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Die neue Welt · 1934-10-12 · Heft 404 (12.10.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 404 (12.10.1934)
Date
1934-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr, 404 DIE NEUE WELT Seite 3 Vor §duck§al§§dtwei°en Eitfedieidungen Die englischen Zionisten appellieren an die englische Regierung — Weizmann spricht Uber Palästina-Parlament, Einwanderung und Transjordanien Tagtäglich kommen Nachrichten aus dem „glücklichen Lande", aus PaJßjBtina, welche die kühnsten, an den wirtschaftlichen Aufbmi des Jüdischen Nationalheims geknüpften Hoffnungen übertreffen. Prosperität, Aufschwung, neues Leben in allen Ecken und an allen Enden! Aber hinter dieser Glückseligkeit steigen schwere Sorgen, beklemmende Befürchtungen auf. Jene kleine zionistische Minorität der Herzl-Zionisten, der Judenstaats-Zionisten, welche immer wieder darauf hinwies, daß die schönste und beste wirtschaftliche Arbeit auf Sand gebaut ist und zusammenbrechen muß, wenn die politische Sicherung fehlt, erlebt eine späte und daher traurige Genugtuung. Die Majorität, welche immer nur von zionistischer „Wirtschaft" sprechen wollte und nicht genug Geringschätzung für die „Politiker" aufbringen konnte, erkennt nun, daß die politische und damit auch die wirtschaftliche Situation in Palästina unhaltbar geworden ist. Die Drosselung der jüdischen Einwanderung und die mit ihr verbundene Ueberflutung des Landes mit arabischen Arbeitern aus den Nachbarländern. Die unmittelbar bevorstehende Schaffung eines Palästina-Parlaments (Legislative Council) mit arabischer Majorität. Die Behinderung des jüdischen Bodenkaufes durch Verordnungen und Gesetze. Maßregeln, welche das zionistische Werk in seinem Lebensnerv treffen. Jetzt erkennt alles die Gefahr und es ist charakteristisch für die Lage, daß gerade die Föderation der englischen Zionisten eine Sonderkonferenz nach London einberufen hat, um zu retten, was zu retten ist. Die englischen Zionisten waren immer die unbedingten Anhänger Professor Weizmann s, des Verfechters der gegen jeden politischen Kampf und nur auf Sammlung von Geld und Menschen gerichteten Tendenz. Wenn diese Zionisten nun eine zur Gänze dem politischen Widerstand gegen die Mandatarmacht gewidmete Tagung abgehalten haben, kann man ermessen, wie weit die Dinge gediehen sind. * Aus London wird berichtet: Die von der Leitung der e n g 1 i sc hen zionistischen Föderation am 7. Oktober abgehaltene Sondersitzung trug den Charakter einer demonstrativen Kundgebung der englischen Judenheit gegen' ihre Regierung als der Mandatarmacht Palästinas, um diese daran zu gemahnen, keine Entscheidungen, namentlich in der Errichtung' einer verfassungsrechtlichen Regelung in Palästina, zu treffen, die der Mandatarmacht in der Erfüllung ihrer Pflicht, die Errichtung des Jüdischen Nationalheims zu fördern, in Zukunft Hemmnisse entgegensetzen könnten. ■ . Nach Reden des Leiters der politischen Agenden der Jewish Agency, Prof. Dr. Selig Brodetsky, des englisch-jüdischen Führers und Vorsitzenden des Council der Jewish Agency, Sir Osmond d'A v i g d o r G o 1 dsraid, und des früheren Präsidenten Dr. Chaim Weizmann wurde folgende Resolution gefaßt: I. Die Sondersitzung der Konferenz der Äionisten Groß-Britanniens und Irlands bringt ihre ernste Besorgnis über die mitgeteilte Absicht der Regierung Seiner Majestät, in naher Zukunft in Palästina einen L e g i s lative Council zu errichten, zum Ausdruck. Die Konferenz ist der Ansicht, daß die Zeit noch nicht reif ist'für eine so fundamentale Aenderung in der konstitutionellen Struktur Palästinas; sie ist gegen die Errichtung eines Legislative Council, solange nicht ein Uebereinkommen betreffend Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern