Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 406 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 406 DIE NEUE WELT Seite 3 Vom schlechten Propheten Von Dr» HL Rosenblulfl» (Kaunas, Lettland) Seit. Beginn der europäischen nationalen Bewegungen bis in die letzte Zeit hinein warftn die meisten Staatswissonschaftlcr und Publizisten in hezug auf das Judentum der Meinung, daß es keine richtige Nation darstelle und darum keine nationale Zukunft besitze. Es ist noch nicht so lange, her, daß wir gegen diese Theorie einen erbitterten Kampf zu führen hatten. Wir waren „etwas unzufrieden", daß das jüdische Volk bei lebendem Leib von den wissenschaftlichen Autoritäten zu Grabe getragen werde. Aber — tempora mutantur. Jede Lüge, auch die in den Mantel der Wissenschaft gehüllte, bricht zusammen. Dies geschah auch in unserem Fall. Zur Beweisführung — eine kleine Rückschau: Wollen wir die wichtigsten Verneiner des jüdischen Volkstums an uns vorüberziehen lassen. Die ersten Forscher des Nationalitätenproblems, Fichte („An die deutsche Nation"), Ahrens („Organische Staatslehre") und der Ungar Etvös („Ueber die führenden Ideen") sind an der Judenfrage vorbeigegangen. Nur ein sehr scharfes Auge hätte am damaligen Judentum etwas mehr als eine bloße religiöse oder ethnische Gruppe erblicken können. Und gerade dieses Auge war den erwähnten Forschern offenkundig nicht gegeben. Für jene Zeit war es sehr bezeichnend, daß jedermann, der an die Aufstellung einer Nationalitätentheorie schritt, stets die eigene Nation im Sinne hatte und seine Theorie den Besonderheiten seiner Konnationalen anpaßte. Daher die einzelnen Schulen: die italienische (Nation als Territorial-, Sprach- und Religionsgemeinschaft), die österreichische (der Staat als eine über den Nationen stehende Gemeinschaft), die deutsche (Nation als Merkmal von Territorium und Sprache, nicht aber von Religion) und die englische (Staat und Nation als Synonym). Die Tatsache, daß diese Definitionen für die „auswärtigen Verhältnisse" nicht stimmten, kümmerte ihre Verfasser recht wenig. Das Judentum wurde aber auf diese Weise, als „auswärtige Nation" par excellence, stets von der Wissenschaft umgangen. Der bekannte Hegelianer Bruno Bauer vertritt ebenfalls die Meinung, das Judentum wäre eine rein konfessionelle Gemeinschaft. Seiner Ansicht nach sollte der Staat die Idee der herrschenden Religionen fallen lassen, um dadureh die einzelnen Bevölkerungsteile einander näherzubringen. Aber auch dann würden die Juden dem Stammvolk ein Dorn im Auge bleiben, weil die jüdische Religion ihre entfremdende Wirkung stets behalten werde. Solange die jüdische Religion bestehe, müsse jeder Gleichberechtigungsversuch scheitern. Jeder Versuch, die Juden den anderen Bevölkerungsgruppen unter den gegebenen Verhältnissen gleichzustellen, wäre nutzlos. Falls die Juden es ernst mit ihrer Gleichberechtigung meinten, müßten sie sich von ihrem Bekenntnis lossagen. Nur so könnten sie aufhören, Juden zu sein. Judentum ist somit nichts als Religion. In seiner zynischen Schrift „Zur Judenfrage" behauptet Karl Marx, dws Böse am Judentum liege nicht so sehr im Bekenntnis als vielmehr an den Juden selber. Der jüdische Volk3Charakter bedeute Habgier, Händlertum und Skrupellosigkeit. Die Juden benötigten somit gar keiner Emanzipation, denn, inwiefern es sich um Habgier und Skrupellosigkeit handle, würden die meisten Christen bei der gegenwärtigen kapitalistischen Ordnung zu Juden. Das Problem bestehe also nicht darin die Juden aus den Fesseln der Rechtlosigkeit zu befreien, sondern sie selbst und die gesamte Menschheit vom Judentum zu befreien: „Die Emanzipation der Juden wäre die Erlösung der Welt vom Judentum." — Dieser Unsinn wurde seither von