Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 401 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711952-2712024--4620-2718126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 401 RESTAURANT RILLET -,^3 BESTRCNOMMICRTE KÜCHE ypj REICNM ALTIOI MENÜS a S 1.Ö0 UND 9.60 SCHW'ECHA TER B R « U II, Hdmmtr-Purgstall*G«i s« 3 (n!<fi!t $i!ifdrita*e) Til. MI-fl-2 5 Im Jahre 1920 diese Teilung beseitigt und erst jetzt wieder eingeführt wurde. Er ersuchte den Vorstand, das Präsidium zu ermächtigen, bei den zuständigen Unterrichtastellen namens der Gemeinde zu protestleren und die Aufhebung des Erlasses zu fordern. Er ließ hierauf nachstehenden RetOlutionsantrag zur Verlesung bringen: „Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien stellt aus dem Berichte des Präsidiums fest, daß die mit Beginn dieses Schuljahres erfolgte Aufteilung der Schüler in Parallelklassen nach konfessionellen Gesichtspunkten ohne vorheriges Einvernehmen mit der Vertretung der israelitischen Religionsgesellschaft otfolgt ist. Die getroffenen Maßnahmen, durch welche an den öffentlichen allgemein zugänglichen Schulen jüdische Schüler abgesondert werden, haben in der Wiener jüdischen Bevölkerung Beunruhigung und Erregung hervorgerufen. Diese Verfügungen müssen bei den Kindern israelitischen Religionsbekenntnisses das Gefühl der Zurücksetzung erwecken. Wenn zur Begründung der in Rede stehenden Maßnahmen schulpraktische Erwägungen geltend gemacht werden, so muß darauf hingewiesen werden, daß die nachteiligen Folgen dieser Maßnahmen sowohl Innerhalb der Schule als auch nach außen hin in Ihrer Bedeutung die schulpraktischen Gründe bei weitem überwiegen. Der Vorstand der israelitischen Kuttusgemeinde Wien hat daher in der öffentlichen Plenarsitzung vom 26. September 1534 den einmütigen Beschluß gefaßt, das Präsidium zu beauftragen, bei allen in Betracht kommenden Stellen der Untcrriehtsverwaltung die gegen die getroffenen Maßnahmen bestehenden schweren Bedenken geltend zu machen und die Aufhebung der .erlassenen Anordnungen anzustreben." Die nun folgende Debatte wurde durch Oberbaurat Robert Stricker eröffnet, welcher dem Antrag des Präsidiums zustimmte, aber über den Protest hinaus die Erörterimg des nun aktuell gewordenen Problems der jüdischen Erziehung im positiven Sinne forderte. Stricker führte aus: „In sachlicher Hinsicht ist die Situation durch den Bericht des Präsidenten vollkommen klargelegt. Es wurde, ohne die Kultusgemeinde zu verständigen, die Verfügung getroffen, jüdische Schüler von den anderen zu separieren. Die Unterrichtsbehörde hat in offiziöser und halboffiziöser Form erklärt, daß eine Zurücksetzung der jüdischen Kinder nicht beabsichtigt wurde. Ich will diese Behauptung nicht in Zweifel ziehen. Tatsache ist jedoch, daß, wenn auch unbeabsichtigt, diese Verfügung einer Zurücksetzung gleichkommt und von Eltern und Kindern als solche empfunden wird. In der Ablehnung der rein räumlichen Absonderung der jüdischen Kinder Ist die ganze jüdische Bevölkerung einig. Es muß daher angestrebt werden, daß diese Verfügung rückgängig gemacht wird. Ich hielte es aber für verfehlt, wenn bei diesem Anlaß nicht zum ganzen Problem der jüdischen Kindererziehung auch in positivem Sinne Stellung genommen würde. Alle Ausführungen der österreichischen Regierung gipfeln darin, daß sie eine ihrer Hauptaufgaben darin erblickt, für die Jugenderziehung in national-religiösem Sinne zu sorgen. Namens der volksbewußten Juden kann ich wohl sagen, daß sie gegen das Recht des Staates, die Erziehung seiner Jugend national-religiö3 zu gestalten, keinen Einwand erheben, im Gegenteil, 3ie bringen diesem Prinzip Verständnis entgegen. Doch muß das Prinzip der national-religiösen Erziehung im Sinne der