Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 404 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 404 DIE NEUE WELT Seite 5 Der Weg der Judensfaafspartfei Von Meir Oroßmann (Tel'Awhv) l. Das offizielle Programm der Judenstaatspartei, das In Prag während des 18. Zionistenkongresses veröffentlicht wurde, besteht aus 8 kurzen Sätzen. In ihnen kommt — sachlich und präzise — die Stellung zu den wichtigsten Problemen des Zionismus zum Ausdruck. Selbstverständlich geht es hier um eine Aufstellung von klaren Antworten auf die Hauptfragen. Damals konnte man sich mit der Proklamierung der Grundprinzipien begnügen, weil die Weltanschauung der Männer, welche den Grundstein zu der neuen, in Wirklichkeit alten Partei legten, sehr gut bekannt war. Alle verstanden, um was es sich handelt. Man mußte bloß die Grundlagen des I'rogrammes feststellen und — was nicht weniger wichtig war — die Linien zeichnen, welche die Judenstaatspartei von den anderen zionistischen Gruppen trennten, insbesondere von den gestrigen Mitkämpfern und heutigen Gegnern. Diese bescheidene Aufgabe hat das Prager Programm erfüllt. Jetzt, da die Partei ihre Kräfte konsolidiert und sich zu einem bedeutenden Faktor im zionistischen Leben entwicket hat, und insbesondere kraft des Umstandes, daß sie auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet in Palästina vom Wort zur Tat übergegangen ist, kann man an die Dechiffrierung der kurzen Sätze herangehen. 2. Es ist ganz natürlich, daß die 18 Monate, die 3eit Kattowitz *) vergingen, nicht ohne Folgen für unsere Anschauungen und unsere Mentalität geblieben sind. Befreit von den diversen schädlichen Ultimaten und vom unerträglichen Druck, haben wir begonnen, langsam zu uns zu kommen. Man bekam die Möglichkeit, eine Revision durchzuführen und den Kern von der Schale abzulösen. Die Grundideen sind dieselben geblieben. Aber der Zugang zu den sozialen und wirtschaftlichen Problemen, im Zionismus und im palästinensischen Jischuw, die Art *) Unmittelbar nach der revisionistischen Weltkonferenz in Kattowitz, am 24. März 1933, erklärte Wl. Jabotinsky in einem Aufruf, daß er die bisherige Leitung der Union der Zionisten-Revisionisten abgesetzt und persönlich die faktische Leitung übernommen habe. Dieser Akt leitete die Spaltung ein und führte in Prag zur Gründung der Judenstaatspartc' unter dem Vorsitz von Mei'r Großmann. Pgl Saitels Herbsthfite IMu <n M«l*-Parb«n llJWWMS S 9.80, 11.50, 13.50 EäMSa j|M TABORSTRASSE 39 X<V., Seohehautoratr. 39 - XVII., Kalvrtrlenboreo* 84 Jimte*, Btfd, JUietclut **AA*&<n^A**A0^***0*At*A0*****0*A0*A0*^^ Alex Stein spielt den „Golem" Von den vielen Visionen, die dem Golem-Gedanken dienen, hat Leiwik die eine gestaltet, die in seinem „Golem" Bühnenwerk geworden ist. So ward aus einem Gedanken eine Legende, aus einer Legende ein G edicht. Man muß das Wort Gedicht hier mit viel Respekt aussprechen, zumal im Zusammenhang mit dem jüdischen Theater, das allzu arm ist an Gedichten: Gedicht — so wie Goethes „Faus t" ein Gedicht ist. Tatsächlich schwebte dem Dichter Hersch Leiwik so etwas wie ein Faust vor. Denn er versuchte, eine Idee in eine Fabel zu. gießen und dramatisch reif zu machen, so wie es eine Faust-I d e e und eine Faust-T r a g Ö d i e gibt. Anders natürlich gibt sich das Werk dem, der es auf der Bühne realisieren will. Die bisherigen Versuche des hebräischen, jiddischen und polnischen Theaters sind Stückwerk geblieben. Bei der Prozedur, die Legende dramaturgisch einzurichten, sind edle Teile verletzt, ja amputiert worden, und so stehen wir noch immer vor dem Wunsch, das Werk Lelwifts so aufgeführt zu sehen, daß die dichterische Konzeption bewahrt bleibe, ohne daß der dramatische Ablauf darunter leide. Alex Stein, wohlbewandert in solchem Tun, beschränkte sich in seiner Bearbeitung des „Golem" auf die Erhaltung jener Partien, die bühnenwirksam sind und die Idee des Golem ahnen lassen. Die metaphysische, unter der Haut der Verse lagernde Musik vermied er zum Klingen zu bringen. Es kam ein Abend in acht Bildern zustande, von denen jedes plastisch genug war, um ein empfangabereites Publikum zu fesseln. Aber die Dichtung, das unbeschreibbare