Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 402 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DTE NETTE WELT Nr. 402 iiinnini!!!!!;!!!1:!!'^!!!!!!;:'!! ::'!':'!;''!:: m f U N A R * WHITE STAR nach Amerika und Canada | KOSCHERE KÜCHE I unter Aufsicht des Beth Din (London) REPRÄSENTANZ: | WIEN I, KWRMTNERRING 4 ^lliliihiilllllHIIilillillliHII^ ein Angehöriger der ukrainischen oder jüdischen Minderheiten in Polen vor dem Völkerbund eine Klage gegen die polnische Regierung wegen Benachteiligungen, die eine Verletzung des Versailler Vertrages bedeuten, einbringt. Da die von Beck vorgebrachte Erklärung vom Völkerbund nicht sanktioniert wurde, wurde eine solche Klage, nach dem bestehenden Verfahren, vom Völkerbund genau so zu behandeln sein wie die Bernheim-Petition. Ein solcher Präzedenzfall würde erst zeigen, ob die polnische Regierung ihren Standpunkt auch in der Praxis zu befolgen gedenke, indem sie ein Erscheinen vor dem Völkerbund unter Hinweis auf die Erklärung Becks ablehnen würde. Die Vorgänge, die wir als „jüdische Schicksalsfragen in Genf" bezeichnen, müssen von der Tatsache aus betrachtet werden, daß die Juden nirgends Staatsnation sind in dem Sinne, daß ein Staat ein nationales Intereäse daran hat, zweiseitige Verträge (siehe das deutschpolnische Oberschlesien-Abkommen!) zum Schutz seiner Minderheiten abzuschließen. Die jüdischen Minderheiten werden in ihren Interersen durch die internationalen Verträge zum Schutze der Minderheiten gewahrt, daher wäre eine Verallgemeinerung dieser Bestimmungen wünschenswert gewesen. Es ist nicht dazu gekommen. Aber der Kernpunkt liegt in der fatalen Tatsache, daß wir nirgends — Staatsnation sind, sondern überall nur Minorität. In der Lösung der Judenfrage bedeutet der Schutz der jüdischen Minorität eine Etappe. Der Herzl-Zionism u s, die Errichtung des palästinensischen Judenstaates, tritt uns wieder mit elementarer Notwendigkeit entgegen. * Besondere Erwähnung verdient die Tatsache, daß die wichtige Frage des jüdischen Minderheitenschutzes in einer Kanzelrede am Jörn Kippur seitens des Wiener Rabbiners Dr. Armand K a m i n k a behandelt wurde. „Ein großer Staat", führte Dr. Kaminka aus, „den wir jetzt als Großmacht betrachten müssen und dessen Wiedererstehen nach dem Weltkrieg zu den Wundern der Weltgeschichte gehört, ein Staat, der seine Wiederherstellung hauptsächlich dem Gerechtigkeitsgefühl der Kulturnationen verdankt, erklärt auf einmal, daß er die an seine Unabhängigkeit geknüpfte Bedingung der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung aller Minderheiten al3 nicht mehr bestehend betrachte. Mag das etwa heißen, daß die Minderheiten, unter anderen drei Millionen Juden, in jenem Lande in ihren Rechten künftig beeinträchtigt werden sollen? Die Staatsmänner jenes Landes erklären, daß sich nichts ändern würde, daß kein Recht irgendwie geschmälert werden soll, daß sie aber von nun an keinen Vertrag darüber anerkennen, sondern daß sie nach eigenem Belieben mit den Rechten der Minderheiten verfahren würden. Nun, wollen wir annehmen und bestimmt erwarten, daß in jenem Lande immer gerechte und gewissenhafte Staatsmänner die Macht in Händen haben werden. Aber selbst, wenn dies gesichert wäre, versetze man sich in die Lage eines Juden, der täglich nach seiner Mahlzeit im Tischgebet sagt: „Mögest du, o Herr, niemals von sterblichen Menschen mich abhängig sein lassen." Und der nun jeden Tag die Empfindung haben soll, daß sein ganzes Leben, seine Rechte in jenem Lande vom Gutdünken und von der Gnade der herrschenden Mehrheit abhängt. Es ist für die Judenheit geradezu unerträglich geworden, sich in allen Ländern der Welt