in Palästina getroffen würde und in Kraft ist, welches die Rechte des Jüdischen Nationalheims gemäß dem Mandat sicherstellt. ' Die Konferenz ist ferner der Meinung, daß ein Legislative Council eine ungünstige Rückwirkung auf den gegenwärtigen erfreulichen wirtschaftlichen Fortschritt des Landes haben würde, daß der Council in erster Reihe den Gegnern des Mandats als Werkzeug dienen könne, um der Durchführung der Mandatsbestimmungen betreffend den Aufbau des Jüdischen Nationalheims Hindernisse in den Weg zu legen, und daß schließlich der Council die Tendenz verfolgen werde, die Juden in dem Lande, in welchem sie ihre nationale Heimat auf der Basis der gegenseitigen Nicht-Beherrschung von Arabern und Juden aufbauen wollen, in den Status einer nationalen Minderheit zu drängen. II. Die Sondersitzung der Konferenz der Zionisten 'von Großbritannien und Irland erlaubt sich, die Auf merk-' samkeit der Regierung Seiner Majestät auf die in Palästina infolge des außerordentlichen Mangels an jüdischen Arbeitern eingetretene ernste Situation zu lenken und bittet dringend, die bevorstehende Arbeiter-Schedule derart zu bemessen, daß die Serbisch-Rumänisches Weinbaus l II, Taborstraße 18, Im Hotel National Alle ORIENTALISCHEN SPEZIALITÄTEN am Rost und Spieß jüdische Arbeit ungehemmt vor sich gehen kann, daß so viele Arbeiter ins Land kommen, als für die Durchführung der landwirtschaftlichen, industriellen, Bau- und Transport-Arbeite* in Palästina, wie auch für die Sicherung einer stetigen günstigen Entwicklung des Landes in Zukunft unbedingt benötigt werden. Die Konferenz macht darauf aufmerksam, daß der Arbeitermangel in Palästina ein so akuter geworden ist, daß nicht allein viele Tausende Araber aus Transjordanien im Lande beschäftigt werden, sondern daß auch Tau sende Araber aus dem Hau ran und aus anderen Gebieten jetzt in Palästina in Unternehmungen Arbeit tun, die von jüdischem Kapital errichtet wurden und eigentlich dazu hätten dienen sollen, jüdische Arbeiter zu beschäftigen und die jüdische Einwanderung zu ermutigen. / Eine Rede Professor Weizmanns Auf der Sonderkonferenz hielt Weizmann eine große Rede, in welcher er die Probleme der Behinderung des jüdischen Bodenkaufes und Transjordaniens, de3 Palästina-Parlamentes (Legislative Council) und der gedrosselten Einwanderung behandelte. Er führte u. a. aus: Es ist kein Geheimnis, daß die Schwierigkeit des Erwerbs von Boden d u r c h J uden in Paliistina immer größer wird. Es existiert da eine verwickelte Gesetzgebung und es ist schon beinahe eine Wissenschaft, eine Kuns t, ein Stückchen Land zu bekommen. Die Bodenspekulation macht die Lage noch verwickelter. All das schraubt den Lcbensindex auf eine Höhe, die in keinem Verhältnis zu dem allgemeinen wirtschaftlichen Status des Landes steht. Es ist natürlich bequem, dem Zionismus die Verantwortung für diese Unbill zuzuschieben und zu sagen: Palästina ist eben ein kleines Land, hier wird immerBodcnknapphcit herrschen. Als zwischen 1918 und 1921 die Schaffung eines Nationalheims erörtert wurde, waren wir uns alle dieser Schwierigkeit klar, obwohl wir uns damals ein Palästina im Westen und im Osten des Jordans dachten. Später aber ist Palästina, aus irgendeinem Grunde, stark beschnitten worden. Sozusagen über Nacht wurde das Territorium des Landes halbiert. Und nun kommen uns die gleichen Personen, die dies getan haben, oder ihre Anhänger mit der Auaj|iisi»i*uchss¥o!li? Starkbärtige, Empfindliche, Eilige nehmen nur die sanft-scharfe flucht: „Ihr werdet nicht viel machen können, Palästina ist ein Ideines Land". Wir können antworten: Nicht wir haben es zu einem kleinen Lande gemacht. Als. das Problem damals erörtert wurde, gab es nicht ein Westjordanland und ein Ostjordanland, die Balf