Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 402 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 20 droschen lahrgang 8 Freitag, den 5* Ofcfo1-^- 1914 m Nf ♦ 402 V* fc, «!♦ Zeitung vom Verleger versendet * ovrW»di6 par rfcditeur" TitI- ^«'täteblWiothelc Wien, i. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteliährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Zur jüdi§dien Sdiulfrage "nB2^JJJJJ^ In der letzten Ausgabe unseres Blattea haben wir über den Erlaß des österreichischen Unterrichtsministeriums berichtet, welcher die Bildung von jüdischen Klassen an Wiener Schulen zur Folge hatte. Die Angelegenheit, welche auch den Gegenstand einer Protestresolution der Wiener Kultusgemeinde bildete, hat in der jiifSisohen Oeffentlichkeit allerorten eine große Diskussion hervorgerufen. — Nunmehr hat die Organisation der national gesinnten österreichischen Judenschaft „Jüdischer Volksbund für Oesterreich (Jüdische Volkspartei)" zur Frage Stellung genommen und der österreichischen Bundesregierung eine Entschließung übermittelt, in welcher die Errichtung von jüdischen Sonderklassen abgelehnt und der Antrag auf Errichtung eines jüdischen Schul werke« in Oesterreich erstellt wird. Wir bringen nachstehend den Wortlaut dieses höchst bedeutsamen Antrages. (Jüdische Volkspartei) Der Beginn des Schuljahres 1934/35 hat eine bewegte Erörterung des jüdischen Schulproblcms mit sich gebracht. In Aus* fuhrung eines Erlasses des österreichischen Bundesministcriums für Unterricht (Erlaß Z. 16.502 vom 4. Juli 1934). wurden mit Beginn des Schuljahres an den Wiener Schulen die j ,ii d i s c h e n Schüler von den k a t h o 1 U s,"c h e n abgesondert und mit . den k o. n f e ss sionslosen Schülern, in: eigenen Klassen vereinigt. Diese Maßregel hat in jüdischen Kreisen Unmut, und das« Empfinden ausgelöst, daß es sich hier um eine die jüdischen Schüler zurücksetzende Absonderung handle. Angesichts dieser Mißstimmung hat die Unter* ricbtsvcrwaltung in. offiziösen Verlautbarungen in' der Presse erklärt, ■ daß eine Zurück* setzung der jüdischen Schüler nicht b e* a b s i c h t i g t sei, daß die Verfügung rein sc hulp r.aktischcn Er w ä g u n g e n ent* springe, und in einer weiteren Verordnung die Milderung solcher Harteil verfügt, die sich in* folge Ausscheidens einzelner Schüler aus ihrem bisherigen Klassenverbande ergeben sollten. Die Leitung des J ü d i s c h e n V o 1 k s* b'u n d c s f ü r Oesterreich hat den Gegen* stand eingehend geprüft und ist zu folgenden Schlüssen gekommen: Die Erklärung der Unterrichtsbehörde, daß eine Zurücksetzung der jüdischen Schüler nicht beabsichtigt ist, soll nicht in Zweifel gezogen werden, aber sie kann nichts daran ändern, daß der Erlaß in seiner Ausführung zurücksetzend wirkt. Schulpraktische Erwägungen allein, wie etwa Schwierigkeiten bei Erstellung des Planes für den Religionsunterricht in ge* mischten Klassen, können eine Maßregel nicht rechtfertigen, welche im jüdischen Schüler das Gefühl erweckt, als u n e r w ünschtes, störendes Element aus der Schulgemein* schaft ausgesondert zu werden. Die Leitung des Jüdischen Volksbundes muß daher diese Art der Klassenteilung ablehnen Sie ist sich aber dessen bewußt, daß durch diese Ablehnung das jüdische Schulproblem nicht gelöst er; scheint, sondern