in dieser prekären Lage zu befinden. Der jüdische Stamm braucht wie alle anderen Völker Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Luft, Licht und Freiheit, gesicherte Eigenexistenz. Die Erfahrungen der letzten Jahre müssen klarerweise den Gedanken in uns stärken, daß es zu einer eigenen jüdischen Staatlichkeit kommen müsse." Der Redner sprach ferner über die Seele des Judentums, deren Bestand in erster Reihe das religiöse Bewußtsein, dann das Geschichtsbewußtsein ausmachte, und das an uns die Forderung stelle, die Kenntnis der Vergangenheit unseres Volkes in allen Ländern und Generationen in um; aufzunehmen. Er nannte schließlich die hebräische Sprache, ohne die es eine selbständige Wiedererstehung des jüdischen Volkes nicht geben könne, und deren Pflege er besonders der national-be- V u ß t e n Jugend, welche mit leidenschaftlichem Eifer fcra Wiederaufbau unseres alten Heimatlandes zu arbeiten bestrebt ist, eindringlich ans Herz lege. Judi'sdte SdMilkbsttn in Wien Die zweite Minlsterialverordnung Mit Bezug auf die von jüdischer Seite erhobenen Beschwerden gegen den Erlaß, wonach in Wiener Schulen eine Trennung der katholischen Schüler von den jüdischen vorzunehmen ist, hat die Unterrichtsbehörde amtlich verlautbart: „Der Erlaß des Bundesministeriums fUr Unterricht an den Stadtschulrat für Wien, durch den Weisungen Uber die Teilung von Mittelschulklassen in Parallelzuge gegeben wurden, hat vereinzelt zu Folgerungen geführt, die nicht beabsichtigt waren. Es muß festgestellt werden, daß der Erlaß nicht den Zweck verfolgt hat, eine Trennung der Schüler nach konfessionellen Gesichtspunkten vorzunehmen, sondern daß er ausschließlich von schultechnischen und finanziellen Erwägungen ausging. Um etwaigen Schwierigkeiten zu begegnen, die sich aus der Durchführung des Erlasses für einzelne Schüler infolge Ausscheidens aus ihrem bisherigen Klassenverbande ergeben sollten, hat das Bundesministerium für Unterricht an den Stadtschulrat für Wien einen Erlaß gerichtet, in dem es ihn ermächtigt, nach Ueberprüfung der vorgebrachten Klagen der Elternschaft geeignete Vorkehrungen zur Milderung solcher Schwierigkeiten zu treffen." Dieser auch in der vorstehenden Resolution des „Jüdischen Volksbundes" erwähnte zweite Verfügung unterstreicht in anerkennenswerter Weise neuerlich den Standpunkt der Regierung, daß an eine zurücksetzende Aussonderung der jüdischen Schüler nicht gedacht war. Aber sie läßt Fragen sachlicher Natur offen. So die Frage, wie es zur Teilung an Volks- und Hauptschulen gekommen ist, während sich der Erlaß nur auf Mittelschulen bezieht. Die Wendung „bisheriger Klassenverband" läßt die Deutung zu, daß Kinder, welche bisher noch keinem Klassenverbande angehört haben — also etwa neu eintretende oder Schüler der ersten Klasse — der Klassenteilung unterworfen bleiben. Klarheit wird hier nur zu erreichen sein, wenn alle Fragen, die im Zusammenhange mit der Umgestaltung Oesterreichs auf die Tagesordnung gekommen sind, in grundsätzlicher Weise behandelt werden, wie dies im vorstehenden Antrage des „Jüdischen Volksbundes" angeregt wird. Das bestbekannte Restaurant Hotel Stefanie Wien Ii, Taborstraöa Nr. 12, Tetephon R-46-5-37 empfiehlt seine reichhaltige Speisenauewahl Menü von S 1.60 an, Speisen am Rost, täglich frische Fische, erstklassige Bedienung Eine traurige Posse Aus Genf wird berichtet: In der Zweiten Kommission der Völkerbundversammlung wurde am 22. September ein Bericht über die Lage der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland erörtert. Der englische Delegierte S h a k es p e a r berichtete über die; vom Hochkommissär für die deutschen Flüchtlinge James