Rauschen des Schöpferischen, das bei Leiwik den Hohen Rabbi Löw und das mittelalterliche Ghetto-Prag umschwebt, ist uns die Bearbeitung schuldig geblieben. Von diesem literarischen Einwand abgesehen, kann die Arbeit Alex Steins nicht hoch genug ein- ' geschätzt werden. Der Regisseur Alex Stein formte ein Material von Schauspielern, die sonst der leichten, allzu leichten Muse dienen, zu einem Werk, das vom rein Theatermäßigen her seltene Gereif theit zeigte, dynamische Stufungon aufwies, die sonst nur einem geschlossenen Ensemble eigen sind, insbesondere bei den A k tihrer Behandlung wie auch die Einschätzung der Wirklichkeit, sind reifer und tiefer geworden. Ein doppelter Prozeß ging vor sich: einerseits fiel das Kranke und Fremde ab; andererseits suchte der gesundgwordene Körper neue Formen des Sich-Auslebens. Dieser Prozeß dauert noch an. Man kann diesbezüglich noch keine Bilanz machen. Eines ist klar: Wir dürfen weder nach rechts noch nach links schauen. Wir müssen ruhig unseren eigenen Weg gehen und ständig daran denken, daß die Spaltung bloß der äußere Anstoß war, der die seit Jahren schon sich vorbereitende Differenzierung und Abgrenzung beendet hat. 3. Die Stellung der Judenstaatspartei zu den sozialen und wirtschaftlichen Fragen ist im Prager Programm folgendermaßen formuliert worden; „Die Partei lehnt entschieden jede Diktatur, sei es einer Klasse, sei es einer Partei oder Person, ab." „Die Partei anerkennt den absoluten Primat des nationalen Einheitsgedankens gegenüber jedweden anderen Interessen ..." 1 „Der Judenstaat muß von allen Juden für alle Juden aufgebaut werden." „Die Partei lehnt jede wirtschaftliche Priorität von Klassen oder Parteien ab. Sie verwirft die Ideologie des Klassenkampfes, weil diese die Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte und den Frieden im Volk und im Sei ftojrfftfimmen, rfieumatifjJjett uttt» gtrfjttfcfjen 23efcf)tt)erben tuirfen XoQaUXahUtUn rafdj imb fidjer. Äcin an^etes äfjnlidjes Präparat — mag ihm audj nod) fo ntel nachgerühmt toerben — befttjt über 6000 fdjttfts lidje 5ler5teguiad)ten. (Sin SBerjucfj überaeugt! %n allen Slpotbefen bes $nunb Sluslanbes erhältlidj. «preis S 2.40. Palästina * Reisende finden in Tel-Aviv, Adiac3»Haam« Sir. 52, im W5 Hotel /Talpioih' das europäisch geführte Haus mit allen Bequemlichkeiten In ruhiger Lage im Zentrum der Stadt gelegen. Gut und modern eingerichtete Zimmer mit fließendem Wasser. Großer schattiger Garten mit Liegestühlen. Wiener Küche. Aufmerksame Bedienung. Sitz der Austro - Palästinensischen Handelskammer und der Hitachduth Olei Austrla. 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Solch ein sonderbares Mißverhältnis rührt davon her, daß die Judenstaatspartei genau so wie die Partei, von der sie stammt, als Reaktion gegen den kranken Zustand im Zionismus, gegen die Mißwirtschaft auf wirtschaftlichem Gebiet und gegen die überhandnehmende Vorherrschaft der Arbeiterpartei in Palästina entstanden ist. Will man etwas Neues auf einem bereits besetzten Boden aufbauen, muß man vor allem das Alte wegräumen; klarmachen, daß das bereits Existierende den Bedürfnissen der Zeit nicht entspricht. Darum haben viele Sätze, die vielleicht banal oder überflüssig erschienen, einen viel tieferen Sinn, als es scheint, besonders wenn man die Realitäten des jüdischen Lebens in Palästina berücksichtigt, eines Lebens, das von der aggressiven, klassenkämpferischen Arbeiterorganisation neben einem schwachen, hilflosen bürgerlichen Zentrum beherrscht wird. (Weitere Artikel folgen.)] PalästiWRei'sen IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIPIIIIIIM Einzel* und Gesellschaftsreisen llllllllllllfl zu günstigen Originalpreisen NORDISCHES REISEBUREAU I Reiseleitung: N. M. R a c k e r [ Seilerg. 