Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-09-14 · Heft 398 (14.9.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 398 (14.9.1934)
Date
1934-09-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712021--4598-2718101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 398 DIE NEUE WELT mmm^m^&im^^^ißÜim^, &K$r richtung eines binationalen Staates anstreben, nicht nur deswegen, weil die Araber sich der Gründung eines Judenstaates entgegenstellen würden, sondern auch deswegen, weil das ganze Um und Auf eines Staates eine Störung unserer kulturellen Entwicklung bedeuten würde. Um des Staatsnationali3mus willen ist jetzt die Zivilisation der Welt bedroht, und wir können das Beispiel einer änderen Form des Zusammenlebens geben." Herr Bentwich und seine diversen Freunde haben immer viel für ethische Prinzipien übrig, wenn es sich um Einschnürung der jüdischen Rechte, um sogenannte höhere Objektivität handelt. Erst kürzlich, gewährte er als Stellvertreter des Oberkommissärs für deutsche Flüchtlingshilfe den vor Hitler entlaufenen Roehm-Nazis geldliche Unterstützung aus der jüdischen Kassa des Flüchtlingshilfs Werkes. Sein neuestes Extempore, der Verzicht auf Palästina als Judenstaat, in neuer Form wieder einmal aufgetischt, kann selbstverständlich nur Schaden bringen. Die englische Regierung und die Palästina-Administration hören solches aus dem Mund „autoritativer" jüdischer Persönlichkeiten gerne. Verwunderlich ist nur, daß der „Jewish Chronicle", eine schließlich seriöse Zeitung, die „ethischen Forderungen" eines Bentwich kommentarlos veröffentlicht. Pogrom-Nazi in Warasdin Eine Aufklärung Wir haben in unserer Nummer vom 31. v. M. die Meldung einer Wiener Tageszeitung wiedergegeben, in welcher das Treiben der aus Oesterreich nach dem Kanzlermord naoh Warasdin (Jugoslawien) geflüchteten Nationalsozialisten geschildert wurde. In diesem Berichte wurde erzählt, daß die Flüchtlinge ihren Antisemitismus dort betätigen und die Warasdiner Judenschaft beleidigen, und zwar derart, daß sich der jüdische Vizebürgermeister der Stadt zu einer scharfen Atowehrrede genötigt fühlte. Darauf hätten Nationalsozialisten dem .Vizebürgermeister die Scheiben eingeschlagen. Wir haben unter Anführung der Quelle diese Darstellung wiedergegeben und die Hoffnung ausgedrückt, daß die jugoslawische R eg i e r u n g, deren Haltung gegenüber ihren jüdischen Bürgern eine musterhafte war und ist, dem Unfug würde zu begegnen wissen. Wir erhielten nunmehr vom Vizebürgermeister und Präsidenten der Judengemeinde Warasdin, Herrn Dr. Oskar P u 1 g r a m, eine Darstellung der Verhältnisse, aus welcher hervorgeht, daß die Meldung der von uns zitierten Wiener Tageszeitung unrichtig ist. Herr Dr. Pulgram schließt seinen Bericht wie folgt: „Die Warasdiner Juden wurden von Nazis nicht überfallen und es ist daher auch nicht richtig, daß ich eine scharfe Abwehrrede hielt, derzufolge die Scheiben meiner Wohnunig eingeschlagen wunden. Ausfälle solcherart sind 'bei der streng korrekten Haltung aller jugoslawischen Regierungsstellen ganz ausgeschlossen und würden an den das Gastrecht Verletzenden streng geahndet werden, was ich mit besonderer Genugtuung feststellen will. Alle hiesigen Stellen und ich stehen Ihnen jederzeit mit Informationen gerne zur Verfügung. Ich werde Ihnen für die Richtigstellung des Sachverhaltes in Ihrem sehr geschätzten und von uns gerne gelesenen Blatte sehr dankbar sein und zeichne mit besonderer Hochachtung: Dr. Oskar Pulgram, Vizebürgermeister