Gleichberechtigung aller Staatsbürger zur Anwendung kommen. Wenn in Oesterreich die Jugend national-religiös erzogen werden soll, so kann sich diese Erziehung unmöglich auf den deutsch-christlichen Teil allein beschränken. Es ist unverkürzbares Recht der jüdischen Bürgerschaft, sofern sie sich zum jüdischen Volkstum bekennt und ihre Jugend im jüdischen Sinn erzogen haben will, zu verlangen, daß der Staat dafür sorge, die Möglichkeit gebe, auch die jüdischen Kinder im national-religiösen, jüdischen Geiste zu erziehen. Das derzeitige allgemeine Schulwcrk bietet dazu keine Gelegenheit. Und um alle Mißverständnisse zu beseitigen, muß betont werden, daß durch räumliche Absonderung in Judenklassen dem Prinzip der religiös-nationalen Erziehung nicht entsprochen, sondern entgegengehandelt wird. Es ist unzulässig, Judenkinder in Klassen einfach abzusondern, sonst aber nichts zu ändern und sie von nichtjüdischen Lehrern in unjüdischem Geiste unterrichten zu lassen. Eine solche Absonderung kann die bestehenden Spannungen nicht mildern, sondern nur verschärfen. Das ist eine Absonderung in schlechtem, diffamierendem Sinne. Die jüdischen Bürger, welche wünschen, daß ihre Kinder in national-religiösem, jüdischem Sinne erzogen werden, haben das Recht, vom Staat zu fordern, daß er auch für die jüdische Jujend sorge, und in einer Form, welche der Gleichberechtigungderjüdischen Bevölkerung entspricht. Keine Judenklassen, kein jüdisches Schulghetto, sondern ein jüdisches Schulwerk mit absoluter Gleichberechtigung, eingefügt in den Rahmen des staatlichen Schulwerkes, unter jüdischem Einfluß. Nicht als Privataigelegenheit der Juden behandelt. Ein jüdisches Schulwerk, für das der Staat materiell und moralisch ebenso sorgt wie für das andere Schulwerk. Das verlangen wir. Ein jüdisches Schulghetto aber lehnen wir ab." Die folgende Debatte bewerte sich um die von Stricker aufgeworfene Frage. Der Redner der „Union österreichischer Juden", Herr Dr. Jakob O r n s t e i n, trat für die liberale Simultanschule ein und lehnte in scharfer Form die jüdische Schule ab. Ihm entgegnete Dr. Jakob Ehrlich (Rat der Stadt Wien), welcher sich den Ausführungen Strickers anschloß. Er warnte davor, sich durch den Kampf für die Simultanschule in die Frage der deutsch-christlichen Erziehung einzumischen. Die Christen haben ein Recht, ihre Kinder nach eigenem Gutdünken zu erziehen. Wir Juden haben uns nur um unsere Kinder zu kümmern. Nachdem noch einige Redner gesprochen hatten, nahm der Präsident die Abstimmung über die Resolution vor, die einhellig angenommen wurde. RUNDSCHAU //KulfurboIschefWsmiis" ohne Juden Die Eröffnung der Wiener Kammerspiele war von mehr oder weniger freundlichen Prognosen begleitet. Im allgemeinen konnte die Flottmachung eines Theaters als einer Betriebsstätte für Schauspieler, technisches und administratives Personal, für Musiker, Autoren usw. nur wohlwollender Betrachtung begegnen. Dies wäre zweifellos auch den Kammerspielen widerfahren, hätte nicht ihr Leiter, der bekannte Theaterdirektor Erich Ziegel, durch Ankündigung des Repertoires der Schablone einen Hieb versetzt. Es erschien zuerst ein Wagnis, des Genies Grabbe ,,Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" einem durch Kitsch korrumpierten Publikum vorzusetzen, dazu noch am Beginn der Spielzeit, knapp nach der Sommerfrische. Des weiteren wirkte der Name Strindberg nicht,sehr „zeitgemäß", zumal kein führender Schauspielername neben ihm auftauchte. Aber das Entscheidende bildete doch der von Haus aus unternommene Versuch, den — „jüdischen Geist" für das Walten in den Kammerspielen verantwortlich zu machen. Herr Ziegel und sein Ensemble sind zwar zu 99 Prozent mit arischen Großmüttern gesegnet, aber die Art, in