G. MacDonald in der Absiedlung der Flüchtlinge in verschiedenen Ländern geleistete Arbeit(!). Laut dem Berichte wurden 25.000 Flüchtlinge aus Deutschland, unter ihnen 7000 Angehörige der Intelligenzberufe, von privaten jüdischen Organisationen unterstützt, die 1,000.000 Pfund für ihre Hilfsarbeit aufbrachten. Der Völkerbund > hat dem Hochkommissär eine Anleihe in Höhe von Fr. 25.000 gegeben; diese Anleihe ist jetzt zurückgezahlt worden. Der englische Delegierte zollte der Arbeit des Vei*- waltungsrates des Hochkommissärs g r o ß e Anerkennung. Ihm schlössen sich die Vertreter von Frankreich, Polen, Holland, der Tschechoslowakei, Schweden und Norwegen an, die die Hoffnung aussprachen, daß die private Hilfstätigkeit für die deutschen Flüchtlinge andauern werde. Es wurde von der Zweiten Kommission des Völkerbundes über den vorgelegten Bericht keine Resolution angenommen, da die Arbeit des Hochkommissärs unabhängig vom Völkerbund ist. * Das sind wohl gemeine Scherze, die man sich da unter der Firma des Völkerbundes mit dem traurigen Judenelend erlaubt. Die mit „großer Anerkennung" hervorgehobene „A r b e i t" des Herrn Hochkommissärs für Flüchtlinge besteht darin, daß die Juden Geld und Geld geben, für die Flüchtlinge und für die hohe Gage des Herrn Oberkommissärs und seiner mitreisenden Freunde obendrein. Geld herzugeben, das verstehen die Juden ohne Herrn Mac-Donald auch. Daß sich aber Mitglieder des Völkerbundes zu einer solchen Komödie, wie es diese Sitzung in der Völkerbundkommission ist, hergeben, ist trauriger als traurig. Das Amsterdamer Flüchtlingshilfskomitee gesperrt Aus Amsterdam: Der J. T. A.-Korrespondent in Amsterdam erfährt, daß das Amsterdamer Komitee für die deutsch-jüdischen Flüchtlinge sein Unterstützungsbüro am 1. Oktober s c h 1 i e ß e n wird. Seit Ende März 1933 hat das Komitee hunderten deutschjüdischer Flüchtlinge Hilfe geleistet. Es hat wöchentlich für die Flüchtlinge 7000 holländische Gulden verausgabt. Nachdem seine Mittel erschöpft sind, wird es ab 1. Oktober nur noch ein Informationsbüro zur Beratung der Flüchtlinge erhalten. Unsere jüdischen Leser werden auf die jüdische Buchhandlung Hermann T u c h n e r (siehe Inserat) besonders aufmerksam gemacht, wo für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher (auch antiquarisch) zu ermäßigten Preisen erhältlich sind. Leihbibliothek eröffnet. 10 Groschen täglich. Keine Nebengebühren. Für Anfragen Telephon R-41-4-20. E Arbeite*!* Menschen ■Wimen, daß zu erfolgreicher Arbeit bester Kräftezuatand, ruhige Nerven, gute Stimmung notwendig Sind. Zur Kräftigung des Körpers, zur Behebung von Mattigkeitsgefühl gibt es ein zuverlässiges Mittel: DIANA- Franzbranntwein mit Menthol Bestes Einreibemittel, hervorragend zur Mund-, Zahn- und Rachenpfiege und zu mannigfachen anderen Zwecken. In jedem besseren Geschäft erhältlich. Verlangen Sie ausdrücklich „DIANA" und nehmen Sie nur „DIANA". Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen. RUNDSCHAU Brutalität gegen die jüdische Jugend Die Staatspolizei für den Regierungsbezirk Potsdam (Preußen) hat eine Bekanntmachung erlassen, wonach den jüdischen Jugendverbänden einheitliche Kleidung, gemeinsames Uebernachten und Wohnen in Zelten oder Privaträumen usw. verboten ist. Die saarländische Zeitschrift „W estland" schreibt hiezu: „Die Jugendherbergen, die ausschließlich aus Geldern der Marxisten und Juden, gegen den heftigen Widerstand der nationalen Verbände, erbaut wurden, sind ihnen bereits seit Anbeginn des Dritten Reiches verschlossen. Uns ist der Fall eines jüdischen Jungen bekannt, der aus der Herberge, die sein Vater einst ohne Hilfe anderer stiftete, hinausgeprügelt