keinem führenden Sozialisten wesentlich korrigiert. Vielmehr bezeichnete sogar Prof. Sombart, der mit dem Sozialismus lange kokettiert hatte, Marx' Judenbroschüre als „eine der besten über die Judenfrage" („Das Wirtschaftsleben und die Juden"). . , jB,1 _ , . , Der hervorragende Staatswissenschaftler Stahl, selbst Täufling und Antisemit, behauptet, daß im modernen Staate für den Juden kein Platz sei. Der jüdische Geist stehe der christlichen Auffassung des modernen Staates entgegen. Als einziger Ausweg bleibe den Juden die Taufe übrig, nach welcher vom Judentum keine Spur übrig bleiben werde, weil es keine Nation sei und keine national-separatistischen Ambitionen hege („Der christliche Staat und die Juden"). Das Merkmal der politischen Ambition findet besondere Beachtung bei Held, den Verfasser des Werkes „Staat und Gesellschaft" (1863). Held behauptet, daß Anspruch auf die Bezeichnung „Nation" vor allem Menschengemeinschaften mit einem klar ausgeprägten Typus erheben dürften. Demgemäß könnten die J u d e n angesichts ihrer typischen Prägung wohl eine Nation bilden. Jedoch höre man nichts davon, daß die Juden die geringste Absicht hätten, das „Jerusalemer Reich" wiederaufzurichten. Daran dächten weder die polnischen, noch die ungarischen, noch die deutschen Juden. Deshalb seien die Juden trotz ihrer Eigenart keine Nation und wUrd?n auch in der Zukunft keine weroen. Der bekannte Soziologe Gumplowicz, entzückt vom „edlen Patriotismus" des Italicners Mazzini und des Deutschen Beck, wendet sich dem Judentum zu, sobald er seine Betrachtungen dem „Allmenschen" zu widmen beginnt. . . In seinem Werk „Rassenkampf" (1875) versucht er zu beweisen, daß das Leben der Völker vergänglich sei. Die höchste Begabung eines Volkes ist seine Bereitwilligkeit, zur richtigen Zeit zu sterben. Diesem Naturgesetz zu widerstreben, hieße sich eines unverzeihlichen Kleinmuts schuldig machen. Von diesem Gesichtspunkte aus vergleicht er die Phönizier mit den Juden und findet die ernten begabter und edler als die letzten. Während ihres Dr. -:iins zeigten die Phönizier Talent und Expansivlust, als aber ihre Zeit gekommen war, verschwanden sie aus der Geschichte der Völker. Das Judentum, „dieses versteinerte und mumifizierte Volkstum", ringt schon jahrtausende lang zäh mit dem Tode und zeigt gar „keine Begabung zu sterben". — Bei dieser recht gewagten Konzeption bleibt jedoch das Wichtigste unverständlich: Woher schöpft denn die „Mumie" ihre Kraft, tausende von Jahren den erbitterten Daseinskampf zu führen? Würde dieser Kampf Jahre oder Jahrzehnte dauern, so würde man noch annehmen können, daß es sich hier um die letzten Todeskrämpfe eines untergehenden Volkes handelt. Ein Kampf durch Jahrtausende jedoch bezeugt etwas ganz Entgegengesetzes. Und noch eine Frage: Wer soll denn der Richter sein, der feststellen könnte, wann die Tage der Nation „verflossen" seien? „Karl Kautsky und die Juden" . . . Zu diesem Thema wurde schon vieles gesagt. Selbstverständlich will Herr Kautsky nichts von einer jüdischen Nation wissen. Bei ihm ist alles einfach und klar: Wo keine einheitliche Sprache und kein einheitliches Staatsgebilde besteht, gibt es auch keine Nation. Schluß damit. — Uebrigens sind die Juden schon seine dritte „Glanznummer": Erst („Die Nation der Gegenwart", 1887) wahrsagte er eine vollkommene Assimilation der Tschechen mit der deutschen Bevölkerung, denn „so verlange es die Entwicklung des böhmischen Kapitalismus"; dann kam er auf die Idee, daß von der Wiederaufrichtung Polens, „insbesondere bei der kapitalistischen Gesellschaftsordnung", keine Rede sein könne, denn die polnischen Kapitalisten und Arbeiter würden sich als erste der Aufrichtung Polens widersetzen . . . Heute gehen ihm die