daß dieses eine p o s U t i v e Stellungnahme erfordert sowohl von Seiten der Judenschaft als auch von Seiten der Regierung. Die österreichische Regierung hat bei ihrem Amtsantritt und in, der _ Folge kund* gegeben, daß sie eine ihrer Hauptaufgaben darin .erblickt, das bestehende \Schulwerk im. Sinne n a t i o n a l * r e 1 i g i ö sc r E rziehu n g der Jugend um* und auszugestalten. Die natio* nal eingestellte österreichische Judenschaft bringt diesem Plan Verständnis entgegen. Sic anerkennt das Recht der Regierung, die d e u t s c h * c h r i s 11 i c h c Jugend national* religiös, das heißt in d e u t s c h * c h r i s t*. 1 i c h e m Geiste erziehen zu lassen. Aber es gibt im Bundesstaate Oesters reich, der die Gleicbbercchtitfunj* aller Nationen und Glaubens* bekenntnisse zu seinem Grundgesetz festgelegt hat, eine jüdische Jugend, für deren Erziehung die Regierung nach gleichen Grundsätzen und in gleicher Weise zu sorgen hat wie für die Erziehung der deutschschristlichen. Die mechanische, rein äußerliche Sammlung von jüdischen Schülern in ge* sonderten Klassenräumen, wo sie von nicht* jüdischen Lehrern vollkommen unjüdisch er* zogen werden, ist von jedem Gesichtspunkte aus abzulehnen. Sie steht in k r. a s s e m Widerspruch zum Prinzip der national* religiösen Erziehung. Sie steht ebenso im Gegensatz zu dem in Oesterreich geltenden Gesetz der Gleichberechtigung, aller Nationen und Konfessionen, weil sie den Bedürfnissen der jüdischen Jugend nicht in gleicher Weise Rechnung trägt wie denjenigen der deutsch*christlichen Jugend. Die Leitung des Jüdischen Volkss bundes glaubt den Zeitpunkt gegeben, der Bundesregierung den Antrag auf E r r i c h* tung eines öffentlichen jüdi* sehen Schul Werkes in Oesters reich vorzulegen. Jenen jüdischen Bürs gern, die wünschen, daß ihre Kinder unter jüdischer Anleitung in national* religiösem Geiste zu v o 1 k s* u n d glaubenstreuen Juden und treuen Oesterreichern erzogen werden, soll durch Schaffung eines jüdi* sehen Schulwerkes (Volks*, Haupts und Mittelschulen) die Möglichkeit hiezu ges boten werden. Das jüdische Schulwerk wird nicht nur der Befriedigung eines gerechten V e r* 1 a n g e n s der volks* und glaubenstreuen Judenschaft dienen, sondern auch dazu bei* tragen, das V e r h ä 11 n i s zwischennich U jüdischen und jüdischen Bürgern zu klären, harmonischer zu gestalten und be* sonders auf dein Gebiete des Schulwesens herrschende Differenzen gegenstandslos zu machen. ■ Die mit der Errichtung eines jüdischen Schulwerkes notwendig verbundene Heran* b i 1d u n g eines Standes jüdischer Lehrer ist von nicht zu unterschätzender! sozialer Bedeutung und wird auch in Hin* sieht auf die vielfach abnormale jüdische Be* rufsschichtung wohltätig wirken. Alle diese Erwägungen veranlassen die Leitung des Jüdischen Volksbundes, der Öster* rcichischen Bundesregierung den Antrag auf Errichtung eines ö f f e n 11 i c h e n j ü d i* sehen Schul w erkes zu unterbreiten. W i e n, Oktober 1934. Für die Leitung des Jüdischen Volksbundes: Der Obmann: Qberbdumt Infi. Robert Stricker m. p. Herbst im sonnigen Meran Pension Irma Meister. Meran Idealer ganzJShHger Aufenthalt, letzter Komfort, gerühmte Küche, herrl. Park, mäßige Preise, verlangen Sie Prospekte ■ ■1 MCPII U A PENSlONMiRflN ■ Ii'"':* ■* ' il^F. - Deutsches Ha*» ..., ■ II . s>unm$«^ , ■ ■! Höohrter Komfort / y Btttterköche / - Life 25 Jificli§che §dhidk§al§fragen m Gent (Schluß.) In unserer Ausgabe vom 21. September haben wir die Aufmerksamkeit der jüdischen Welt auf die Tatsache gelenkt, daß sich durch die Aufnahme Sowjetrußlands in den Völkerbund für uns neue politische Perspektiven ergeben. Wir bezeichneten die Folge dieses Ereignisses als eine jüdische Schicksalsfrage. Eine zweite, nicht minder wichtige Aktion war die Erklärung der polnischen Regierung, daß Polen den Minderheitenschutz, einen integrierenden Bestandteil der Völkerbundverträge, als für sich nicht mehr existent betrachte. Durch diese Erklärung entbindet sich Polen theoretisch der Kontrolle darüber, ob es allen Einwohnern ohne Unterschied der Geburt, der Staatszugehörigkeit, der Sprache, des Volkstums und der Religion den umfassendsten Schütz ihres Lebens und ihrer Freiheit gewährt. In dieser Erklärung sehen die Juden Polens und,der ganzen Welt eine Bedrohung der jüdischen Gleichberechtigung, die leicht Nachahmung finden könnte. Wir berichteten bereits über die Stimmung der Juden in Amerika und in Polen, wo nach dem' ersten Eindruck die Meinung herrschte, daß Polen durch seine Initiative in Genf die Liquidierung des Minderheitenschutzes zum Schaden der Juden begonnen habe. Diese Meinung wurde noch dadurch verstärkt, daß die bisher in Opposition zur Regierung gestandenen Nationaldemokraten sich der .Regierungsfront anschlössen und ein Aenderung der Verfassung dahin anstreben, den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung zu nehmen. Wenn diese Bestrebungen auch bei der gegenwärtigen Regierung keine Aussicht auf Erfolg haben, so können sie im Zusammenhang mit der Erklärung des polnischen Außenministers als unerwünschte Symptome gelten. Die Mächte haben in ihren Verträgen mit Polen die Minderheitenschutzparagraphen aufgenommen, um einfür allemal, für alle Zukunft, die Rechte der Minderheiten in Polen zu schützen. Die Erklärung Becks ist geeignet, späteren, judenfeindlichen Regierungen die Möglichkeit zu geben, der jüdischen Minderheit feindselig zu begegnen. Die bei den Juden infolge ihrer Volkserlebnisse bestehende Empfindlichkeit reagiert frühzeitig auf Gefahren, die vorerst nur im Keim vorhanden sind. Schon das Gefühl, daß die Erklärung Becks die antisemitischen Wünsche, gewisser politischer Richtungen Polens gegen die Juden lebendig machen könnte, wirkt beunruhigend. In Genfer diplomatischen Kreisen wird, wie die J. T. A. meldet, darauf hingewiesen, daß das Ergebnis der Sitzung der Sechsten Kommission der Völkerbundversammlung nach dem Wunsche Polens ausgefallen sei. Da die Erklärung Minister Becks noch immer gültig sei, untersteht Polen jetzt faktisch nicht mehr den bestehenden Minderheitsverpflichtungen. Die nationalen Minderheiten in Polen, unter ihnen drei Millionen Juden, sind fortan ihres internationalen Schutzes beraubt, da der Völkerbund nicht die Kraft aufbrachte. Polen auch zur Zurückziehung der Erklärung Becks zu zwingen. Sie werden der polnischen Regierung auf Gnade und Ungnade preisgegeben sein, ohne irgend einen internationalen Schutz zu genießen. In Genfer diplomatischen Kreisen wird die Frage erörtert, wie der Völkerbund vorgehen würde, falls irgend