der Stadt Warasdin und Präses der jüdischen Gemeinde." * Es freut uns, dieser Richtigstellung von berufener Seite Raum zu gebem, ineibesonidere der in ihr enthaltenen Bestätigung un'serer Ansicht von dem korrekten Verhalten der jugoslawischen Regierung in der jüdischen Frage. ÜBERSIEDLUNGEN EINLAGERUNGEN billigst durch Möbeltransporteur A L T B A C H VB, Kasernengasse 15 Tel. B-24-1-35 Der Sinn der jüdischen Feste Von Ch. N. Bitiik Feste erdichtet man nicht aus dem Herzen. Man. kann „Form" und „Stil" der Feste ein ivenig zu reell imachen, aber man kann, nicht aus dem Nichts neu ein Etwas schaffen. Feste sind ein Gegenstand gemeinschaftlicher Schöpfung, ivoran vielerlei und verschiedenartige Kräfte ihren yinteil haben: Glaube, Ueberlieferutig, Geschichte. Kunst., Natur und manches andere. Und so wie man auf Bestellung oder nach Anweisung oder durch einen Beauftragten nicht gute Gedichte schreiben kann, so kann man auch kein Fest und kein Festprogramm bestellen. Die wahrhaftigste Festesfeier geht vom Herzen aus und kommt durch, den heiligen Geist in. die Welt, Fehlt aber dies — was können euch dann Katschläge aus der Ferne fruchten? Mein einziger Rat ist dieser: Feierl die Feste eurer Väter und fügt nach eurer Kraft und eurem Geschmuck und nach euren Umständen ein wenig von eigenem hinzu. Die Hauptsache bleibt, daß ihr alles im Glauben tut und aus lebendiger Empfindung und aus dem Bedürfnis der Seele heraus. Und lasset das viele Klügeln! Unsere Väter wurden ihrer Sabbate und Festzeiten, nicht überdrüssig, obschon sie ihr Leben lang immer wieder in der gleichen Art und Weise zu ihnen kamen. Sie fanden von Mal zu Mal neuen Sinn und neue Erivcckung darin. Und ivifit ihr. warum? Weil Saft in ihnen war und der Segen des Festes in ihren Seelen eine Wohnstätte hatte. Findet aber einer in den Festen und Feierzeilen keinen Sinn, dann ists ein Zeichen dafür, daß seine Seele leer ist und sein Inneres wochentäglich. Und für solche gibt es keine Abhilfe. (Aus dem Almanach des Schocken-Verlages 5695.) Ansprache Starkbärtige, Empfindliche, Eilige nehmen nur die sanft-scharfe Ein feierliches Versprechen ♦ ♦ ♦ Im Juli dieses Jahres wurden einige tausend türkisch-jüdische Familien aus Städten und Dörfern Thraziens und des Dardanellen-Gebietes, wo sie seit Jahrhunderten ansäßig sind, von den türkischen Behörden ohne jeden Grund über Nacht ausgewiesen. Eine gleichzeitig ausgebrochene antisemitische Hetze ließ den betroffenen Juden nicht einmal Zeit, wenigstens Teile ihres Kapitals und ihrer sonstigen Habe zu retten. Ein ungeheurer Strom ausgehungerter jüdischer Elendsgestalten ergoß sich nach Konstantinopel. Der Vorfall veranlagte einen großen Teil der Weltpresse zur Stellungnahme gegen diesen Akt der Barbarei. Sofort beeilte sich die türkische Regierung im Parlamente die solenne Erklärung abzugeben, daß die Ausweisungen gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen erfolgt seien, daß die Schuldigen schwer bestraft, die betroffenen Juden wieder in ihre Wohnsitze geführt und für den erlittenen Schaden voll entschädigt werden. Mit Anerkennung nahm die Weltpresse dieses feierliche Versprechen der türkischen Regierung entgegen ... Nun, zwei Monate nach der schönen Rede des türkischen Innenministers, wird aus Saloniki berichtet: Aus dem Dardanellengebiet und aus Türkisch- Thrazien eintreffende Reisende schildern die furchtbare Not der dortigen Juden. Nach den Ereignissen, die Tausende von thrazischen Juden nötigten, nach