our-Deklaration hatte auf Palästina wie auf Transjordanien Anwendung. Als irgend jemand die Ostgrenze erwähnte, wurde ihm gesagt, es gäbe keine Ostgrenze für Palästina, denn im Osten gehe das Land in die Wüste über. Jetzt wird die Grenze gegen Osten. (die Jordangrenze, nicht die Wüste) sehr gut bewacht, aber doch nur sehr einseitig.: Araber dürfen nach Palästina kommen, J u de n~ nach Transjordanien a b e r nicht. Es ist eine Tür, die sich nur in eine Richtung öffnet. Dies hat zur Folge, daß die Kleinheit .Palästinas nicht so sehr auf seine .geographische Gegebenheit, als vielmehr auf einen politischen Grund zurückzuführen ist. Daraus folgt: Die Juden haben einen triftigen moralischen Grund zu sagen: Transjordanien muß der jüdischen Arbeit geöffnet werden. Wir wollen nicht den Status Transjordaniens ändern, wollen nicht die Balfour- Deklaration über den Jordan tragen. Aber die in Transjordanien der jüdischen Arbeit auferlegten Beschränkungen sind etwas ganz Neues im British Empire. Die Araber Transjordaniens wollen, daß die Juden in ihr Land kommen, die Araber Palästinas wollen dies nicht; so ist beinahe ein Zustand eingetreten, daß der Transjordanier sagt: Wenn die Juden nicht zu mir kommen, gehe ich zu ihnen. Ich hoffe, daß eines Tages der Jude nach Transjordanien wird gehen dürfen, es ist unvermeidlich, daß Transjordanien jüdischer Arbeit geöffnetwird. Das zweite Problem ist das der E i n w a n d er u n g. Am meisten betrübt mieh der geänderte Charakter der Einwanderung. Die Einwanderung von Chaluzira geht zurück, die Stadtbevölkerung, nimmt zum Nachteil der Landbc Völker u n g zu. Das ist sicherlich eine u n g CBUiide Entwicklung. Viele Städte haben wir in der Welt gebaut, beginnend mit Pithom und llamses und endend mit Brooklyn-New York. Aber das Ziel des Zionismus ist die Neuschaffung einer gesunden sozialen S t v u U t u ider Jude n~ holt. Die Stadtbevölkerung muß zur Gesamtbevölkerung in einem normalen Verhältnis stehen. Die Basis der Gesellschaftspyramide ist die ländliche Bevölkerung, wenn diese umgedreht wird und die Pyramid > auf dem Kopf steht, entsteht eine labile Position. Wir müssen darauf sehen, daß die Chaluz-Eimvanderung nicht abnimmt, sondern zunimmt. Daruni ist der Kampf, um die Arbeiter-Schedule so verzweifelt. Ich sehe wirklich keinen triftigen Grund für eine Kürz u n g der Arbeiter-Schedule. Warum die Regierung die Schedule willkürlich um 60 Prozent beschneidet, ist unerf indlic h. Wenn immer wieder Araber von außen ins Land körnmen, so deutet dies auf einen Mangel an Arbeitern hin. Welcher vernünftige Grund besteht dafür, die Vorschläge verantwortungsvoller und repräsentativer Personen zu ignorieren, mit denen die Regierung seit 15 Jahren zusammenarbeitet? Entweder traut die Regierung nicht den Zahlen der Jewish Agency, dann sollte sie von sich aus Untersuchungen anstellen, oder sie wird von irgendwelchen mysteriösen Beweggründ e n, die wir nicht kennen, geleitet. Das dritte Problem ist das den Legislative Council. Es ist dies kein neues Problem, es stand bereits 19 2 1 zur Diskussion. Damals wurde uns gesagt, daß der Völkerbund das Mandat vielleicht nicht ratifizieren werde, falls wir nicht unser Einverständnis zu einem Legislative Council geben würden. Es wurde uns ferner gesagt, daß eino solche Aenderung in der konstitutionellen Struktur des Landes in die Funktion des Mandates nicht eingreifen würde. Wlf mit den vorzüglichen, grollen Salonsctiiffen der dlreklen Eillinie TRI EST—J AFF A des LLOYD TRIESTINO Abfahrten jeden Mittwoch um i 3 Uhr Ferner: Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Colombo, Singapore, Shanghai Schnellste Schiffe Höchster Komfor i Auskunft: Lloyd Triestino,Wien I, Kärntnerring 6,Tel.U-47-5>60 gaben unser Einverständnis, viele