welcher die „Modernisierung" Grabbes durch-' geführt erscheint, ließ im Zwielicht einer gewissen Wiener Presse auf einen Intellekt schließen, der vom heimatlichvaterländischen Boden weit entfernt ist. Herr Erich Ziegel aktualisierte da und dort Grabbesche Pointen: es fallen Begriffe wie Ufa, Richard Strauß, Gedankenfreiheit... Und flugs sind die biederen' Presse- Schützer des Vaterlandes mit der Verdächtigung da, es handle sich um eine Betrachtungsweise aus dem Links- Kabarett von gestern, um eine im Zeitalter positiven Heimattums verderbliche Ironie, um einen bösartigen Scherz, um eine gefährliche Satire oder — präziser gesagt — um Kulturbolschewismus. Es sieht so aus, als würde man Herrn Ziegel aus Hamburg einen etwaigen künstlerischen Erfolg nicht gönnen. Mißgunst hüllt sich i6 den Dunst einer Weltanschauung und macht unter dem Vorwand, Kritik zu schreiben, unter dem Vorwand, den gemütlichen Wiener vor verderblichem Einfluß zu schützen, Politik. Mag auch die Autorität eines Staatswesens in drangvollen Stunden das oder jenes lieber missen, so hat es Oesterreich gewiß nicht nötig, in Dingen der Kunstübung von ein paar überempfindlichen Schlagwort-Anbetern unter Vormundschaft gestellt zu werden. Heute gilt die feindselige Unterstellung dem Grabbe- Spieler, morgen vielleicht dem Erneuerer des Aristophanes, übermorgen zweifellos dem „Juden an sich". Unter solchem Aspekt muß die Eröffnung der Wiener Kammerspiele betrachtet werden. o. r. As§imilalion rings um Kultur« bund und Shaw Der „Kulturbund deutscher Juden", ein Zwangsgebilde nach Installierung des Hitler-Regimes, hat, wie unsere Leser wissen, eine Reihe von Theatervorstellungen hinter sich. Diese spielen sich streng geschlossen ab. Keine Plakate, keine Ankündigungen, keine Kritik in der Tagespresse, Zutritt nur für Mitglieder. Also eine Art erzwungenen Kulturghettos. Man hatte bei der Gründung dieser höchst beachtenswerten Institution gehofft, daß das deutsche, beziehungsweise Berliner Judentum nun endlich seine völlige Abkehr von der. jahrzehntelangen Verirrung, „Aufgehen im deutschen Kulturbereich", erwartet. Man war jetzt unter sich, konnte dem jüdischen Literaturbedürfnis Rechnung tragen, ' seine Stimmung (Hoffnung, Trost, Erhebung, Solidaritätsgefühl) auf der Bühne realisiert sehen. Bühnenwerke, die solchem Zweck Rechnung tragen, gibt es genug. Der Kennen Sie schon die grandiose Wirkung des FRANZBRANNTWEIN Jeder Gesunde und jeder Kranke wird es Ihnen bestätigen, daß die denkbar beste Wirkung durch DIArJA-Franzbranntwein mit Menthol erzielt wird. ÜBERALL ERHÄLTLICH! Kulturbund aber geriet Jn die Hände von Führern, dfö sich von der „Emanzipation" nicht emanzipieren könnten. Er begann mit der Aufführung de« liberal*wässerigen Leasing-Schauspieles „Nathan der Weise". (Wir haben diesen Fehltritt unter dem Titel „Die Parabel von den, drei Ringen" im Vorjahr glossiert.) Und nun? Ein kleiner Skandal. Wie aus Berlin berichtet wird, halt der Kulturbund die Aufführung von Bernard Shaws Komödie „Frau Warrens Gewerbe" absagen müssen, weil der deutsche Uebersetiert Shaws, Herr Prof. Siegfried Trebitsch (Wien), angeblich befürchtete, daß für den Fall der Aufführung eines Shaw-Stückes auf der genannten jüdischen Bühne die Boykottierung des englischen Dramatikers durch die deutschen Staatstheater eintreten könnte. Auch hätte der, Verleger Sami Fischer „vermute t", daß die Aufführung „etwa" eine Störung der öffentlichen Ruhe (die geschlossene Aufführung des Kulturbundes) hervorrufen urtd die Aufführung anderer Stücke des Engländers gefährden könnte. Natürlich sind diese Vermutungen läppische Ausreden. Eine Gefährdung der Shaw-Aufführungen besteht keinesfalls. Die Sache ist die, daß Herr Prof. Siegfried Trebitsch, seines