Konstantinopel und anderen Teilen der Türkei zu fliehen, sind auf die Aufforderung der Regierung zwar viele in. ihre Heimatsorte zurückgekehrt, haben aber bisher keine Entschädigung für ihr während der Juli-Ereignisse geraubtes oder verschleudertes Eigentum erhalten. So sind sie zum größten Teil außerstande, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Mitglieder alter, früher reicher Familien SCHENKET BÜCHER! HUGO HERRMANN: Palästina/ wie es wfrklidi ist Paläsfinakunde (in 4 Lieferungen) Generalkarfe von Palästina JESAJAS PRESS: Neues Palastinahandbudi Wir bauen Palästina JOSEF FRANKEL: Theodor Herxl, des Schopfers erstes Wollen Protokoll des XVIII- Zionisten* kongresses Erhältlich in allen Buchhandlungen oder direkt durch die K|ID Mk Versandbuchhandlung M MmMtMKk VI, Gumpendorfersfr. 10 leiden jetzt buchstäblich Hunger. Viele Handwerker haben überdies infolge des neuen Gewerbegesetzes ihre Existenz verloren. Fast alle noch in Gallipoli, Tschana-Kaleh, Adrianopel und anderen Städten des Dardanellengebietes und Türkisch-Thraziens lebenden jüdischen Familien besitzen nicht einmal mehr den notdürftigsten Hausrat. Ganze Familien sind gezwungen, ohne Betten, ja oft ohne Decken zu schlafen. Die Kaufleute haben weder Waren noch Mittel, solche nachzuschaffen. Die Armut ist furchtbar, die Lage im Hinblick auf den bevorstehenden Winter äußerst kritisch. Nunmehr ist auch eine große Zahl türkischer Juden griechischer Staatsbürgerschaft in Saloniki eingetroffen, als neue Elendszeugen. Eine jüdische Abordnung besuchte den griechischen Innenminister Kyrkos und ersuchte ihn, sich dieser mehr als hundert griechisch-jüdischen Familien anzu nehmen, die infolge der neuen türkischen Gesetze, wonach Gewerbe und Handwerk von Ausländern nicht ausgeübt werden dürfen, aus der Türkei vertrieben wurden. Die meisten dieser Familien befinden sich in einer verzweifelten Lage, nachdem sie aus den Baracken auf dem Gelände des neuen Bahnhofes von Saloniki, in denen sie Obdach gefunden hatten, vertrieben wurden und jetzt obdachlos in den Straßen herumirren müssen. Die verarmte jüdische Gemeinde von Saloniki ist außerstande, ihnen Hilfe zu leisten. Der Minister versprach, dafür zu sorgen, daß die jüdischen Flüchtlinge ein Obdach erhalten. Ein Mord in Antwerpen Aus Antwerpen wird uns geschrieben: In einer der belebtesten Straßen des hiesigen jüdischen Viertels, in der Simon-Straat, wurde der bekannte jüdische Diamantenhändler Moses Hirschberg nach einem heftigen .Wortwechsel mit zwei Männern erschlagen. In Kreisen der hiesigen Diamantenbörse hat der Vorfall ungeheures Aufsehen erregt, weil Hirschberg entgegen den Boykottbeschlüssen der Amsterdamer Diamantenindustrio große Mengen Rohdiamanten in deutschen Schleifereien verarbeiten ließ. Er wurde von dem Schutzkomitee mehrmals gewarnt und sogar mit einer hohen Geldstrafe belegt. Vor kurzem war auch ein Ausweisungsbefehl gegen Hirschberg ergangen. Obwohl die polizeilichen Nachforschungen bisher noch kein Ergebnis gezeitigt haben, wird allgemein vermutet, daß die Mordtat mit dem unkollegialen Verhalten Hirschbergs zusammenhängt. Die jüdischen Kreise Antwerpens bezeichnen die Ermordung Hirschbergs als den Ausdruck der Empörung über den jüdischen Diamantenhändler, der aus egoistischem Interesse die antideutsche Boykottfront durchbrochen habe. Serbisch-Rumänisches Weinhans II, Taborstrafte 18, im Hotel National Alle ORIENTALISCHEN SPEZIALITÄTEN am Rost und Spieß I Zum Tode Isaak Deutsch' Die Nachricht vom Tode