3 (Graben^Stephanspl.) I Telephon^Nummer: R*24^31 Schlüssen, die diesmal mehr Kraft ausströmten, als dies sonst bei dem mehr zum Lyrischen geneigten Regisseur festzustellen ist. Der Schauspieler Alex Stein gab den Maharal (dem Hohen Rabbi Löw) mit ekstasiseber Inbrunst Würde, Dämonie und Schöpferkraft und verlängerte so die Reihe jener seelisch sublimierten Rabbis, die mit dem Anskischen von „Tag und Nacht" beginnt. Leopold Jungwirth, dem heimischen Schauspielerkreis angehörend, bewältigte die nur fürs Laienauge leichte Rolle des Golem in einer Weise, daß gesagt werden kann: Man war überrascht. Hier endlich hat Jungwirth die Berechtigung seines guten Schauspielernamens bestätigt. M. Schnattmann zeigte als Tanchum in Ton und Geste ein Talent, das unter der Hand des Regsiseurs Stein weit über die bisherige Stufe hinauswuchs. Cilli Bell, die vorzügliche Interpretin unglücklicher junger Mädchen im leichten Genre, sprach als junger Bettler (Messias) die Verse Leiwiks mit viel Wärme und tragischer Wehmut. Sie verdient viel Dank für ihre ausgezeichnete, ihrem bisherigen Wirken ferne Leistung. Henoch Kon, der Warschauer Komponist und Kenner der ostjüdischen Melodik, lieferte eine bravourös hingeschriebene Musik. Sein Theaterblut ist unverkennbar. Seine Musik ersetzt der Aufführung des „Golem" jenen Zauber, der durch die Beseitigung der dichterisch bedingten Teile verlorenging. Ein großer Abend für Alex Stein in der kleinen Jüdischen Bühne der Praterstraße. Juden Wiens, seht euch Stein und seinen „Golem" an! o. r. Das Gesicht Palästinas Kann man in 96 Photographien das Gesicht Palästinas wiedergeben, des alten und des neuen Landes, der arabischen und jüdischen Formen? Eines Landes, das in einem Erneuerungsprozeß begriffen ist? Um das unaussprechliche Sentiments schweben? Arthur R u n d t, der globetrotternde Schriftsteller, hat gemeinsam mit Hans Casparius den Versuch unternommen. Sie haben Palästina bereist und fast ein rundes Hundert Photos mitgebracht. Wählt! Betrachtet! Studiert! Es ging darum, Wesentliches festzuhalten und aus den Bildnissteinchen ein Mosaik zu schaffen. Den geschulten Augen (und Sinnen) entging nichts, das wert wäre, in Bildern vorgeführt zu werden. 96 Bilder sind nicht viel, Palästina ist „reich an Bildern", aber 96 Bilder aus mehr als 1000 Aufnahmen ausgewählt, nach einem wohl vorbedachten Plan, dem Plan nämlich; dem Beschauer alles Schöne, Kostbare und — palästinensisch Wertvolle zu übermitteln, das ist wahrlich eine große Aufgabe. Aus der Flut von Büchern, Propagandaschriften, Aufsätzen, Vorträgen und (vielleicht gar) Lichtbildern wird sich das Palästina-Bilder-Buch (E. P. Tal & Co. Verlag, Wien) einen Weg bahnen: es wird dem Beschauer die Impression des neu erblühenden Erezlsrael geben; dem, der Palästina besucht hat und nun Erinnerungen genießen will; dem, der nicht das Glück besitzt, das leibhaftige Palästina zu sehen, und sich daher mit dem Abbild beg-nügen muß. Dichter? Denker/ Helfer Wüßte man nicht, daß Max Brod seit langem schon eine zahlreiche, allen Kreisen des Geistes und der Gesellschaft angehörende Gemeinde besitzt, so könnte man dies aus der Festschrift erfahren, die sein Freund Doktor Felix Weitsch unter dem Titel „Dichter, Denker, Helfer" (Verlag Julius Kittls Nfg., Mähr.-Ostrau, C. S. R.)j soeben herausgegeben hat. Max Brod ist nämlich 50 Jahre alt geworden, und solch ein kalendarischer Anlaß zu Betrachtung und Ueberblick vereinigt die Freunde in einer Schrift, die bei richtiger Konzeption zu einer Bekenntnisschrift werden kann; geworden ist. Max Brods Persönlichkeit soll bei dieser Gelegenheit nicht kritisch betrachtet werden, weder seine dichterische, noch denkerische, noch helferische, noch zionistische. Denn der Anlaß verlangt, daß man die erwähnte Schrift ins Licht setze und feststelle, in welch überzeugender Weise der Versuch, jene Prozedur vorzunehmen, geglückt ist. Die Mitarbeiter der Schrift besitzen gute Namen: Th. Mann, Werfel, Oskar Baum . . . und Franz Kafka, der verstorbene Dichter, dessen zwei zum Abdruck gebrachten Briefe ebenso charakteristisch für Kafka wie für Brod sind. Interessant sind Brods Beziehungen zur tschechischen Literatur und tschechischen Musik, dargestellt in zwei wertvollen Aufsätzen; aufschlußreich eine kleine Biographie und Bibliographie. — Brods Freunde werden die Festschrift mit viel Freude lesen. * „Faust" — jiddisch. Der jiddische Dichter Esra Pininberg in Moskau hat soeben eine Uebersetzung von Goethes „Faust" ins Jiddisphe beendet. Die Uebersetzung, ein Produkt zehnjähriger Arbeit, wird demnächst als Buch erscheinen.