Zeichens ein Israelit mährischer Herkunft, mit dem jüdischen Kulturbund keine Berührung haben will, nicht einmal auf dem Umweg über eine Shaw-Aufführung. Es paßt ihm nicht — nicht einmal in der Aerä des pogromistischen Hakenkreuzes — für einen Menschen gehalten zu werden, der irgendwie? ein „Verwandter" der verfolgten Juden ist. Herr Professor Trebitsch gehört eben zu jenen Herren Israeliten, diej heute noch abseits stehen, weil ihre Haut noch nicht unmittelbar berührt ist. Gut. Warten wir ab. Der Kulturbund allerdings schneidet hier noch, schlechter ab. Er hatte es wahrlich nicht notwendig, seine Kräfte an ein höchst uninteressantes, langweiliges, dem Judentum nichts sagendes Bordellstück zu verschwenden* Aber es ist und bleibt: Wenn Juden irgend etwas tun, das sie nichts angeht, kommt auch nie etwas Gutes heraus. Alle haben hier einen Klaps bekommen: der Kultur* bund, Mister Bernard Shaw und der geehrte Herr; Prof. Siegfried Trebitsch, Gerhart Hauptmanns //Verbundenheiten" Als vor einigen Monaten Gerhart Hauptmann dem „Juda; verrecke" seine Reverenz erwies, indem er öffentlich für das Hitler-Regime eintrat, ging ein Rauhen durch die Welt. Denn diese hatte bisnun in dem Dichter Gerhart Hauptmann den Repräsentanten eines Geistes gesehen, der von nichts so weit entfernt ist wie von der Knute, die heute in Deutschland herrscht. Die Machthaber Deutschlands waren zufrieden. Sie konnten es auch sein. Denn, wenn ein Mann vom Rang und Ruf Hauptmanns sich zu ihnen gesellte, so bedeutete das eind Sanktionierung des Regimes insbesondere auch für dessen kulturellen Bereich. Die Verwalter geistigen Gutes in der Welt waren weniger zufrieden. Sie waren überrascht. Es bedeutete für sie eine abgrundtiefe Enttäuschung. Ihnen tat es in der Seele weh, den Dichter der 'Weber, des Hannele, des Griechischen Frühlings in „solcher" Gesellschaft zu " sehen. Eine Verbrüderung mit dem Hakenkreuz seitens eines Mannes, für dessen Aufstieg zu Ruhht und Gold die jüdischen Herren Brahm (der Direktor des Lessing-Theaters), Alfred Kerr (der Kritiker), Maj? Reinhardt (der Regisseur), Sami Fischer (der Verleger) in Demut und Selbstlosigkeit und dienendem Tun gesorgt hatten, mußte allen Verständigen als Zeichen niedriger Gesinnung oder hoher Senilität erscheinen. Aber Gerhart Hauptmann enttäuschte wieder* Diesmal die anderen. Die Hitlerlaner. Es ' ging diei Meldung durch die Presse, daß Hauptmann einen Geburtstagsglückwunsch „an den in Oesterreich lebenden jüdischen Schriftsteller Franz W e r f e 1" gesandt und mit den Worten „zum Zeichen der Verbundenheit" unterschrieben habe. Diesmal sind, wie gesagt, die Nazis, enttäuscht, ja empört. So fragt z. B. die Berliner „Nachtausgabe", worin dann die Verbundenheit zwischen Gerhart Hauptmann und Franz Werfel bestehe, und verlangt vom greisen Dichter, daß er sich bald über den Fall äußere. So wie Hauptmann geschwiegen hat, als die Kulturwelt von ihm eine Erklärung für seine Haltung gegenüber dem Hakenkreuz erwartete, schweigt er jetzt auf den Vorhalt der Nazi-Presse. Kein imponierendes Schweigen! Man weiß nicht und es ist vorläufig ein Rätsel, Ott Hauptmann seine seinerzeitige Verbeugung vor dem Hitlerismus bereut und sie durch ein Kompliment für den in Oesterreich lebenden jüdischen Schriftsteller Franz Werfel gutmachen will. Oder war der Glückwunsch an Werfel nur der Versuch, nach monatelanger Askese Anschluß an Europa zu linden? Hat Hauptmann jetzt ein Fenster aufgerissen, um sich von der hitleristischen Stickluft zu befreien? Rätsel um Rätsel. Jedenfalls aber muß man Gerhart Hauptmann zu verstehen geben, daß man keine seiner Verbundenheiten ernstnehmen wird, wenn er vep» suchen sollte, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanze«,