von uns gegen ihre bessere Einsicht. Glücklicherweise waren die Araber gegen den Council und der Plan fiel durch. Wir Juden sind dafür, daß die Bevölkerung, Juden, Moslems und Christen, Gelegenheit erhält, ihren Ansichten Ausdruck zu verleihen. Aber diese demokratische Maßnahme muß notwendig gegen das Mandat wirken, sie wird die Wirtschaftsentwicklung stören und a nderen unermeßlichen S c h a d e n anrichten, wogegen der Nutzen, den sie bringen könnte, ein sehr zweifelhafter ist. Eine Verfassung kann nicht auf der Basis der heute bestehenden Verhältnisse aufgebaut werden, denn diese wechseln mit jedem Schiff, das eintrifft, und jährlich können 40.000 Menschen eintreffen. Wird diese verfrühte Maßnahme Palästina aufgezwungen, so kann dies zu ernsten Konsequenzen führen. Es gibt noch eine andere Erwägung: Wir tragen 50 Prozent der Finanzlasten und bilden nur 2.6 bis 27 Prozent der Bevölkerung. Soll der Legislative Council nur bezüglich der Bevölkerungszahlen repräsentativ sein? Soll er nicht auch die wirkliche Leistung der beiden Bevölkerungsteile repräsentieren? Im letzteren Falle würden wir nicht mehr eine Minderheit sein. Anders aber würde uns ein schweres Unrecht zugefügt werden. Wir sähen uns gezwungen, uns einer solchen Maßnahme mit allen gesetzlichen Mitteln zu widersetzen. Diese Rede Weizmanns ist wohl eine seiner bemerkenswertesten. Weizmann protestiert gegen das Unrecht der Losreißung Transjordaniens von Palästina! Weizmann protestiert gegen die Einwanderungspolitik der englischen Regierung, bezeichnet sie als ruinös für Palästina und nennt sie willkürlich, von mysteriösen Motiven getragen! Weizmann ruft zum Widerstande gegen die englische Regierung auf, weil sie in Palästina ein Parlament schaffen will, und fordert Kampf gegen sie unter Anwendung aller gesetzlichen Mittel! Der Weizmann von heute im Gegensatze zu seiner ganzen politischen Vergangenheit. Er, der Jahrzehnte hindurch jeden Versuch einer zionistischen Opposition gegen die englische Regierung in London und Jerusalem mit aller Macht bekämpfte, nun als Rufer im Kampfe! Kein Umstand kann die Gefahr, welche dem zionistischen Werke droht, eindrücklicher kennzeichnen, als diese Wandlung Weizmanns. Gegen trockene Zimmerluft ^/XToT*Z™ „BRISWEL" bei allen Installateuren und Haushaltgeschäften ä S 5.— Ausfuhrt. Prosp.: Tel. B-50-8-55, U-49-4-12. III., Salesianerg. 29. Wie ein Engländer Der bekannte, in englischen Angelegenheiten maßgebende Londoner Korrespondent Augur (hinter dem Pseudonym verbirgt sich ein aktiver Politiker) der ,,N e w York Times" schreibt über die Aussichten der zionistischen Politik wie folgt: Die Lage im Vorderen Orient ist dadurch geändert, daß König Fuad von Aegypten sich den ägyptischen Nationalisten, den ausgesprochenen Gegnern Englands, genähert hat. Dieser Umstand macht Palästina zu einem besonders wichtigen Punkt für die Ueberwachung der wichtigsten Verkehrswege nach dem weiteren Orient. Die Juden können deshalb zufolge ihrer nationalen Geschlossenheit und ihres Unternehmungsgeistes immer mehr zum dominierenden Faktor bei der Festigung des englischen Mandats über Palästina' werden. Bis zum Weltkrieg hat England mit eiserner Faust über Aegypten geherrscht. Aber nach dem Krieg hat es seine eiserne Faust zurückgezogen und dort an Einfluß verloren. England kann infolge vieler Ursachen zu seiner alten Politik nicht zurückkehren. Es muß daher neue Wege zur Erhaltung seiner Position in Asien suchen und da spielt Palästina eine wichtige Rolle. England hat Aegypten wegen des S u e z-K a n a 1 s gehalten. Jetzt hat der Kanal viel von seiner Wichtigkeit verloren, hauptsächlich wegen der Entwicklung de» Flugwesens. Große Elugzeuge verkehren bereits;

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