wurde, daß er bewußtlos vor der Schwelle liegen blieb. Die jüdischen Bünde haben es in der mühsamen Arbeit eines Jahres erreicht, daß ihnen in den wichtigsten Orten zur Uebernachtung ein primitiver Raum bei Freunden zur Verfügung gestellt wurde — auch das ist vorbei. Das Verbot der Kluft, der Uebernachtung, verdammt die jüdischen Jugendverbände zur Auflösung, sie haben ihren Zweck und damit ihren Sinn verloren." „ludische Mache" Das in Wien erscheinende katholische Organ „Das neue Volk, Blätter der katholisch-sozialen Bewegung" (8. August 1934) schreibt über den Mord an Kanzler Dr. Dollfuß: „Wir sehen noch den kleinen Kanzler in seiner Kriegstracht als Oberleutnant an der Spitze „seiner** Truppen über die Ringstraße reiten, fröhlich in die Welt blickend . . . Der Kanzler fällt unter den Kugeln einer Mordbande. Das ist das Heute des verhängnisvollen 25. Juli. Und das Morgen der prunkvollen Leichenfeier ist auch schon Vergangenheit. Sic transit gloria mundi . . * Ist doch der kl ein d e u ts chre s t ös t e rr ei chasche Konflikt zum großen Teil jüdischeMache zum Zweck der Einkreisung des ihm gefährlich erscheinenden Nationalsozialismus." Was sagt die österreichische katholische Oeffentlichkeit zu dieser „katholischen" Betrachtung'?, Palästi'na*luden ohne Burgerrecht Die Jüdische Telegraphen-Agentur berichtet, daß. auf Grund einer offiziellen Information in Palästina fast 160.000 Juden kein Bürgerrecht besitzen, so daß sie verschiedener Privilegien verlustig gehen. Obwohl diese Juden schon länger als zwei Jahre in Palästina wohnen, haben sie sich nicht um die Erlangung der Staatsbürgerschaft bemüht. Der Waad L'umi (Jüd. Nationalrat Palästinas); unternimmt es nun, diesen Juden bei Einreichung um das Bürgerrecht behilflich zu sein. (J. T. A., Jerusalem, 28. September.), Die Feststellung eines Deutschen „Die Juden sind Exponenten der universalen Zivilisation. Sie haben von den Griechen die ordnend© Macht der Vernunft übernommen, den Willen, die Dinge durch Vernunft zu bewältigen. In dieser Hinsicht waren die Griechen den Deutschen voraus. So betrachtet, scheint es mir übrigens, daß der deutsche Antisemitismus sieb, eigentlich nicht so sehr gegen die Juden in dieser Eigenschaft wandte, als vielmehr in ihrer Eigenschaft als Verkörperer der Zivilisation und Kultur des Mittelmeeres. Damit eng verbunden ist nun die Frage des .Radikalismus.' Denn der ist das Verlangen nach Verbesserung des menschlichen Loses, er ist der einzige Kampf, die menschliche Brutalität niederzuzwingen und der Vernunft die Oberhand zu verschaffen. Diese hohen Bestrebungen sind in den Juden eben stärker als in den Deutschen." (Thomas Mann im „American Hebrew and Jewish Tribüne" vom September 1934.) Ein Kuriosum Alle Meldungen, daß die Juden in Kuba verfolgt werden, sind falsch. Abgesehen davon, schädigen sie den neuen jüdischen Jischuw in Kuba. Die Zentralregierung wie auch die Stadtgemeinde Havanna schützen den Juden in jeder Weise. Ausländer werden gewöhnlich mit dem Namen „P o 1 a c c o a" bezeichnet, und da manchmal in der Presse gegen die „Polaccos" geschrieben wird, glaubt man in den Vereinigten Staaten, daß es gegen die Juden geht. Eine Nazizeitung, die kürzlich gegen die „Juden", nicht mehr gegen die „Polaccos", hetzte, wurde gemaßregelt, (New Yorker „Vorwärts" vom September 1934.) illllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllJIIIIIIIIIlllllllllliliitiiui, Die Judenstaatspartei Oesterreichs gratuliert herzlichst Herrn Wilhelm Kreitler und Frau zur Verlobung ihrer Tochter Gerda mit Herrn Edmund Muhlstock MiiifriiiiiiiiiMiirritiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiuiUAtiLiiit^