischen Gemeindekörperschaften 1920 eroberten die Zionisten in Konstantinopel wie in der Provinz eine große Zahl Sitze. Unbeschadet des jetzigen Verbots der zionistischen Tätigkeit wandern ununterbrochen größere Gruppen Juden aus der Türkei nach Palästina aus. Ueberhaupt besteht unter den türkischen Juden heute ein sehr starkes Auswanderungsbedürfnis. Mehrere Auswanderer nehmen auch Spanien zum Ziel. Eine intensive jüdische Tätigkeit ist in der heutigen Türkei nicht möglich. Das Oberrabbinat hat nicht mehr den Rang einer offiziellen jüdischen Behörde. Unter Druck der Regierung hatten die türkischen Juden seinerzeit auf den im Lausanner Vertrag vorgesehenen Minderheitenschutz verzichtet. Au§ HitlersDeuischland Der Herr Reichsbischof In der Berliner Lessing- Hochschule hielt Dienstag Reichsbischof Müller einen Vortrag über die evangelische Reichskirche. Im Verlaufe dieses Vortrages kam er auch auf den Arierparagraphen in der Kirche zu sprechen, der, wie er sagte, außerhalb Deutschlands Anstoß erregt habe. Der Vortragende legte aar, daß die Verkündung des Evangeliums in einer Gemeinde nur durch Menschen möglich ist, die die besondere menschliche Wesensart ihrer Gemeindeangehörigen kennen. So wie man zu Chinese n nur Missionäre schickt, die die chinesische Art genau kennen, und bestrebt ist, dahin zu wirken, daß die chinesischen Christengemeinden auch möglichst bald chinesische Pfarrer erhalten, ebenso könne eine deutsche Gemeinde nur einen Pfarrer haben, der selbst von deutschem Wesen ist. Daher müssen Menschen jüdischen Blutes ausscheiden. Es sei unrichtig, daß der Glaube an das Blut einen Widerspruch zum Christentum bilde. Vielmehr sei das Christentum Anerkennung göttlicher Schöpfungsordnung, und ebenso wie eine Eiche nur Eiche bleiben und nicht mit anderen Baumarten gekreuzt werden kann, so sei auch der Mensch in seiner blut mäßigen Eigenart gottgewollte Schöpfung und jede Mischung zersetze dieses Wesen. Früher, so sagte der Reichsbischof, konnte man die Erfahrung machen, daß Juden ihre Kinder taufen ließen, weil sie glaubten, ihnen dadurch das äußere Fortkommen zu erleichtern. Daher müsse man, wenn ein Jude sich taufen lassen wolle, die Frage stellen, warum er dies tue. Will er wirklich aus Ueberzeugung das Christentum annehmen, so mag or es tun; will er aber dann Pfarrer sein, dann müsse man ihm sagen, er solle innerhalb der jüdischen Gemcinwchaft das Evangelium predigen, für deutsche Genieinden sei er ungeeignet. Aus diesem Grunde müsse auch die Kirche den Arierparagraphen durchführen. Im weiteren Verlauf soiner Ausführungen kam der Vortragende auf die B o z i o. h u n g e n z w t s c h e n C h r i s t. e n t u m und J u d e n t u m zu .sprechen und äußerte seine Auffassung, es sei falsch, zu behaupten, das Christentum sei aus dem Judentum hervorgewachsen. Es sei vielmehr im Kampfe und im Gegensatz zum Judentum entstanden. Die Juden hätten alle Männer, die ihnen die Wahrheit verkünden wollten, umgebracht. R'tualntordBcgende Aus Leipzig: Am 29. Mai wurde der neunjährige Sohn des Straßen wärtertf Mayerhof er in der Nähe, von Wallerdorf bei Rpgenaburg in einem Kleefeld aterb end aufgefunden. Vor seinem Ableben soll er dem Vater die Worte gesagt haben: „Ein fremder Mann . . „Der Deutsche", „Stürmer" und ändert Nazi-Zeltungen schlachteten den Fall zu einer Ritual* m o r d p r o p a g a n d a aus. Sofort aber wurde Yon OQi riehtsscito aufgeklärt, du« der kleine Maierhof* von seinen S p i c i k u in e r a d c n, die im nahen Wald«

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