Juden wider den Strich. In seinem Buche „Der jüdische Nationalismus" gibt der Verfasser Prof. Mitscherlich nirgends zu, daß die Juden eine Nation seien. Sie verstünden nur zu gut, die Interessen ihrer Gemeinschaft zu schützen; dies sei ihm aber wenig. Zur Demokratie bekennen sie sich, weil ihnen diese wohlgesinnt sei. Die christliche Welt sollte diese Leute scharf im Auge behalten . . . Für Karl Renner (R. Springer) ist die Nation ein Volk mit politischem Willen. Um so verwunderlicher ist seine Behauptung aus dem Jahre 1917: „Es bleibt überaus fraglich, ob die Juden, besonders die Ostjuden, nur ein sprachlicher, bzw. ein konfessioneller Teil der Nachbarvölker wären oder eine selbständige Nation bilden". Gerade 1917 haben die europäischen Völker Dinge eingesehen, die dem Verfasser verschlossen blieben. Möglich, daß wir es hier mit einem bewußten Nichtwissen wollen zu tun haben. Denn auch Otto Bauer hat es sich gestattet, das Judenkapitel in der letzten Auflage seiner „Nationalen Frage" (1924) ganz unverändert erscheinen zu lassen. Hierbei ist das erwähnte Kapitel 1905 verfaßt und predigt eine Dauerbrandöfen für Koks, Kohle und Holz Wien fiV, Prellgasse 28, Telephon B-20-2-38 Wien I, Parkring 12, Telephon R-20-3-57 mit dan vorzüglichen, grollen Saloiuchiffen dar direkten Eillinia TRIEST-JAFFA des LLOYD TRIESTINO Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr Fernen Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Colombo, Singapore, Shanghai Schnellste Schiffe Höchster Komtur Auskunft: Lloyd Triestino,Wien I, Kärnfnerring 6,Tcl.U-47-5>60 unabwendbare, endgültige und erwünschte Assimilation, des Judentums. Des Zionismus wird darin überhaupt keine Erwähnung getan. Natürlich ist es nicht angenehm, sich als geschlagen zu bekennen. . , Wissenschaft . . . Jetzt, wo man Rückschau hält, berührt diese akademische Kulturbetrachtung peinlich. Dutzende Autoritäten und dicke Bände mußten vor der kleinen Broschüre eines Wiener Feuilletonisten namens Theodor H e r z 1 kapitulieren. . . Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Alois Pidk Der ehemalige Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick vollendete am 15. Oktober sein 75. Lebensjahr und war aus diesem Anlaß Gegenstand mannigfacher Ehrungen seitens der Wiener Judenheit und der österreichischen Gesellschaft. Prof. Pick wurde 1859 in Prag-Karolinenthal geboren, wurde 1890 Privatdozent für innere Medizin an der Universität Wien, 1904 außerordentlicher, 1918 ordentlicher Professor. Als Militärarzt wurde er während den Weltkrieges Präsident des Militär- Sanitätskomitees, der höchsten wissenschaftlichen Stelle für militärärztliche Angelegenheiten. Mit dem Titel eines Generaloberstabsarztes erhielt er den höchsten militärärztlichen Rang, der dem eines Peldmarschalleutnants entspricht. Prof. Pick hat eine große Anzahl medizinischer Arbeiten veröffentlicht, die ins Englische, Russische und in andere Sprachen übersetzt wurden. Von 1920 bis vor zwei Jahren war er Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. Er ist noch immer ärztlich tätig und leitet sein Ambulatorium für Magen- und Darmkranke. Alle Parteien in der Judengemeinde brachten dem Präsidenten Prof. Dr. Pick, der den edelsten Typus des jüdischen Menschen repräsentiert, tiefste Verehrung entgegen. Sein Rücktritt und Ausscheiden aus dem Gemeindevorstand rief in allen Kreisen tiefes Bedauern hervor. )udSü$ Ein englischer Monuraentalfilm Augenblicklich hat sich scheinbar die Film-Weltproduktion verschworen, den Publikumswünschen in bezug auf deren Bedürfnis nach „Jüdischem" entgegenzukommen. Die Symbolik des „Ewigen Juden"-Films, die Glorifizierung des Stoffes in den „Rothschilds" fühlte sich einem zeitnahen Zuschauer