Isaak Deutsch', die wir in Unserer Ausgabe vom 31. August mit Vorbehalt verzeichneten, hat leider ihre Bestätigung gefunden. Briefe aus Sao Paolo berichten, daß Isaak Deutsch nach einer schwierigen Blinddarmoperation und nach begonnener Rekonvaleszenz gestorben sei. Damit ist die Laufbahn eines ausgezeichneten Menschen und Künstlers beendet. Im.Alter von 50 Jahren ist Isaak Deutsch von der Bühne —' auch des Lebens — abgetreten. Aus der Ukraine über Galizien nach Wien kommend, hat Isaak Deutsch knapp nach Kriegsende seine Karriere am jüdischen Theater begonnen, zu einer Zeit, als dieses auf niedrigster Unterhaltungsstufe stand. Der Verein Freie Jüdische Volksbühne, durch Deutsch* Energie zu kräftiger Tätigkeit bereit, schuf im Herbst 1920 die Jüdischen Kammerspiele, die in der Augartenstraße 8 am 4. Dezember 1920 ihr Wirken begannen. Dieses Datum und dieser Ort sind für die Entwicklung der jüdischen Bühne in Wien wichtig; es war der erste Schritt zur Schaffung eines Theater, dem die Aufgabe überantwortet war, den jüdischen D=i cetera ^hör.7^v:rersc£^ in rascher Folge Pinski, Asch, Perez, Schalom Alejchem, Hirschbein u. a. zu Wort. Die erste Spielzeit setzte mit Pinskis „Jekel, der Schmied" ein. Die Regie führte J. Deutsch, der gemeinsam mit dem deutschen Schauspieler Egon Brecher die Kammerspiele leitete. Im Ensemble befand sich Frau Lea Weintraub-Graf und Fanny Körner, von denen die erste heute noch mit unvermindertem Temperament an der jüdischen Bühne wirkt. Die Aufführung von „Jekel, der Schmid" ist theatergeschichtlich von Bedeutung. Sie brachte es nämlich mit sich, daß das jüdische Theater von nun ab literarisch, kulturell und national gewertet wurde und der Welt die echte dramatische Kunst des jüdischen Ostens vorzeigte. Alle späteren, z. T. auch gelungenen Versuche sind nur dank der Leistung Isaak Deutschs und seiner Mitarbeiter möglich geworden. Deutsch gelang es auch, Dr. Paul Baratoff (Ben Zwi) der jüdischen Bühne zuzuführen. Ganz Wien stand damals unter dem Bann dieses neuen und neuartigen Theaters, das ohne Tradition, ohne Geldmittel und ohne gesellschaftliche Unterstützung sich durchsetzte. Ihren Siegeszug setzte das Ensemble in mehreren Wiener Theatern (Roland-Bühne, Bürgertheater, Lustspiel- 4bfifit#,„-^ Asohs „Landsmann", von Wilenskys „Kluger Frau", der Gordinschen Stücke „Der Fremde", „Die Josojme", „Schwestern" von I. L. Perez, „Die Juden" von Tschirokoff, „Gott der Rache" von Asch, „Tewje, der Milchiger" von Schalom Alejchem, „Eisik Scheftel" und „Jedermanns Gott" von P i n s k i u. a., die trotz des geringen materiellen Erfolges drei Spielzeiten hinduroh fortgesetzt wurden. In all den Jahren blieb Isaak Deutsch der treue Bewahrer der jüdischen dramatischen Kunst, sich auch menschlich als hilfsbereiter Kamerad bewährend. Es gibt keinen Schauspieler aus dem Kreis Isaak Deutsch, der ihm nicht Treue mit Treue vergolten hätte. Vor fünf Jahren verließ l3aak Deutsch, da er für sich in Wien keine verlockende Aufgabe mehr sah, die Stätte seines langjährigen Wirkens und ging nach Südamerika, wo er mit ein paar jüdisch-europäischen Schauspielern Gastspiele unterhaltenden Genres absolvierte. Auch in Südamerika verstand er, sich als Schauspieler und Sänger (weltlichen und kantoralen Charakters) durchzusetzen. Seine Freunde hofften immer noch, ihn nach Wien zurückbekommen zu können. Es war ihnen und ihm nicht besphieden^Ia-fregider Brdejruht Isaak Deutsch, taugend»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.