verpflichtet, einem jüdischen Zuschauer, den die schicksalsharten Stunden seiner Volksgemeinschaft gerade heute zu einem leidenschaftlichen Genießer solcher Stoffe machen. Darum mußte „Jud Süß", nachdem der Roman Lion Feuchtwangers die jüdische Seele sturmreif gemacht hatte, für einen Erfolg prädestiniert sein. In England erlebte er seine Premiere in Anwesenheit des Prince of Wales und der rumänischen Exkönigin, wurde also — hoffähig. Weder die Rothschilds noch der „Ewige Jude" noch auch Jud Süß sind begeisternde Figuren der jüdischen Geschichte und jüdisch-christlichen Legende. Jud Süß vor allem fehlt die sittliche Kraft, die einer Reihe anderer jüdischer Gestalten eigen ist. Aber hier reizte die Produzenten die Möglichkeit, eine tragische Figur in einen Raum hineinzustellen, der voll ist vom rembrandtesken Halbdunkel eines Judenghettos und vom blendenden Wcbterglanz eines fürstlichen Hofes, der also „Milieu"- Gestaltung ermöglicht, in der Art eines Heinrich VIII. oder der Frankfurter Rothschilds. Die Fabel ist bekannt. Den Weg des württembergischen ehrgeizigen Jungen aus dem Ghetto bis hinauf ins fürstliche Schloß des brutalen Kleinstaatdiktators Karl haben hunderttausende Leser voll Ergriffenheit verfolgt. Die Verknüpfung der Schicksale der beiden Männer, Süß Oppenheimer und Fürst Karl, konnte shakespearisch gestaltet werden. Aber Shakespeare ist nicht da und es lag auch nicht in der Absicht der Schöpfer dieses Films, Vergleiche mit Shakespearscher „Fasson" heraufzubeschwören. Aber selbst im gegebenen Fall klingt etwas an, das wertvoller ist, als es Regisseur, Textautor usw. beabsichtigt hatten: Das Etwas ist die J u d e n s a c h e. Der heutige jüdische Zuschauer, von den Ereignissen des Tages gepackt und hingelenkt zur Geschichte, die jeden Augenblick Analogien bietet, besitzt (sogar der Durchschnittsjude) eine mehr als oberflächliche Auffassung der Judenfrage. Man muß daher schon etwas tiefer heruntersteigen, wenn man ihn packen, erschüttern, halten will. Dem Jud-SÜß-Film gelingt es. Gelingt es bei den letzten paar hundert Meter Filmstreifen. Der Regisseur Lothar Mendes schreitet auf den Wegen der englischen bürgerlichen Romantik. Sein Stil ist breit malend, im Gegensatz zum neuen englischen, der seine Nährsäfte vom russischen Film bezogen, hat und in Dean dessen besten Verfechter besitzt. Den Darstellern hat der Textautor pseudoshakespearische Worte in den Mund gelegt, vornehmlich dem Jud Süß Conrad V e i d t. Conrad V e i d t, wohlbewandert in der Gestaltung sogenannter jüdischer Helden, wirkt hier mit einer Intensität, wie sie ihresgleichen nirgends auf den Brettern zu finden ist. Held im Tun, ein größerer noch im Leiden, reißt er alle Schranken etwaiger feindseliger Betrachtung und Antipathie nieder. Im ersten Teil des Films gibt es zahlreiche, das Tempo hemmende Momente. Gewisse Episoden, wie die Feststellung, daß Jud Süß nur — H a 1 b j u d e sei, werden nicht weitergesponnen ... Wenn sich aber das Schicksal des Jud Süß seinem Ende nähert, der Gentleman zum Rächer wird, dieser zum Verratenen und der Verratene sein Leben verwirkt hat, das Schicksal sich also erfüllt, vergißt man alle kritischen Einwände: Das Herz wird gepackt, ein Rausch von Mitleid und Grauen ergießt sich über das Publikum. Jud Süß wird in der Darstellung des Conrad Veidt zu einem Symbol: Aufstieg und Zusammenbruch eines Juden, der es nicht ganz sein wollte. Neben ihm treten die Milieufiguren, die jüdischen und nichtjüdischen, zurück. Der Film ist ein Monumentalfilm, gerade weil er nicht mehr sein will als ein Spielfilm. Kulturhistorische oder metaphysische Probleme wollten seine Schöpfer nicht geben. Jetzt wird wahrscheinlich Lord Beaconsfield, d. i. D i s r a e H, drankommen. o. i%